Eine Kurzgeschichte von Marija Zwenigorodskaja. (Illustration: Neue Debatte)

Lidotschka

Sie liebte ungewöhnliche Frisuren und Farben: Ihr Haar ertrug chemische Behandlungen, Pagenschnitte, täglich den Lockenstab oder das Glätteisen, violette, rosa und rote Färbe- und Bleichmittel und blieb dabei weich und seidig wie je zuvor.

Ihre Fülle stand ihr zweifellos gut zu Gesicht, beruhte jedoch eher auf Veranlagung denn auf einem Hang zum Übermaß bei Tisch, wobei Lidotschka indessen für Süßigkeiten, insbesondere Röschenkuchen, durchaus etwas übrig hatte.

Im Friseursalon, wo Lidotschka arbeitete, liebten sie alle: die Mädchen tauschten gerne Klatsch und Tratsch mit ihr, die Besucherinnen schätzten ihren Rat zur richtigen Pflege, die Männer grinsten und zwinkerten ihr zu und versuchten dabei, den Ring an der rechten Hand zu verbergen. „Lida“ hieß sie nur bei ihrer Mutter: streng und anspruchsvoll, wie sie sich ihrer Tochter gegenüber gab, konnte sie diese wenig ernste Lebenseinstellung, mit der Lidotschka allen Schwierigkeiten begegnete, nicht verstehen. Ihre Tochter kleidete sich so, dass die Vorzüge der Figur betont und die Nachteile verheimlicht wurden, ganz, wie es die auf dem Nachttisch neben ihrem Bett gestapelten Modezeitschriften empfahlen. Niemand hat sie je in Hosen gesehen: ihre feminine und zugleich agil wirkende Erscheinung unterstrich Lidotschka gerne mit Etuikleidern und Röcken mit hochgesetzter Taille. Da kommt sie schon: in einem Kleid, in High Heels, das sinnliche Mäulchen rosa geschminkt – die Männer schauen sich im Vorbeigehen nach ihr um und vergessen alles in der Welt. Zurück daheim, steckt Lidotschka die Füße in flauschige Hündchenpantoffeln, holt Biskuittörtchen aus dem Kühlschrank, versinkt in einem großen Sessel und schaut sich Fernsehmelodramen an, wobei sie an den Törtchen nur knabbert, damit es nach weniger Kalorien aussieht. Achtundzwanzig Jahre jung, war Lidotschka mit ihrem Leben vollkommen zufrieden.

Eines Tages ging Lidotschka in ihrem rosa Lieblingskleid gemächlich auf dem Bürgersteig zum Friseursalon, wo sie vor zwanzig Minuten hätte sein sollen. Die Hitze war unerträglich, und Lidotschka beschloss, eine Flasche Wasser zu kaufen. Als sie an der Kasse anstand, hatte sie ein sicheres Gefühl – denn ihre Intuition ließ sie niemals im Stich – als starrte hinter ihr jemand sie an. Lidotschka drehte sich um sah sich einem hochgewachsenen Mann mit dunklem Haar und ausdrucksvollen braunen Augen gegenüber. Er blickte sie streng an, lächelte aber gleichzeitig. Er trug eine schwarze Businesshose und ein schwarzes Jackett mit gepolsterten Schultern, das seine korrekte Körperhaltung noch betonte. Sein ganzes Auftreten erweckte den Eindruck von Selbstsicherheit.

„Ja?” Lidotschka drehte sich zu ihm um und klimperte mit den getuschten Wimpern.

Während Männer beim Blick in diese Augen Lidotschkas normalerweise verlegen reagieren, zeigte sich dieser völlig unbeeindruckt und gab in lockerem Ton zurück:

„Darf ich Sie kennenlernen?“

Lidotschka kicherte zur Antwort. An diesem Tag schaffte sie es nicht zum Friseur.

Der Name des Mannes war Witali Alexejewitsch Oreschnikow. Am ersten Tag ihrer Bekanntschaft lud Oreschnikow sie in den Park ein, wo sie, wie ein Kind, mit wonnig blinzelnden Augen ein Eis verdrückte. Oreschnikow indessen selbst wirkte immer ernst, es schien, wenn überhaupt, schwierig, ihn zum Lachen zu bringen. Aber Lidotschka gefielen die täglichen Buketts aus ihren geliebten weißen Rosen, die Ausflüge in Restaurants, die Plüschtiere und Komplimente. Wenn sie die Straße entlang gingen und Lidotschka plötzlich ein lustiger Witz einfiel, brach sie in jenes laute, quietschende Gelächter aus, das Oreschnikow so sehr liebte und wofür er sie zärtlich “mein Lachtäubchen” nannte. Oreschnikow holte Lidotschka nach der Arbeit ab und fuhr sie mit seinem Wagen bis vors Haus. Über sich selbst erzählte er so gut sie nichts, außer dass er fünfunddreißig Jahre alt sei, immer nur in Moskau gelebt und am Pädagogischen Institut studiert habe, und jetzt seit fünf Jahren Vorlesungen am Institut der Künste halte. Manchmal blieb er die ganze Nacht bei Lidotschka, und dann teilte sie mit ihm ihre Ängste aus der Kindheit, wie Höhenangst oder Spinnen im Badezimmer, und Oreschnikow versprach ihr dafür, sie auf Händen zu tragen und alle Spinnen der Welt umzubringen, woraufhin Lidotschka lächelte und ihn auf die Stirn küsste. Und tagsüber verzichtete Lidotschka fast ganz auf das übliche Getratsche, sondern erzählte nur, was für ein lieber Kerl ihr Witaletschka sei, und dass sie so etwas noch nie in ihrem Leben gefühlt habe, und die Mädchen antworteten, dass sie die Glücklichste sein müsse, und das hätten sie für sich auch gerne.

