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Last Call: Das Ende unserer Zivilisation hat viele Gesichter

„Das ganze menschliche Projekt ist eine Maschine ohne Bremsen, denn es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich die politischen Führer der Welt der Realität stellen werden, bevor die Katastrophe eingetreten ist. Die reichen Länder verbrauchen Ressourcen mit rücksichtsloser Missachtung der kommenden Generationen, und die armen Länder scheinen unfähig, das Bevölkerungswachstum zu beschränken, das ihre Aussichten auf eine bessere Zukunft ausradiert. In einer solchen Welt sind Deklarationen und Manifeste, welche die Grenzen des Wachstums ignorieren, nichts als hohle Worte. Alle verfügbaren Daten sagen, dass wir den Point of no return bereits überschritten haben und die Menschheit vor gewaltigen Erschütterungen steht.“

Es war nicht irgendwer, der das gesagt hat, es war der 2010 verstorbene Stewart Lee Udall, ehemaliger Innenminister unter den US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson von 1961 bis 1969.

Millionen, ja Abermillionen Menschen wissen inzwischen und artikulieren es auch, dass wir keine Verantwortung mehr für die Erde übernehmen. Aber wir meinen damit die da oben, die anderen, es sind immer die anderen, die Schuld haben. So geht das nicht. Schuldzuweisungen gehen nicht, auch wenn die Verbrechen deutlich zugeordnet werden können.

Das Problem entsteht im Geist von uns allen und dort wird es gelöst. Im Geist nämlich sind wir mit allem verwandt. Ist das wirklich so schwer zu verstehen? Offensichtlich schon. Denn wir alle sind es, die Kritiker eingeschlossen, die täglich am Rad der Vernichtung drehen. Ohne unsere Unterstützung (wie viele Menschen ändern schon ihr Konsumverhalten?) könnten derart katastrophale Verhältnisse, wie wir sie in aller Kürze zu konfrontieren haben, nicht entstehen.

So werden die Dinge aller Voraussicht nach ihren schrecklichen Lauf nehmen. Wer diese Botschaft locker wegstecken kann, anstatt sie beschämt zur Kenntnis zu nehmen, ist nur ein weiteres Molekül im Sauerteig unserer Zivilisationskultur, die ausschließlich der Gier gehorcht – von oben nach unten, von innen nach außen, auf individueller wie auf gesellschaftlicher Basis.

Unsere Zivilisation beruht auf der systematischen und absoluten Vermeidung von Verantwortlichkeit. Es ist allerhöchste Zeit, dass sie sich das Genick bricht, bevor sie uns in den kollektiven Untergang wühlt und dabei auch noch alles andere Leben aus dem Gleichgewicht reißt.

Natürlich wäre es sehr viel angenehmer, wenn wir diesem zerstörerischen Trieb mit einem veränderten Bewusstsein begegnen könnten. Aber Weisheit entsteht unter Verschluss. In der Auster unseres Bewusstseins. Als Irritation. Das kann einen ganz schön nervös machen. In diesem nervösen Zustand befinden wir uns gerade.

Wann endlich begreifen wir, dass eine andere Welt, eine andere Gesellschaft möglich ist, wenn wir es nur wirklich wollen. Die durch Corona erzwungene weltweite Entschleunigung könnte uns eigentlich zur Besinnung bringen, aber ich befürchte, dass auch diese Chance wieder ungenutzt verstreichen wird.

Vor dem Hintergrund eines global kollabierenden Wirtschafts- und Ökosystems nimmt sich das Tempo, in dem die Menschen sich ihrer selbst bewusst werden, nämlich extrem bescheiden aus. Hinzu kommt, dass wir inzwischen auf einem gigantischen Minenfeld leben und Gefahr laufen, dass uns die Hinterlassenschaften aus der Atomindustrie, die Kriegslüsternheit der Machteliten, die weltweiten sozialen Verwerfungen, die Folgen der Genmanipulation und des Geoengineering und vieles andere mehr jederzeit um die Ohren fliegen können. Eine kleine Initialzündung auf dem globalen Minenfeld würde schon reichen, um eine katastrophale Kettenreaktion auszulösen.

