Die Bescheibung der Symptome einer Verdrängungs- und Konkurrenzgesellschaft. (Illustration: Neue Debatte)

Symptome einer Verdrängungs- und Konkurrenzgesellschaft

Es ist genug für alle da, nur 1 % Alphatiere verhindern dessen gerechte Verteilung – ihrem Treiben muss ein Ende gesetzt werden: Das lehrt der Virus.

Begriffe wie „Solidarität“, „Nachbarschaftshilfe“, „Respekt vor den älteren Mitbürgern“ werden von den zuständigen Meinungsknetern aus der Schublade gezaubert und mit bramarbasierender Eloquenz aufpoliert, ohne zu fragen, wie und warum diese Nachkriegs-Erfahrungen zu leeren Floskeln werden konnten – beziehungsweise in einer Verdrängungs- und Konkurrenzgesellschaft werden mussten –, Krokodilstränen über den Verlust dieser Werte entfließen den Augen eben derjenigen, die diese Werte zerstört haben;

der Tod von schwer Krebskranken 90-jährigen wird zum Anlass genommen, den Notstand auszurufen, während der, durch die eigene, von grenzenloser Gier bestimmte Wirtschaftspolitik ausgelöste Tod von Millionen von Kindern, nach wie vor gleichgültig lässt:

anstatt zu erkennen, dass das Sterben, das wir mit unserem Luxus in anderen Ländern bewirken, zu uns zurückkommt, in unser Wohnzimmer – und das nur gerecht ist;

anstatt zu sehen, dass die Corona-Partys nur Spiegel der Gesellschaft sind, die Corona erzeugt hat – Spiegel ihrer Rücksichtslosigkeit, ihrer blinden Befriedigungswut, ihrer ostentativen Verzweiflung, ihrer Perspektivlosigkeit;

anstatt bei dieser Gelegenheit zu erkennen, was man wirklich braucht, und festzustellen, dass man das meiste von dem, was in den Regalen liegt, nicht braucht – und dafür zu sorgen, dass der Quatsch in Zukunft erst gar nicht mehr hergestellt wird;

anstatt zur Kenntnis zu nehmen, dass die Menschheit sehr wohl nicht verhungert und sogar sehr gut lebt, auch wenn der DAX-Index zusammenbricht – Börsen braucht man nämlich auch nicht;

anstatt in dieser Situation den Beweis dafür zu entdecken, dass nur die Aktionäre weniger Geld verdienen, wenn die Automobil-Produktion eingestellt wird – Aktionäre [1] arbeiten aber sowieso nicht, warum sollen sie dann Geld verdienen;

anstatt bei dieser Gelegenheit zu fragen, warum mit dem Wort Solidarität nicht diejenigen angesprochen werden, die laut Wikipedia privates Sachvermögen von insgesamt etwa 8,26 Billionen Euro auf ihren Privatkonten liegen haben – das sind 8,3 Millionen Millionen Euro [2]: selbst wenn davon alle, die jetzt in finanzielle Nöte geraten, großzügig unterstützt würden, wären das im Vergleich dazu Peanuts und es bliebe für die arbeitslosen Aktionäre mehr als genug übrig – warum hören wir das nicht von Herrn Steinmeier und der deutschen Bischofskonferenz, die doch zuständig für die jetzt wieder hochgelobten Werte sind;

anstatt bei dieser Gelegenheit das anzuklagen, was die Zerstörung dieser Werte überhaupt erst herbeigeführt hat – die Diktatur des Profits, die seit 1989 die ganze Welt beherrscht, allen voran China, wo sie die Diktatur des Proletariats [3] endgültig aus dem Rennen geschmissen hat;

anstatt an dieser Situation die Notwendigkeit der grundsätzlichen Überprüfung der uns beherrschenden Strukturen zu erkennen, DAX-Diktat, Werbung, Erbe, Autowahn, immer unbefriedigter machender Überfluss – und alles dafür zu tun, das abzuschaffen;

anstatt bei dieser Gelegenheit zu sehen, dass die meisten der systemrelevanten Berufe von Krankenschwestern über Müllfahrer bis zu Erntehelfern, unterbezahlt werden und sich zu fragen, wieso systemirrelevante, arbeitslose Einkommen aus zum Beispiel Immobilien am meisten verdienen – und diese verkehrte Welt endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen;

anstatt alles, was darüber hinaus an Strukturen und Zusammenhängen jetzt plötzlich offen aufbricht, zum Anlass zu nehmen, die Verhältnisse, in denen wir leben, grundsätzlich infrage zu stellen, nachzudenken, was da im Kern nicht stimmt und geändert werden müsste, und

anstatt bei dieser Gelegenheit in Deutschland von den Flüchtlingen zu lernen, dass sich den Hintern mit Wasser zu reinigen viel hygienischer ist als mit Toilettenpapier.

Selbst wenn die Hysterie eine gemachte sein sollte, ist sie die Chance, endlich nicht mehr an Symptomen herumzufummeln, sondern mit dem Bewusstsein ans Eingemachte zu gehen und festzustellen:

– dass Zinsen, wie schon Jesus Christus, auf den sich gerade jetzt die Politiker berufen, mit seiner Aktion gegen die Geldhändler deutlich machte, unmenschlich, asozial und das Zusammenleben der Menschen vergiftend sind: Zinsen also abgeschafft werden müssen,

– dass Erbe, das es erst seit Einführung des Patriarchats gibt, wie alles andere arbeitslose Einkommen, eine der Hauptursachen der ungleichen Verteilung der Güter der Welt ist: Erbe also abgeschafft werden muss,

– dass Erde, Wasser, Feuer, Luft niemandes Privatbesitz sein dürfen: sondern Erde, Wasser, Feuer, Luft auf alle gleichmäßig verteilt werden müssen, mittels entsprechender Apps eine reine Verwaltungsaufgabe,

– dass die griechische Urform der Demokratie, das Losverfahren, das einzige Gegenmittel zur Twitter und Facebook gelenkten Politik ist: also wieder eingeführt werden muss, was heute mit den Mitteln der IT weltweit möglich wäre,

– dass Werbung der unwürdigste Psychoterror ist, den es gibt, psychosomatische Körperverletzung: also verboten werden muss,

– dass privater Autoverkehr der Sargnagel der Zivilisation ist: also in öffentliches Car-Sharing umgewandelt werden muss, dank IT ein Kinderspiel,

– dass Krankheit keine Ware ist: also das Gesundheitswesen entkommerzialisiert werden muss.

