Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

… an die Träumer unter uns

Man kann diesen Text auch auf den Kopf stellen, man kann statt Frau auch Mann lesen, denn selbstverständlich können auch Männer über eine magische Aura verfügen. Und auch Männer können sie über Nacht verlieren, ohne es zu bemerken, ist doch klar.

Ob bei Männern oder Frauen – wenn der Umstand eintritt, dass ihr Zauber erlischt, wird es peinlich für sie, die die Verehrung und Bewunderung, die ihnen entgegengebracht wird, nie so richtig verstehen, die nicht verstehen, warum andere Menschen ihnen erliegen, warum sie diesen Kredit an Liebe und Leidenschaft, der ihnen zinsfrei gewährt wird, überhaupt verdienen – die das nicht einmal wollen, sich mit der Zeit aber daran gewöhnen und im Vertrauen auf ihre unerklärliche Strahlkraft plötzlich anfangen, eine Rolle zu spielen, was sie wieder zu gewöhnlichen Menschen werden lässt – was ihnen vielleicht sogar recht ist.

Die magische Aura, von der ich spreche, umgibt nur jene, die sich im Zustand der reinen Unschuld befinden, die sich in Harmonie mit der Schöpfung wissen, die auf fantastische Weise neugierig sind, die keine Schuldzuweisungen treffen und sich nicht strategisch durchs Leben schlagen.

Auf sie fällt ein Licht, das nur von wenigen wahrgenommen wird, was ihnen aber egal ist. Erst wenn sie sich der Wirkung auf ihre Mitwesen bewusst werden und sich die Eitelkeit ihrer Unschuld bemächtigt, ist es vorbei mit der von wem auch immer verliehenen Zauberkraft. Schnipp, einfach so.

Das ist eine nicht einfach zu handhabende Situation für diejenigen, die so lange in ihrem Bann gestanden haben und denen nun der Adressat für ihre Bewunderung abhanden gekommen ist. Ich spreche von den „Vergötterern“ unter uns, von denen, die, und jetzt drehe ich die Geschichte wieder um, von Frauen nichts anderes verlangen, als eine Vollmacht zum träumen.

Ein Vergötterer, und ich zähle mich durchaus dazu, ist im Grunde genommen ein Egoist, der das Dickicht zwischenmenschlicher Beziehungen so gut es eben geht zu meiden versucht, weil er sich nicht in Missverständnissen und trivialen Auseinandersetzungen verheddern möchte, die offensichtlich zum Standardprogramm zwischen den Geschlechtern zu gehören scheinen.

Wie hatte Gala Djakorowa (1894 – 1982), die Muse von Salvador Dali, Max Ernst und Paul Éluard, gesagt:

„Im täglichen Leben sind es die kleinen, schäbigen Anforderungen, die uns zerfressen wie Termiten selbst große Bauwerke“.

Das ist wohl wahr, deshalb suchen wir Romantiker bewusst nach Frauen, die dem Träumer geben, was des Träumers ist: die perfekte Illusion.

Natürlich findet man solche Frauen nicht an jeder Ecke, manch einer von uns findet sie nie, was gelegentlich dazu führt, dass man sich die anfängliche Faszination einer Begegnung zunutze macht, um sich die Person schön zu reden, schön zu denken und schön zu fühlen, schließlich muss man seiner unerfüllten Sehnsucht nach wahrer Liebe gelegentlich Futter geben. Männer, die das tun, kreieren Fantasiefiguren, sie machen ihre Auserwählten zu nichts ahnenden überforderten Opfern.

Zu dieser Sorte gehöre ich nicht. Nicht seitdem mir schon im zarten Alter von dreizehn Jahren die drei Jahre ältere schöne Lilofee begegnet war. Ihr Bild ist mir in die Seele gebrannt. Die von Sehnsucht und Schüchternheit durchtränkte Affäre wirkt bis heute nach. Mit dem Gedanken an Lilo scheint mir von ganz alleine zu gelingen, was Kafka als die eigentliche Aufgabe des Künstlers bezeichnete: das isoliert Sterbliche ins unendliche Leben hinüber zu führen. Die Narren, die daran den größten Gefallen finden, wissen um ihr Los: sie bleiben allein. Frauen lieben romantische Träumer, aber ihr Leben bauen sie an der Seite von Notaren.

