Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Diskurs der Macht – das aktuelle Experiment

Wer anderen seine Meinung aufdrücken kann, setzt seine Interessen durch. Dieser Prozess ist einfach zu erkennen, wenn es um Verkaufswerbung geht: Wer sein Produkt erfolgreich als vergleichsweise bestes Erzeugnis anpreist, wird es gut verkaufen können. Schwieriger ist dieser Akt der Meinungsbildung zu erkennen, wenn es um politische oder moralische Positionen geht.

Der Begriff Sicherheit zum Beispiel ist ein Etikett, das gern auf politische Aktionen geklebt wird, auch wenn sie mit konkreter Sicherheit Einzelner oder der Sicherheit von Ländern nichts zu tun haben.

Ein Klassiker dieses politischen Marketings ist der Spruch von Peter Struck, seinerzeit SPD-Verteidigungsminister: „Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt.“ [1]

Schwer zu durchschauen? Diese Begründung für die deutsche Teilnahme am Afghanistankrieg hat genau das Gegenteil von Sicherheit erreicht. Nicht nur die Sicherheit der afghanischen Bevölkerung wurde durch den Krieg nicht „verteidigt“, sondern die der Deutschen nicht weniger – im Gegenteil: er brachte ihr den islamistischen Terror ins eigene Land. Das „Interesse“, das Struck mit seiner absurden Behauptung durchsetzen wollte war nicht „unsere Sicherheit“.

Sondern? Krieg spielen? Vasallentreue gegenüber den USA? Bei der Besetzung eines geostrategischen Zentralpunktes gegenüber der Sowjetunion dabei zu sein? Schwer zu erkennen?

Und: hat er seine Interessen durchgesetzt? Die Bevölkerung hat die Kriegsteilnahme jedenfalls – bis heute nicht – nicht geschluckt. Das „Argument“ der „Sicherheit“ hat sie also – damals noch – nicht geschluckt. Dazu hat es erst noch des „islamistischen Terrors“, zunächst in Europa, dann schließlich in Deutschland selbst, mit dem Höhepunkt am Berliner Weihnachtsmarkt bedurft.

Man sieht: Um jemandem eine Meinung aufdrücken zu können reicht es nicht, die Meinung auszudrücken. Es bedarf eines anderen Mediums, als dessen, in dem Meinungen sich bewegen und bewegt werden: der Sprache, beziehungsweise des Sprechens. Es bedarf der „Belege“, also eines Beweises durch etwas außerhalb des Sprechens.

Diese „Belege“, wenn es sie denn gibt, erscheinen so überzeugend, dass sie einen um den Verstand bringen (können): wie der Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt. Oder denken Sie an das kleine Glasfläschchen in der Hand von Colin Powell, mit dem der amerikanische Außenminister vor dem UN-Sicherheitsrat [2] im Februar 2003 den Besitz von Massenvernichtungswaffen in der Hand der irakischen Armee „bewies“.

Das Zeigen allein reicht aus, um uns zu überzeugen. Die Ebene der Bilder – sie erreicht ihre volle Bedeutung mit dem „bewegten Bild“. Hier hat die „Sprache der Bilder“ die entscheidenden Eigenschaften des Sprachgebrauchs gewonnen: eine Meinung ausdrücken und damit aufdrücken zu können. Es genügt nämlich allein: etwas zu zeigen, was „überzeugt“.

Dieses Prinzip kennen wir von der „Lüge“. Ob eine Lüge überzeugt, hängt allein von der Überzeugungskraft dessen ab, was der Lügner sagt – nicht davon, was er denkt, oder weiß. „Etwas anderes sagen, als man denkt“: die klassische Definition der Lüge nach Augustinus [3].

Die Möglichkeit zur Lüge hat ihre Bedingung in der Struktur der Sprache: der Unabhängigkeit der beiden Ebenen des Bezeichneten und des Bezeichnenden. Dies erlaubt, zum Beispiel etwas zu sagen, zu zeigen, was der Angesprochene hören, sehen will, damit er dem zustimmt, was er hört, den Willen des Sprechers erfüllt, entsprechend handelt. Das funktionierte nicht, wenn der Sprecher dem Angesprochenen sagte, was er von ihm will, wenn er seine Absicht offen legte, vielmehr bedarf es einer anderen Aussage, einer, die bewirkt, die den Angesprochenen dazu bewegt, das zu tun, was der Sprecher will.

