Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Wir sind alle Mörder!

Was bedeutet es, wenn das Elend, je weiter es von der betrachtenden Person entfernt ist, besonders berührt? Der darbende und entrechtete Mensch in der Ferne weckt tiefe Gefühle, während die Not vor der Haustür eisige Kälte erzeugt. Welcher Art sind die Handlungen, die aus einer solchen Absurdität erwachsen, oder besser gefragt, welche Verhältnisse stecken dahinter?

… weh tun darf es nicht

Was macht den Menschen so erratisch, dass er sich als sozial empfindet, wenn er die Vorgänge, die Not erzeugen, kaum beeinflussen kann? Und warum ist er imprägniert gegen Bedürftigkeit, wenn er sie förmlich riechen müsste?

Das Phänomen, diese Beobachtung kommt verschärfend hinzu, ist nicht das Krankenbild vereinzelter Individuen, sondern ein Massenphänomen vor allem der deutschen Gesellschaft. Zumindest könnte man, quasi als mildernden Umstand gelten lassen, dass es überhaupt noch eine Regung gibt, die als soziales Gewissen klassifiziert werden könnte. Nur, und das ist wiederum ein belastender Umstand, weh tun darf es nicht.

Um eine steile These voranzuschicken: Das Verschwinden der Arbeiterklasse, zumindest als politisch handelndes Subjekt, hat dazu geführt, dass das, was als eine Opposition von unten bezeichnet werden könnte, nicht mehr vorhanden ist. Was blieb, ist eine aus der vor einem halben Jahrhundert stattgefundenen Jugendrevolte hervorgegangene Mittelschicht, die sich düster an ihre Anfänge erinnert, aber wirtschaftlich wie politisch nicht mehr agiert, sondern ihre posttraumatischen Schimären durch das Feuilleton jagt. Und ein aus diesem sozialen Orkus hervorgegangener Brei politisch Unbewusster, die allen Ernstes glauben, sie könnten durch ihr Konsumverhalten die Welt ändern.

Geht es noch?

Was bleibt, sind die, die unter dem Tisch liegen geblieben sind. Als Prekariat verhöhnt, sind es die, die das Gefühl des Hungers, das der Obdachlosigkeit und das der Würdelosigkeit sehr gut kennen, was den oben beschriebenen nur aus Büchern bekannt ist.

Zur Beruhigung aller, die an dem konservierten Stillstand verzweifeln, kann die statistische Gewissheit übermittelt werden, dass die Anzahl derer, die als sozialer Untergrund am besten bezeichnet werden, rapide steigt. Wer das nicht glauben mag, sehe sich die französischen Zustände an. Das, was dort an Widerstand gegen den Krieg des smarten Macron gegen die arbeitende Bevölkerung entstanden ist, kam von eben jenem sozialen Untergrund. Und wir wissen, warum wir davon so wenig gehört haben in der Öffentlichkeit. Diejenigen, die diesen Echoraum gestalten, fürchten einen Aufstand, wie er von den Gelbwesten begonnen wurde, wie den Tod. Und ehrlich gesagt, das sollten sie auch.

„Die Zeit, sich mit Alibis zu exkulpieren, ist abgelaufen.“
Denn außer dem sozialen Untergrund scheint es keine politisch relevante Kraft mehr zu geben, die eine erfolgreiche Veränderung bewirken könnte. Der Rest ist beteiligt an dem gewissenlosen Ausplündern der restlichen Welt.

Im Monat März, so sagt man, hat die Bundesrepublik Deutschland jedes Jahr ihren Anteil an der weltweiten Verpestung verbraucht, wenn man so rechnen wollte. Alles, was danach kommt, geht auf Kosten anderer. Und die smarten Protestler gegen dieses Phänomen laufen mit Smartphones herum oder skaten mit E-Rollern durch die Städte, zu deren Funktion und Antrieb Kinder in anderen Regionen der Welt in Kobalt- und Litium-Minen getrieben werden – und um die bereits dreckige Kriege geführt wurden.

Geht es noch? Diese Kohorte wagt es, von Werten zu schwadronieren und sich über das Unrecht in der Welt zu beklagen? Nein, das geht nicht mehr. Aus der Sicht derer, auf deren Zukunft die ästhetisch anmutenden Konsumdiskussionen stattfinden, wird jedes Verbrechen, das begangen wird, ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Da wird nichts mehr getilgt werden können. Das Spiel ist irgendwann aus. Alles kommt zurück. Fragt sich nur, wann. Die Zeit, sich mit Alibis zu exkulpieren, ist abgelaufen.

Wir sind alle Mörder!

Jean-Paul Sartre, der viel Geschmähte, sei, weil er Franzose war, doch noch einmal zitiert [1]. In Bezug auf sein eigenes Land und dessen Kolonialismus hatte er immer wieder entlarvt, wie sich das System des Kolonialismus, der Entmündigung und Ausbeutung Dritter, zu einem greifbaren Massenphänomen in dem kolonisierenden Land auswächst. Sartre kam zu dem schlichten Fazit: Wir sind alle Mörder!


Quellen und Anmerkungen

[1] Jean-Paul Sartre (1905 – 1980) war Philosoph, Dramatiker und Publizist. Sartre gilt als Vordenker des Existentialismus und war der herausragenden französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.


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Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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1 Response

  1. oberham sagt:

    Persönlich konstatiere ich: desto weniger versklavt, desto widerlicher der Zynismus, die Klimax ist die Forbes-Liste der reichsten 100, sozusagen das orgiastische Manifest der Statistik, die doch nur den Gipfel des Wahnsinns aus dem Ozean der verkauften, verlogenen und gemeuchelten Gedanken reichen lässt.
    Die wenigen Ausnahmen, Menschen die sich nicht in erbärmlichen Verhältnissen nach den Villen sehnen, sondern Menschen die in Villen leben könnten, aber Ihr Leben der Humanität widmen und sich ihrem Dünkel, Ihrer Eitelkeit noch der Bequemlichkeit ergeben und quasi im Prozess des Verbrennens, die Qualen weniger zu lindern versuchen, ohne die Bilanz einer NGO in ihrem Rücken, bestätigen seit Beginn der zivilisierten Zeit die Regel.
    Es ist vergebens, die Menschheit ist seit Jahrtausenden verloren und alleine der Zufall bestimmt, ob man ein Mörder auf dem Divan, oder ein Mörder mit der meuchelnden Hand in den Gassen ist.
    Alles Talent und aller Verstand, verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Gier und der Eitelkeit, der sich wohl einem letzten infernalischem Lodern nähert, die Asche wenigstens, dürfte der Erde wieder ein klein wenig zurückgeben, was Ihr geraubt ward.
    (…. Satres Worte sind der pure Zynismus, da er seine Eitelkeit mit der Wahrheit tapezierte und doch dahinter ein schäbiges, eitles Wesen war, dass seinen Geist nicht weniger würdelos, als eine schöne Frau ihre Brüste verkaufte! Im Übrigen bin ich dafür, dass sich die Menschheit so bald wie nur irgend möglich, wieder im Kreislauf der Elemente verliert und dergleichen Makromoleküle nie mehr wieder sich zusammenfinden werden!)

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