Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative ist ein Buch von Hermann Lueer. (Illustration: Neue Debatte)

Wohlstand für alle!

Wer eine Alternative zum Kapitalismus will, den hat etwas gestört. Fehler in der Erklärung der Ursache einer störenden Wirkung setzen sich in der Regel in einem falschen Lösungsvorschlag fort. Wer sich zum Beispiel Armut als Folge von Marktversagen erklärt, sucht nach Alternativen der Marktregulierung. Wer sich Armut als notwendige Folge des marktwirtschaftlichen Produktionsverhältnisses erklärt, will den Markt abschaffen.

Jede Alternative zur kapitalistischen Wirklichkeit ist daher nur so gut wie die ihr zugrundeliegende Erklärung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, zu denen sie eine Alternative sein soll.

In dem Buch “Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative” geht es daher nicht darum, sich unabhängig von den Gründen für die weltweite Verarmung und Verelendung weiter Teile der Bevölkerung eine bessere Welt auszumalen, sondern, aus der Erklärung des Kapitalismus die Grundprinzipien einer Ökonomie jenseits vom Kapitalismus abzuleiten. Kritik und Alternative werden so zusammengebracht. Die Frage der Machbarkeit erledigt sich dabei von selbst.

Wohlstand für alle

Wohlstand für alle hat es in der Geschichte des Kapitalismus nie gegeben. Selbst die Befürworter kapitalistischer Verhältnisse würden das nicht behaupten wollen. Sie sehen die Sache so: Ungleichheit gehöre zum Kapitalismus, Elend sei der Begleiter des Fortschritts. Aber auf lange Sicht habe der Kapitalismus allen mehr Wohlstand gebracht. Nichts habe die Welt in den vergangenen 200 Jahren so verändert wie der Siegeszug des Kapitalismus. Heute seien die Ärmsten in den Industrienationen wesentlich reicher als die Armen vor 200 Jahren. Aus dem Wohlstand für wenige würde im Laufe der Jahrzehnte Wohlstand für die meisten.

“Mit den zu Eigentum erklärten Gegenständen beansprucht der Eigentümer die exklusive Verfügungsmacht über die Gegenstände und damit zugleich den Ausschluss von deren Verfügung für den Nichteigentümer.”
Wohlstand nicht für alle, aber für die meisten im Vergleich zu Zeiten, in denen die Dampfmaschine noch nicht erfunden war. Damit diese Vorstellung zum Lob kapitalistischer Produktionsverhältnisse wird, muss man glauben wollen, dass technischer Fortschritt nicht die Leistung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und des menschlichen Verstandes sei, sondern allein das Resultat privater Eigentumsverhältnisse.

Ohne Kapitalismus kein technischer Fortschritt ist der falsche Gedanke, mit dem die kapitalistische Form, in der technischer Fortschritt zum Zwecke der privaten Bereicherung der Produktionsmittelbesitzer rücksichtslos gegen den Arbeiter und die Natur vorangetrieben wird, zum Grund für den technischen Fortschritt verklärt wird. So gesehen wird jede Verbesserung, die dank des technischen Fortschritts für die arbeitende Bevölkerung abfällt, zu einem Erfolg der Dynamik und Effizienz der privatwirtschaftlichen Konkurrenz, für die sich die Opfer über Generationen gelohnt haben und lohnen werden. Ein, nebenbei bemerkt, äußerst zynisches Lob des Kapitalismus, in dem die Opfer der Mehrheit der Bevölkerung über Generationen zum Vorteil aller verklärt werden.

Schön und gut, aber wollt ihr etwa …

Planwirtschaft?

Kaum hat jemand einige Argumente gegen die Marktwirtschaft vorgebracht, kommt die Frage, ob man denn tatsächlich Planwirtschaft wolle. Ohne dass es noch explizit ausgesprochen werden müsste, steht dabei der Hinweis auf den sogenannten “Realen Sozialismus” wie selbstverständlich als Gegenargument im Raum. Aber wieso soll der ein Argument gegen Planwirtschaft sein?