Diese (binäre) Grundstruktur der Sprache, die dem Sprecher die Möglichkeit bietet, den Zuhörer zu täuschen, ohne dass dieser sich sicher sein kann, ob er getäuscht wird oder die Absicht belegen kann, macht es für den Zuhörer schwer zu entscheiden, ob er die „Wahrheit“ hört oder durch eine Lüge getäuscht wird, ob er getäuscht wird oder ob er einem Unwissenden zuhört. Wir hören nur, was gesagt wird – nicht was nicht gesagt wird, wir sehen nur, was uns gezeigt wird, das was nicht gezeigt wird, sehen wir nicht. Ob es verschwiegen wird, oder dem Sprecher nicht zur Verfügung steht, ist gleichbedeutend für den Hörer wie es gleichbedeutend ist, ob etwas nicht gezeigt oder versteckt wird.

„Verstecken durch Zeigen“ nennt Bourdieu (1996) diese in der Struktur der Sprache liegende Möglichkeit, das Medium des Bildes bereits in ihre Definition einbeziehend [4].

Die „Bedeutung“ beziehen die Bilder allerdings von der Deutung durch den Sprecher, beziehungsweise den Text, also von der sprachlichen Ebene her. So war es den Flugzeugen, die in die New Yorker Tower geflogen sind, nicht „anzusehen“, dass sie von islamistischen „Terroristen“ gesteuert wurden. Im Gegenteil, das Bild steigert noch die Unabhängigkeit der Aussage von seiner Bedeutung.

Die Bedeutung des Bildes für die Vermittlung, das Aufdrücken von Meinungen hat durch die Medien (zunächst Film, dann Fernsehen, schließlich Computer) aufs höchste zugenommen. „Verstecken durch Zeigen“ ist hier voll entfaltet.

Die Medien entfalten auch die Macht der Meinung aufs höchste, geben der Meinung die größte Macht: allein dadurch, dass sie ihr die größte Verbreitung verschaffen. Dadurch erreicht die Meinung mehr als nur den einen (oder vielleicht das anwesende Auditorium). Sprecher und Angesprochene sind nicht darauf angewiesen einander unmittelbar gegenüber zu treten, sondern sind – imaginär – miteinander verbunden: vermittelt durch die Medien (sic!).

Die Medien sind die entscheidenden gesellschaftlichen Vermittler und oft sogar Produzenten von Meinungen. Sie „organisier(en) und beherrsch(en) überall die öffentliche Kundgebung, die Zeugenschaft im öffentlichen Raum“ (Derrida 1993/95, S. 90f). „Dank der Vermittlung der Medien“ werden die unterschiedlichen Diskurse der politischen Klasse, der massenmedialen Kultur, und der akademischen Kultur miteinander verschmolzen. „Sie kommunizieren und zielen in jedem Augenblick auf den Punkt der größten Kraft hin, um die politisch-ökonomische Hegemonie und den Imperialismus zu sichern“ (Derrida, ebd., S. 91). Derrida nennt diesen Diskurs einen „herrschsüchtigen“ (ebd. S. 90f) [5].

Ein Diskurs ist mehr als das Reden zwischen Zweien. Er übersteigt die Situation der Dyade, ist nicht gebunden an die Anwesenheit der Teilnehmer, verselbständigt sich sozusagen gegenüber den Teilnehmenden. Insofern können Diskurse als Ensembles definiert werden.

Zwar sind die in einer Gesellschaft herrschenden Meinungen die Meinungen der Herrschenden, also der Mächtigen, Einflußreichen. Ihre Macht gewinnen sie aber erst dadurch, dass die Masse der Beherrschten sie übernehmen, ihr gemäß handeln.