Ein Monat war vergangen, und Oreschnikow lud Lidotschka immer seltener zum Essen gehen ein, doch sie bekümmerte das nicht, denn sie erklärte sich das so, dass er nach der Arbeit bestimmt müde sei. Von nun an kam er jeden zweiten Tag mit ihren Lieblingstörtchen zu Besuch. Und dann und wann sprach der seltsame Dinge an.

„Lidotschka, möchtest du nicht aufs College gehen?“


„Warum denn, mein Süßer?“
– fragte Lidotschka und legte die Arme um seine Schultern.

„Nun, du hast nur einen Mittelschulabschluss, und was dann? Friseuse werden? Du musst etwas lernen, Lidotschka! Der Mensch lebt, um zu lernen. Was liest du denn? Magst du Dostojewski?“

Darauf kicherte Lidotschka nur verlegen und küsste Oreschnikow, wonach er eine Zeitlang nicht mehr zu diesem Thema zurückkehrte.

Und manchmal stellte sie ihm schon Fragen, die schwer zu beantworten waren:

„Witaletschka, werden wir heiraten? Wenn ja, wo werden wir leben? Und warum hast du mich nie zu dir eingeladen?“

In der Regel wählte Oreschnikow aus einem Stapel von Fragen die am wenigsten provokativen aus:

„Nun ja, meine Wohnung ist nicht so gemütlich wie deine. Ich versprech’s dir: Du bekommst sie bald zu sehen.“

Dann beruhigte sich Lidotschka für eine Weile und umarmte Oreschnikow, als ob nichts auf der Welt für sie wichtiger wäre.

An einsamen Abenden rief Lidotschka ihre Mutter an und erkundigte sich nach ihrer Gesundheit, aber jedes Telefongespräch endete mit Ermahnungen ihrer Mutter, dass sie mit diesem Oreschnikow vorsichtiger sein solle, und dass sie mit diesem verschwiegenen und ernsten Mann noch etwas erleben werde. Dann schaltete Lidotschka für gewöhnlich einen Film ein, und in der Nacht las sie die nächsten zwanzig Seiten aus Dostojewskis „Idiot“.

Drei Monate waren vergangen, und über den Zeitschriften auf Lidotschkas Regal häufte sich Buch um Buch: Damit sie jederzeit das passende zur Hand hatte und Witaletschka stolz auf sein kluges Mädchen sein konnte. Aber Oreschnikow redete immer nur über das College und davon, wie großartig es sei, zu studieren, so dass einen Monat später Lidotschka, nachdem sie sich mit den Mädchen im Friseursalon geeinigt hatte, nur noch abends zu arbeitete und tagsüber Veranstaltungen in der Pädagogischen Hochschule besuchte. Eines Tages erschien Oreschnikow mit drei Rosen und Kuchen bei Lidotschka. Sie sahen sich gerade einen Film an, da sagte Oreschnikow plötzlich:

„Warum trägst du, Lidotschka, so freizügige Kleider? Egal, wo wir hingehen, alle Männer glotzen uns nach, aber ich möchte vielleicht, dass nur ich dich anschaue.“

Lidotschka kicherte wieder, und ihr Schrank füllte sich mit Jeans und Blusen, die sie mit Oreschnikow ausgesucht hatte, indem sie mit dem Finger auf die Sachen zeigte, die ihr gefielen.

Im Friseursalon warteten alle Mädchen stets ungeduldig auf Lidotschkas Details des Abends, und sie sagte gewöhnlich nur:

„Oh, Mädels, alles war gut, aber ich habe nicht die Kraft zu reden: bin müde vom College. Übrigens, wir hatten heute einen so interessanten Vortrag über Psychologie…“

Und dann hörten die Mädchen zumeist sofort auf, zuzuhören und nachzufragen, und Lidotschka wurde immer stiller.

Abends las sie hundert oder mehr Seiten, sei es Belletristik oder wissenschaftliche Literatur, und manchmal stöberte sie auf der Website des Bekleidungsgeschäfts herum und fragte sich, wie lange sie wohl für den dunkelbraunen Anzug sparen würde, den Oreschnikow an einem der Abende einmal erwähnt hatte. Und Lidotschka sparte und überreichte ihm in Erwartung der Freude ihres Geliebten diskret ein Paket mit dem Namen der Marke. Und lächelte über seine Bemerkung, dass sie von Anzügen nichts verstehe.