Was soll denn dagegen sprechen, das Gesundheitswesen planmäßig nach den Bedürfnissen der Bevölkerung einzurichten, statt Inhalt und Umfang der medizinischen Versorgung privaten Bereicherungsinteressen zu überlassen. Oder warum soll das Bildungswesen darunter leiden, wenn die erforderlichen Mittel planmäßig bezogen auf den Zweck einer qualitativ hochwertigen Ausbildung der gesamten Bevölkerung organisiert werden.

Ja, und was soll daran unsinnig sein, beispielsweise Verkehr, Wohnungen, Strom und Wasserversorgung unter qualitativen und quantitativen Gesichtspunkten sicherzustellen, statt sie davon abhängig zu machen, ob und wo sich Investitionen in die Infrastruktur für einzelne Privatunternehmern lohnen.

Auch Nahrungsmittel lassen sich, wie es die großen Nahrungsmittelkonzerne täglich weltweit vorführen, planmäßig herstellen und vertreiben. Der Zweck, alle Gesellschaftsmitglieder zu versorgen, ist planungstechnisch keineswegs aufwendiger oder komplizierter als der Zweck, nur die zahlungsfähigen Menschen mit Lebensmitteln, Wasser, Strom, Bildung, Medizin und sonstigen Konsumgütern zu versorgen.

Auch zentral versus dezentral ist eine völlig falsche Charakterisierung für den Unterschied zwischen einer auf private Geldvermehrung bezogenen Wirtschaftsordnung und einer an einer planmäßigen gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung orientierten Wirtschaftsordnung. Auf die unsinnige Vorstellung, jemand wolle den weltweiten Bedarf an Brötchen, Bekleidung oder Möbeln zentral an einem Ort planen, kommt nur jemand, der nicht konstruktiv an der Umsetzung des Zwecks der Bedarfsdeckung weiterdenken, sondern in seiner Parteilichkeit für die Marktwirtschaft andere Vorstellungen diskreditieren will.

Ja, aber hat sich die Marktwirtschaft nicht letztlich als das effizientere Wirtschaftssystem erwiesen?

Effizienz?

Mit einem bestimmten Zeit- bzw. Mitteleinsatz den höchsten Ertrag zu erzielen oder andersherum einen bestimmten Ertrag mit dem geringsten Einsatz zu erhalten, ist effizient. Effizienz als ökonomisches Prinzip ist aber für sich genommen nichts Erstrebenswertes. Es kommt schon sehr auf den Zweck an, den jemand verfolgt. Ein Soldat kann sehr effizient beim Töten der Feinde seiner Nation vorgehen. Ein Einbrecher kann ebenfalls sehr effizient arbeiten. Der Einsatz einer Krankenschwester, die Menschen pflegt, die nicht bezahlen können, ist demgegenüber marktwirtschaftlich nicht effizient.

Wenn die private Bereicherung zum Zweck der Produktion wird, dann zielt Produktivitätssteigerung darauf, bei gleicher Warenmenge durch Senkung der Produktionskosten – das heißt, auf Kosten von Produktqualität und Arbeitsbedingungen – oder über eine größere Warenmenge bei unveränderten Kosten durch Ausdehnung und/oder Intensivierung der Arbeitszeit möglichst viel Geld im Verkauf zu realisieren. Dann bezieht sich das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag nicht auf den Zweck der Bedürfnisbefriedigung für die Bevölkerung, sondern auf die private Bereicherung in Form des Geldes. Die Funktionalität und Qualität der Gebrauchsgegenstände sowie die Umwelt- und Lebensbedingungen sind hier nur Mittel zum Zweck der privaten Geldvermehrung. Das, was die Menschen der Reichtum kostet, ihr Arbeitseinsatz und ihre Arbeitsmühen, können am Maßstab der Geldvermehrung nie groß genug sein.

Anstatt den Kapitalismus über seine Effizienz inhaltslos zu feiern, sollte man also besser fragen:

  • Worauf bezieht sich eigentlich die hochgelobte Effizienz, die sich marktwirtschaftlich Geltung verschafft?
  • Was ist eigentlich der Zweck, der zum Maßstab der Produktion erhoben wird?

