Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Ewige Kassandra und apokalyptischer Orgasmus

Vor zehn Jahren wäre eine Beschreibung der gegenwärtigen Gemütszustände als eine im schlechten Rausch erzeugte Literatur bezeichnet worden.

Dass man Regierungen und das Pressewesen bezichtigen müsste, eindeutige Fakten hartnäckig zu ignorieren, dass sie auf der anderen Seite an Narrativen arbeiten würden, um Ursache und Wirkung zu verdrehen – nun ja, so etwas kommt vor, wenn die Demokratie stolpert, obwohl es ärgerlich ist und letztendlich zum endgültigen Verdruss führen kann.

Aber dass in der Bevölkerung eine Ausfransen der Vorstellungskraft massenhaft in Zonen führen würde, die ihre historischen Vorläufer in politischen Krisen exponentiell überträfen – daran war doch nicht zu denken. Es sei denn, man gehörte zu der Fraktion der Gesellschaft, die am besten mit dem Wort der ewigen Kassandra bezeichnet werden kann.

Der apokalyptische Orgasmus

Es ist leider festzustellen: In jedem Segment der Gesellschaft sind Menschen zu beobachten, die bei schrillen Erklärungsmustern für gewisse Phänomene sofort mit bebenden Nüstern die einmal imaginierten Deutungen weiter spinnen. Da sind dann schnell obskure Kreise am Werk, die schon lange etwas planen, die an der Existenz der ganzen Menschheit rütteln. Das sind zumeist geheime Clubs, schräge Individuen, fremde Rassen oder wilde Sekten, die alles inszenieren, was Besorgnis erregt – und selbst das ist nur ein Vorgeschmack auf die vielen Katastrophen, die noch auf uns zukommen werden. Es gleicht einem apokalyptischen Orgasmus.

Die Art und Weise, so zu denken, ist eingeübt und sie entstammt den vielen Sendern und Kanälen, die mit der Liberalisierung von Übertragungsrechten einherging. Es allerdings exklusiv darauf zurückzuführen, wäre etwas ärmlich. Wo ein Sender, da muss auch ein Empfänger sein.

Der Verlust an Bildung und Persönlichkeit – entschuldigen Sie bitte diese harsche Formulierung – als Massenphänomen, hat zu einer Labilisierung der Gemüter geführt. Wer weiß, was wahr sein kann und wahrscheinlich ist, wer weiß, was ist, und wer fest in sich steht, dem wachsen in der Fantasie keine Flügel, die in Irrwitz und in das Sektenwesen tragen.

Raus aus dem Tal der Ahnungslosigkeit

Ja, die Welt ist derzeit nicht im besten Zustand. Ja, es ist dringend erforderlich, vieles, und vieles sogar radikal, zu ändern. Was dazu jedoch erforderlich ist, ist ein klarer Verstand und ein Besteck, mit dem sich die Dinge erklären lassen.

Vieles von dem Wissen, das vonnöten ist, um sich an das große Projekt der notwendigen Umgestaltung zu machen, ist bereits vorhanden. Und vieles von den Vorstellungen, wohin der Weg führen müsse, sind voll in der Entwicklung. Und das, was noch an Erkenntnis hinzukommen muss, ist nur in dem Prozess selbst zu entschlüsseln.

Bildung, über die in diesen Zeiten viel zu wenig geredet wird, ist ein zu hohes Gut der menschlichen Existenz, als dass es so ignoriert werden könnte, wie es derzeit gemacht wird. Aus Unkenntnis wie aus Hilflosigkeit.

Wer meint, das Problem sei gelöst, wenn man digitale Maschinen in den Gebäuden der Bildung abstellt, dokumentiert, wie weit seine Vorstellungskraft geschrumpft ist. Es muss ja nicht gleich Wilhelm von Humboldt sein! Aber ein Exkurs in die Fragen von zu entwickelnder und zu erzielender Persönlichkeit, aus denen sich notwendiges Wissen, Methoden und Haltungen ableiten lassen, wäre schon hilfreich, um aus dem Tal der pädagogischen Ahnungslosigkeit herauszukommen.

Enden soll die Anregung mit einem Exkurs in die Einleitung der Hegelschen Rechtsphilosophie von Karl Marx. Dort spricht er davon, dass die Religion nicht nur eine Flucht aus der realen Welt sei, sondern auch eine „Protestation“ gegen die bestehenden Verhältnisse.

Es ist hart genug

Wer mit der vorgefundenen Welt zufrieden ist, der spekuliert nicht über das Jenseits. Angewandt auf die vielen Theorien, die noch weit über oder hinter dem Spirituellen liegen, käme eine gewisse Milde der Betrachtung zustande. Mehr aber auch nicht. Kein Problem wird durch wilde Spekulation gelöst. Wer sich auf das konzentriert, was tatsächlich ist, wird schnell feststellen: Es ist hart genug.



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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2 Responses

  1. Heinrich Waller sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Mersmann! Ich bewundere ihre Schreibkunst und auch verfluche ich sie. Weil sie einlullt statt bildet. Was nicht ihre Aufgabe ist, aber ersteres genau so wenig.

    Nehmen wir die Klimakrise. Wie haben sie sich in Stellung gebracht – ich erinnere mich – gegen diese unwissenden Kinder um Greta, ohne selbst die geringste Nachschau zu halten, warum die CO2 Problematik allmählich, zumindest in die Köpfe dieser Kinder und mancher Eltern dringt. Sie haben deren Worte „Hört der Wissenschaft zu, sagt die Wahrheit und handelt jetzt!“ der „Fraktion der ewigen Kassandra“ zugeordnet, ohne der Klimageschichte zugehört zu haben. Jenes Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren, die seit Milliarden Jahren die Erde im „vitalen Fenster“ hält und damit die Entstehung des Lebens und die Evolution immer komplexerer Organismen und Ökosysteme ermöglicht hat. Heute zeichnet sich ein CO2-Überschuss ab. Verursacht durch Waldrodung und vor allem durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe, was die Rolle der Geosphäre als Langzeitspeicher aufhebt. Über Jahrmillionen als Kerogen gespeicherter Kohlenstoff wird in wenigen Jahrhunderten als CO2 wieder freigesetzt. Es ist plausibel davon auszugehen, dass das heute lithosphärisch gebundenen CO2, wenn es wieder gasförmig zurück in die Atmosphäre entlassen sein wird, dem Menschen ein Dasein unmöglich machen wird.

    Darum braucht es endlich ernsthafte Debatten, also einen halbwegs rationalen Austausch von Argumenten.

    Bei der Sache, um die es nicht nur den in Sachen Klima gebildeten geht, nämlich, dass unser gegenwärtiges wissenschaftliches Verständnis geophysikalischer Prozesse, die einer Klimadynamik zugrunde liegen, nur einen geringen Beurteilungsspielraum zulassen — zumindest, was die großen Linien betrifft. Und ja, „es ist hart genug“.

  2. Sehr geehrter Herr Waller,
    vielen Dank für Ihre kritischen Worte. Ja, es ist nicht selbstverständlich, dass man sich die Mühe macht, seinen Dissens zu formulieren. In einem Punkt kann ich Ihnen nicht folgen: wo habe ich die Bewegung der Ökologie-Bewegung der ewigen Kassandra zugerechnet? Ich stehe ihr dahingehend kritisch gegenüber, als dass sie die Frage der Kontamination durch militärische Operationen ausklammert, ja. Aber ich spreche ihr nicht den wichtigen Impuls ab! Bitte helfen Sie mir, Ihre Kritik zu verstehen! Gerd Mersmann

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