Mit einiger Rührung habe ich vor kurzem den leidenschaftlichen Kommentar einer Freundin auf Facebook zur Kenntnis genommen, die sich dagegen verwahrte, der Natur weiterhin ins Handwerk zu pfuschen, schließlich sei uns die Sehnsucht nach einer besseren Welt doch in in die Seele gebrannt. Abgerundet wurde der Kommentar von dem Bild einer alten Indianerin, die der Kamera den Stinkefinger zeigt.

Starkes Bild, starke Geste. Sie war ausschlaggebend dafür, dass ich mir das Buch „Endgame“ des US-amerikanischen Umweltaktivisten Derrick Jensen sehr genau durchgelesen habe. Er fordert darin auf, uns in die Schlacht zu werfen. Nur im aktiven Widerstand, so argumentiert er, könnten wir uns wieder als Mensch definieren, als Verteidiger eines fantastischen Mysteriums, das wir Leben nennen und dem wir fahrlässigerweise so wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Sein Appell, nicht in der Hoffnung zu verharren, ist selbst ein Stück Hoffnung. Der Hoffnung nämlich, dass sich genügend Klarsichtige finden mögen, die sich aufgerufen fühlen, aus der Reserve zu treten, die ihre Duldsamkeit angesichts des kollektiven Untergangs endlich ablegen, um ihr Selbstwertgefühl, ihren Stolz und ja … ihre Ehre wieder zu entdecken.

Wann, wenn nicht jetzt, so Jensen, wollen wir dem alles vernichtenden Irrsinn entgegentreten? Er kann und will nicht verstehen, dass wir nicht mindestens den Versuch unternehmen, uns frei zu kämpfen, bevor wir uns in die Gaskammern der Zivilisation prügeln lassen.

Der kanadische Kriminalpsychologe Robert D. Hare, emeritierter Professor der University of British Columbia, behauptet, dass die Leitfiguren unserer Zerstörungskultur, also die Mitglieder der politischen und wirtschaftlichen Eliten, größtenteils Psychopathen sind. Ein Psychopath lässt sich definieren als jemand, der ohne Bedauern absichtlich Schaden verursacht. Robert D. Hare: „Zu viele Menschen glauben, dass Psychopathen im Wesentlichen Killer oder Zuchthäusler seien. Die allgemeine Öffentlichkeit hat nicht gelernt, die sozialen Stereotype zu durchschauen, und kapiert nicht, dass Unternehmer, Politiker, Konzernchefs und andere erfolgreiche Persönlichkeiten, die möglicherweise nie ein Gefängnis von innen zu sehen bekommen, Psychopathen sein können.“

Wir sehen also: man kann entweder albträumen oder träumen. Aber verschlafen sollten wir den Zusammenbruch unserer Zivilisation nicht. Obwohl ich glaube, dass genau das passieren wird, dass die meisten ihn gar nicht bemerken werden, weil sie die Indizien für den bevorstehenden Zusammenbruch nicht zu deuten wissen. Schließlich fühlt er sich für jeden anders an.

Das Ende unserer Zivilisation wird uns nicht wie eine aus tausend Kilometern Entfernung abgeschossene Rakete treffen, es wird viele Gesichter haben.

Vielleicht kommt es in Gestalt so schlimmer Hungerkatastrophen, dass wir die Toten nicht mehr zählen mögen. Für diejenigen, die sich bisher in Online-Petitionen gegen die Zentralisierung der Macht und gegen das System der totalen Überwachung zur Wehr gesetzt haben, könnte der Zusammenbruch nach Tränengas, Verhaftung oder Konzentrationslager riechen. Für arbeitslose Jugendliche wird er aussehen wie Einstichstellen in der Armbeuge, wie Schürfwunden, wie der kurze Kick eines Crack-Krümels, mit denen ihr Viertel von der CIA überschwemmt wird.