Damit das geschieht, muss ihnen die Meinung etwas versprechen, was ihnen wichtig genug ist, darauf einzugehen – eine Begründung für die Übernahme der Meinung.
Dies herzustellen ist die Aufgabe des Diskurses der Macht.

Noam Chomsky spricht von „manufactoring consent“ – Zustimmung zum Diskurs der Macht.

Das Versprechen im Beispiel des „Krieges gegen den Terror“ war die „Sicherheit“, für die die Überwachung der Bevölkerung „in Kauf genommen“ werden musste, ebenso wie es „unsere Sicherheit“ gewesen sein soll, die vorgeblich „auch am Hindukusch verteidigt“ wurde.

Die versprochene Sicherheit, mit der die Notwendigkeit der militärischen Intervention im fernen Afghanistan oder die Überwachung der „eigenen“ Bevölkerung begründet worden ist, braucht nicht wirklich auch erreicht worden sein. Die Vermehrung der Kameras an öffentlichen Plätzen hat bisher jedenfalls die terroristischen Anschläge nicht verhindert. Verwirklicht wurde dagegen die Überwachung. Das Versprechen hat gewirkt: seine Wirkung bestand darin, dass die Überwachung hingenommen wurde.

Diese Wirkung des Versprechens liegt in der Möglichkeit des wichtigsten Mediums der Medien selbst: der Sprache; einerseits Handeln zu begleiten, (nachträglich) zu kommentieren, (für die Zukunft) zu versprechen – ohne feste Beziehung zum in Rede stehenden Handeln: Bezeichnetes und Bezeichnendes sind nicht miteinander „verlötet“, sondern übereinander frei flottierend.

Neben der Möglichkeit der Sprache, Handeln zu begleiten, zu kommentieren, zu versprechen gibt es die Möglichkeit, Sprechen selbst als Handlung zu gebrauchen, „performativ“ verwendet zu werden, eine Situation „performativ“ herzustellen: „Die Sitzung ist eröffnet“.

Für Gilles Deleuze und Félix Guattari ist die Sprache „dazu da, zu gehorchen und Gehorsam zu verschaffen“, der Befehl (die „Parole“, das Kennwort) sei die „Grundeinheit der Sprache“ (1980, S. 106f) [6].

Alfred Adler (1919) hat diese Funktion am Beispiel der Kriegsfreiwilligen und Kriegsbegeisterten des ersten Weltkriegs dargestellt. Die „Kriegsfreiwilligen“ seien der Parole zum Krieg, die die – kaiserliche – Macht ausgegeben hatte, „nicht aus Sympathie gefolgt, oder aus kriegerischen Gelüsten“, sondern als „Opfer einer falschen Scham“ (S. 13). „Zur Schlachtbank gezerrt, gestoßen, getrieben sah sich das Volk in tiefster Schande aller Freiheit und Menschenrechte beraubt“ (S. 15), „versuchte es der Schande seiner Entehrung sich unter die Fahne seines Bedrückers zu retten“ (S. 16) „und tat so, als ob es die Parole zum Krieg ausgegeben hätte“ (S. 15). Mit der Übernahme der Parole ihrer Peiniger (Bedrücker) „waren sie nicht mehr gepeitschte Hunde, die man gegen ihren Willen dem Kugelregen preisgab, nein, Helden waren sie, Verteidiger des Vaterlandes und ihrer Ehre“! [7]

Wir folgen der Parole des „Bedrückers“ – auch außerhalb des Krieges. Das Entscheidende an Adlers Analyse ist: die Parole muss erst als eigene ausgegeben werden, um gehorchen zu können.

Wir verleugnen das Gehorchen, indem wir so tun, als folgten wir dem eigenen Befehl. Darin realisiert sich der Subjekt-Charakter, den der Diskurs der Macht berücksichtigen muss. Die Macht ist: „(…) eine Weise des Einwirkens auf ein/mehrere Subjekte“, sie wirkt, indem sie „anstachelt“, „eingibt“, „ablenkt“. (Nur) „im Grenzfall nötigt oder verhindert sie vollständig; aber stets sofern die Subjekte handeln oder zum Handeln fähig sind. Stets bleiben die Subjekte ihrer Einwirkung als solche anerkannt“ (Michel Foucault 1982/1987, S. 255).

