Das Coronavirus zeigt die Grenzen der Globalisierung auf. (Illustration: Neue Debatte)

Lehrstunden: Über das Destruktive der Globalisierung

Die Wahrnehmung der Pandemie ist äußerst unterschiedlich. Das hängt zum einen vom lokalen Betroffenheitsgrad ab, zum anderen mit der jeweiligen psycho-kulturellen Disposition zusammen. Es fällt auf, dass in manchen Ländern relativ wenig geredet, dafür aber rasch und konsequent gehandelt wird, während in anderen Ländern ein regelrechter Karneval der Berichterstattung herrscht, ohne dass es Auswirkungen auf den Grad der Verbreitung und Maßnahmen dagegen hätte.

Zynisch könnte daraus geschlossen werden, dass die beklagte Nivellierung der Welt durch die Globalisierung doch nicht so fortgeschritten ist, wie behauptet.

Die Globalisierung, verstanden als der unbegrenzte Austausch von Waren, als interkontinentale Vernetzung von Produktion und grenzenlose Mobilität, hat unter dem Signum des Corona-Virus einen schweren mentalen Schlag bekommen. Das, was so gerne als Segnung der Globalisierung angepriesen wurde, erweist sich plötzlich als problematisch, ja lebensbedrohlich.

Ein heikles Thema

Da wird plötzlich bemerkt, dass die Produktion lebenswichtiger Medikamente wie Antibiotika, Blutdruck- und Cholesterinsenker, Beta-Blocker et cetera nahezu ausschließlich noch in China erfolgt. Der Produktionsstopp dort kann zu Massensterben in Europa führen. Wiederum könnte auch hier der zynische Zeitgenosse fragen: Warum noch Kriege führen? Es würde reichen, wenn China keine Antibiotika mehr ausliefert, um dem freien Westen einen Schlag zu versetzen, den es mit ballistischen Mitteln gar nicht erreichen könnte.

Ein anderer Aspekt ist die Diversifikation der Produktion, etwas, das in guten Tagen die Wirtschaftsliberalen in Feierlaune versetzt, in schlechten Tagen wie diesen allerdings alles verdirbt.

Bis nach Deutschland hat sich die Erkenntnis zwar noch nicht durchgesetzt, aber das Ausmaß der Epidemie in Italien ist offenbar auch zurückzuführen auf den massenhaften Einsatz illegaler chinesischer Arbeiterinnen und Arbeiter [1] in der italienischen Textilindustrie [2]. Es ist ein heikles Thema, aber es zeigt, wenn der maximale Profit winkt, dann können die Möglichkeiten der Globalisierung zu verheerenden Entwicklungen führen.

Grenzen der Grenzenlosigkeit

Es liegt nahe, aber es wäre wieder einmal falsch, wenn nun eine hysterische Debatte über die einzelnen Erscheinungen stattfände. Es wäre jedoch geraten, eine nüchterne Analyse dessen zu der Kritik hinzuzufügen, was bereits heute dem Hype um die Globalisierung eine schlechte Bilanz beschert.

Ja, internationale Mobilität ist ein hohes Gut. Ja, auch der freie Handel kann ein hohes Gute sein. Aber es drängen sich immer mehr Verneinungen auf, wenn es um die Grenzenlosigkeit geht.

Nein, die komplette Aufgabe der Autonomie kann auch in Selbstzerstörung enden. Nein, grundlose Mobilität kann große Kollateralschäden hervorbringen. Nein, der Zugriff auf menschliche wie natürliche Ressourcen aus bloßem Gewinninteresse kann ganze Gesellschaften und Kulturen existenziell bedrohen. Und nein, der Konnex von tatsächlicher wirtschaftlicher Entwicklung und Börsenpsychologie ist eine Dimension, die das Vernichtungspotential von Weltkriegen entfalten kann.

Lehrstunden über das Destruktive

Es ist ein Gassenhauer, zu behaupten, dass jede Krise auch Chancen beinhaltet. Aber kaum ein Gassenhauer hatte jemals eine solche Attraktion wie dieser in Anbetracht dessen, was sich momentan vor unseren Augen abspielt.

Es ist nicht übertrieben, darauf hinzuweisen, dass es keiner krisenhaften Steigerung mehr bedarf, um auf die Unhaltbarkeit von Verhältnissen hinzuweisen, die sich zunehmend frontal gegen die Existenzbedingungen der menschlichen Gattung schlechthin wenden. Von der globalen Umweltvernichtung bis zur pandemischen Heimsuchung ganzer Länder – die Lehrstunden über das Destruktive der wirtschaftsliberalen Globalisierung haben stattgefunden.

Wer noch länger warten will, um sich noch einmal anhand anderer Beispiele zu vergewissern, dem kann es passieren, dass er diese nicht mehr erlebt. Keine Panik, aber ändern muss sich etwas!


Quellen und Anmerkungen

[1] ZEIT Online (17. Juli 2014): Chinesen in Italien: Wohnen in der Fabrik. Auf https://www.zeit.de/2014/30/chinesen-italien-textil-industrie (abgerufen am 13. März 2020).

[2] EU-Infothek (12. März 2020): Corona Virus: Warum ist gerade Italien der Hot Spot in Europa? Auf http://www.eu-infothek.com/corona-virus-warum-ist-gerade-italien-der-hot-spot-in-europa/ (abgerufen am 13.03.2020).



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.