Das Gedicht in der Hand ist wie eine Blume schreibt Dirk C. Fleck. (Illustration: Neue Debatte)

Sieh mich. Bin fast da.

Vor drei Jahren schrieb mir eine Freundin ein rätselhaftes Gedicht, das mir eben durch Zufall wieder in die Hände fiel. Ich liebe diese Frau, die von sich behauptet, dass sie nicht von diesem Planeten stammt. Sie glaubt, dass sie hier eine Aufgabe zu erledigen hat. Ihre Aufgabe sieht sie darin, jedem Menschen, der in ihr Leben tritt, mit bedingungsloser Liebe zu begegnen.

Sie geht dabei nicht penetrant missionarisch oder besserwisserisch vor. Sie versprüht einfach ihren ganz besonderen Zauber, der die Herzen der Menschen im Innersten berührt und die Erinnerung an die Zusammengehörigkeit allen Lebens weckt. Beileibe nicht immer, aber häufig. Und wenn es auch nur für kurze Zeit ist.

Das Gedicht, dass sie mir schrieb, nachdem wir uns längere Zeit nicht gesehen hatten, erschloss sich mir damals nur teilweise. Es erinnerte mich an eine Szene aus dem Film Orphée von Jean Cocteau, in der Orpheus (Jean Marais) auf seiner Suche nach Eurydike (gespielt von der wunderbaren Mari Déa) in seiner Garage über das Autoradio seltsame Botschaften empfängt, die er nicht zu entschlüsseln vermag.

Heute halte ich das Gedicht in der Hand wie eine Blume, die inzwischen vollständig aufgeblüht ist. Ich reiche sie an euch weiter. In diesen Worten steckt so viel. Nehmt sie auf, ohne gleich zu hinterfragen. Lasst es nicht zu, dass euer Verstand die Poesie dieses wunderbaren Textes zertrümmert. Behandelt ihn mit Respekt.

Nun hab ich ein paar Zeilen getippt. Sie sind spontan und schalenlos.
Fühle, spüre jetzt, irdische Sehsucht. (Wo kommt sie her?)
Wittere mich. Nun werde ich nah. War nie weg. Nur versteckt und geborgen. Verlaufen in eine andere Farbe.
Sieh mich. Bin fast da.
In ein altes bekanntes Gefühl hülle ich meine Gestalt – wie neu gebündelt tragen mich die Suchenden.
Alle Fasern, lange Stränge.
Physik und Chemie bekennen sich. Übernehmen Regie.
Sanft ist meine Ankunft – getrennt von eurem Gast: die krustende Vernunft.
Irrtum – freier Wille – alle Wege – feine Sinne.
Wenn ich komme, dann spricht Stille.
Leben im Fluss und Lebendigkeit – Gedeihen.
Zeit ist für Dich.
Bald geboren und nie gestorben.
Jede Wurzel ist ein Fühler.
Räume ohne Zäune. Unvermessen. Dort lebe ich.
Von dort schwinge ich her. Nun hastet die Weite.
Eine Sprache gab es hier. Nimm und gestalte sie mit mir.
“Erinnere dich – dann erinnere ich mich”.
Auch Schöpfer haben Eltern.
Alte Wunden wandeln in Sekunden.
Aufgedeckt und ertappt – von Dir vernommen als ein Wesen mit Sinn.
Zeig auf mich. Greif und flüstere mit mir – ich bin das Leben im Leben mit Dir.
Amnesie mündet in Vertrauen.
Sand in meinem Mund – Wasser spielt in meinen Poren.
Dein Hoffen, Deine (Vor) Stellung.
Schablonen für die Form. Sind die Werkzeuge der Naturgesetze, sie triumphieren.
Ich umarme Dich. Gefehlt hast Du mir.

Warum gebe ich diese Zeilen preis? Woher das Bedürfnis, sie mit euch zu teilen und wieso duze ich Sie, das ist gar nicht meine Art. Hat wohl mit dem surrealen Alltag zu tun, der uns per Dekret übergestülpt wurde. In Zeiten der spitzen Weißschnuten (Schnute ist die plattdeutsche Bezeichnung für Schnauze und klingt wesentlich freundlicher), der unsichtbaren Denunzianten, der bogenförmigen Ausweichmanöver im Park, der gelbschwarzen Markierungen vor den Kassen in den Supermärkten und des beschämenden Duckmäusertums, das unser Volk befallen hat, welches nun Abstand haltend überall Schlange steht, möchte man diesem Spuk ein paar unerhörte Worte entgegen schleudern.

Das Bedürfnis, etwas in unsere vom Corona-Informationsfluss verklebten Gehirne zu pflanzen, das nicht vom Schwarzschimmel des Kleinmuts und der Angst befallen ist, reizt mich ungemein.