Zum Zwecke der Geldvermehrung ist der Kapitalismus in der Tat unschlagbar effizient: in der gegen den Arbeiter und die Natur rücksichtslosen Ausbeutung. Und dabei gewährt die kapitalistische Gesellschaftsordnung sogar noch jedem gleichermaßen das Recht auf Eigentum!

Eigentum – ein Menschenrecht?

Die Privatisierung von Land und Produktionsmitteln ist gleichbedeutend mit der Enteignung der Gemeinschaft. Wenn einer eine Fabrik zu seinem Eigentum erklärt, können die anderen sie nicht benutzen. Das Recht, einen Zaun um fruchtbares Land zu ziehen, bedeutet für die Mehrheit der Landlosen, dass sie höchstens als Arbeitskräfte zur Mehrung fremden Reichtums Zutritt erhalten. Die Mittellosigkeit der Mehrheit ist somit die notwendige Folge der Freiheit weniger, Produktionsmittel zu Eigentum zu erklären.

“Wer Geld besitzt, kann sich von denen, die es zum Lebensunterhalt benötigen, die Schuhe putzen lassen, Liebschaften kaufen oder andere schlicht für sich arbeiten lassen und darüber seine eigene Geldmacht vermehren. Geld als Kapital, als Verfügungsmacht über die Produktionsmittel der Gesellschaft wird so zur Macht über fremde Arbeit.”
Eigentum ist kein natürlicher Gegenstand. An einem Stück fruchtbaren Land klebt kein Eigentum. Ebenso wenig an einer Maschine oder einer kompletten Fabrik. Eigentum ist ein Verhältnis zwischen Menschen. Wenn jemand sagt, dieses Ding gehört mir, bringt er damit nicht sein Verhältnis zu diesem Gegenstand zum Ausdruck, sondern sein Verhältnis zu anderen Menschen in Bezug auf diesen Gegenstand. Eigentum ist aber auch kein natürliches Verhältnis als Resultat der individuellen Arbeit, denn sonst würden die Fabrikherren und Großgrundbesitzer aufhören, Eigentümer zu sein, sobald sie ihre Arbeiter für sich arbeiten lassen. Eigentum unterstellt Gewalt. Mit den zu Eigentum erklärten Gegenständen beansprucht der Eigentümer die exklusive Verfügungsmacht über die Gegenstände und damit zugleich den Ausschluss von deren Verfügung für den Nichteigentümer.

Eigentum ist aber nicht zu verwechseln mit einem einander ausschließenden Benutzungsverhältnis: das Essen eines Apfels, das Fahren eines Fahrrads. Also einem Verhältnis, in dem die anderen Gesellschaftsmitglieder kein konkurrierendes Interesse an der parallelen Benutzung haben bzw. der Nutzer nach dem Gebrauch nicht auf der ausschließlichen Nutzung des Gegenstandes beharrt.

Eigentum ist im Unterschied zur Nutzung ein Ausschlussverhältnis, in dem sich Menschen prinzipiell – also nicht, weil sie einen Gegenstand gerade benutzen – vom Zugang zu ökonomisch relevanten Gegenständen ausschließen. Mit der ausschließenden Verfügung über die Produktionsmittel und die damit hergestellten Produkte beinhaltet Eigentum die Gewalt, anderen die Existenz zu bestreiten. Für den Eigentümer ist sein Eigentum aber nicht Ausschlussmacht um seiner selbst willen, sondern Mittel zum Zweck, fremde Arbeit zu nutzen. Eigentum ist ein gesellschaftliches Erpressungsverhältnis. Die Bedürfnisse der anderen Gesellschaftsmitglieder werden vom Eigentümer nur anerkannt, wenn ihm für die Nutzung “seines” Gegenstandes eine Leistung erbracht wird. Eigentum wird so zur Macht über fremde Arbeit.

Kapital – ein Beitrag zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung?

