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Coronakrise: Die Ursachen dürfen nicht als Lösung verpackt werden

Die Umwelt wird zunehmend zum systemrelevanten Akteur – anstelle der Banken. Soll es nach der Coronakrise wieder heißen „Wirtschaftswachstum über alles“, als ob es keine Alternative gäbe? Es wäre fatal, der Krise mit alten Rezepten zu begegnen. Sie sollte als Chance für eine Wende zur Nachhaltigkeit genutzt werden.

Wir betreten gerade ein neues geochronologisches Zeitalter: das Anthropozän. Zum einen ist der Mensch zu einem zentralen Faktor in biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozessen geworden. Zum anderen wird die Erde selbst zum gesellschaftlichen Akteur – so der Soziologe Bruno Latour.

Wenn ein winziges Virus die globale Wirtschaft lahmlegen kann, wie wird es mit der fortschreitenden Erderwärmung? Nicht etwa die Fridays-for-Future-Bewegung ist die eigentlich treibende politische Kraft, sondern die Umwelt an sich. Sie vertritt eine äußerst radikale Ausrichtung und lässt uns heute kaum eine Wahl. Den Systemwechsel in unserer Gesellschaft wagen? Ob es eine radikale Wende geben wird, diese Frage stellt sich heute nicht mehr. So oder so werden sich die Weltwirtschaft und unsere Lebensweise massiv verändern, schon vor 2050. Die einzige Frage ist, wie: „by disaster“ oder „by design“.

Die erste Option lässt sich unter anderem in den Berichten des Weltklimarats [1] nachlesen. Was der Klimawandel mit sich bringt, ist schlicht beängstigend. In Paris beschloss die Staatengemeinschaft 2015 eine Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius. Tatsächlich steuern wir gerade auf ein Drei-Grad-plus-Szenario zu.

Gegenzusteuern hieße für Deutschland: Den Kohleausstieg vor 2030 vollziehen und bereits jetzt erste Kohlekraftwerke abschalten, Straßen- und Flugverkehr halbieren, eine stärkere Regionalisierung, eine andere Landwirtschaft und vieles mehr.

Gemessen daran erinnert das Klimapaket der Bundesregierung [2] im September 2019 an eine Beruhigungspille. Bescheidene Korrekturen sind zwar erkennbar, ein Sinneswandel jedoch nicht. Denn dieselbe Regierung hat einige Wochen später das Tempolimit auf deutschen Autobahnen abgelehnt. Sie hält am Freihandelsabkommen Mercosur mit Lateinamerika fest, um Monokulturen und Rinderzucht auszuweiten, obwohl der Amazonas brennt. Der Deal ist jedoch im deutschen Interesse. Er lautet „cars for cows„, Autos gegen Rinder.

Wo eine Ideologie herrscht, tendieren Menschen dazu, die Ursachen der Probleme als Lösung zu verpacken.

Nachhaltig ist eine Entwicklung, die sich gegen evolutionäre Sackgassen richtet. Bei dieser Definition ist Nachhaltigkeit eine Notwendigkeit. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand der moderne Nachhaltigkeitsbegriff als Reaktion auf die erste große Krise, die die europäische Wirtschaft lahm legte. Was damals die Holzknappheit war, ist heute eine „Multiple Krise“ (Ulrich Brand). Wie sollen wir damit umgehen?

In seiner historischen Studie „Kollaps“ von 2005 beschäftigte sich der US-Biogeograf Jared Diamond mit der Frage, warum Gesellschaften untergehen oder überleben. Seine zentrale These: In den meisten Fällen liegt es nicht am Problem selbst, sondern an der Art und Weise, wie eine Gesellschaft darauf reagiert.

Die eigentliche Gefahr ist also nicht der Klimawandel oder eine erneute Wirtschaftskrise: Es sind die kulturellen und sozialen Verhältnisse, die eine geeignete Reaktion verhindern.

Dort, wo eine Ideologie herrscht, tendieren Menschen dazu, die Ursachen der Probleme als Lösung zu verpacken. Man denke an das „Wirtschaftswachstum“, in unserer Gesellschaft oberstes Staatsziel, ein Dogma, ein Allheilmittel. „Wirtschaftswachstum“ ist jedoch nur eine Illusion auf den Wohlstandsinseln. Es lässt sich nur so lange aufrechterhalten, wie seine ökologischen und sozialen Kosten nicht vollständig in der Rechnung berücksichtigt werden. Sogar die ökonomischen Kosten (Finanzkrise, Staatsverschuldung und ähnliche Folgen) werden oft verdrängt.

Auch der Mythos vom unaufhaltsamen technischen Fortschritt fördert eine gefährliche Selbstüberschätzung. Der Glaube daran dient vor allem dazu, sich am bestehenden System festzuklammern. Diesel und Benziner durch Elektroautos zu ersetzen, ist keine Lösung, sondern lediglich eine Verlagerung des Problems.

Wieso soll es keine Alternative geben, Frau Thatcher?