Wir sollten uns ohnehin wieder häufiger Geschichten erzählen, jetzt, da wir doch jede Menge Zeit haben. Auch oder gerade in den sogenannten alternativen Medien, die vor lauter Empörung über fast alles kaum noch laufen können. Dieser ganze geopolitische Kram, das permanente Jammern über den Verlust unserer Demokratie, die doch schon längst als Deckmantel für die Schweinereien herhalten muss, die Wirtschaft und Politik permanent betreiben, dieser riesige Haufen Mist, den das Giersystem produziert — wer braucht da noch Infos oder Aufklärung? Erstens nützt es nichts, wie der kollektive Gehorsam gegenüber den aberwitzigsten Vorschriften in Corona-Zeiten beweist, und zweites wissen wir doch seit einer gefühlten Ewigkeit, nach welchen Gesetzen ein menschen- und naturverachtendes System funktioniert …

Zu den Geschichten die ich gerne hören und lesen möchte, gehören sämtliche Berichte und Beobachtungen, die davon erzählen, wie die Natur plötzlich befreit durchatmet, seit der Mensch seine Finger kaum noch im Spiel hat. Gelegentlich sehe ich die wenigen verbliebenen Vögel auf den Ästen meiner erblühenden Kastanie vor Freude auf und ab hüpfen, aber das bilde ich mir sicher nur ein.

Was ich mir nicht einbilde ist die Ruhe, die über der Stadt liegt. Sie erinnert an alte Zeiten, als der erste Schnee den Lärm in den Straßen unter sich begrub – und das gleiche (nur ohne Schnee) geschieht nun mitten im Frühling! Ist es nicht ein Genuss wieder in einen klaren blauen Himmel zu gucken, anstatt auf ein von Kondensstreifen und Chemtrails verschmiertes Firmament? Und hüpft uns nicht das Herz in der Brust, wenn wir lesen, dass die Delfine wieder in die italienischen Häfen schwimmen, weil der Schiffsverkehr brach liegt? Würden wir nicht gerne mit ihnen feiern? Die Strände dieser Welt ersticken nicht länger im Plastikmüll – auch nicht schlecht.

Ach, es gäbe tausend und mehr gute Nachrichten zu verbreiten, nur tut das jemand? Die Menschen hängen lieber am Fliegenfänger ihrer Angst, anstatt diesen erzwungenen Stillstand als Chance zu begreifen.

Ja, wir könnten die durch Corona erzwungene Entschleunigung nutzen, um zur Besinnung zu kommen. Aber leider steht zu befürchten, dass es uns zurückzieht auf die Autobahn, die hier stellvertretend für den allgemeinen Stresszustand genannt wird, den das System unweigerlich bereit hält, sobald seine Rädchen dank unserer Mithilfe wieder ineinander greifen. Dann wäre es müßig, euch das Gedicht meiner Freundin zu zeigen. Ihr würdet es nicht lesen wollen, es könnte euch durcheinander bringen. Jetzt habt ihr es zumindest gelesen. Wie habt ihr euch gefühlt, als ihr von der krustenden Vernunft gelesen habt, die unser Gast ist? Unbehaglich? Auf der Autobahn unseres Lebens aber muss man sich mit solchen Metaphern nicht auseinander setzen, da gilt es beim Überholmanöver nicht aus der Spur zu geraten und den Blender im Rückspiegel im Auge zu behalten. Auf diese Weise kann man sein Leben eben auch zu Ende bringen.

Entschuldigt, ich wollte eigentlich nicht dieser anklägerischen Attitüde verfallen. Aber ich befürchte, dass wir das Friedensangebot der geduldigen Natur, welches uns in diesen Tagen unterbreitet wird, wieder einmal leichtfertig ausschlagen werden. Um ehrlich zu sein ist es mir unerklärlich, mit welcher Arroganz die Spezies Mensch, die im entkleideten Zustand auf dem ästhetischen Niveau von Nacktmullen anzusiedeln ist, sich über alle anderen Lebewesen erhebt.

Es gibt Millionen von Parallelwelten auf der Erde, jedes lebt in seinem eigenen Kosmos, ausgestattet mit einem eigenen Kommunikationssystem. Alle diese Welten sind Teil eines übergeordneten Organismus, zu dem eben auch der Mensch gehört. Da der Mensch die Natur jedoch nicht versteht (denn man kann nur etwas beherrschen wollen, von dem man sich grundsätzlich getrennt fühlt), begreifen ihn seine Parasiten wohl besser als er sich selbst …


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien unter der Überschrift „Sieh mich. Bin fast da.“ bei Kenfm.de und wurde von Neue Debatte übernommen. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben. Wir danken Dirk C. Fleck für die Zustimmung der Übernahme und Veröffentlichung auf Neue Debatte, um eine kritische Auseinandersetzung mit Auswirkungen der sogenannten Coronakrise auf Mensch und Gesellschaft auch aus philosophischer Perspektive zu ermöglichen.



Illustration: Neue Debatte

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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