Digitalisierung: Gedankenlose Gewöhnung und hilflose Kritik

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder, dem Vorsitzenden der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP), über den diesjährigen NGfP-Kongress DIGITALISIERUNG – Sirenentöne oder Schlachtruf der ‚kannibalistischen Weltordnung‘ und die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeitswelt und Gesellschaft.

Christa Schaffmann: Der Titel der Veranstaltung lässt ahnen, dass mindestens Sie beim Kongress mit der Digitalisierung nicht zimperlich umgehen werden. Sehen Sie in ihr keinerlei Fortschritt? Könnte sie unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen Fortschritt bedeuten? Oder tut sie das auch jetzt im Sinne von Fortschritt der Produktivkräfte, die womöglich die gesellschaftlichen Verhältnisse sprengen werden?

Prof. Dr. Klaus Jürgen Bruder: Die Rolle der Produktivkräfte, als die Produktionsverhältnisse sprengend, wird immer überschätzt, vor allem die Ironie, die Marx damit verbunden hat, wenn er jubilierend von dem Kapital als Dampfwalze spricht, die die alten Verhältnisse sprengt, die Ironie nämlich, dass die Besitzer der Produktionsmittel, die Kapitalisten selbst sich das Grab schaufeln, indem sie die Entwicklung der Produktivkräfte „treibhausmäßig“ fördern. Der Punkt ist längst erreicht, von dem Marx prognostizierte, dass die Produktivkräfte zu Destruktivkräften werden. Den Sturz des Kapital-Verhältnisses vollbringen also nicht die Maschinen, das müssen die Menschen schon selber in die Hand nehmen.

Der Mathematiker und Methodenwissenschaftler Gerd Antes, den Sie gern zitieren, kritisiert den Hype um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, weil in diesem Hype viele fundamentale Grundlagen der Wissensentstehung verletzt würden. Teilen Sie diese Auffassung und, wenn ja, warum?

Er bezieht sich auf den Bereich des Gesundheitswesens, auf Digital Health. Aber die Aussage lässt sich auch auf andere Felder ausdehnen. Der Unterschied: In technischen Zusammenhängen mag das als Sachschaden und Verschwendung akzeptiert werden, in der Medizin bedeutet es Krankheit und Tod.

Mehr Daten bedeuten nicht automatisch mehr Wissen. Da bin ich ganz bei Antes. Diese Idee basiert auf der falschen Annahme, dass man riesige Datenmengen völlig unstrukturiert und unsystematisch durchwühlen kann und dabei auf sinnvolle Zusammenhänge stößt. ‚Das ist wissenschaftlicher Unfug‘, argumentiert Antes.

Die Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens, sei es mit Hilfe von Theorie und Daten Hypothesen zu generieren, die empirisch durch Studien bestätigt oder widerlegt werden müssen. Suche man in riesigen Datenmengen einfach nach Korrelationen, dann komme da unglaublich viel Schwachsinn heraus. Das sei wie das Suchen nach einer Nadel im Heuhaufen. Durch Big Data mache man jedoch den Heuhaufen nur noch größer.

Heißt das, Sie halten Digitalisierung und Künstliche Intelligenz für völlig bedeutungslos?

Mitnichten. Wenn nicht für die Weiterentwicklung der Medizin und Psychotherapie, so ist der Zugriff auf gigantische Datensätze gleichwohl von Interesse – sowohl kommerziellem als auch
politischem – und zwar für die Meinungserforschung und Meinungsbeeinflussung, für Werbung und psychologische Kriegsführung. Notwendig zwar nicht für die Entfaltung der Produktivkräfte, sehr wohl aber bei der Überwachung.


Digitalisierung Programm zum Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) 2020

Der diesjährige Kongress der ‚Neuen Gesellschaft für Psychologie‘ findet am 6. und 7. März 2020 in Berlin statt. Informationen: http://www.ngfp.de


Die meisten Menschen können sich eine Zukunft ohne Digitalisierung nicht mehr vorstellen; so sehr ist diese mit unser aller Alltag, vermutlich auch mit Ihrem, verbunden; nicht nur in der Wirtschaft.

