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Ethik und Marktwirtschaft: Den Status quo brechen

Mitte der 1990er Jahre sagte der deutsche Politiker Otto Graf Lambsdorff [1] in einem Interview, in dem es um die Rolle der Wirtschaft zur Lösung sozialer Fragen ging, die „Marktwirtschaft kennt keine Ethik“. Er wollte damit wohl verdeutlichen, dass Unternehmer ihr wirtschaftliches Engagement der Profitmaximierung unterordnen müssen und daher das allgemein Nützliche ihrer Handlungen und ihrer Leistungserbringung höchstens nebenbei bedenken können. Das war damals so und es ist heute immer noch so.

Status quo

Vom Status quo, also dem aktuellen Zustand, spricht man im Allgemeinen dann, wenn man den gegenwärtigen Stand der Dinge meint. Insbesondere sind damit auch die rechtlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten gemeint.

Gesellschaftliche Veränderungen können aber nur dann initiiert und etabliert werden, wenn die einen nichts verändern wollen, da der Status quo ihrer Ansicht nach alternativlos sei, und wenn die anderen Alternativen kennen, mit denen das Neue gestaltet werden kann.

An Stricken hängen Marionetten, umgarnte Herzen kauft man nur.
In Hirnen spuken Bilder-Ketten – erbärmlich stolze Leid-Kultur.
Geraubt sind Früchte und Gebräuche, verlogen lockt perverser Glanz.
Kindern schmerzen kranke Bäuche – Afrika im Taumel-Tanz.
Fremde kaufen sanfte Schöße, Mädchenfleisch für etwas Reis.
Stumm erstickt der Weisheit Größe – Land des Lächelns und des Schweiß.
Die schlanke Frau im Blechbehälter verkauft ein Kind mit Streichel-Haut.
Hunger frißt die Tropenwälder – Indios kauen bittres Kraut.
Den Moloch füttern wir mit Schweiß und Opferblut,
mit Gier und Wahn bedeckt er unsre Augen.

Die menschliche Weltgesellschaft kann nur Überleben und ihre Zukunft wahren, wenn das gesellschaftliche Leben, die Inhalte und Funktionsweisen der ökonomisch-ökologischen, politischen und kulturellen Strukturen grundlegend zum Besseren hin verändert werden. Dazu bedarf es vorausgreifender humanistischer Konzepte, die über ein solides Fundament verfügen.

Erkenntnis und Gewissen

Niemand in der Welt hat jeweils fertige Lösungen an der Hand. Darum kann ein solches Fundament nur aus dem Zusammenwirken aller Beteiligten erschaffen werden. Um die für Veränderungen notwendige Entscheidungsfreiheit zu erlangen, muss vorurteilsfrei nach Wahrheiten gesucht werden. Dazu gehört, alle Erkenntnisse und Erfahrungen in freier Meinungsäußerung zu kommunizieren.

Eine Möglichkeit, viele Menschen zu konkretem Handeln zu motivieren, ist die Nutzung der sozialen Netzwerke. Durch sie können Alternativen, Theorien, Meinungen, Vorstellungen, Erkenntnisse, Visionen und so weiter das gesellschaftliche Bewusstsein bereichern und davon ausgehend Veränderungen zum Besseren hin bewirken. Denn, wie es Karl Marx feststellte:

„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1843/44).

Voltaire [2] jedenfalls hatte auch den Glauben, dass die Menschen schon von Natur aus genügend ausgerüstet sind, ihre Wirklichkeit zu verändern, sie zu vervollkommnen und sie letztlich in ihrer Schönheit zu erhalten, um so weiteren Menschengenerationen das Menschsein zu ermöglichen. Er schreibt in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ unter dem Stichwort „Gewissen“:

„Ein kleiner Wilder, der hungrig ist und dem sein Vater ein Stück von einem anderen Wilden zu essen gegeben hat, verlangt am nächsten Tage mehr davon, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass man seinen Mitmenschen nicht anders behandeln darf, als man selbst behandelt werden möchte. Automatisch und hemmungslos tut er genau das Gegenteil von dem, was diese ewige Wahrheit lehrt.“ Aber „die Natur“, so Voltaire weiter, „hat Vorsorge getroffen gegen diese abscheulichen Dinge; sie hat dem Menschen die Neigung zum Mitleid verliehen und die Fähigkeit, die Wahrheit zu begreifen“. Dies seien „Grundlagen der menschlichen Gesellschaft“. Eben darum komme es, dass „es immer nur wenige Menschenfresser gegeben“ habe, und so werde „das Leben unter zivilisierten Völkern einigermaßen erträglich. Die Väter und die Mütter“ ließen „ihren Kindern eine Erziehung angedeihen, die sie bald zu geselligen Menschen“ mache und durch die „sie ein Gewissen“ bekämen.

