Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Entweder das Übergeordnete oder der Verfall des menschlichen Daseins

Die gegenwärtigen Zustände in den Vereinigten Staaten von Amerika spiegeln sich in einer Feststellung von Friedrich Dürrenmatt [1]. In einem Interview wurde der Schriftsteller nach dem Wesentlichen seines Bühnenstücks „Die Physiker“ gefragt. Dürrenmatt antwortete: „Wenn der politische Alltag es offen lässt, ob sich Moral in Unmoral und Normalität in Anormalität umkehren lässt, dann kann der, mit der Information über das in der menschlichen Gesellschaft stetig wachsende, absolut alles beendende Potential beladene Mensch möglicherweise nicht einmal im Irrenhaus Trost finden.“

Luft entweicht aus dem Ballon

Die aktuelle Lage in den USA haben viele Autoren zu erfassen versucht und teilweise sehr genau skizziert. Rüdiger Rauls beispielsweise schreibt in seinem Meinungsbeitrag Hongkong und Minneapolis: Verfall und Ohnmacht des Westens für RT Deutsch:

„Über 100.000 Corona-Tote, etwa 40 Millionen Arbeitslose, Reiche, die immer reicher werden, und Arme, die immer mehr werden. Das ist die Lage im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Unbegrenzt sind die Möglichkeiten aber nur für Investoren und Kapitalbesitzer. Alle anderen stoßen sehr schnell an die Grenzen des American Way of Life. Besonders die schwarzen Bürger versinken immer mehr im Elend. Ihre Zahl an Arbeitslosen ist mehr als doppelt so hoch wie ihr Anteil an der amerikanischen Bevölkerung. Dasselbe Verhältnis gilt auch für ihre Toten durch die Corona-Epidemie und durch Polizeigewalt. […]“

Dann wendet sich Rauls den in der westlichen Welt oft genannten Werten und den viel zitierten und bis zum Zerreißen strapazierten Menschenrechten zu, die in der internationalen Politik immer dann herangezogen werden, wenn es darum geht, konkurrierenden Regimen Moral zu predigen. Rauls schreibt:

„Im Mutterland der westlichen Werte scheinen diese für einen Großteil der eigenen Bevölkerung nicht zu gelten. Die Menschenrechte, denen die USA nicht nur unter Trump immer wieder gegenüber Russland und China Geltung verschaffen wollen, wären für die Wortführer im Weißen Haus am leichtesten im eigenen Land umzusetzen. Von Guantanamo ganz zu schweigen, das mittlerweile aus der westlichen Menschenrechtsheuchelei ganz verschwunden ist. Nicht dass dieses Problem gelöst wäre. Es interessiert die Wortführer nicht mehr, auch nicht die alternativen.“

Wut und Verzweiflung über die gesellschaftlichen Verhältnisse hätten sich landesweit entladen, auch deshalb, weil Polizeigewalt, die im erneuten Tod eines schwarzen US-Bürgers seinen Ausdruck fand, ein grundsätzliches Problem in den USA sei. Rauls bescheinigt der US-amerikanische Gesellschaft Niedergang und Zerfall:

“ […] unter dem Druck der Arbeitslosigkeit, der miserablen Gesundheitslage, dem zehntausendfachen Sterben infolge von Corona, dem Verfall der Städte und Infrastruktur, der Kriminalität, dem Niedergang der Industrie und zunehmend auch der Landwirtschaft. Die USA erscheinen immer deutlicher als ein aufgeblasener Heißluftballon, aus dem die Luft entweicht.“

Folgt man Rauls Gedanken, so wird auch der Protest wirkungslos verblassen, weil es zwar Wut und Empörung gibt, aber keine übergeordnete Idee, durch die die Proteste vereint und in gemeinsames politisches Handeln überführen werden könnten.