Wir haben uns daran gewöhnt, mit einem Klick alles erledigen zu können und nehmen in Kauf, dass wir bei jedem Klick Informationen über uns weitergeben, über den Ort, an dem wir uns gerade befinden, über das Produkt, die Dienstleistung, die wir gerade bezahlen, und, verrechnet mit den anderen Daten, mit denen wir bereits die Computer gefüttert haben, über unsere Absichten und nächsten Wege. Die gedankenlose Gewöhnung bindet uns in Loyalität an das System, das uns überwacht, verführt, anstachelt und stillstellt, wie Foucault schreibt. Stattdessen sollten wir uns von diesem System befreien.

Würde es nicht genügen, die Macht darüber, wie und wofür Digitalisierung eingesetzt wird, denen zu entreißen, die sie für Kriege, Ausbeutung und totale Überwachung missbrauchen?

Es reicht nicht, die Digitalisierung als fortschrittliche Produktivkraft in die Hände anderer beziehungsweise „unserer“ Leute zu legen, um die inhumanen Folgen loszuwerden, obwohl die Verdrängung der falschen Leute von der Macht grundsätzlich richtig ist. Es bliebe weiterhin die Ausschaltung der Selbstbestimmung, die Ausschaltung ihrer schöpferischen Kraft und ihre Konzentration in der Spitze der Hierarchie der Lenker.

Digitalisierung hat die Herrschaftsfunktion inkorporiert: in der Zentralisierung der Information, der schnellen Verarbeitung und Einleitung der Konsequenzen der Ergebnisse der Berechnungen. Damit werden die Fähigkeiten von Menschen, ihre Kreativität zu „Stör- und Fehlerquellen“, die ausgeschaltet werden müssen. An ihre Stelle müssen Belohnungssysteme gesetzt werden – Boni und Sanktionen: Zuckerbrot und Peitsche.

Sie haben an anderer Stelle geschrieben, die Digitalisierung unterstütze, ja forciere die gegenwärtige Wiedergeburt des Autoritären. Wie erklären Sie das?

Der Glaube an den Fortschritt der Wissenschaft, deren Funktion nur die Enteignung der kreativen Potenziale der einzelnen ist, und ihre Konzentration in den zentralen Bürokratien unterscheidet sich nicht grundsätzlich vom Glauben an den starken Mann – und habe er das Geschlecht einer Frau –, der seine Stärke ja nur aus der Schwäche der Vielen bezieht, die sich ihm unterwerfen.

Diese Arten von Glauben basieren auf Verleugnung, Verleugnung dessen, was die Wissenschaft, die Religion der Produktivkräfte ausschaltet beziehungsweise deren Ausschaltung legitimiert: die Verleugnung der „Grenzen“ des Wachstums, die Grenzen des Kapitalismus als Lebensmodell sind, die Verleugnung der Begrenztheit des Individuums, das seine Bezogenheit verleugnet, die Verleugnung des Krebsgeschwürs des Privateigentums an Produktionsmitteln, in der sie alle zusammenfinden.

Die Digitalisierung beziehungsweise die dazu nötigen (fähigen) Maschinen sind so faszinierend, dass darüber ihre Voraussetzungen vergessen werden – die Produktionsbedingungen.

„Imperiale Lebensweise“ nennen Ulrich Brand und Markus Wissen diese Ignoranz unseres Lebens auf Kosten der anderen, die wir „vergessen“. Wie sehen Sie das?

Wir leben nicht nur auf Kosten der „Dritten Welt“, was übrigens auch gilt, wenn wir diese Bezeichnung nicht mehr verwenden. Dieses Vergessen trifft aber zugleich auch die Arbeitssklaven in den Call Centern und anderen „Service“-Einrichtungen, die unter permanenter Überwachung ihre eintönige Arbeit verrichten müssen; es gilt auch den von den Rationalisierungszielen der Digitalisierung „überflüssig“ gemachten oder in prekäre Jobs vertriebenen.