Bewusstsein und Kreativität

Wahrhaftig wirklich Sein kann der Mensch nur, wenn er die Vielzahl der von ihm lebensnotwendiger Weise zu erbringenden Leistungen unter Verwendung seines Bewusstseins in menschlicher Gemeinschaft erarbeitet, austauscht, verteilt und nutzt. Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens aufheben und so das gemäß der Naturgesetze vorgegebene etwaige Beenden seines Daseins in vervollkommendes Bewahren vor dem Verfall wandeln.

„Warum kommt am Ende des 20. Jahrhunderts ein politisierender Graf zu der Feststellung, dass Marktwirtschaft keine Ethik kenne?“
Bewusstsein und Kreativität eines Menschen werden aufgrund seiner spezifischen Veranlagung, seiner Anatomie und seiner Physiologie ermöglicht, da er durch eben diese konkrete Eigenart in die Lage versetzt ist und in einem lebenslangen Lernprozess immer mehr wird, reizbar zu sein, die Reize in Erregung zu verwandeln und in seinem Innern weiterzuleiten, diese intelligent zu verarbeiten und zielorientiert handelnd zu beantworten.

Wirtschaft ist immer ein Zusammenspiel von Produktion, Zirkulation, Distribution und Konsumtion. Dabei kommt es darauf an, dass sich jeder einzelne Mensch entsprechend seiner Fähigkeiten und seiner Bedürfnisse an diesen Kreisläufen beteiligen und seinen Nutzen daraus ziehen kann. Erarbeiten, austauschen, verteilen und nutzen sind Vorgänge in der wirtschaftlichen Sphäre des menschlichen Handelns, in der jeder seine Lebenskraft umsetzt, um nützliche materielle und geistige Güter zu erschaffen und Dienste zu leisten. Zudem ist Wirtschaft grundlegend und existenzbedingend, also unbedingt notwendig zum Leben und für das Überleben. Darum ist beim Wirtschaften ethisches Verhalten zwingend notwendig. Warum kommt nun aber am Ende des 20. Jahrhunderts ein politisierender Graf zu der Feststellung, dass Marktwirtschaft keine Ethik kenne?

Die Maschine des Adam Smith

Der Philosoph Adam Smith [3] betrachtete die menschliche Arbeit und Arbeitsteilung, sobald sie sich zum funktionstüchtigen Marktmechanismus, in dem der Marktpreis Angebot und Nachfrage ausgleicht, entwickelt habe, als Quellen des Wohlstands. Im freien Wettbewerb stelle sich durch das eigennützige Handeln der Menschen als Ordnungsprinzip der wirtschaftlichen Entwicklung das Gleichgewicht zwischen Erzeugung, Verbrauch, Lohn und Preis ein und damit ein Zustand der natürlichen Harmonie des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Aber warum funktioniert die „schöne Maschine“ des Adam Smith offensichtlich nicht?

Schon das heutige Wissen und Können der Menschen würde es ermöglichen, oder es weißt zumindest auf die baldige Befähigung dazu hin, Energiequellen zu erschließen, die jeden entsprechend seines Bedarfs ausreichend mit Energie versorgen können. Lebens- und Genussmittel, Stoffe, Materialien und Wirkstoffe können mit in der Natur so nicht vorkommenden Qualitäten und in für alle Menschen ausreichender Menge erzeugt werden. Jedem Menschen kann es ermöglicht werden, seine Talente und Begabungen zu erkennen, sich dementsprechend zu bilden und seine daraus erwachsende Befähigung in seinem Tätigsein anzuwenden.

„Der Staat wird zum Instrument des Profits.“
Jedoch gilt: Solange der Besitz einseitig verteilt und Profitgier als dominierende Triebkraft die besitzlosen Menschen zur täglichen (Erwerbs-)Arbeit zwingt, können die Produktivkräfte dies nicht bewirken. Nehmen wir als Beispiel die Erdölindustrie. Besitzer von Wertpapieren dieser Branche, die durch Rendite völlig leistungslos gigantische (Geld-)Gewinne erzielen können, wenn Erdöl bespielswiese verkauft wird, können gar nicht an der Erschließung alternativer Energiequellen interessiert sein. Denn sie würden damit nicht nur den Wert ihres Besitzes reduzieren, sondern sich final der Leistungslosigkeit berauben. Sprich: Sie müssten arbeiten. Ähnliches gilt für die Besitzer von Wertpapier der stoffumwandelnden und materialverarbeitenden Industrie, weil langlebige Produkte und kausal befriedigende Problemlösungen eben nicht profitabel sind.