Damit ist auch die Grenze des Diskurses der Macht bezeichnet: erst indem wir ihr Folge leisten, kann die Parole ihre Wirkung ausüben. Die Grenze markiert also zugleich den Bereich der Psychologie: die Möglichkeit des Subjekts, nicht Folge zu leisten, sich der Parole der Macht zu verweigern – ebenso wie es eine Möglichkeit des Subjekts darstellt, ihr zu folgen.

Auch die Möglichkeit der Verleugnung dieser Möglichkeiten gehört in diesen Bereich der Psychologie. In Adlers Analyse begegnen wir der Verleugnung, den Parolen der Macht gefolgt zu sein und stattdessen so zu tun, als ob es die eigenen Überlegungen und Entscheidungen gewesen wären, denen man gefolgt ist. Damit wird zugleich auch die Macht verleugnet, der der Verleugnende nachgegeben, der er sich unterworfen hat – die andere Seite der Verleugnung der Ohnmacht, der Abhängigkeit.

Diese Grundstruktur des Sprechens, des Umgangs mit der Sprache macht die Sprache zum wirksamsten Mittel der Herrschaftsausübung – der „soften“, „smarten“ Gewalt, die das Subjekt seines Subjekt-Charakters nicht beraubt, das Subjekt als Subjekt anspricht, affirmiert – im Unterschied zur handfesten, gewalttätigen Gewalt, Polizei oder Militär oder ökonomischer Macht. Sie ist Bedingung dafür, dass aus Meinung Macht entsteht, entstehen kann – und sei es, die Macht der „Überredung“, Überzeugung, der Einsicht und so weiter.

Die zweite Bedingung dafür, dass (diese) Macht aus Meinung entstehen kann ist: der Zuhörer, Zuschauer muss dieser Meinung zur Macht verhelfen, zur Macht über ihn; er muss die Meinung annehmen, übernehmen, sich zu eigen machen, zu seiner eigenen Meinung, er muss zumindest so handeln, als ob er sie zu seiner eigenen Meinung gemacht hätte (Adler).

Um die Übernahme der Meinung des anderen geht es bereits in der Dyade: im Hin und Her von Rede und Antwort, als Austausch zwischen zweien, Ausdruck des emotionalen Bandes, das durch diesen Austausch aufrechterhalten wird.

Auch die mediale Vermittlung von Meinungen versucht, ein quasi-dyadisches Setting zu fingieren: sie bieten sich als Vermittler aller Informationen an, die wir brauchen, um uns im Alltag zu orientieren: Sie geben uns Ratschläge über das „richtige“ Verhalten, Denken, Anleitungen für die Wahrnehmung unserer Umwelt, und unserer Stellung in ihr, in der Welt, dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dadurch wirken sie normativ – aber im Modus des Nahelegens, Verführens, Drängens.

Die Sprachregelungen, Bewertungen, Ratschläge, Behauptungen, Parolen dieser Vermittlung entfalten ihre normative Wirkung, indem das Individuum sie übernimmt, sie weiterträgt in den Alltag seines Lebensraumes. Sie diffundieren in die Kommunikation der vergesellschafteten Individuen: in unseren Gesprächen mit den unterschiedlichen Gesprächspartnern geht es um die Vergewisserung der eigenen Position innerhalb des liturgischen Wechselgesangs täglichen Meinungsaustauschs, unserer „korrekten“ Haltung zu den Parolen des Diskurses der Macht.

Indem wir auf diese Weise in den Diskurs eintreten, uns an ihm beteiligen indem wir in den Chor des ceterum censeo eingestimmt haben, tragen wir wiederum bei zu seiner Aufrechterhaltung. Der Diskurs der Macht ist eine, wenn nicht die wichtigste Bedingung für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der psychologischen Mechanismen der Herrschaftsstabilisierung von Seiten der Beherrschten („kulturelle Hegemonie“). Der invisible immaterielle Link, zwischen dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse und den vergesellschafteten Individuen.