Schon die britische Premierministerin Margaret Thatcher prägte in den 1980ern das eigentliche Motto der neoliberalen Globalisierung: „There is no alternative“. Es gibt keine Alternative zur Liberalisierung, Privatisierung, Kapitalismus – als ob eine profit- statt gemeinwohlorientierte Ökonomie unser Schicksal sei.

Eine solche „Monokultur“ ist für Krisen jedoch besonders anfällig. Von der Coronakrise sind vor allem Länder betroffen, die ihr Gemeinwesen abgebaut und privatisiert haben, das Gesundheitswesen inbegriffen. Für die Resilienz von sozialen Systemen ist die kulturelle Vielfalt (zum Beispiel eine plurale Ökonomik) genauso wichtig, wie es die Biodiversität für Ökosysteme ist. Kulturelle Vielfalt bietet ein breiteres Spektrum an Lösungsoptionen statt des immer gleichen Mantras von Wachstum und Privatisierung. Nur dort, wo verschiedene Perspektiven in einen Dialog auf Augenhöhe treten können, sind jene individuellen und kollektiven Lernprozesse möglich, die es braucht, um evolutionäre Sackgassen zu meiden, so Jürgen Habermas.

Was aus historischer Sicht immer wieder wesentlich zum Untergang von Zivilisationen beiträgt, ist die soziale Ungleichheit. Zu diesem Ergebnis kam unter anderem eine Studie [3] der amerikanischen Wissenschaftler*innen Safa Motesharrei, Jorge Rivas und Eugenia Kalnay im Jahr 2014.

Auf Grund ihres Wohlstands sind die Eliten viel später als die Massen von den Auswirkungen schwerer Krisen betroffen. Deshalb reden sie sich noch im Angesicht der Katastrophe ein, man könne so weitermachen wie bisher.

Strukturen der sozialen Ungleichheit ermöglichen es den Begünstigten, die Vorteile einer Entwicklung – also die Profite, die Ressourcennutzung und ähnliche Privilegien – zu internalisieren und gleichzeitig die Kosten (Benachteiligung, Umweltverschmutzung, Konflikte) zu externalisieren. Das Coronavirus verbreitete sich weltweit durch die Reichen, die den klimaschädlichen Luxus des Fliegens genießen. Für sie gelten offene Grenzen, anders als für Flüchtlinge. Doch wo macht der Coronavirus am meisten Opfer? In den USA sind Afroamerikaner in weitaus größerem Umfang betroffen, als andere Bürger. Die Gründe? „Armut, schlechte Gesundheitsversorgung, soziale Benachteiligung.“ [4] Auch ohne Coronavirus sterben dauerhaft arme Menschen zehn Jahre früher als der Rest der Bevölkerung, selbst in Europa. [5]

Der Massenkonsum der Industrienationen wird zum großen Teil durch Rohstoffe aus Entwicklungsländern und die Arbeit aus Niedriglohnländern ermöglicht. Die Industrieländer haben den größten Teil der Treibhausemissionen verursacht. Den höchsten Preis für den Klimawandel zahlen jedoch die ärmeren Länder. Der Himmel über dem Ruhrgebiet ist wieder blau, weil die schmutzige Produktion in Länder wie China oder Indien verlagert worden ist.

Banken und Autoindustrie müssen sich vor Krisen kaum fürchten, denn sie gelten als „systemrelevant“: Sie sind „too big to fail“, der Staat springt am Ende immer ein. Doch wer sind die Leidtragenden der Sparmaßnahmen, wenn die Staatsverschuldung wieder wächst? Zu oft werden die Kosten sozialisiert und die Profite privatisiert.

Wer die Probleme verursacht, muss selten für die gesellschaftlichen Folgen haften. Hingegen wird die private Anhäufung von Reichtum als Vollkaskoversicherung gegen jede Krise erlebt. Das trügerische Sicherheitsgefühl unter den Eliten steigert die Risikobereitschaft der Entscheidungsträger zusätzlich – ein Phänomen, das „Moral Hazard“ genannt wird.

Politische Entscheidungen werden selten von Menschen getroffen, die die gesellschaftliche Entwicklung aus der Perspektive der Benachteiligten erleben. Wer in einer kleinen Wohnung mit der Familie bleiben muss, erlebt eine wochenlange Ausgangssperre ganz anders als jene, die in einem großen Haus mit Garten wohnen.

Selbst in Deutschland ist das Parlament kein Abbild der Gesellschaft: „Obwohl laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes nur 14 Prozent der Bevölkerung über ein abgeschlossenes Hochschulstudium verfügen, sind mehr als 80 Prozent der Abgeordneten Akademiker“, so der Politikwissenschaftler Armin Schäfer. [6]

Nach der Coronakrise könnte wieder das Motto gelten: Wirtschaftswachstum über alles! Soziale und ökologische Belange würden dann wieder gegeneinander ausgespielt werden, um nicht (umver)teilen zu müssen. Es kann jedoch keine Nachhaltigkeit ohne soziale Gerechtigkeit geben.