„[..] Es gibt keine Organisation, die wie zu Zeiten von Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung den Protest bündeln und ihm eine Stoßrichtung geben konnte. (…) Eine landesweite Vereinheitlichung von Forderung und Handeln ist nicht zu erkennen. Es fehlt die politische Organisierung und die übergeordnete Organisation, der sich die vielen freiwillig unterordnen im Bewusstsein, dass sie mit einem untereinander abgestimmten Verhalten und Vorgehen ihre Schlagkraft und Erfolgsaussichten erhöhen. Empörung ist kein Ziel.“

Grundsätzlich mag der Analyse zugestimmt werden, aber an einer Stelle irrt Rauls: auch die Zeit der Top-down-Bewegungen ist vorbei, wie so vieles vorbei ist, was die alten Gesellschaften prägte. Die Veränderungen entfalten ihre Wirkrichtung durch Bottom-up-Strukturen. Die Macht verschiebt sich Stück für Stück von der zentralistischen Struktur zum Schwarm aus autonomen Einheiten.

Von der Liebe bis zum Kollaps

Die Hässlichkeit so mancher menschlichen Tat macht durchaus vergessen, dass eigentlich jeder Mensch geliebt werden und Liebe geben will. Doch das friedliche, menschliche Miteinander verwandelt sich durch die Gier nach geldwertem Vorteil zu aggressivem Gegeneinander: soziale Beziehungen werden zerstört und moralisches Bewerten ihres Wirkens wird unterlassen.

Vorgehensweisen der kapitalistischen Wirtschaftsweise bringen die zumindest teilweise nicht mehr rückgängig zu machende Zerstörung unseres natürlichen Lebensraumes mit sich. Die Ausnutzung der Naturgesetze zur individuellen Bedürfnisbefriedigung verursacht die Verwüstung vieler Regionen der Erde. Das technologische Wissen und Können der Menschheit wird in steigendem Maße zu einem gigantischen Potenzial für ihre eigene Vernichtung und der des Lebensraums.

Unsere Welt wird immer deutlicher von der allgemeinen Krise der kapitalistischen Wirtschaftsweise geprägt. Sie äußert sich dadurch, dass sie in kurzer Zeit aufeinanderfolgend in vielen Varianten erscheint: Wirtschafts- und Finanzkrisen, Staatskrisen, Strukturkrisen, humanitäre Krisen, Terrorkrisen, Flüchtlingskrisen und so weiter.

Gibt es einen systematischen Lerneffekt? In den bestehenden Strukturen ist dieser kaum zu entdecken. Der ausgebeutete, unterdrückte, diskriminierte, verhungernde, geplagte, verelendende, dahinvegetierende Großteil der heute lebenden Menschen, wird mithilfe von Machtinstrumenten ruhig gestellt: mediale Berieselung, Konsumtion sowie psychische und physische Gewalt.

Dies ist aus systemischer Sicht unvermeidlich, weil es im gesellschaftlichen Getriebe des Kapitalismus keine soziale Gerechtigkeit gibt, somit der durch das Unrecht hervorgerufene Widerstand delegitimiert und unterdrückt werden muss, um keine Zweifel am System aufkommen zu lassen. Zum anderen, um davon abzulenken, dass das Ökosystem durch die kapitalstische Wirtschaftsweise nicht nur gefährdet ist, was sich an zahlosen Beispielen der Umweltzerstörung zeigen lässt, sondern die Zivilisationen selbst in Richtung Kollaps treibt.

Das Haus der neoliberalen Global Player fällt auseinander. Die Selbstkritik bleibt trotzdem aus, das Gegeneinander nimmt zu. Es steigert sich zum aggressiven Verhalten zwischen Volkswirtschaften, die um geostrategische Einflusssphären, um Rohstoffe, Energiequellen, Absatzmärkte und billige Arbeitskräfte konkurrieren Krieg und Zerstörung sind nicht ausgeschlossen.

Wie könnte ein besseres menschliches Miteinander erreicht werden?

Es hängt vom Charakter der Gesellschaftsverhältnisse ab, ob Veränderungen zu sozial und ökologisch notwendigen Verbesserungen führen oder ob sie zerstörerisch sind. Wie auch in der Frage nach Krieg oder Frieden, so ist auch der eingeleitete Epochenumbruch offen für positiven oder negativen Wandel. Doch niemals zuvor war die Einschätzung von Karl Marx über das profitorientierte Wirtschaften so zutreffend für die ganze Wirklichkeit wie heute:

„In unseren Tagen scheint jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen (…) Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann in Quellen der Not.“Karl Marx: Rede auf der Jahresfeier des 'People“s Paper' am 14. April 1856 in London.