Dieses Vergessen ermöglicht uns, unsere „schöne neue Welt“ zu genießen: ohne „schlechtes Gewissen“, ohne uns um die zu kümmern, denen wir diese Privilegierung verdanken. „Schmarotzer“ wäre der weniger noble Ausdruck für unsere Lebensweise.

Sie können aber die Existenz massiver Kritik an Auswüchsen der Digitalisierung durch Arbeiter genauso wie durch etliche Wissenschaftler nicht leugnen, wenn Sie allein auf die Liste der Referenten beim NGfP-Kongress und deren Themen schauen. Zählt die in Ihren Augen nicht?

Die Kritik an der Digitalisierung ist „hilflos“, selbst wenn sie als Kritik an unserer Entfremdung, der Zerstörung des Analogen auftritt, als Kritik an der Überwachung, an der Zerstörung der Demokratie, solange sie nicht zu diesen „vergessenen“ Voraussetzungen vorstößt. Dies erklärt zugleich auch das Unverständnis unserer eigenen Situation gegenüber: wie kann es sein, dass in den „reichsten Ländern“ die Opposition sich nach rechts bewegt?

Gute Frage. Welche Antwort haben Sie darauf?

Die Rechten nehmen den Platz der Opposition ein, den die Linken nicht einnehmen. Sie haben sich stattdessen als ministrabel zu erweisen versucht, begleitet vom „Vergessen“ der anderen. Die Diskussion vom Ende der Arbeitsgesellschaft, vom Verschwinden des Proletariats ist Ausdruck des Vergessens der Ausbeutung in der „Dritten Welt“ und der tiefen Kluft zwischen uns und den Menschen in diesem Teil der Erde.

Indem wir dem Schein des Verschwindens erlagen, konnten wir uns „guten Gewissens“ arrangieren mit der imperialen Lebensweise. Die Behauptung vom Verschwinden des Proletariats ist zugleich eine Verleugnung unserer eigenen „Proletarisierung“.

Mit der durch die Digitalisierung treibhausmäßig weitergetriebenen „Verwissenschaftlichung“ der Produktion, werden die Wissenschaft und mit ihr das Personal der Wissenschaft zu Produzenten von Mehrwert, das heißt, zu Objekten der Ausbeutung. Diese Verleugnung äußert sich in der Rechtsentwicklung (auch) der „Intelligenz“. Damit ist die rechte Agitation Teil des Diskurses der Macht geworden, wenn nicht bereits der Diskurs der Macht selbst.

Sie haben die Linken kritisch erwähnt. Was werfen Sie ihnen noch vor außer ihrer Lust aufs Mitregieren?

Durch die Enttäuschung über die eigene Niederlage zynisch und opportunistisch gewendete ehemalige Linke, aber nicht nur sie, schieben die Unzufriedenen in die Ecke, setzen sich von ihnen ab, erheben sich über sie. Wir haben genau wieder jene Überheblichkeit der Intelligenz, dem „Volk“ die Schuld an einer Entwicklung (nach rechts) zuzuschieben, deren Bedingungen sie selbst befördert und von der sie selber profitiert haben: ihre imperiale Lebensweise.

Nicht nur in den USA ist „America first“ wörtlich zu nehmen: die Reichen sind adressiert, sie werden immer reicher, sie beherrschen die wichtigsten Firmen und damit das Land wie feudale Herrscher. Als „Refeudalisierung“ bezeichnet Jean Ziegler die Entwicklung, in deren Verlauf immer mehr Menschen verarmen und die Armen immer ärmer werden. Die Entwicklung einer„Sicherheits“-Architektur ist aus Sicht der Herrschenden dringend nötig, um diese Gesellschaftsstruktur zu „schützen“ – durch Überwachung, Drohnen, Datenanalyse. Die Digitalisierung befördert die autoritäre Entwicklung, die Rückkehr des Autoritären in die gesellschaftlichen Beziehungen.

