Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Verbrannte Illusionen: Zeit für einen Neuanfang

Behalten wir die Augen offen! Obwohl der Aktionsradius gewaltig eingeschränkt ist, sind Verhaltensweisen zu beobachten, die den Status unserer Befindlichkeit deutlich machen.

Egoismus versus Solidarität

Da sind die Nachrichten, die sich erhärten, dass die USA überall, wo sie Zugriff haben, Flugzeuge mit Masken und Desinfektionsmitteln, die von anderen Ländern angekauft wurden, zwangsweise in die USA umleiten. So jüngst geschehen mit einer Ladung, die nach Frankreich sollte [1].

So wie es aussieht, macht Not nicht nur solidarisch, sondern auch egoistisch. EU wie NATO zeigen gegenwärtig, zu was sie taugen, wenn es brenzlig wird. Die EU findet nicht statt und die NATO beharrt auf einer Erhöhung der Militärausgaben. Das sind Bilanzen, die man sich wird merken müssen. Es bedarf allerdings der Präzision.

Die pandemische Krise, die von einer ökonomischen wie der des Zerfalls der geostrategischen Ordnung nicht mehr zu trennen ist, zeigt das Gesicht der freien westlichen Wertegemeinschaft zunehmend als das, was sie ist: eine Schimäre.

Der totalitäre Charakter von Einheit

Nicht, dass eine solche Feststellung Spaß machte, aber es ist zu überlegen, ob die Zeit für Illusionen noch vorhanden ist. Charaktere wie der gegenwärtige Präsident der USA schrecken vor nichts zurück. Sie kalkulieren Massentod betriebswirtschaftlich, sie spielen High Noon auf der internationalen Bühne und sie werden die mit der Krise hingenommenen Ausnahmezustände dazu nutzen, ihre Macht ins Unverschämte und Diktatorische auszudehnen.

Die Skepsis, die auch hierzulande herrscht, hat mit den täglich neu bekannt werdenden Beispielen zu tun, die zeigen, dass auch in Europa das Lied an die Freude eine Hymne ist, die mit der Alltagspraxis der Herrschereliten nicht viel zu tun hat.

Die deutsche Vorstellung, alles müsse in der EU einheitlich und abgestimmt sein, ist zudem eine Vorstellung, die sonst niemand teilt. Und das zu Recht. Denn die lokalen Gegebenheiten sind nun einmal unterschiedlich. Das Wissen um die Notwendigkeiten vor Ort ist nicht in den Fluren einer zentralen Bürokratie vorhanden, sondern vor Ort. Und wem, das ist die Frage, trauen die Menschen mehr Kompetenz in der Beurteilung der Krise zu: den Brüsseler Spitzenbeamten oder den Bürgermeistern vor Ort? Die Vision von der Einheitlichkeit, die im übrigen innerhalb der Republik erneut die Kritik am Föderalismus nährt, hat totalitären Charakter.

Da haben wir es …

Die ökonomisch hoch entwickelten Zonen, von der Lombardei über Bayern bis nach Stuttgart, wo die Epidemie am stärksten um sich greift, sind genauso zu administrieren wie die wenig betroffenen und dünn besiedelten Zonen am friesischen Watt?

Aber, so die Antwort, eine Differenzierung sei der Bevölkerung aufgrund der Komplexität nicht zuzumuten. Ja, da haben wir es, und das wird alles zum Einstürzen bringen: Die Bevölkerung ist eben nicht so dumm, wie gerne angenommen und vorausgesetzt.

Daran werden die rund um die Uhr laufenden Sondersendungen und Talk Shows nichts ändern, die versuchen, mit Halbwahrheiten, Desinformation und Feindbildern die Hirne zu vernebeln.

Verrohung als Gemeingut

Und nun beginnt es auch noch in den Mikrokosmen. In den Nachbarschaften brechen Konflikte aus, die es in sich haben. Da werden in den Hausfluren Rechnungen aufgemacht, die seit Jahrzehnten in den geistigen Archiven lagen.

Das, was noch vor kurzem der Fußball-Community als schlechtes Benehmen exklusiv angehaftet wurde, beginnt nun überall, in jeder sozialen Schicht, sein Gesicht zu zeigen. Die Verrohung ist Gemeingut geworden.

Es bedarf eines radikalen Neuanfangs. Da heißt es, nüchtern bleiben. Die Illusionen verbrennen gerade. Eine nach der anderen. Aber, für einen Neuanfang ist das doch gar nicht so schlecht, oder?


Quellen und Anmerkungen

[1] Klein Zeitung: Schwere Vorwürfe – USA nehmen Frankreich Masken weg. Auf https://www.kleinezeitung.at/international/corona/5794660/Coronavirus_Schwere-Vorwuerfe_USA-nehmen-Frankreich-Masken-weg (abgerufen am 4.4.4020).



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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