Die bereits im Gespräch zwischen zweien mögliche Differenz, Diskrepanz zwischen Versprechen und Erfüllung, Realität steigert sich im Diskurs der Macht zum Gegensatz, zur Verkehrung ins Gegenteil: Verkehrung von Krieg und Frieden, Verkehrung von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion. Beispiele: bereits die Begriffe, Bezeichnungen „Sicherheits-Konferenz“, „Verteidigungs-Ministerium“, „Innere Sicherheit„, Verantwortung für „Deutschland“ und so weiter.

Im – noch aktuellen – Fall der Corona-„Krise“ erreichte diese Verkehrung ihren – bisher – Schwindelerregenden Höhepunkt: die zum Schutz der Bevölkerung erklärten Maßnahmen beinhalteten die Außerkraftsetzung der Grundrechte der Bürger.

Mit der Begründung erhöhter Ansteckungsgefahr konnte jede öffentliche Versammlung (von mehr als 2 Personen) verboten werden. Die dringend erforderliche Kommunikation der Bürger konnte nur noch über das Netz erfolgen; die Vollendung des Orwell’schen Horror-Szenarios: die Überwachung selbst der Organisation des Protests gegen die Überwachung. Und 90 % der Bevölkerung sollen laut Meinungsumfrage (Wer produziert die Meinung der Umfragen?) die Maßnahmen befürwortet haben: sie vertrauen der Regierung, dass sie sie aus Sorge um ihr Wohlergehen entmündigt.

Wie war das möglich?

Was war das? Ein großes Experiment in Gehorsamkeit: Eine arglose nichts ahnende Bevölkerung wird ohne jede Vorbereitung „über Nacht“ dazu gebracht, alles zu vergessen, was ihr bisher wichtig gewesen war – alle Ziele, alle Bewegungen, alle Geschäfte, alle Kontakte; sozusagen wie durch einen „Blitzkrieg“, an dessen Morgen sie sich die Augen reiben, so schnell war die „Schwarze Null“ noch nicht vergessen, wie im atemberaubenden Auflegen der Finanz-Rettungspakete das Etappenziel gesichert worden war und Unterwerfung nur noch als Übersprungshandlung offen stand; als das Annehmen neuer Regeln des (Nicht-)Kontakts; den anderen nicht zu nahe an sich heranzulassen, ja ihn zurückzuweisen, wenn er mir zu nahe kommt, überhaupt misstrauisch gegen jeden, die bisherigen Regeln lauthals zu sanktionieren, zum Beispiel bisher übliche Einkaufgewohnheiten als „Hamsterkauf“ zu diffamieren, das nicht sofort einwilligende Denken zum Feind zu erklären.

Gewiss: ganz so naiv war die Bevölkerung auch vorher nicht; Unzufriedenheit hatte viele Gründe und Anlässe, auch Ängste, den bisherigen Standard zu verlieren, nach unten zu fallen breiteten sich aus und waren bereits weiter „nach unten“ gegeben worden.

Aber diese Reaktion hatte jetzt Verstärkung erfahren, ebenso wie das Erleben der Bedrohung.

Es ist ja auch bedrohlich, zu erfahren, zu hören, dass eine ungeheure Epidemie, die bereits in China, Wuhan viele Opfer gefordert hat, nun auch uns in Europa erreicht. Und verstehbar ist ebenso dankbar die vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen anzunehmen und darauf zu achten, dass auch die anderen diese befolgen.

Aber einigermaßen verblüffend ist, dass dies alles so ohne jede Frage geschieht, dass vereinzelter Widerspruch sofort aggressive Abwehr hervorruft, wie wir sie schon lange nicht mehr erlebt haben, wie wir sie eigentlich nur aus Zeiten kennen, in denen Kritik an den Handlungen des Staates zur Denunziation des Feindes geführt hatte.