Damals sangen wir in der Schule noch gutes deutsches Liedgut. Das Lied von der schönen Lilofee zum Beispiel. Es traf mich jedes Mal mitten ins Herz:

„Es freit ein wilder Wassermann/ hoch droben über dem See/ des Königs Tochter wollt er ham/ die schöne junge Lilofee…“

Die Liebe hat sich mit Lilo gebrüstet, als sie sich mir vorstellte. Lilo war das Goldpapier, in das ich die Trivialität meines jugendlichen Alltags wickelte. Es gehörte damals zu meinen Pflichten, die Schuhe der Familie zu putzen. Ich erledigte das im Kohlenkeller, zusammen mit Freunden aus dem Haus, die sich zu ähnlicher Fronarbeit verpflichtet hatten, um den Eltern für eine Stunde zu entkommen. Wir hockten auf einem Haufen Eierbriketts und genossen die Abendstunde in der Unterwelt.

Ausgerechnet ich war es, der den männlichen Geheimbund des Öfteren im Stich ließ. Ich zog es vor, auf der anderen Straßenseite bei Wind und Regen auf dem Rasen zu stehen und erhobenen Hauptes darauf zu warten, dass sich Lilos Silhouette hinter den Gardinen bemerkbar machte. Irgendwann zog ihre Familie fort. Niemand wusste wohin. Die Siedlung war trist ohne sie. Was mir zuvor wie der Garten Eden erschienen war, entpuppte sich als das, was es war: ein Vorstadt-Slum von kaum zu überbietender Hässlichkeit.

So ist das, wenn ein Traum an der Realität zerschellt. Früher oder später passiert das immer. Der Träumer weiß das, er ist darauf vorbereitet. Er leidet nicht einmal sonderlich darunter, er sieht sich nur erstaunt um.

Er weiß, dass er sich jetzt mit dem zufriedengeben muss, was ihn umgibt: uninspirierte, hilflose Geschöpfe, die sich in unserer erbarmungswürdigen Konkurrenzgesellschaft ein Rattenrennen voller Hinterhältigkeiten liefern, welches sie zu emotionslosen Krüppeln verformt, in denen ein seelisches Wachstum kaum mehr möglich ist. Damit muss er jetzt klarkommen.

So schwer ist das gar nicht. Man reduziert seinen Umgang einfach auf die wenigen Freunde, die sich dieses Etikett im Laufe der Zeit verdient haben. Meist sind es nicht mehr als eine Handvoll. Das reicht aber, denn der Vergötterer weiß, dass nur der Verzicht ihn wahrhaft adelt. Der Verzicht ist eine Kunst, an der man aufs trefflichste gedeihen kann. Das Paradoxe ist, dass sich Frauen von Männern, die diese Kunst beherrschen, extrem angezogen fühlen. Womit sich die Tür für das nächste himmlische Abenteuer wieder sperrangelweit geöffnet hätte …

Ich muss an dieser Stelle eines klarstellen: wenn ein Mann von der magischen Aura einer Frau fasziniert ist und ihr verfällt, ist er kein Spinner, wie selbst seine Freunde nicht müde werden zu betonen. Er begibt sich nur in eine andere Realität. In ihr ist er zuhause, dort atmet er anders, sein Blut pulsiert in einem anderen Rhythmus, es fühlt sich an, als sei es mit Sternenstaub versetzt.

Seine Gedanken an diese Frau kommen nicht einzeln daher, sie verbinden sich zu einem schützenden Kokon, in dem er durch den Alltag schreitet, stets mit einem Lächeln im Gesicht und zu jedermann freundlich. „Du siehst gut aus.“ Diese Worte hört er immer wieder, wenn er auf der Straße Bekannten begegnet. Sie umgeben ihn wie ein Mantra.