„Gutes Leben“ speist sich nicht aus Wirtschaftswachstum.

Nachhaltigkeit stellt auch die Frage nach dem „guten Leben“. Ist es wirklich mit Wirtschaftswachstum und Massenkonsum gleichzusetzen? Wenn es so wäre, müssten die Amerikaner die glücklichsten Menschen sein, denn dort ist das Bruttoinlandprodukt am höchsten weltweit. Zentral ist jedoch hier die Frage, wie der Reichtum verteilt wird. Menschen sind dort tendenziell glücklicher und gesünder, wo sozioökonomische Ungleichheiten nicht so ausgeprägt sind [7], zum Beispiel in den skandinavischen Ländern.

In einem Kontext der sozialen Ungleichheit stellt sich die Frage, wer macht die Entwicklung für wen; wer macht die Politik für wen.

Wie wäre es, wenn die Hierarchie der Institutionen von unten nach oben verliefe statt umgekehrt? Weil es kein gutes Leben auf Kosten anderer geben kann, will das gute Leben ständig demokratisch und inklusiv verhandelt werden. Im Corona-Notstand liegt die „Gefahr, dass sich Menschen an autoritären Maßnahmenstaat gewöhnen“, so der Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Doch Nachhaltigkeit braucht eine stärkere und keine schwächere Demokratie.

Und schließlich ist ein gutes Leben eines, das im Einklang mit der äußeren und der inneren Natur des Menschen steht. Denn unter dem Wirtschaftswachstum und der Beschleunigung leidet nicht nur die Erde, sondern auch der Mensch selbst. Das zeigt die Häufung von Diagnosen wie Depression oder Burn-out. Deshalb ist eine Entwicklung nachhaltig, wenn sie dem menschlichen Maß entspricht.

Von der Kolonialzeit bis zur neoliberalen Globalisierung haben wir unsere „Hochkultur“ der ganzen Welt aufgezwungen. Gutes Leben findet aber auch in den Tropenwäldern Lateinamerikas statt, wo indigene Völker seit Jahrhunderten im Gleichgewicht mit ihrem Ökosystem leben. Wie wäre es, einmal von den Kulturen zu lernen, die weder die Atombombe erfunden noch den Klimawandel verursacht haben? [8]

Die Coronakrise als Chance?

Das Virus führt unsere eigene Begrenztheit und unsere Menschlichkeit vor Augen: Wir haben doch nicht alles unter Kontrolle. Und dies sogar in einer hochindustrialisierten Region wie die Lombardei, wo das Coronavirus das „Ebola der Reichen“ genannt wird. Nun wird der Flugzeugverkehr stillgelegt und die Luft über Europa ist sauberer [9].

Diese Krise könnte auch eine Chance sein. Die Menschen erfahren gerade, was überflüssig ist, und was überlebenswichtig. Plötzlich genießen der Bauer und die Krankenschwester mehr Wertschätzung als die Investmentbanker. Der Gesundheit der Menschen wird ein höherer Stellenwert als dem Wirtschaftswachstum oder der „schwarzen Null“ beigemessen. Dies sollte auch für das Klima und die Erde gelten.

Unternehmen können sich auf internationale Märkte nicht mehr verlassen. Regionalisierung, kurze Lieferketten, eine Ökonomie der Nähe, das hat doch auch Vorteile.

Wer sollte nun für höhere Staatsverschuldung aufkommen? „In Deutschland besitzen 36 Milliardäre so viel Vermögen (297 Milliarden US-Dollar) wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung“, so eine Oxfam-Studie von 2017. Es ist Zeit für die Einführung einer ernstzunehmenden Vermögens- und Erbschaftssteuer – und eine effektive Bekämpfung der Steueroasen und der Steuerhinterziehung.

Nach der Finanzkrise 2008 hat die Europäische Zentralbank vor allem Privatinvestoren mit Milliarden gestützt, nun gehören ihnen Krankenhäuser und zahlreiche Immobilien in den Städten. Dieses Mal sollten die Milliarden ins Gemeinwesen fließen, denn vor allem das macht unsere Gesellschaft krisenresistenter – und dient allen Menschen gleichermaßen.



Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Davide Brocchi erschien erstmals auf Peira – Gesellschaft für politisches Wagnis und wurde von Neue Debatte übernommen. Wir danken Davide Brocchi für die Zustimmung zur Veröffentlichung und Peira für die Unterstützung.



Illustration: Neue Debatte

Diplom Sozialwissenschaftler und Publizist | Webseite

Davide Brocchi ist als Dipl.-Sozialwissenschaftler und Publizist freiberuflich tätig sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Seine Schwerpunkte sind die soziale und die kulturelle Dimension der Nachhaltigkeit, die Bildung unkonventioneller Bündnisse sowie die sozial-ökologische Transformation als partizipativer Prozess im Lokalen. Weitere Infos: http://davidebrocchi.eu

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