In der Marktwirtschaft trägt jeder seine gesellschaftliche Macht in der Tasche mit sich. Nicht als Revolver, sondern in Form von Geld. Wer, aus welchem Grund auch immer, über Geld verfügt, besitzt den Zugang zum Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft. Wer es nicht besitzt, verelendet neben den Reichtümern der Gesellschaft. Mit dem Geld, über das jemand verfügt, betätigt sich die Zugriffs- und Kommandomacht aber nicht nur über den in Warenform vorliegenden gegenständlichen Reichtum der Gesellschaft. Geld ist zugleich die Zugriffs- und Kommandomacht über die Dienste anderer Gesellschaftsmitglieder. Wer Geld besitzt, kann sich von denen, die es zum Lebensunterhalt benötigen, die Schuhe putzen lassen, Liebschaften kaufen oder andere schlicht für sich arbeiten lassen und darüber seine eigene Geldmacht vermehren. Geld als Kapital, als Verfügungsmacht über die Produktionsmittel der Gesellschaft wird so zur Macht über fremde Arbeit.

“Statt inhaltslos für ‘die Freiheit’ zu streiten, wäre es vernünftiger, sich für die Aufhebung der ökonomischen Macht einzusetzen, die gerade auf der Grundlage der ‘Menschenrechte’ von Freiheit und Gleichheit ihre kapitalistischen Blüten treibt.”
Die “Ein Prozent” oder genauer gesagt, die zehn Prozent, die den größten Teil der weltweiten Reichtümer zu ihrem Eigentum erklärt haben, vermehren ihre gemäß der freiheitlichen Eigentumsordnung rechtmäßigen Reichtümer, indem sie die Mittellosigkeit der Mehrheit zu ihrem Mittel machen. Wie machen sie das? Indem sie die anderen für sich arbeiten lassen. Warum arbeitet die Mehrheit für die Vermehrung fremder Reichtümer und damit für die Bereicherung einer Minderheit? Weil sie über das Recht auf Eigentum von sämtlichen Produktionsmitteln und den damit erzeugten Gütern ausgeschlossen sind und ihnen daher für den Erwerb der notwendigen Lebensmittel nur noch ein Mittel bleibt: der Verkauf ihrer Arbeitskraft.

Geld wird zu Kapital, zum Mittel, aus Geld mehr Geld zu machen, wenn die Arbeitskraft zur Ware wird. Der Geldbesitzer wird so entsprechend zum Kapitalisten, wenn er fremde Arbeitskraft kauft, und darüber den Arbeiter für die Vermehrung seines Reichtums arbeiten lässt. Der Eigentümer der Produktionsmittel nutzt schlicht die Differenz zwischen dem Wert der Arbeitskraft, die er auf dem Arbeitsmarkt kauft, und dem Wert der über sie produzierten Produkte, die er als Waren verkauft. In der freiheitlichen Eigentumsordnung werden über den Produktionsprozess deshalb die Reichen zwangsläufig in Relation zum gesellschaftlich geschaffenen Reichtum reicher und die Armen entsprechend ärmer.

Was in der Sklaverei oder in der feudalistischen Leibeigenschaft über direkten Zwang gelöst wurde – die Arbeitskraft anderer Menschen für die eigene Bereicherung zu nutzen – geschieht in der Marktwirtschaft nun in einer versachlichten und damit verschleierten Form: über das staatlich gesicherte Recht auf Privateigentum an Produktionsmitteln und damit der privaten Verfügungsmacht über die gesamte Warenwelt wird die Arbeitskraft der mittellosen Bevölkerung selbst als Ware käuflich. So wird der Ausbeuter zum Arbeitgeber, der Sklave bzw. Leibeigene zum Arbeitnehmer, die Peitsche zum Geld und der Zwang zur Möglichkeit, in der die Hoffnung als Letztes stirbt.

Individuelle Freiheit?

Freiheit ist ein zweischneidiges Schwert. Der Sklave fordert Freiheit gegenüber seinem Herrn, der sich die Freiheit nimmt, ihn zu versklaven. Frauen kämpfen für die Emanzipation von der Freiheit der Männer, die Frauen patriarchalisch zu unterdrücken. Gläubige nutzen ihre Religionsfreiheit für moralische Vorschriften gegenüber der individuellen Freiheit Ungläubiger. Wo sich gegensätzliche Interessen jeweils auf ihre Freiheit berufen, entscheidet die Gewalt.

