Unnötige Mobilität schadet der Natur, fehlende Interaktion zerstört das Soziale. (Illustration: Neue Debatte)

In der Krise: Mit der schwarzen Mamba zum Gemeinwohl?

Wer kennt sie nicht? Immer unterwegs, in gediegenen Limousinen oder voluminösen SUVs, im Flieger mit Senator-Status oder in der Bahn mit der schwarzen Mamba: die Vielreisenden, die von einem Meeting zum nächsten hetzen, die eine Konferenz nach der anderen besuchen und mit Smalltalk und kurzen Statements am Leben, das heißt, im Geschäft bleiben?

Mobilität

Irgendwie haben sie sich darauf eingerichtet, die Anzahl der Kilometer, die sie hinter sich lassen, die Sterne der Hotels, in denen sie nächtigen oder die Sprechminuten auf den Events, die sie abspulen, als Zeichen ihrer eigenen Bedeutung zu werten. Unterschätzen wir es nicht. Neben der tatsächlich notwendigen Mobilität, in der Akteure von A nach B müssen oder Waren transportiert werden, sind es der Tourismus und die Tagungs- und Konferenzhaie, die dafür sorgen, dass der Planet unter zu viel Verkehr leidet.

Die gegenwärtige Krise könnte dazu beitragen, das tatsächlich Notwendige wieder in den Fokus zu nehmen und das Lässliche mit einem anderen Blick zu betrachten.

„Die Technik, eine drastische Reduktion unmittelbarer Erfahrung, erzeugt Kälte und Gefühllosigkeit.“
Vor wenigen Tagen telefonierte ich mit einem Berliner Filmproduzenten, der mir erzählte, dass er momentan überhaupt nicht reise und festgestellt habe, das meiste ginge auch anders, zum Beispiel via Videokonferenz oder Skype. Das ist eine Erfahrung, die momentan viele machen und diese Erkenntnis wird sicherlich dazu führen, tatsächlich notwendige Mobilität in einem anderen Licht zu betrachten. Dann reden wir nicht nur über eine erforderlich andere, sondern auch über weniger Mobilität. Eine Erkenntnis, die sich ohne die Krise nicht durchgesetzt hätte. Und eine Erkenntnis, die die Tourismusindustrie gewaltig wird verändern können. Wenn, ja wenn, die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden und nicht ökonomische Einpunktstrahler mit ihrem Lobbyismus die Politik an die Wand drängen.

Doch keine gute Botschaft ohne Skepsis. Was mit der Chance, durch die Digitalisierung notwendige Mobilität einschränken zu können, korreliert, ist der Irrglaube, soziale Interaktion durch Technik ersetzen zu können. Konfliktäre Situationen, die sich auf dem Bildschirm und über Mikrofone entwickeln sind etwas anderes, als wenn sich zwei Tiere, die riechen und schmecken, die wittern und empfinden, gegenüber sitzen.

Die Technik, eine drastische Reduktion unmittelbarer Erfahrung, erzeugt Kälte und Gefühllosigkeit. Letzteres wirkt bei gravierenden Entscheidungen verheerend und muss vermieden werden. Was also für die oben beschriebenen Kohorten gilt, darf zum Beispiel nicht für Politikerinnen und Politiker gelten. Zu ihrer Aufgabe gehört es, zu spüren, was auf der Straße, im Laden, im Büro, in der Fabrikhalle, im Theater und allen anderen Routinen vor sich geht. Bereits heute wird nicht zu Unrecht moniert, dass dieses Gespür einigen aus dem politischen Feld gehörig abhanden gekommen ist. Die Reduktion auf digitale Kommunikationsformen würde diese Tendenz drastisch verstärken.

Warum? In wessen Interesse?

Wie zu sehen, stellt die Krise eine beträchtliche Chance dar, Fehlentwicklungen zu korrigieren beziehungsweise auch neue Qualitäten zu erzeugen. Es verlangt allerdings Aufmerksamkeit und Differenzierung. Die tatsächlich vorhandene Komplexität verbietet Pauschalisierungen. Wie eigentlich immer, ist es geraten, die Frage nach dem „Warum“ und die nach „In wessen Interesse“ zu stellen.

Vieles wird dahin führen, dass das Spannungsfeld von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Notwendigkeit in den Fokus tritt. Die Berichte über China und dessen Vorgehen gegen die Pandemie und der Vergleich mit den hiesigen Verhältnissen deutet auf diese Frage hin. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Jahren genau darum gehen. Individuum versus Kollektiv. Vielflieger hin oder her.



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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