„Digitalisierung“ ist die alles entscheidende Parole des Diskurses der Macht; nicht der siegreichen Macht, sondern der Macht, die uns zu überrumpeln versucht mit dem fait accompli ihrer Installationen, mit der Behauptung ihrer Endgültigkeit, der Technologie gewordenen Herrschaft.

Psychologen verstehen in der Regel viel von Motivation. Wenig von dem, was Sie gesagt haben, scheint mir geeignet, Menschen zu unterschiedlichen Formen des Widerstand vom Protest bis zur Verweigerung zu bewegen.

Ganz im Gegenteil! Wir sind nicht Spielball des Diskurses der Macht, sondern können Akteur sein. Das Individuum nimmt einen (seinen) Platz in diesem Diskurs ein oder verweigert sich diesem (Lyotard1983). Gerade darin liegt die Möglichkeit des Widerstands und die Chance der Bewusstwerdung des Individuums über diese Möglichkeit. Der Kongress versammelt viele Formen des Widerstands und wird ganz sicher eine Inspiration zum Nachdenken wie zum Handeln sein.


Zur Person: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder (Jahrgang 1941) ist Psychoanalytiker, Psychologe, Hochschullehrer und Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP). Er studierte unter anderem in Würzburg Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaften und habilitierte 1982 mit der Arbeit „Psychologie ohne Bewusstsein: Die Geburt der behavioristischen Sozialtechnologie“. Seit Anfang der 1990er Jahre ist er an der Freien Universität Berlin tätig. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören Subjektivität und Postmoderne. Der Diskurs der Psychologie (Suhrkamp 1993); Jugend. Psychologie einer Kultur (Urban & Schwarzenberg 1984), Psychologie ohne Bewusstsein. Die Geburt der behavioristischen Sozialtechnologie (Suhrkamp 1982) und Lüge und Selbsttäuschung (Vandenhoeck & Ruprecht 2009).

Beim diesjährigen Kongress DIGITALISIERUNG – Sirenentöne oder Schlachtruf der ‚kannibalistischen Weltordnung‘ der Neuen Gesellschaft für Psychologie, der am 6. und 7. März 2020 in Berlin stattfindet, spricht er über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft. Mehr Informationen zum Kongress sind auf www.ngfp.de verfügbar. Das Programm ist als PDF-Dokument auf NGfP_2020_Programm hinterlegt.

Über die Neue Gesellschaft für Psychologie

Die Neue Gesellschaft für Psychologie ist ein Zusammenschluss von Psychologinnen und Psychologen sowie von Angehörigen verwandter Berufe, mit dem Ziel, ein diskursives, kritisches und reflexives Wissenschaftsverständnis der Psychologie weiterzuentwickeln, eine problemgerechte und gesellschaftlich verantwortliche Forschung und Praxis zu unterstützen und eine Erneuerung der geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Orientierung der Psychologie zu ermöglichen.


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Illustration: Neue Debatte

Diplom-Journalistin

Christa Schaffmann ist Diplom-Journalistin, hat 15 Jahre bei der „Berliner Zeitung“ gearbeitet, war später Chefredakteurin von „report psychologie“ und ist jetzt freischaffend unter anderem für die „Junge Welt“, „Schattenblick“, „Rubikon“ und das „Neue Deutschland“ tätig. Ihre Themen, bei denen es ihr immer um Hintergründe geht, reichen von neokolonialer Ausbeutung in Afrika über die Politik des „regime change“ und die Zersetzung des Völkerrechts bis zu Künstlicher Intelligenz.

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1 Response

  1. cource sagt:

    digitalisierung ist der einzig verbliebene strohhalm der „noch profiteure“ unseres gescheiterten systems, nur allein die tatsache, dass insbesondere die stromanbieter ein besonderes interresse an dem stromfresser G5 haben, spricht bände über die pervertierung des systems

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