Deutschland ist dem Virus der Selbstsucht verfallen. (Illustration: Neue Debatte)

Europa und das pathologische Ich

Es ist seltsam. Ausgerechnet eine Nation, deren Eigenschaften es ist, sich genau daran zu erinnern, wie sich andere gegenüber der eigenen Entität verhalten haben, geht mit einer Nonchalance durchs Weltgeschehen, als unterstellte man den anderen, sie hätten ein Gedächtnis gleich den Amöben: nämlich keines. Was, wenn es das eines Elefanten ist?

Im Rausch des Hochmuts

Die Betrachtung der Welt nur aus den eigenen Augen, zumal in einer global vernetzten, beinhaltet ein nahezu pathologisches Ich-Gefühl. Wer meint, er könne alles erklären, er selbst sei im Besitz einer absoluten Wahrheit und zu seinem Handeln gäbe es keine Alternative, tritt das Recht der anderen Akteure mit Füßen, auch wenn das im Rausch des Hochmuts und der Selbstgewissheit nicht beabsichtigt ist.

Die hohe Form des Subjektivismus verkennt, dass es auch noch andere Wahrheiten gibt. Die absolute Wahrheit hat sich immer als eine Fiktion herausgestellt – mit bestürzenden Folgen.

Neben der selbstverliebten Gewissheit der eigenen Position kommt noch eine andere Erscheinung hinzu, die allerdings weit über die eigenen Grenzen verbreitet ist. Es handelt sich um den Mangel an Solidarität. Man kann es auch anders nennen; Empathie und Hilfsbereitschaft, wenn das genehmer erscheint.

Dem Virus der Selbstsucht verfallen

Es gab Zeiten, und die sind gar nicht so lange her, da regten sich die Menschen, wenn in anderen Ländern, in anderen Erdteilen etwas geschah, das Not und Elend hervorrief, dass man überall Stimmen hörte, man müsse tatkräftig helfen, was auch meistens geschah, bei Naturkatastrophen wie bei sozialen Kämpfen. Das Wort der Solidarität war ein geflügeltes, gestützt durch Taten.

Doch die Welt des Westens, im Rausch des vermeintlichen Sieges über den Osten, zog damit ein Virus, das weit verheerender wirkt als das des augenblicklich beklagten. Es ist das Virus der Selbstsucht und der kalten Zahlen, das alles in den Hintergrund drängt.

“Die Selbstsucht hat dazu geführt, dass manche noch privilegierter aus der Krise hervorgehen und andere endgültig auf der sozialen Deponie landen werden.”
Das Virus hat alles befallen. Es hat die Immunkräfte der Gesellschaften befallen, das heißt, der Organisationen und Parteien, die das Gemeinwohl und die Schwachen einmal im Sinne hatten. Auch sie wurden ergriffen und setzten sich nicht mehr zur Wehr.

Nach den sozialen Immunkräften kamen die gesellschaftlichen Institutionen und Verkehrsformen an die Reihe. Gesundheit, Bildung, Infrastruktur, alles wurde Opfer der größten Pandemie, die den Westen jemals befallen hatte.

Das Ergebnis steht für sich. Im Angesicht der gegenwärtigen Krise fehlt es an allem. Und denen, denen es am meisten fehlt, hilft kein Mensch und kein Staat. Die Selbstsucht hat dazu geführt, dass manche, ohne Zutun, noch privilegierter aus der Krise hervorgehen und andere endgültig auf der sozialen Deponie landen werden.

Die Bilanz liegt auf dem Tisch

Der Hochmut, das Argument, man habe gut gewirtschaftet, basiert auf der Sachlage, dass das gute Wirtschaften darin bestand, im Vorfeld gesellschaftliche Einrichtungen wie das Gesundheitswesen nach den Richtlinien betriebswirtschaftlicher Effizienz in den Zustand katapultiert zu haben, der die heutigen Restriktionen in dieser Dimension zu erfordern scheint.

Und er basiert auf der Tatsache, dass man gute Geschäfte gemacht hat mit denen, die die verlockend dargebotenen Kredite, die zum Kauf der hiesigen Waren feilgeboten wurden, annahmen und irgendwann nicht mehr zurückzahlen konnten. Dann presste man sie zu Reformen in Gesundheit und Bildung und die übrig gebliebenen Filets des Staates mussten veräußert werden.

Genau das, die Bilanz des eigenen Handelns, liegt jetzt auf den Tischen der europäischen Regierungen. Und selbst bei der Vorlage dieser Dokumente bleibt es bei einem Nein, wenn es um Hilfe geht. Welches Ergebnis wird das haben?

Reicht es, wenn die EU-Kommissionspräsidentin im Wochentakt im Stile einer Leni Riefenstahl gigantomanische Projekte wie den “New Green Deal” oder den neuen “Marshall-Plan” inszeniert, aber das Management der gegenseitigen, schnellen und pragmatischen Hilfe nicht gelingt?

Und was den “Osten” dieser Welt angeht, welche Schlüsse wird er ziehen, aufgrund der ewigen Schelte aus Selbstüberhebung und dem Scheitern in der Tat? So viel ist zu beobachten: China hilft den gebeutelten Staaten im Süden Europas und die Neue Seidenstraße mäandert weiter nach Westen.



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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