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Im Namen der Russen!

Flugzeugabsturz, Giftanschlag oder Kopfschuss im Tiergarten: Der Russe war es! Und wenn es der Ivan nicht gewesen ist, könnte er es gewesen sein, oder? So einfach scheint die Welt der Mainstreammedien gestrickt. Hand aufs Herz: Welch‘ gähnende Leere entspringe Zeitungsseiten, würde lediglich verbindliches Faktenwissen in Druckerschwärze oder ins Digitale überführt.

Im Namen der Russen!

Das Tor der Spekulation wird weit geöffnet im Ringe um die Aufmerksamkeit der Leserschaft. Der Tod kommt per Eilmeldung, die Panikmache ist zur festen Regel geworden – der Journalismus befindet sich längst im dauerhaften Ausnahmezustand.

Fehlt der Täter, hilft das Wörtchen „könnte“ oder vielleicht ein softes Fragezeichen aus der Klemme; verleiht jeder Unterstellung Immunität: War es Putin? Führt die Spur nach Moskau? So oder so: Die Fährte des Verdachts, der sich gegen einen schon zigfach Abgeurteilten richtet, erspart jeden kritischen Blick auf die Leichen im eigenen Keller.

Die Presse ist nicht distanzierter Beobachter und Berichterstatter, sondern Ankläger, Richter und Henker in Personalunion, muss keine Beweise heranschaffen, sondern kann sich des Mittels des Verdachtsjournalismus bedienen, um eine „heiße Spur“ aus Mutmaßungen zu legen, die den Deliquenten direkt zum brennenden Schafott führen. Hin und wider wagt es einer aus der Zunft der Lohnschreiber, die Flammen zu löschen; die gesetzten Narrative zu durchbrechen und Partei für jene zu ergreifen, die als Feindbild herhalten müssen.

Flo Osrainik ist einer dieser Feuerwehrleute. Der Journalist, der mit Veröffentlichungen bei unabhängigen Medien viel Lob und bei RT Deutsch ‚vermutlich‘ wenig Lohn verdient, um eine Prise Verdachtsjournalismus einzustreuen, hat mit seinem aktuellen Buch „Im Namen der Russen. Tabulos gegen den Strich des Mainstreams“ eine Textsammlung veröffentlicht, die versucht, die russische Perspektive aufzuzeigen, aber auch Positionen anzugreifen, die sich einseitig an Russlands Außenpolitik und der Personalie Wladimir Putin abarbeiten.

„Wie kann man Putin stoppen?“

Beispielhaft steht Osrainiks 2015 verfasste Analyse eines Interviews, das Deutschlandradio Kultur mit dem ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparov zur Ukraine-Krise führte. Die von Osrainik ersonnene Headline zu seiner Kritik liefert provokant das Extrakt der bis in die Gegenwart gültigen westlichen Medien-Agenda: „Wie kann man Putin stoppen?“

Mit spitzer Feder reflektiert Osrainik auf die (einseitige) Perspektive von Kasparov, der in Opposition zu Russlands Präsident Putin steht und den Ukrainern insgesamt eine Nähe zu (West-)Europa unterstellt, somit auch die nötigen Mittel befürwortet, Hilfe durchzusetzen. Osrainik  poltert:“Ginge es nach Kasparov, die NATO wäre wohl nicht an Russlands Grenzen, sondern bereits in den Spuren von Napoleon und Hitler …“

Dem Voltaire-Zitat „Der Offensivkrieg ist der Krieg eines Tyrannen; wer sich jedoch verteidigt, ist im Recht.“ lässt Flo Osrainik die Handlungsempfehlung folgen: Herr Kasparov, spielen Sie wieder Schach, da gibt es tatsächlich nur Schwarz und Weiß und es fließt kein Blut!

Der Journalismus bekommt im biografischen Text „Propaganda statt Qualitätsjournalismus: Warum ich aus dem Deutschen Journalisten Verband austrete“ sein Fett in großen Kübeln weg, in „Brot und Spiele: Die Abgründe des kommerzialisierten Fußballbetriebes“ wird der Spitzensport infrage gestellt und in der Reportage „Die Saudi-Mafia und der goldene Westen“ der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggiherangezogen, um die westlichen Werte auf Herz und Nieren abzuklopfen.

„Wie kann man den Westen stoppen?“

Eine grundsätzliche Botschaft trägt „Im Namen der Russen“ in sich: Journalismus braucht kritische Distanz, sonst braucht niemand Journalismus. Schon gar nicht in einer Gesellschaft, in der Bashing zur allgemeinen Routine geworden ist, sich Stück für Stück Verantwortungsbewusstsein, Selbstkritik, Fingerspitzengefühl sowie Werte und Norm auflösen und kriegerische Handlungen und Inhumanität salonfähig werden. Um gedanklich auf der Spur von Osrainik zu bleiben, bietet sich für eine Fortsetzung von  „Im Namen der Russen“ folgender Titel an: „Wie kann man den Westen stoppen?“

Ein letztes Wort: Kaufen Sie das Buch, weil der Inhalt gut ist. Und kaufen Sie es, weil Sie damit einen freien Journalisten unterstützen, der tabulos gegen den Strich des Mainstreams schreibt, was in Zeiten von Political Correctness, ideologischer Gleichschaltung und Meinungsterror garantiert nicht zur totalen Erkenntnis, wohl aber zu mehr Differenzierung beim Blick auf Russland, das sich eben nicht auf Moskau, St. Petersburg und Wladimir Putin verdichten lässt.


Informationen zum Buch

Im Namen der Russen: Tabulos gegen den Strich des Mainstreams

Autor: Flo Osrainik
Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: Independently published
Erscheinung: 3. November 2019
ISBN-10: 1705360726
ISBN-13: 978-1705360729

Im Namen der Russen - Taschenbuch. (Cover: Flo Osrainik)



Illustration und Buchcover: Neue Debatte und Flo Osrainik

Gunther Sosna studierte Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaften in Kiel und Hamburg, und arbeitete im Bereich Kommunikation, Werbung und als Journalist für Tageszeitungen und Magazine. Er lebte über zehn Jahre im europäischen Ausland und war international in der Pressearbeit und Werbung tätig. Er ist Initiator von Neue Debatte. Regelmäßig schreibt er über soziologische Themen, Militarisierung und gesellschaftlichen Wandel. Außerdem führt er Interviews mit Aktivisten, Politikern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus allen Milieus und sozialen Schichten zu aktuellen Fragestellungen.

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