Vor kurzem fand ich einen Text der US-amerikanischen Autorin und Heilerin Sophie Bashford mit dem Titel ‚Wenn du dich entscheidest, eine erwachte Frau zu lieben‘. In ihm heißt es:

Wenn du die Aura und den Körper einer Frau betrittst, deren spirituelles Feuer hell brennt, akzeptierst du, dass ein bestimmtes Niveau an Risiken und Gefahren auf dich wartet. Dein Leben wird nicht schläfrig bequem sein in dieser Zeit. Dein Leben wird nicht zulassen, dass du in alten Spuren läufst oder in stagnierenden Routinen. Dein Leben wird einen radikal neuen Duft und Geschmack annehmen.

Recht hat sie, ich kann das bestätigen. Sie spricht in dem Artikel auch von elektrischen Schockwellen, die man aussendet, von einem spirituellen Licht, das durch unsere Chakren rast und uns auf eindrucksvolle Art mit dem Universum verbindet. Von dem plötzlichen Verlust dieser Wonnen spricht sie nicht. Er ist nicht zu erklären.

Die andere Realität, von der ich sprach, ist ein sehr verletzbares Gebilde, vergleichbar einer Seifenblase. Manchmal reicht eine kleine Bemerkung der Liebsten, um die Blase zum Platzen zu bringen, manchmal findet man überhaupt keine Erklärung für das Verschwinden des Zaubers. Schuld an der plötzlichen Ernüchterung aber ist keiner der Beteiligten. Auch die Ernüchterung bleibt ein Mysterium, das man zu akzeptieren hat.

Die Dichter sind schlau, sie schreiben das unerwartete Glück fest. Ihre Verse dienen den verlassenen Vergötterern als Feuerstelle, an dem sie sich die Seele wärmen – bis zur nächsten Illusion, in denen es der Dichter Worte nicht mehr bedarf.

Ein Meister solcher Worte ist der 1973 verstorbene chilenische Dichter Pablo Neruda. Hier sein Gedicht „Die Königin“:

Größere gibt es, größer als du.
Reinere gibt es, reiner als du.
Schönere gibt es, schöner als du.
Doch du bist die Königin.

Wenn du durch die Straßen gehst,
erkennt dich keiner.
Niemand sieht deine Krone aus Kristall,
niemand schaut
den Teppich aus rotem Gold,
den jeder Schritt von dir betritt,
den Teppich, der gar nicht da ist.

Und wenn du erscheinst,
rauschen alle Flüsse
in meinem Körper auf, rütteln
die Glocken am Himmel,
und ein Hymnus erfüllt die Welt.

Nur du und ich,
nur du und ich, meine Liebe,
hören ihn tönen.

Natürlich hätte es jede einzelne Frau verdient, dass es jemanden in ihrem Leben gibt, der auf den Grund ihrer Seele schauen kann. Es gäbe so viel zu sagen über Frauen. Über Frauen und Jahreszeiten, über Frauen mit Hund, über arme und reiche Frauen, über Frauen, die sich aus dem Gespinst dunkler Begegnungen lösen, über schwangere Frauen, über Frauen, die auf ihrer Hochzeit im Garten heimlich den Geliebten verführen, über die Frauen von Helsinki, über Frauen, die zu souveräner Trauer finden, wenn die Schwester sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, über Frauen am Mikrofon, über lesbische Frauen, über Frauen, deren Augen auf zerknitterten Schwarzweiß-Fotos strahlen, als könnte nichts und niemand ihnen etwas anhaben. Aber selbst der stärkste Vergötterer sieht sich dabei überfordert, denn heilig sind wir nicht. Noch nicht …

 


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien unter der Überschrift „Eine Ode an die Träumer unter uns“ bei Kenfm.de und wurde von Neue Debatte übernommen. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben. Wir danken Dirk C. Fleck für die Zustimmung der Übernahme und Veröffentlichung auf Neue Debatte.



Illustration: Neue Debatte

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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