Wenn Missstände in der Gesellschaft nicht nur angeprangert, sondern die darum notwendigen gesellschaftlichen Umgestaltungen durchgesetzt und gestaltet werden sollen, reicht es nicht aus,  aufzuzeigen, was warum verändert werden muss. Allen, die auf Grund ihrer sozialen Situation gegen Missstände aufbegehren, muss zu erst bewusst werden, wie Verbesserungen in der Gesellschaft erreicht werden können. Oder anders gesagt: Zu einem Kampfprogramm gehört auch eine zielgerichtete Strategie und ein kluges taktisches Vorgehen.

Theorie und Praxis, wie auch Strategie und Taktik, stehen in dialektischer Verhältnismäßigkeit, also zwischen dem, was der zielorientierten Theorie und der gegenwärtig existierten Praxis gemeinsam ist und zu dem, was die zielorientierte Strategie und die gegenwärtig notwendige Taktik voneinander unterscheidet.

Menschen sind Wesen aus Fleisch und Blut. Sie können aufrecht gehen und mit frei verfügbaren Händen arbeiten. Sie wollen in freudvollen Miteinander, ertragreichem Gegeneinander und wohlwollendem Füreinander leben weil sie nur so überleben können, was sich in der Zivilisationsgeschichte zeigt. Jeder Mensch kann in seinem Gehirn Informationen speichern, Erkenntnisse denkend und empfindend verarbeiten und Schlussfolgerungen für sein Handeln ziehen, das er eigenwillig und eigenverantwortlich auszuführen vermag. Zusammenwirkend konnten sich die Menschen aus dem Tierreich zu bewusst bewirkenden Lebewesen entwickeln. Sie können also das Sein erkennen und verändern und Kreativität unterscheidet sie von allem anderen Seienden der Wirklichkeit.

Das übergeordnete Ziel

Um Dasein zu ermöglichen, ist es dem Menschen im Rahmen der Naturgesetze quasi als Pflicht auferlegt, kreativ zu sein. Seine Bestimmung ist es, die sich zufallsnotwendig ereignende, natürliche Wirklichkeit in seiner von ihm bewusst und vernünftig gestalteten kulturellen Wirklichkeit aufzuheben. Nur die Menschen können Vervollkommnung und Schönheit erstreben und das wahrnehmbare Sein bewahren. Jeder Mensch muss sich daher auf der Grundlage puren Nachdenkens als ein zum Weltganzen gehörendes einmaliges Selbst erkennen, um sich für den Weg durchs Leben seine eigenen Entwürfe machen zu können und diese am dafür geeigneten Platz in Gesellschaft mit Gleichgesinnten zu bearbeiten und zu realisieren.

Die Lösung der gewaltigen Probleme unserer globalisierten Weltgesellschaft, in der alles Zwischenmenschliche radikal auf Ware-Geld-Beziehungen reduziert wurde, kann nur durch bewusstes Umgestalten, also durch gesamtgesellschaftliches und demokratisch fundiertes, politisches Handeln erfolgen. Dafür gilt es, nach dem Begreifen des Notwendigen zu suchen, das Befriedigen wahrhaftiger Bedürfnisse zu erstreben und das Bewahren der Wirklichkeit zu wollen als das übergeordnete Ziel. Die Alternative ist der Verfall des menschlichen Daseins.


Quellen und Anmerkungen

[1] Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990) war ein Schweizer Maler, Schriftsteller und Dramatiker. Seine Dramentheorie verfolgte das Ziel, beim Zuschauer Distanz zum Geschehen auf der Bühne zu erzeugen, damit dieser nicht in der Rolle eines passiven Konsumenten verbleibt, sondern zum eigenständigen Nachdenken angeregt wird.


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Illustration: Neue Debatte

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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