Gerade weil die Verwirklichung dieser überlebensnotwendigen Umstellung unrealistisch genannt wird, muss sie umso kompromissloser gefordert werden. Selbst dem einen Prozent der Menschheit, das dabei Federn lassen muss, bleiben noch genug zum Fliegen. Was nicht zunächst gedacht wird, kann niemals verwirklicht werden.

Das unterscheidet unser Zeitalter von allen vorherigen: es ist genug für alle da, nur 1 % Alphatiere verhindern dessen gerechte Verteilung – ihrem Treiben muss ein Ende gesetzt werden:

Das lehrt der Virus.


Quellen und Anmerkungen

[1] Zitate Wirtschaftswoche, Oktober 2019: Auch in Deutschland ist das Gesamtvermögen leicht gestiegen und liegt nun bei umgerechnet knapp 15 Billionen US-Dollar. Damit ist Deutschland das viertreichste Land der Erde nach den USA, China und Japan. Die Credit-Suisse-Analysten schätzen, dass 30 Prozent des deutschen Vermögens in den Händen des reichsten einen Prozents der Deutschen liegen.

[2] Eine Milliarde ist tausend Mal mehr als eine Million. Es ist eine Eins mit 9 Nullen. Und eine Billion ist tausend Mal größer als das und ist eine Eins mit 12 Nullen. Eine Billion sind also tausend Milliarden, das heißt eine Million Millionen.

[3] Über die finale Zivilisationskrankheit

Über die finale Zivilisationskrankheit: Die Diktatur des Profits. (Quelle: YouTube/Christof Wackernagel)

Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Christof Wackernagel erschien unter dem Titel „Über die Verlogenheit im Umgang mit dem Virus“ bei unserem Kooperationspartner untergrundblättle, einem Online-Magazin für kritischen Journalismus aus dem Großraum Zürich. Das untergrundblättle publiziert analytische und kontroverse Texte zu den Themenschwerpunkten Politik, Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie. Ein besonderes Augenmerk gilt dem kulturellen Teil. Der inhaltliche und redaktionelle Anspruch liegt unter anderem darin, Synergien innerhalb von linken Strömungen herzustellen. Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben und Links zu weiterführenden Informationen gesetzt. Wir danken dem untergrundblättle für die Zustimmung zur Veröffentlichung auf Neue Debatte.



Illustration: Neue Debatte

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1 thought on “Symptome einer Verdrängungs- und Konkurrenzgesellschaft

  1. Anstatt zu glauben, dass sich die jahrzehntelang festgefahrenen Strukturen einer Kapitalknechtschaft über Nacht auflösen, sollte man nicht nur das ganze System hinterfragen, sondern auch die Menschen, denen eine andere Vorstellung von Existenz gar nicht mehr möglich ist, zumal sie das System mit stützen. Das System mag zurzeit ruhen, aber das letzte Minimum (Nahrung, Pflege, Transport) wird immer noch durch Kapital erwirtschaftet. (Anstatt arrogant, zynisch zu behaupten, Zitat: dass die Menschheit sehr wohl nicht verhungert und sogar sehr gut lebt (?auch in der 3.Welt?), auch wenn der DAX-Index zusammenbricht.)

    Wie stark wird die Solidarität sein (die noch nicht einmal unter Europäern existiert), wenn in Kürze die ersten Menschen keine finanziellen Mittel mehr für Nahrung zur Verfügung haben und alle nur noch hoffen, dass das System irgendwie wieder hochgefahren wird, da wir nicht in der Lage waren Alternativen zu verwirklichen? Und wie soll sich eine Großstadt (ohne Gewalt und Hamsterkäufe?) ernähren, weil die Supermarktketten (das 1%) ohne Geld nicht liefern?

    Wir mögen zwar die Missstände erkennen und aufzählen, aber ist die Menschheit schon reif für eine neue Gesellschaftsordnung? Kann sie das ohne Blutvergießen realisieren? Und von welcher Menschheit sprechen wir? Europa, Afrika, Eurasien, Asien, Lateinamerika, Nordamerika, die Welt? Oder doch noch von Christen, Hindus, Mohammedaner, Buddhisten, Juden? Während der Westen noch im Coronakoma schlummert, hat der Osten sein System fast wieder hochgefahren. Was werden wir tun, – angesichts der drakonischen staatlichen Maßnahmen, die in wenigen Tagen weltweit mit Militär- und Polizeigewalt durchgesetzt wurden?

    Wenn wir immer noch glauben, es liegt nur am System, oder dem einen Prozent, der verdrängt, dass solch eine Gesellschaft immer noch in alten Denkstrukturen verhaftet ist, nichts revolutionäres neues hervorbringen kann und dazu verdammt ist, das System bis zum (eigenen) Zusammenbruch aufrecht zu erhalten, da wir uns selbst als Ursache immer wieder ausklammern.

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