Was die deutsche Automobilindustrie und die USA gemein haben

Immer dann, wenn die großen Linien der Geschichte zu wirken beginnen, ist das als Ergebnis langer, vorbereitender Phasen zu sehen. Nichts, was die Welt bewegt, geschieht plötzlich und ohne Vorboten. Ob die Vorboten gesehen werden, oder ob sie gar gesehen werden sollen, steht auf einem anderen Blatt.

Das Ende der guten Laune

Der Status quo und seine Anhängerschaft sind, so er ein guter und bequemer ist, selten an Veränderung interessiert. Sicher ist auch, dass das „gute Leben“ den Drang nach Veränderung massiv schwächt. Und dann, für die Gesättigten, die sich so schön und so lange in ihrem Wohlstand gesonnt haben, kommt wie aus heiterem Himmel ein Nebenbuhler, der alles abspenstig macht. Dann ist die gute Laune dahin.

Absurd ist die Version der Erklärung, die alles Böse dem Neuen zuweist und die eigene Existenz und ihr Wesen bei aller Kritik außen vor lässt. Das ist dann sehr dürftig. Aber selbst die großen Reiche der Geschichte sind, als es zu Ende ging, nicht vor einem unwürdigen Spektakel bewahrt worden. Daher ist etwas dran, wenn distinguierte Leute davon sprechen, die Geschichte sei die beste dramatische Regisseurin.

Derzeit sind es zwei Domänen, die sich als in ihrer historischen Rolle als überlebt erweisen. Auf der Mikroebene ist es die Automobilindustrie, vor allem die deutsche. Auch sie hat auf das gesetzt, was gefühlt ewig den Status im Weltvergleich sicherte, auch sie hat sich neuen Denkweisen und Trends im Stadium maximaler Sättigung massiv widersetzt. Und selbst jetzt, in der ökonomischen Krise, sucht sie nicht nach innovativen Strategien in der eigenen Branche, sondern sie ruft nach Subventionen vom Staat, um die alten Wege weiter beschreiten zu können und argumentiert mit der eigenen Systemrelevanz.

Dies hat, wenn man die vielen Arbeitsplätze im Blick hat, die in der Branche auf dem Spiel stehen, etwas von Nötigung, aber dafür ist das Metier bekannt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Erinnert sich noch irgendwer an dieses berühmte Zitat?

Und auf der Makroebene, in globalem Maßstab, sind es die USA, die seit einiger Zeit mächtig ins Schlingern geraten sind. Ihr Modell als Halle aller Orgien des Wirtschaftsliberalismus bei gleichzeitigem Zugriff auf die Ressourcen dieser Welt, hat sich als eine kollektive Bedrohung der Menschheit erwiesen.

Von dem einstigen Glanz, den die amerikanische Revolution nach Europa und in den Rest der Welt ausstrahlte und der das Jahrhundert des amerikanischen Imperiums begründet hatte, ist nahezu nichts mehr geblieben.

Das Zitat auf der Freiheitsstatue, das den Müden und Entrechteten eine Herberge verspricht, ist angesichts der Verfrachtung der vielen Armen und Entrechteten in anonyme Massengräber, nicht weit von dieser Statue entfernt, nur noch ein Dokument absurder Verkehrung. Und ein Präsident, dem nichts anderes mehr einfällt, als jeden Tag ein neues Feindbild zu schaffen und jeden zweiten Tag Sanktionen gegen vermeintliche oder reale Gegenspieler zu verhängen, ist eine Signatur des Niedergangs.

Das aufstrebende Imperium

Wenn die großen Linien zu wirken beginnen, ist es sinnvoll, sich anzusehen, was in den letzten dreißig, vierzig, fünfzig Jahren geschehen ist. Und da steht das, was plötzlich – übrigens diesseits wie jenseits des Atlantiks – als Ursache für das drohende Unglück angesehen wird:

China, das aufstrebende Imperium, wird für alles verantwortlich gemacht, was im Rausch des Wohlstands verbeutelt worden ist.

Ohne eine Skepsis für dieses neue Imperium pauschal zurückweisen zu wollen – denn wie bei allen Imperien, hat wachsende Macht auch immer etwas mit wachsender Unterdrückung zu tun –, als Erklärung für den Verlauf der großen historischen Linie ist diese Sichtweise doch etwas armselig.



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

Wie ist Deine Meinung zum Thema?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.