In der Krise: Solidarität statt Voyeurismus

Es sind ungewöhnliche Einblick in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in diesen Tagen bieten. Die Reduktion des allgemeinen Verkehrs auf das Wesentliche, um Leben zu erhalten, nährt plötzlich die Erkenntnis, dass die Arbeit nicht unbedingt die zentrale Sphäre dessen ist, was uns existieren lässt.

Notwendigkeiten und künstliche Gelüste

Es erklärt sich von selbst, dass die Produktion bestimmter Güter notwendig ist, um uns existieren zu lassen. Nun wird jedoch klar, dass die Grundbedürfnisse zählen und die künstlich erzeugten, die normalerweise als lebensnotwendig erscheinenden Gelüste in den Hintergrund treten.


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Einige Aspekte der Krise


Vieles, so könnte die zynische Schlussfolgerung lauten, was wir als lebensnotwendig erachten, ist virtuell. Uns wird immer wieder suggeriert, und an diesem Prozess nehmen wir allzu gerne teil, dass wir das alles brauchen, was uns der immer vom Wachstum abhängige Markt so offeriert. Und jetzt stehen wir da und merken, so ist es nicht.

Es hat sich schnell herumgesprochen, ohne dass eine amtliche Anordnung erforderlich gewesen wäre, dass es zwei Dinge sind, die unser Wesen bestimmen. Dies ist die Reproduktion und die soziale Interaktion. Ohne Nahrung und Kleidung wird es uns nicht lange geben. Ebenso ist es mit dem sozialen Kontakt. Wird der auf ein Minimum reduziert, dann bäumt sich die Gattung Mensch verzweifelt dagegen auf. Die Krise berührt beides. Und solange die basalen Bedürfnisse befriedigt werden können, ist mit Ruhe zu rechnen. Heikel wird es mit der Notwendigkeit des sozialen Austauschs. Wird der weiter heruntergefahren und sogar untersagt, dann wird das für eine gewisse Zeit, aber nicht lange, halten.

Eine Frage der Nerven

Und allen, die jetzt an die Vernunft appellieren, sei gesagt, es hat mit Vernunft nichts zu tun. Menschen müssen kommunizieren und sie wollen kooperieren. Wenn sie das nicht mehr dürfen, dann gehen sie ein. Die Fähigkeit, sich mit sich selbst für eine gewisse Zeit zu arrangieren, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche begrüßen die nun mögliche Eremitage, die Nachahmung der Einsiedelei, andere sind bereits nach wenigen Tagen mit den Nerven am Ende.

Trotz aller Kulturkritik und trotz vieler, ja, so gerne publizierter Erscheinungen, die zu einer heftigen Dystopie einladen, der Blick auf das Geschehen der letzten Tage im ganz profanen Kontext erlaubt es, der Hoffnung wieder einen größeren Stellenwert zu geben. Direkt vor der eigenen Haustür findet ein Leben statt, das ganz unaufgeregt der eigenen Bestimmung folgt.

Da werden aus den täglichen, zumeist unter großem Zeitdruck abgearbeiteten Routinen kleine Feste der sozialen Interaktion. Da ist die Zeit und der Wille vorhanden, nicht nur seiner eigenen Agenda zu folgen, sondern da wird aufgepasst, was die anderen um einen herum so treiben. Nicht im voyeuristischen, sondern im solidarischen Sinn. Plötzlich ist überall der Wille zu verspüren, denen zu helfen, die der Hilfe bedürfen.

Die Typen, die keiner braucht

Und es geht auch ohne institutionelle Organisation. Spontan, auf den Wiesen am Fluss, tauchen Akrobaten auf, die ihre Kunststückchen aufführen und dabei aus der Ferne geherzt werden, oder da sind die Musiker, die schon immer da waren und für Geld gespielt haben, die sich für ihre Beiträge zu einem Imbiss einladen lassen.

Es ist keine Glorifizierung von Mangelwirtschaft, zu der eingeladen wird, sondern es ist ein Verweis auf Möglichkeiten, die in der sozialen Anlage immer noch bestehen, trotz eines immer wieder medial gepushten Krieges auf die sozialen Sinne, die in der Gattung schlummern.

Und die Typen, die ansonsten die öffentliche Aufmerksamkeit genießen, weil sie den Hals nicht vollkriegen, die wären, in der momentanen Situation des Ausnahmezustands, sehr schnell am Pranger. Dort, wo das Leben noch stattfindet, im Laden, auf der Straße, im Park. Und wir stellen fest, es geht auch ohne sie, und niemand scheint sie zu vermissen. Schleicht euch!



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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