Durch die aus wucherverzinster Vorfinanzierung erwachsende Notwendigkeit der Akkumulation des Kapitals und durch das sich gegenseitige Niederkonkurrieren von mit Zins- und Tilgung belasteten Betriebswirtschaften, kommt es zu Über- und Nonsensproduktion, der von Sinn befreiten Verschwendung von Ressourcen, Umweltkatastrophen, kriegerischen Auseinandersetzungen, sozialen Ungerechtigkeiten, Erwerbsarbeitslosigkeit und Ausbeutung derjenigen, die ihre Arbeitskraft als einzige Ware zu Markte tragen müssen. Und es kommt zu schrecklichen Gewaltanwendungen und unerhörten Grausamkeiten bei der politischen Machtausübung. Regime, die die Zwangsgesellschaft Staat beherrschen, führen diese in Kriege hinein, um ihren Besitz zu vergrößern. Ja, sie sind unter den kapitalistischen Produktionsverhältnissen sogar dazu gezwungen, dem Weltgeschehen diese Richtung zu geben: Sie sind Herrscher, die beherrscht sind von der Diktatur des Profits.

Der Staat wird also selbst zum Instrument des Profits, während kommerzialisierte und in den Reigen der Profitmaximierung eingebettete Massenmedien die Funktion übernehmen, die katastrophalen Gesellschaftsverhältnisse dümmlich verlogen als einzig richtig und notwendig darzustellen. Dies alles geschieht zur Absicherung der bestehenden, überholten und immer unproduktiver werdenden Gesellschaftsverhältnisse.

Der Verfall des kapitalistischen Wirtschaftssystems

Die Menschen, die auf der vermeintlich besseren Seite der Barrikade und den ausgrenzenden Mauern stehen, besonders denen in den Köpfen, werden in die Konsumtempel gelockt und durch objektiv unnötigen Luxuskonsum zum Heucheln verführt, andere mit der Gewalt des Mangels, heute ausgedrückt durch den Mangel an Geld, zum Jobben als Billigarbeiter genötigt, viele und immer mehr werden total ins Abseits gestellt. Die Entfaltung der Produktivkräfte zum Nutzen der Menschen ist so nicht möglich, Veränderungen sind zwingend notwendig.

Betriebswirtschaften müssen die Nützlichkeit ihres Tätigseins, vorfinanziert von Kreditinstituten oder abhängig von Börsenkursen, so oder so gefesselt an die Verpflichtung zur Kredit- und Zinstilgung beziehungsweise der Auszahlung von Dividenden, dem Streben nach Profit unterordnen. Im gnadenlosen Konkurrenzkampf werden sie verschlissen. Volkswirtschaften lösen sich im Rahmen der auf Druck der internationalen Finanzmärkte sich durchsetzenden Globalisierung auf.

Die Überschuss- und Nonsensproduktion, an der immer weniger Menschen und immer mehr Technologie beteiligt ist, führt zu einem nicht proportionalen Austausch und zu ungerechter Verteilung. Der verschwenderische Konsum der einen, die sich durch diesen zum Komplizien machen, spiegelt sich im Elend der anderen. Staatsapparate, im Ideal der Nützlichkeit verpflichtet und verantwortlich, volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Aktivitäten zu stimulieren, sind kaum noch in der Lage zu agieren; hilflos reagieren sie auf banale Fragestellungen zur sozialen Gerechtigkeit.

Krisen wie die Weltfinanzkrise von 2008 und die sich jetzt bahnbrechende Weltwirtschaftkrise sind systemimmanent und deutliche Indikatoren für den kontinuierlichen Verfall des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Trotz klarer Erkenntnisse und Feststellungen kompetenter Frauen und Männer über zu lösende Probleme, ist die Bereitschaft der Menschen, notwendige Veränderungen herbeizuführen immer dann zu gering, wenn diejenigen, die von den bisherigen Verhältnissen profitieren noch geeignete Machtmittel besitzen, um weiterhin ihre Interessen durchzusetzen und diejenigen, die unter den bisherigen Verhältnissen leiden, noch nicht fähig und willens sind Neues und Besseres zu tun, entweder weil die Einsicht noch nicht gereift oder der Leidensdruck nicht groß genug ist.

Das ethische Grundproblem

Kapitalismus ist die Formation gesellschaftlicher Entwicklung, in der mittels Ausbeutung des Menschen durch den Menschen die Produktivkräfte in enormer Geschwindigkeit und hoher Effektivität beträchtlich gesteigert werden. Die durch wissenschaftlich-technische Revolution und Akkumulation des Kapitals getriebene Wirtschaftskraft ermöglicht die notwendige und ständig wachsende Erweiterung der Reproduktion. Dies vollzieht sich allerdings nur so lange bis sich die grundlegende und letztlich alles bestimmende Triebkraft des wirtschaftlichen Geschehens, nämlich das Streben nach maximalen Profit derartig von den Motiven zum gesellschaftlichen Stoff-, Energie- und Informationswechsel entfernt hat, dass sich das Kapital nicht mehr akkumulieren kann. Es wird nur noch produziert und ausgetauscht, was eben diesen Maximalprofit verspricht: es zirkulieren überwiegend Wertpapiere und Anlagen und immer weniger Waren und Leistungen, es haben immer weniger Menschen die Möglichkeit am gesellschaftlichen Reproduktionsprozess teilzunehmen, profitable Massenkonsumtion kann immer schlechter realisiert werden.

