Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Nach der Krise: Priorität der Notwendigkeiten?

Nach existenziellen Schocks empfiehlt es sich, die Petitessen der täglichen Routinen einmal auszublenden und sich mit dem Wesentlichen zu befassen. Das betrifft das Private wie das Politische. Und es ist anzuraten, das Dasein nach Notwendigkeiten zu ordnen.

Bedürfnispyramide

Diese Notwendigkeiten, reduziert auf das Existenzielle, sind nicht schwer zu finden. Wie das bei jedem und jeder privat aussieht, unterliegt der Autonomie des jeweiligen Individuums. Wie eine solche Ordnung der Notwendigkeiten aussehen könnte, dazu bedarf es eines Paradigmas, das politisch seinerseits keine parteiliche Kontamination erfahren hat und insofern von unterschiedlichen Seiten akzeptiert werden kann.

Was böte sich mehr an, als die gute alte Bedürfnispyramide des Abraham Maslow, die, basierend, aufsteigend vom kollektiv Essenziellen bis zum erstrebenswert Individuellen aufsteigt.

Zur Vergegenwärtigung die aufsteigenden Dringlichkeiten der menschlichen Existenz:

  1. Physiologische Bedürfnisse,
  2. Sicherheitsbedürfnisse,
  3. Soziale Bedürfnisse,
  4. Individualbedürfnisse,
  5. Selbstverwirklichung.

Bei der Betrachtung sticht ins Auge, dass die Pyramide aus der Perspektive des Okzidents beschrieben wurde und das Individuum – und das durch dieses erstrebte Glück – über dem Kollektiv steht. Aber da wir uns im Okzident befinden, und es um eine Priorisierung der dringendsten Erfordernisse zu gehen hat, sei diese Schieflage für den Moment einmal ausgeblendet.

Die einfache Bedürfnishierarchie nach Maslow. (Grafik: Philipp Guttmann; gemeinfrei)

Die einfache Bedürfnishierarchie nach Maslow. (Grafik: Philipp Guttmann; gemeinfrei)

Nach und während einer – zumindest von circa 140 Staaten dieser Erde anerkannten und als solcher wahrgenommenen Pandemie – sind die physiologischen Bedürfnisse einfach zu benennen. Es geht ums nackte Überleben, es geht um das Gesundheitssystem, das heißt, die Möglichkeiten, mit einer solchen Erscheinung umzugehen. Und diesen Umgang so zu ermöglichen, dass bereits die Existenz ein aus dem sozialen Status abzuleitendes Problem ist, wie es momentan am markantesten in den USA dokumentiert wird: Wer dort kein Geld hat, wird nicht behandelt.

In abgemilderter Form existiert diese soziale Variante auch woanders, was sich bemerkbar macht bei Ausgangssperren, wenn die einen im parkähnlichen eigenen Garten sitzen, während die anderen beengt im Arbeiterwohnregal verweilen.

Dimensionen der Priorität

Gesundheit, Ernährung, Wohnen, Liquidität sind die Schlüssel, die zu der potenziellen Befriedigung des Existenziellen führen. Diese Dimensionen besitzen Priorität, und es ist gleichzeitig erforderlich, eine auch in der Krise zu beobachtende Wirkung auf das Kollektiv-Existenzielle nicht außer Acht zu lassen: die Sicherung der natürlichen Bedingungen, sprich, die Durchdringung politischen Handelns mit dem Geist ökologischer Protektion.

Wer das erwähnte Primäre (das heißt: Essen, Trinken, Warenkonsum) gegen die Grundlagen der kollektiven Existenz durchzudrücken sucht, steuert auf das Scheitern bereits auf Ebene 1 zu, dem Physiologischen.

Bei den Sicherheitsbedürfnissen geht es um Krieg und Frieden. Da wird es bereits heikel und ein Konsens ist in weiter Ferne. Das Bündnis, in dem die Bundesrepublik Deutschland mitstolpert, ist momentan eine Institution, die sich mehr auf die Initiierung militärischer Aktionen auf fremden Territorien konzentriert als auf das Ansinnen, Übergriffe auf die eigenen Territorien zu verhindern.

Sicherheit gewinnt man, indem man die Lust anderer minimiert, sich gewaltsam in das eigene Geschehen einzumischen. Sicherheit gewinnt man nicht, wenn man sich auf dem Territorium anderer mit Dritten um den Zugriff streitet.

Wenn wir von etwas Dringlichem reden, was nach der Krise zu erledigen ist, dann ist es ein Verteidigungskonzept, dem es darum geht, die eigene Sicherheit zu gewährleisten und den Frieden zu sichern. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Die sozialen Bedürfnisse stehen als nächstes auf der Agenda und sie werden getragen werden von der bevorstehenden Entscheidung, ob der Markt alles regelt oder nicht. Sollte sich letztere Sichtweise durchsetzen, stehen wir vor einer neuen, spannenden Epoche, die sich um Arbeit, Besitz und kollektives Dasein drehen wird. Und, um das Individuum und die Selbstverwirklichung nicht unter den Tisch fallen zu lassen: Vieles wird sich aus den vorherigen Themenkomplexen ableiten lassen. Auch, ob der Stellenwert des Individuums und die Möglichkeiten seiner Selbstverwirklichung nach der Stunde Null nicht neu definiert werden muss.

Gesundheit, Ernährung, Wohnen, Liquidität, Ökologie und Sicherheit: Das wäre der Fokus, der sich aus einer Priorisierung nach Maslows Pyramide ergäbe. Bereits die erste Stufe auf der Treppe einer neuen gesellschaftlichen Verfasstheit ist anspruchsvoll. Genommen werden muss sie dennoch.

 

Die bis zur Transzendenz erweiterte Bedürfnishierarchie 1970 nach Maslow. (Grafik: Philipp Guttmann; gemeinfrei)

Die 1970 bis zur Transzendenz erweiterte Bedürfnishierarchie nach Maslow. (Grafik: Philipp Guttmann; gemeinfrei)

 


Quellen und Anmerkungen

Abraham Harold Maslow (1908 – 1970) war ein Psychologe aus den USA und Begründer der Humanistischen Psychologie. Der Begriff Positive Psychologie wurde von Maslow 1954 eingeführt. Er beeinflusste maßgeblich die Transpersonale Psychologie und erweitere das Entwicklungsmodell der Bedürfnishierarchie (meist als Bedürfnispyramide dargestellt) 1970 um die Stufe der Transzendenz sowie die Ebenen der kognitiven und ästhetische Bedürfnisse.



Illustration und Grafiken: Neue Debatte und Philipp Guttmann

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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1 Response

  1. aquasdemarco sagt:

    Stunde Null ist so eine Kriegssache, wenn die Kapitulation erfolgt ist.
    In eine Krise gibt es keine Stunde Null, es ist ein Wandeln durch die Krisenzeit.

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