Freiheit ist im ökonomischen Verhältnis der Menschen nichts anderes als die individuelle Vorteilsrechnung gegenüber der gesellschaftlichen Arbeit, das heißt, es wird nicht miteinander auf der Grundlage gemeinsamer Produktionsmittel die notwendige Arbeit zum Zweck der gesellschaftlichen Versorgung organisiert, sondern jeder versucht, die anderen mittels dessen, worüber er selbst verfügt, zum Mittel seiner Interessen zu machen. Für die Bevölkerungsmehrheit ist die ökonomische Freiheit gleichbedeutend mit der Unterordnung unter die “Sachzwänge”, die sich über die Verfügungs- bzw. Ausschlussmacht des Geldes ergeben. Sie tragen ihre Ohnmacht mit dem leeren Portemonnaie in der Tasche mit sich. Der Ruf nach Freiheit ist deshalb alles andere als tauglich für den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung.

Mit dem Ruf nach Freiheit, die im ökonomischen Verhältnis der Menschen zueinander gleichbedeutend mit der Freiheit des Eigentums an Produktionsmitteln ist, wird der Grund für das gewaltsame Ausschlussverhältnis nicht aufgehoben, sondern umgekehrt zum Mittel gegen den gewaltsamen Ausschluss verklärt.

Statt inhaltslos für “die Freiheit” zu streiten, wäre es vernünftiger, sich für die Aufhebung der ökonomischen Macht einzusetzen, die gerade auf der Grundlage der “Menschenrechte” von Freiheit und Gleichheit ihre kapitalistischen Blüten treibt.

Zur Selbstbestimmung ist keine rechtsstaatliche Durchsetzung der “Freiheit” erforderlich, sondern vielmehr die Aufhebung der in der ökonomischen Freiheit des Eigentums an Produktionsmitteln begründeten ökonomischen Abhängigkeit der Mehrheit der mittellosen Gesellschaftsmitglieder. Der Zweck, sich auf Kosten anderer zu bereichern, und sein Mittel, das Eigentum an Land und Produktionsmitteln, lassen sich nicht darüber kritisieren, dass man im Hinblick auf die notwendige Folgen für die mittellose Bevölkerung allgemein Freiheit und Gleichheit fordert. Mit einem von allen konkreten Umständen abstrahierenden Freiheitsideal im Kopf lassen sich sonst zwangsläufig auch Kapitalismuskritiker von der Parole “Freiheit statt Sozialismus” irritieren, statt die Parole und damit den Inhalt ihrer Freiheit zu kritisieren und zurückzuweisen.

… und die Alternative?

Wenn die überwiegende Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung verstanden hat, dass Alters- und Kinderarmut kein Marktversagen, sondern die notwendige Folge der Marktwirtschaft und ihrer freiheitlichen Eigentumsordnung sind, wer sollte sie dann ernsthaft daran hindern, die Organisation der Produktion in ihre eigenen Hände zu nehmen? Wer sollte sie daran hindern, den Zweck der Geldvermehrung durch den Zweck der allgemeinen Bedürfnisbefriedigung zu ersetzen?

“Vergessen wir nie, dass kein Herrschaftssystem sich lediglich auf die brutale Gewalt stützt, wie dies so oft gedankenlos behauptet und immer wieder behauptet wird. Jede Autorität stützt sich in erster Linie auf den Glauben der breiten Massen an ihre Notwendigkeit und Unabänderlichkeit. Erst wenn dieser Glaube unterminiert ist, beginnt eine Epoche des revolutionären Geschehens.” [1]

Das Problem sind daher in erster Linie nicht die sogenannten “ein Prozent” der Nutznießer der Eigentumsordnung, sondern die 99 %, die in ihrer Mittellosigkeit nur eine verpasste Gelegenheit sehen wollen, statt den einfachen Gedanken zu fassen, dass Eigentum an Produktionsmitteln gleichbedeutend mit der Mittellosigkeit der Mehrheit ist.

Solange 99 % soziale Gerechtigkeit fordern – das heißt einen Kapitalismus in idealisierter Fassung – verbleibt die vorhandene Unzufriedenheit in einer untertänigen Loyalitätserklärung gegenüber den als Menschenrechte anerkannten Grundprinzipien der freiheitlichen Eigentumsordnung. Solange die notwendigen Folgen der Marktwirtschaft als Resultat eines sich eigentlich nicht gehörenden Verstoßes gegen die Grundprinzipien der “sozialen Marktwirtschaft” missverstanden werden, können die “ein Prozent” auch die nächsten 200 Jahre gut schlafen.