Gut, man kann einwenden, dass zu diesem Zeitpunkt niemand die Anweisung aus dem Bundesinnenministerium (BMI) gekannt hatte, in der die Bearbeitung der Bevölkerung durch massive und geschlossene Angstkampagnen vorgeschlagen worden war – denn diese kursierte nur als Verschlusssache für den Dienstgebrauch [8].

Und Angst zu machen ist eine alte Herrschaftstechnik.

Aber trotzdem gab es nicht den Funken von Nachdenken: dass es ja sehr auffällig hätte sein müssen, dass dieselben Leute und Stellen, die keinerlei Vorsorge für den Fall getroffen hatten, dass die bereits seit Monaten laufende Epidemie auch zu uns kommen könnte – und es war ja nicht die erste Epidemie. Wie sich ebenfalls erst jetzt herausstellte, waren epidemiologische Forschungen, die in der Folge früherer Epidemien deren Erfahrungen berücksichtigen hätten können, eingestellt worden. Ebenso wie der gesamte Gesundheitssektor, sowohl personell als auch materiell privatisiert und damit dem Privat-Prinzip einzelner unterstellt und damit insgesamt abgebaut worden war.

Diesen Leuten nahm man die Sorge um uns ab?! Man nahm ihnen die Kompetenz ab, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen und Vorschläge machen können!

War Angst – vor der Gefahr des Virus – doch das Entscheidende, das das Denken ausgeschaltet? Die Angst, die Panik, die geschürt wurde durch unzureichende Information – sowohl über die Gefahren, vor denen sich zu schützen sei, als auch über das Wie des Schutzes.

Ununterbrochen wurden die neuesten Meldungen über steigende Zahlen – von Infizierten – durchgegeben, nur höchst selten wurden diese ins Verhältnis gesetzt zu den Zahlen der durch die Infektion Gestorbenen – wie Klaus Püschel, Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität Hamburg nachweisen konnte, war bis zum Anfang April noch kein einziger Mensch ohne Vorerkrankung an einer Corona-Infektion gestorben; nicht die Todesursache wurde mit Corona genannt, sondern die Zeit des Todes: „zur Zeit der Corona-Pandemie“! [9]

Ebenso wurden die Zahlen nicht ins Verhältnis zu den Zahlen anderer Jahre gesetzt, so dass das Gefühl des Schreckens an keinen Grenzen innehalten konnte. Nur nebenbei erfuhr man, dass in der Saison 2017/2018 rund 25.000 Menschen an Grippe gestorben waren – was zum Zeitpunkt der damaligen Epidemie keiner einzigen Erwähnung wert gewesen war [10].

Eine zentrale Rolle spielten bei der Entfesselung der Panik-Stimmung die Medien. In der Verschlusssache des Innenministeriums wird ihnen diese Aufgabe zugeschrieben, die Bevölkerung durch Angstkampagnen zur Zustimmung zu den neuen Verhaltensvorgaben und Einschränkungen zu bringen. Ihr geschlossenes Auftreten entspricht den Anweisungen des BMI.

George Orwell: aus schwarz mach weiß – diesen Hexensabbat haben wir wieder: die Verkehrung aller Begriffe in ihr Gegenteil.

Wir kennen das aus der Umkodierung der Werte der ’68er: „Autonomie, Selbstbestimmung, Emanzipation“, indem diese mit neoliberaler Bedeutung aufgeladen wurden (siehe: Boltanski & Chiapello) [11].

Allen voran „Solidarität“ wurde nun die fraglose Übernahme der Parolen, Ansagen der Regierung genannt, die „Volksgemeinschaft“ war nicht weit entfernt. „Zu ihrem Schutz“ wurde die Überlegung, ältere Menschen abzusondern begründet. „Verantwortungslos“ wird nun genannt, wer sich nicht bedingungslos „gleichschaltet“.

Auch wenn diese Verkehrungen an Menschenverachtung grenzten, grundlegende Selbstverständlichkeiten ethischer Gebote, ja des menschlichen Wesens schlechthin mißachten, so das Kontaktverbot, das den Großeltern den Kontakt mit den Enkeln verbot, von der praktisch vollständigen Schließung der Restaurants, Cafes, und Freizeiteinrichtungen oder dem Verbot öffentlicher Treffen und Demonstrationen zu schweigen, wurden sie mit einer nicht empirisch belegten „erhöhten Ansteckungsgefahr“ begründet, selbst wenn diese von Experten, die nicht zu den Regierungsberatern im weiteren Sinne zählten, bestritten worden war.