Von nun an trafen sie sich immer seltener. Lidochka rief Oreschnikow an uns wollte wissen, wie es ihm denn gehe und ob er heute kommen würde, woraufhin er sich entschuldigte und sagte, dass er heute viel zu tun habe. Und Lidotschka fragte in kindlich neckischem Ton:

„Sehe ich dich heute Abend nicht, mein Häschen?“

Und Oreschnikow antwortete streng:

„Lidotschka, ich arbeite nicht in einem Friseursalon. Ich habe Studenten, Verantwortung.“

Und Lidotschka wünschte ihm einen guten Abend.

Am nächsten Morgen wachte Lidotschka mit einem unangenehmen Gefühl auf: sie übergab sich. Nachdem sie den ganzen Tag im Bett verbracht und Aktivkohle geschluckt hatte, beschloss sie, Oreschnikow anzurufen, doch der antwortete nicht. Sie legte sich zu Bett in der Hoffnung, dass es morgen besser würde. Aber es wurde die ganze Woche nicht besser, also ging Lidotschka zum Gynäkologen. Am Abend empfing sie Oreschnikow zu einem Abendessen, das sie zum ersten Mal selbst gekocht hatte, wobei sie aufmerksam, mit dem Finger auf jeder Zutat, das Rezept im Kochbuch abarbeitete.

„Wir bekommen ein Baby!“ – Lidotschka eilte zu ihm, doch er schwieg. Und dann sagte er:

„Hör zu, Lidotschka. Ich habe in einem Laden ein schickes Mädchen kennengelernt, und jetzt ist sie so… gewöhnlich. Nein, versteh das nicht falsch: Es hat Spaß gemacht, und ich… Aber das Baby…“

Lidotschka hörte nicht zu: sie hatte sofort begriffen. Oreschnikow las es in ihren Augen und ging. “Tut mir leid”, sagte er zum Abschied.

Zwei Tage lang verließ Lidotschka das Haus nicht. Sie lag auf dem Sofa und schaute zur Decke. Dutzende von Büchern, die sie in im Laufe des Monats gelesen hatte, wirbelten in ihrem Kopf herum. Sie versuchte, nicht an Oreschnikow zu denken. Und am dritten Tag ging sie zum Arzt und kehrte mit verweinten Augen, Schmerzen im Unterleib und einem Gefühl von Leere nach Hause zurück.

Ein Monat verging. Während dieses Monats las Lidotschka alle Bücher, die Oreschnikow ihr “für die Bildung des Geistes” empfohlen hatte. Die Mädchen im Friseursalon mieden sie, wo immer es ging, und sie achtete nicht auf ihr Getuschel darüber, dass sie ohne Schminke wie vierzig aussehe. Abends hörte sich Lidotschka von ihrer Mutter am Telefon deren “ich hab’s dir doch gesagt” an, versuchte, in ihrem Spiegel zu lesen, in der Hoffnung, dort ihr altes Selbst zu finden, sah aber nur eine Frau mit Falten und Tränensäcken unter den Augen.

Eines Tages ließ sich ein netter junger Mann von Lidotschka die Haare schneiden. Sie schaute auf sein Spiegelbild, seine blauen Augen und vollen Lippen und lächelte. Er aber ließ sich bloß die Haare schneiden. Und dann – sagte er bloß ein „Danke“, und ließ beim Weggehen die Tür leicht ins Schloss fallen.

Dann machte sie sich auf den Heimweg. Sie trug Jeans, ein lockeres Hemd und hatte sich in einen Pullover gehüllt. In der Menge der Passanten suchte sie nach vertrauten Gesichtern, wobei sie jedes Mal die Augen senkte, wenn ein vorbeigehender Mann sie ansah. Zwei junge Burschen kamen vorbei. Sie fühlte sich wie hinter ihrem Rücken beobachtet. Als sie sich umdrehte, sagte einer der Burschen zum anderen:

„Schau, wie fett die ist.“

Und sie platzten vor Lachen.

Es machte ihr nichts aus.

Sie ging weiter, dann blieb sie plötzlich stehen und fing an zu weinen. Tränen liefen ihr über das nicht mehr so dumme und leichtsinnige Gesicht. Sie weinte und weinte und zog die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Schließlich wischte sie ihre Tränen ab und ging nach Hause.

Nach und nach gewöhnten sich alle daran, sie Lida zu nennen.



Illustration: Neue Debatte

Schriftstellerin

Marija Zwenigorodskaja ist eine Schriftstellerin aus Russland. Sie kommt ursprünglich aus Orenburg und studierte in Moskau am Maxim-Gorki-Literaturinstitut. Dort wurde sie zur Schriftstellerin ausgebildet. Sie arbeitet bei der Fluggesellschaft Aeroflot. In ihrer Freizeit verfasst sie weiterhin Essays und Kurzgeschichten.

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