Wenn immer mehr Menschen begreifen, dass Eigentum an Produktionsmitteln nichts anderes als die Ausbeutung der Mehrheit durch eine Minderheit bedeutet und dass Warenhandel und Geld keine natürlichen Formen “der Wirtschaft”, sondern allein die sachliche Form des mit diesem Eigentum in die Welt kommenden Gegensatzes sind, dann werden die Statussymbole der Nutznießer dieses Produktionsverhältnisses schnell ihren Glanz verlieren. Dann werden ihre teuren Luxusautos, ihre millionenschweren Jachten und Villen statt Neid und Bewunderung immer häufiger faule Eier als Antwort hervorrufen. Dann wird den Angestellten in den Büros und den Arbeitern in den Betrieben immer weniger der “Sachzwang der Konkurrenz” als Grund dafür einleuchten, dass sie am Produktivitätsfortschritt nicht teilhaben können, dass ein niedriger Lohn für sie besser sei als kein Arbeitsplatz, dass freier Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung im 21. Jahrhundert immer weniger finanzierbar und deshalb nicht möglich sei.

Wenn in zunehmendem Maße die mittellose Bevölkerung versteht, dass Niedriglöhne, Arbeitslosigkeit und Altersarmut kein verdientes Schicksal sind, sondern sie für eine bessere Welt nur ihre eigene Arbeitszeit als Maßstab für ihren Anteil am gesellschaftlichen Produkt durchsetzen müssen, dann werden sie auch begreifen, dass dies nur möglich ist, wenn sie ihre Produktionsverhältnisse jenseits von Eigentum und Markt selbst verwalten.

“So einfach die Grundlage für die Beherrschung der Arbeiterklasse ist, so einfach ist auch die Formel für die Aufhebung der Lohnsklaverei (auch wenn die praktische Umsetzung nicht so einfach ist!) Diese Aufhebung kann nur darin bestehen, dass die Trennung von Arbeit und Arbeitsprodukt aufgehoben wird, dass das Verfügungsrecht über das Arbeitsprodukt und damit auch über die Produktionsmittel wieder den Arbeitern zukommt.” [2]

Sobald sich die aktive Mehrheit der Bevölkerung in allen Bereichen ihres beruflichen und gesellschaftlichen Lebens gegen das zu ihrem bleibenden Nachteil eingerichtete Produktionsverhältnis stemmt und damit beginnt, die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten neu zu organisieren, wird der Kapitalismus zusammen mit seiner herrschenden Staatsgewalt dahin versetzt, wohin beide dann gehören werden – ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.


Quellen und Anmerkungen

[1] Rudolf Rocker: Organisation und Freiheit, in: Fanal Bd. 2, S. 104.

[2] Gruppe Internationaler Kommunisten: Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, Red & Black Books 2020, S. 26 . Auf https://www.syndikat-a.de/index.php?article_id=2&cat=3922&prod=5090 (abgerufen am 06.06.2020).


Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative (Buchcover: Hermann Lueer)
“Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative” erschien im Januar 2020 in dritter Auflage. Es ist der Versuch, aus der Erklärung des Kapitalismus die Grundprinzipien einer Ökonomie jenseits vom Kapitalismus abzuleiten. (Buchcover: Hermann Lueer)

Informationen zum Buch

Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative (Band 2)

Autor: Hermann Lueer
Genre: Wirtschaft/Politik
Sprache: Deutsch
Seiten: 343
Veröffentlichung: Januar 2020 (3. Auflage)
Verlag: Red & Black Books
Bezug: Syndikat A
ISBN: 978-3-9817138-0-0


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Illustration und Buchcover: Neue Debatte und Hermann Lueer

Hermann Lueer ist Autor und Herausgeber kapitalismuskritischer Literatur. Zuletzt erschienen von ihm 'Große Depression 2.0: Argumente gegen den Kapitalismus' und 'Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung'.

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