Die Statistiken der Anzahl der an Corona-Infektion Gestorbenen wurden inkorrekt geführt, man muss es Fälschung nennen.

Und trotzdem stellten sich die Millionen nicht ein, die zur Begründung der überzogenen Maßnahmen herangezogen worden waren. Und jetzt, wo die Zahlen einfach nicht steigen wollen, werden die „Ausnahme-Regelungen“ immer noch aufrechterhalten, ja sogar für die „Risiko-Gruppen“ verschärft; pauschal sollen ältere in Quarantäne abgesondert werden, gleichgültig, ob sie „Vorerkrankungen“ haben oder nicht, man droht sogar: solange bis es ein Serum gibt – das dann auch die verpasst bekommen werden, die keine Vorerkrankungen haben, also Zwangsimpfung!

Das dadurch beim Empfänger der Nachricht in Gang gesetzte Denken folgt dem Mechanismus der „Nachträglichkeit“ des Diskurses (Jacques-Marie Émile Lacan): die Schwere der Maßnahme wird als „Beleg“ wahrgenommen für die Schwere der Gefährdung, gegen die die Maßnahme gerichtet zu sein behauptet.

Dasselbe gilt auch für die Taktik, die Maßnahmen immer wieder zu verlängern und nur „in kleinen Schritten“ (Angela Merkel) abzubauen ebenso wie gleichzeitige Erklärung der nicht mehr zu verheimlichenden Tatsache, dass die vorausgesagten Zahlen nicht erreicht werden, mit dem „Erfolg der Maßnahmen“ [12].

Und es ist verführerisch: Wer will nicht den Lohn für die Entbehrungen selbst einstreichen? Und sie können bei der Größenfantasie der „Kriegsfreiwilligen“ nach Adler bleiben. Denn sie können sich als Sieger fühlen. Dass das Gegenteil der Fall ist, wird um so schwerer zur Kenntnis gelangen, wird geradezu verhindert: die Geschichtsschreibung ist gemacht. Für die Finanzpakete zu zahlen ist jedoch ihre eigentliche Aufgabe.

Als Psychoanalytiker kommt man nicht umhin, an anderes zu denken, als an die uns unter die Nase gehaltenen Begründungen, entweder Überreaktion mit dem vorangegangenes Versagen bei der Vorsorge verdeckt werden soll oder Ausnützen der sich bietenden Gelegenheit, Probleme zu lösen, die unter zivilen Bedingungen auf Widerstand gestoßen wären, oder die Versuchung zum Staatsstreich und das Ausprobieren, wie weit die Bevölkerung das mit sich machen lässt:

„Wir alle sind in einem riesigen psychologischen Experiment“, meinte der Psychologe – was er nicht sagt: ein Experiment über die Wirkungsweise des Diskurses der Macht – gerade rechtzeitig vor der Krise: darauf haben sie sich gut vorbereitet.


Quellen und Anmerkungen

[1] Telepolis (13. Dezember 2002): „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“. Auf https://www.heise.de/tp/features/Die-Sicherheit-Deutschlands-wird-auch-am-Hindukusch-verteidigt-3427679.html (abgerufen am 28.04.2020).

[2] The Intercept (6. Februar 2018): Lie After Lie: What Colin Powell Knew About Iraq 15 Years Ago and What He Told the U.N. Auf https://theintercept.com/2018/02/06/lie-after-lie-what-colin-powell-knew-about-iraq-fifteen-years-ago-and-what-he-told-the-un/ (abgerufen am 29.04.2020).

[3] Zentrum für Auguistinusforschung (13. Februar 2019): Was Augustinus über das Lügen dachte. Auf https://www.augustinus.de/home/nachrichten/699-was-augustinus-ueber-das-luegen-dachte (abgerufen am 29.04.2020).