Vielleicht fühlt er sich aber auch wie gar nichts an. Vielleicht klingt er wie gar nichts, sieht aus wie gar nichts. Oder wie Derrick Jensen es formuliert: „Vielleicht ist er der unverkennbare Geruch im Inneren eines Polizeiautos und der Blick durch das Rücksitzfenster auf ein kleines Mädchen, das an einer Eiswaffel leckt und das Wissen, dass Sie so etwas niemals mehr in ihrem Leben sehen werden.“

Wir alle stecken in persönlichen Geschichten fest, in der die Sorgen um unsere Familie, den Arbeitsplatz und die Gesundheit mehr wiegen, als ein historisches Ereignis, selbst wenn es von so großer Tragweite ist, wie das Ende unserer Zivilisation, das in seinen diffusen Erscheinungsformen allerdings kaum beweisbar ist, nicht jetzt. Und weil das so ist, weil wir uns nicht unnötig in Panik versetzen lassen, deuten wir Wahrheiten zu Verschwörungstheorien um.

Uns ist es an dieser Stelle egal, ob der Umweltschutz systematisch ausgehöhlt oder ignoriert wird, uns kümmert es nicht mehr, dass die Grenzen zwischen Konzernen und Regierungen gänzlich aufgehoben werden. Und Folter, Freunde, Folter hat es schon immer gegeben.

Lasst sie doch an jeder Straßenlaterne dieser Welt eine Kamera installieren, lasst sie unsere Mails lesen und unsere Telefonate abhören, sollen sie doch daran ersticken, mir doch egal. Lasst sie uns zwangsimpfen und uns wegsperren – die einzige Methode, alles zu kontrollieren, besteht darin, alles zu töten.

Sollen sie doch. Sterben müssen wir schließlich alle einmal. Aber sobald die Termine für Fußball-Endspiele wieder stehen, interessiert uns das eigentliche Finale nur am Rande. Capice?


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien unter der Überschrift „Das Ende unserer Zivilisation hat viele Gesichter“ bei Kenfm.de und wurde von Neue Debatte übernommen. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben. Wir danken Dirk C. Fleck für die Zustimmung der Übernahme und Veröffentlichung auf Neue Debatte.



Illustration: Neue Debatte

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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5 Responses

  1. Bei soviel verzweifelter Verächtlichkeit für die Spezies Mensch und deren Schwierigkeiten mit ihren selbstgeschaffenen Sackgassen: Wozu da so etwas wie ein „Last Call“, der allenfalls die ´Kraft´ eines nurmehr bitteren Sterbeliedes spüren lässt ?

    Wer lebt und leben will, wird dies immer nur im Bewusstsein jeder Form von Begrenztheit tun, aber nur so den Quellen von Lebendigkeit begegnen können !

    Eine dieser Quellen könnte in einer Reihe von ´JAs´ liegen, auf die wir unsere Horizonte verdichten könnten. . .

    Wer mag, tue es und nutze als Anregung u.U. folgenden Bürger-Aufbruchs-Aufruf :

    12.5.2020 gw/ N E T Z W E R K B Ü R G E R – A U F B R U C H 2020
    NEIN SAGEN ALLEIN zu Fehlgängen GENÜGT NICHT ! W O LÄGE DEMGEGENÜBER ein N E U E S ´J A´ ?

    https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2020/05/12/netzwerk-buerger-aufbruch/

  2. Susann Uckan sagt:

    Wir sind bereits systematisch weichgekocht wurden, so dass ein Aufstand zu mühseelig erscheint…ist uns doch Dank medialer Ablenkung immerhin ein unterhaltsamer Untergang geweiht.

  3. Morgentau sagt:

    Neues kann nur entstehen, wenn das Alte sich auflöst. Wo steht denn geschrieben, dass wir (Psychopathen) etwas Besonderes sind (Außer in den von uns selbst gedruckten Schriften)? Vielleicht sind wir nur ein Zwischenschritt in der Evolution, oder sogar ein Fehler, der gerade korrigiert wird von der Natur…

  4. danke fürs mitteilungslose Nichtveröffentlichen meines Kommentars !

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