Mit Grundlagen der Ökonomie zur Vereinigung freier und gleicher Menschen. (Illustration: Neue Debatte)

Klassiker: Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung

Wenn auch Ausbeutung in der Geschichte der Menschheit in unterschiedlichen Formen auftrat, so bestand sie in ihrem Kern immer in der Aneignung fremder Arbeit. Andere Menschen für sich arbeiten zu lassen, war seit jeher der Schlüssel zu einem individuellen Reichtum, der allein mit Hilfe der eigenen Arbeitskraft nie in dem Umfang hätte realisiert werden können.

Das Ende der Ausbeutung

Von den Pyramiden im frühen Ägypten über die Schlösser im Feudalismus bis zur Parallelgesellschaft der Oberschicht im globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts zeugen die individuellen Reichtümer von der Aneignung fremder Arbeit und damit davon, dass die Armut der Mehrheit die Grundlage für die Reichtümer einer Minderheit ist. So einfach die Grundlage der Ausbeutung ist, so einfach ist auch die Formulierung von der Aufhebung der Ausbeutung. Sie kann nur geschehen, wenn die Trennung zwischen Arbeit und Arbeitsprodukt aufgehoben wird, wenn das Verfügungsrecht über das Arbeitsprodukt und darum auch über die Produktionsmittel wieder den Arbeitern zukommt.

Die Durchsetzung der individuellen Arbeitszeit als Maßstab für den Anteil am Produkt der gesellschaftlich notwendigen Arbeit bedeutet die Aufhebung der Ausbeutung und damit zugleich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel.

Die Durchführung der sozialen Revolution ist somit im Wesen nichts anderes als die Durchführung der Arbeitszeit als Maßstab im gesamten Wirtschaftsleben. Sie dient als Maß in der Produktion und zugleich wird mit ihr der Anteil des Einzelnen am gesellschaftlichen Produkt gemessen. Das Wesentliche hierbei aber ist, dass die Arbeitszeitrechnung von den Produzenten selbst durchgeführt wird. Und dies geschieht nicht, weil es eine “ethische” oder “moralische” Forderung des Kommunismus ist, sondern weil die “Vereinigung freier Menschen” ökonomisch nicht anders möglich ist.

Kooperation, Planung, Gestaltung

Die Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung ist keine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine Frage der ökonomischen Grundlage, auf der die Produzenten selbständig ihre Kooperation aufbauen können. Auf dieser Grundlage, auf der das Verhältnis von Arbeitsaufwand zu Ertrag für alle Gesellschaftsmitglieder offenliegt, ist eine Produktionsplanung möglich, bei der die Menschen selbst entscheiden, was sie gemäß ihrer individuellen Abwägung von Aufwand und Ertrag haben möchten. Das heißt, es kann jeder selbst über seine Arbeitszeit und seinen Konsum bestimmen.

Die individuellen Bedürfnisse werden gegenüber ihrem gesellschaftlichen Aufwand abgewogen und entsprechend über den Konsumwunsch und die Arbeitsbereitschaft in den gesellschaftlichen Planungsprozess eingebracht. Die Arbeitszertifikate sind inhaltlich nichts anderes, als der Abgleich der in der gemeinsamen Planung vorweggenommenen Arbeitseinteilung.

Über die Arbeitszeitrechnung löst sich die Verteilungsfrage somit in Produktionsplanung auf. Planung des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhanges bedeutet schließlich nichts anderes, als die zur Bedürfnisbefriedigung erforderliche gesellschaftliche Arbeitszeit mit der Summe der zur Verfügung stehenden individuellen Arbeit zu verbinden. Der Prozess des Ineinandergreifens und Zusammenfügens wächst von unten auf, weil die Produzenten selbst die Leitung und Verwaltung in Händen haben. Jetzt ist Raum gemacht für die Initiative der Gesellschaftsmitglieder selbst, die das bewegliche Leben in seinen tausendfachen Formen gestalten können.

Historischer Hintergrund

Die 1930 von der Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland) als Reaktion auf die negative Entwicklung der russischen Revolution veröffentlichen “Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung”, sind ein Klassiker der marxistischen Literatur. Mit dieser Schrift stellten die Autoren erstmalig die ökonomischen Grundlagen für den Aufbau und die Organisation einer Gesellschaft im Sinne der “Vereinigung freier und gleicher Menschen” zur Debatte.

Dabei berücksichtigten sie zugleich alle gesammelten Erfahrungen der bisherigen Versuche der Arbeiterbewegung, um über die Kritik derselben notwendige neue Wege aufzeigen zu können. Eine Kritik, die bis zum heutigen Tag nichts von ihrer ursprünglichen Aktualität verloren hat.

Die ursprünglich auf Deutsch erschienene Erstauflage der Grundprinzipien wurde beschlagnahmt und weitgehend vernichtet. Eine vollständig überarbeitete und verbesserte Ausgabe in niederländischer Sprache erschien 1931 zunächst Auszugsweise und 1935 in zweiter Auflage in Buchform. Der Text der deutschen Erstausgabe wurde 1970 nachgedruckt und auch in die englische und französische Sprache übersetzt. Die vollständig überarbeitete und verbesserte zweite Auflage verblieb die folgenden 85 Jahre dagegen weitgehend unbeachtet in niederländischer Sprache verborgen. Mit der hier vorliegenden Übersetzung der 2. Auflage in die deutsche Sprache wird dieser Dornröschenschlaf beendet.


Sachbuch
1930 veröffentlichte die Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland) als Reaktion auf die negative Entwicklung der russischen Revolution die “Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung”. Mit der Schrift, die heute als Klassiker angesehen wird, wurden zum ersten Mal die ökonomischen Grundlagen zur Diskussion gestellt, die für den Aufbau und die Organisation einer Gesellschaft im Sinne der ‘Vereinigung freier und gleicher Menschen’ notwendig sind. (Buchcover: Syndikat-A)

Informationen zum Buch

Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung

Autor: Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland)
Genre: Wirtschaft/Politik
Sprache: Deutsch
Seiten: 339
Veröffentlichung: Februar 2020 (Deutsche Erstausgabe der 2. Auflage von 1935)
Verlag: Red & Black Books
Bezug: Syndikat A
ISBN: 978601283687



Illustration und Buchcover: Neue Debatte und Syndikat A

Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

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