Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Nach der Kritik: Ein Karneval der Konstruktivität

Die Befreiung von der Voraussetzung, selbst eine Zeitung besitzen zu müssen, um die eigene Meinung oder Sichtweise einem größeren Publikum kundzutun, sondern in welcher Form auch immer im digitalen Äther der Meinungsbildung mitmischen zu können, ist ein möglicher, gewaltiger Schritt zu einer Form der Demokratisierung des gesellschaftlichen Diskurses.

Vorlieben: Demaskierung, Skandal, Empörung

Vielen, und nicht nur bestimmten „Mediengruppen“, ist diese Möglichkeit ein Dorn im Auge. Zum einen, weil sich dort eben auch Stimmen zu Wort melden, deren Quintessenz kurz mit dem Terminus „barbarisch“ beschrieben werden können. Zum anderen, weil die offizielle Sichtweise, das heißt, die Sichtweise derer, die die Politik bestimmen und die ihre Interessen durchsetzen, zunehmend entlarvt und gestört wird.

Das wahrhaft Demokratische an dem leichten Zugang zur Publikation wird dann auch gerne mit den barbarischen Varianten diskreditiert. Der auf dieser Seite artikulierte zunehmende Wunsch nach Zensur ist allerdings ebenso barbarisch.

Die technische Voraussetzung zur freien und kritischen Meinungsäußerung ist das Eine. Das Andere ist der Fokus. Nach eineinhalb Dekaden der Debatten in Foren und sozialen Medien ist festzustellen, dass die Phase der Enthüllung dessen, was nicht im Sinne einer demokratischen Mehrheit funktioniert, erschöpft ist. Was sich etabliert hat, ist eine große Vorliebe an der Demaskierung, am Skandal, an der Empörung.

Analyse und Kritik als Teil eines Prozesses

Alles hat seinen Sinn, sofern es zu einer Form der Konkretisierung von Gegenentwürfen kommt. Die Haltung, die dazu erforderlich ist, ist weitaus schwerer durchzuhalten als die der bloßen Kritik. Nicht, dass die vielen Enthüllungen, auf die wir zurückblicken, unnütz oder vergeblich waren! Ohne sie stünden wir nicht da, wo wir uns befinden.

Wir besitzen eine klare Vorstellung davon, wie das System des Wirtschaftsliberalismus funktioniert, was es geschaffen und was es vernichtet hat. Und die gegenwärtige Krise ist dazu geeignet, eine Zwischenbilanz zu ziehen, die nur eine Schlussfolgerung zulässt: Dass nämlich die Analyse und die Kritik nur Teil eines Prozesses sein können.

Und nun beginnt die wesentlich schwerere Episode im Prozess der Umgestaltung. Es geht um die konkrete Ausgestaltung dessen, was sein soll. Wie soll denn die Politik der nächsten Jahre – die, ohne Übertreibung, entscheidend sein wird für den Fortbestand der Gattung in dieser Form – aussehen? Sie wird kaum von jenen gestaltet werden, die sozialisiert wurden in dem großen Destruktionsprogramm der vergangenen Phase. Was erforderlich sein wird, ist ein wahrer Karneval der Konstruktivität. Die Fragen, um die es gehen wird, liegen auf dem Tisch.

Zentral: Haltungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten

Um eine den Perspektiven der Zukunft gemäße Bildungspolitik zu betreiben, müssen wir eine Vorstellung davon haben, was die Menschen, von denen wir reden, für Haltungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen. Alles andere geht von dieser Frage aus.

Um einen ökologischen Umbau gestalten zu können, müssen wir die Zustände beschreiben, in denen wir und die nachfolgenden Generationen tatsächlich leben wollen, es muss beschrieben werden, wie und wo sie arbeiten, wie sie wohnen, wie sie sich fortbewegen.

Was Ökonomie und Arbeit betrifft, so muss formuliert werden, was gesellschaftlich geschieht, wenn Arbeit im privaten Produktionsprozess massenweise überflüssig gemacht wird, die gesellschaftlichen Aufgaben jedoch steigen.

Es muss die Frage beantwortet werden, wie es gelingen kann, eine gesellschaftlich nützliche Produktivität jenseits des Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital entstehen zu lassen. Und es muss geklärt werden, wie eine, dem Sinn des Wortes entsprechende, Landesverteidigung aussieht.

Der Kanon der Fragen geht ins Unendliche. Es muss damit begonnen werden, konstruktive Wege aufzuzeigen. Das Ergötzen an der Enthüllung hat dann ein Ende, wenn es gelingt, Konstruktivität attraktiver zu machen als den Akt der Empörung. Das ist in der Tat sehr anspruchsvoll, aber, gelingt es nicht, war vieles umsonst.



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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