Der vierte Reiter der Apokalypse steht für Furcht, Krankheit, Niedergang und Tod. (Illustration: Neue Debatte)

Mister F.M.

Es ist verflixt! Bleibt man sein ganzes Leben bei seiner Meinung zu bestimmten lebensentscheidenden Dingen, dann gilt das den einen als standhaft, den anderen als dogmatisch. Ändert man Positionen, die in der Jugend entwickelt wurden, dann wiederum gilt man als jemand, der sein Fähnchen nach dem Wind dreht – oder als flexibler Mensch, der in der Lage ist, sich veränderten Verhältnissen anzupassen.

Gute Fahrt oder Rechtfertigungsorgie

Wer sich von solchen Oberflächlichkeiten leiten lässt, hat in der Regel verloren. Wer von Fall zu Fall für sich selbst entscheidet, was in der konkreten Situation, in der er oder sie sich befindet, vernünftig, praktisch und vorausschauend ist, handelt sicherlich im Einklang mit sich selbst und kann mit der immer im Hintergrund heulenden Meute der Verunglimpfung und des chronischen Zweifels wunderbar umgehen.

Kurz: Wer auf sich und seinen Verstand vertraut, wird in Zeiten ständigen Wandels und steter Beschleunigung gut fahren. Wer auf den Chor der diskreditierenden Phrasen hört, dem wird das Leben zu einer Rechtfertigungsorgie, die unbefriedigend endet.

Jenseits der Aufgabe, sich irgendwie zwischen Veränderung und Tradition verorten zu müssen, existieren besondere Exemplare des Homo politicus, die auf das ganze Gerede einer sich schnell verändernden Welt, in der die Details komplizierter und das große Ganze komplexer wird, pfeifen. Und sie bleiben bei dem, was sie ganz zu Beginn ihrer politischen Laufbahn irgendwo in der Provinz, umgeben von den Verdrängungsnebeln nach dem großen Krieg, entwickelt haben – und tragen es vor sich her wie eine Monstranz.

Zinslüsterne Profiteure

Sie haben ein Programm, das noch vor dem Aufstand gegen die Väter formuliert wurde, das nun ein halbes Jahrhundert alt ist und das nicht anders beschrieben werden kann als Partei.

“Da reitet ein Ritter, dessen Gestalt wahrlich traurig anmutet, auf einem alten Klepper und mit Metall bedeckt gegen eine Moderne an …”
Partei für eine bestimmte Klasse, die wirtschaftlich aus dem gesellschaftlichen Kampf mit vollem Geldsack und Triumph herausgehen will. Ob das so für einen Politiker in Ordnung ist, sei dahingestellt, dass es sein gutes Recht ist, steht außer Zweifel. Dass ein solches Exemplar jedoch das Ziel formuliert, Kanzler dieser Republik und für alle zu werden, ist ein Affront gegen den Rest. Und dieser Rest ist allein numerisch weitaus größer als die kleine Partei der zinslüsternen Profiteure.

Von wem eigentlich die Rede ist? Von dem, der jetzt, nachdem die gegenwärtige Regierung tief in den Etat gegriffen hat, das, was allgemein als Lockdown – als Reaktion auf das sich Ausbreiten des Corona-Virus – beschrieben wird, in einem für die Wirtschaft machbaren Zustand zu erhalten sucht.

Ansage für den sozialen Kampf

Das ist von der Motivation das, was viele von einem funktionsfähigen Staat erwarten. Es ist aber nicht das, was er, der Kandidat, für dessen Aufgabe hält. Da ist er sich treu geblieben: Seit seinen frühen Tagen ist er dafür, dass der Staat für die da ist, die etwas unternehmen wollen und gegen die, ohne die nichts unternommen werden könnte. Das ist zwar von der Logik her hirnrissig, aber das steht hier wiederum nicht zur Debatte. Entscheidend ist, dass die Position – einmal mehr und unverfälscht, wie bereits 1975 – im Raume steht unter dem Slogan: “Sozialausgaben des Staates auf den Prüfstand”.

Das sollte, by the way, wie mit allem immer geschehen. Wie zum Beispiel die Proportionalität des Steueraufkommens. Aber aus seinem, des Unveränderlichen, Munde, ist das eine Kampfansage an die Gegenwart.

Da reitet ein Ritter, dessen Gestalt wahrlich traurig anmutet, auf einem alten Klepper und mit Metall bedeckt gegen eine Moderne an, der solche Figuren bei der Lösung der Probleme beim bestem Willen nicht mehr helfen können.



Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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