[4] Pierre Félix Bourdieu (1930 – 2002) war ein französischer Soziologe und Sozialphilosoph. Er gilt als einer der einflussreichsten Soziologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

[5] Jacques Derrida (1930 – 2004) war ein französischer Philosoph. Er gilt als Begründer der Dekonstruktion, einer Methode des kritischen Hinterfragens und Auflösens eines Textes im weiteren Sinn. Derrida sWerk beeinflusste die Philosophie und Literaturwissenschaft in den USA und Europa. Zu seinen wichtigsten Werken zählen Die Stimme und das Phänomen sowie Grammatologie (beide 1967) und Randgänge der Philosophie (1972).

[6] Gilles Deleuze und Félix Guattari entwickelten in ihrem gemeinsamen Werk Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie (Original: Capitalisme et schizophrénie. L’anti-Œdipe; 1972/1980) die Schizoanalyse als Gegenentwurf zur und Kritik an der Psychoanalyse.

[7] Alfred Adler (1870 – 1937) war ein Arzt und Psychotherapeut aus Österreich. Er ist der Begründer der Individualpsychologie. Adler sah den Menschen nicht von Trieben bestimmt, sondern als freies Wesen, das die kulturellen Aufgaben lösen muss, die ihm das Leben stellt. Im Menschenbild Adlers hat das Individuum eine Sozialnatur, die von einem Gemeinschaftsgefühl geleitet ist. Adler ging ebenfalls davon aus, dass mangelnde Entfaltung der weiblichen Persönlichkeit zur Zerstörung ihrer Selbstachtung führt und daraus negative Folgen für die Erziehung der Kinder entstehen können. Er hielt die Entfaltung der weiblichen Persönlichkeit für unbedingt notwendig für die seelische Entwicklung der Frau.

[8] Frag den Staat (1. April 2020): Corona-Strategie des Innenministeriums: Wer Gefahr abwenden will, muss sie kennen. Auf https://fragdenstaat.de/blog/2020/04/01/strategiepapier-des-innenministeriums-corona-szenarien (abgerufen am 29.04.2020).

[9] NDR.de (28. April 2020): Rechtsmediziner Püschel: „Angst ist überflüssig“. Auf https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Rechtsmediziner-Pueschel-Angst-ist-ueberfluessig,pueschel306.html (abgerufen am 29.04.2020).

[10] Der Tagesspiegel (30. September 2019): Rund 25.000 Todesfälle durch Influenza: Stärkste Grippewelle der vergangenen 30 Jahre in der Saison 2017/2018. Auf (abgerufen am 30.04.2020).

[11] Luc Boltanski und Ève Chiapello (1999): Der neue Geist des Kapitalismus (Original: Le nouvel Ésprit du Capitalisme).

[12] Westfalen Blatt (15. April 2020): Die große Kunst kleiner Schritte. Auf https://www.westfalen-blatt.de/Ueberregional/Meinung/4187124-Kommentar-zur-Lockerung-der-Corona-Regeln-Die-grosse-Kunst-kleiner-Schritte (abgerufen am 30.04.2020).



Illustration: Neue Debatte

Psychologe und Psychoanalytiker bei | Webseite

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder (Jahrgang 1941) ist Psychoanalytiker, Psychologe, Hochschullehrer und Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP). Er studierte unter anderem in Würzburg und Heidelberg Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaften und habilitierte 1982 mit der Arbeit „Psychologie ohne Bewusstsein: Die Geburt der behavioristischen Sozialtechnologie“. Seit Anfang der 1990er Jahre ist er an der Freien Universität Berlin tätig. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören 'Subjektivität und Postmoderne. Der Diskurs der Psychologie' (Suhrkamp 1993); 'Jugend. Psychologie einer Kultur' (Urban & Schwarzenberg 1984), 'Psychologie ohne Bewusstsein. Die Geburt der behavioristischen Sozialtechnologie' (Suhrkamp 1982) und 'Lüge und Selbsttäuschung' (Vandenhoeck & Ruprecht 2009).

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