Das ethische Grundproblem der kapitalistischen Marktwirtschaft ist, dass jede menschliche Regung auf eine Ware-Geld-Beziehung reduziert wird: alles ist käuflich, alles wird feilgeboten. Das Schaffen nützlicher Gebrauchswerte ist lediglich ein Mittel zum Zweck zur Erzeugung austauschbarer Geldwerte, mit denen sich wiederum Mehrwerte erzielen lassen – und das sogar durch die Zerstörung von Gebrauchswerten, der Verhinderung ihrer Erzeugung oder deren unsinniger Zirkulation, wie es die Produktion von Waffen, die Vernichtung von Lebensmitteln oder die Praxis von Reimporten und vielem anderen mehr darstellen.

„Jede Verallgemeinerung, die auf einen konkreten Einzelfall angewandt wird, ohne die besonderen Bedingungen die dazu führten zu bedenken, wird zur Phrase.“
Nicht der Mensch mit seinen Bedürfnissen, Ansprüchen und vor allem seiner wahren Bestimmung, bewahrend zu wirken, sind Triebkraft und Zielstellung des kapitalistischen Wirtschaftsgeschehens, sondern der Mehrwert heckende Mehrwert, darum kann es in der Lambsdorffschen Marktwirtschaft nicht um Ethik gehen. Doch der kategorische Imperativ [4] menschlicher Ethik, die Bestimmung der Menschen, bewusst, kenntnisreich, befähigt und freiwillig ihre Wirklichkeit zu bewahren, gilt in besonderer Weise auch für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten. Theorie und Praxis wie auch Strategie und Taktik stehen in dialektischer Verhältnismäßigkeit, also zwischen dem, was ihnen gemeinsam ist und dem, was sie voneinander unterscheidet.

Die zwar grundlegenden aber allgemein gültigen Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung unterscheiden sich vom konkret wirklichen Geschehen im Rahmen der jeweiligen historischen Bedingungen, unter denen das Leben unendlich vielschichtiger ist als es von einer abstrakten Theorie erfasst werden kann. Die lebendige Wirklichkeit ist immer in Entwicklungen, in Wahrscheinlichkeiten, in Komplikationen reicher als jeder theoretische Begriff beziehungsweise jede Prognose. Gesellschaftswissenschaftliche und aus den Erfahrungen der historischen Entwicklung gewonnene Erkenntnisse sollten entsprechend als strategische Leitlinien für gesellschaftsverändernde Aktivitäten in Anspruch genommen werden. Zu situationsbedingt konkretem Handeln ist dann jeweils ein dementsprechend taktisches Vorgehen erforderlich. Die Theorie beschäftigt sich mit dem, was existiert, während die Situationsanalyse die Grundlage zum konkreten Handeln ist.

Das Konkrete gegen das Abstrakte

Eine wissenschaftlich begründete Lehre darf kein Dogma sein, sondern muss Anleitung zum Handeln geben. Aus dem Zitieren von allgemein gültigen Thesen, Zielvorstellungen oder Definitionen lässt sich kein der Situation entsprechendes Vorgehen bestimmen. Es eignet sich bestenfalls dazu, allgemeine Aufgaben zu erkennen, die aber auf Grundlage der jeweiligen konkreten wirtschaftlichen und politischen Situation zwangsläufig modifiziert werden müssen.

Das Haupthindernis zu einem undogmatischen Verständnis des Weltgeschehens ist die Neigung, das Konkrete durch das Abstrakte zu ersetzen. Dies ist einer der gefährlichsten Irrtümer, besonders in Situationen, wo das konkrete Geschehen sehr unbeständig ist, voll mit Sprüngen, Rückzügen und scharfen Wendungen. Jede Verallgemeinerung, die auf einen konkreten Einzelfall angewandt wird, ohne die besonderen Bedingungen die dazu führten zu bedenken, wird zur Phrase.

Eine zielorientierte und erfolgversprechende strategisch-taktische Vorgehensweise lässt sich erst durch die genaue Einschätzung der objektiven Lage des konkreten Geschehens entwickeln und wenn diese (gleichzeitig) im Zusammenhang mit den grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung gesehen wird.

Wenn Missstände in der Gesellschaft nicht nur angeprangert, sondern die notwendigen gesellschaftlichen Umgestaltungen durchgesetzt und gestaltet werden sollen, reicht es nicht aus, lediglich aufzuzeigen, was und warum etwas verändert werden soll. Den Menschen, die zur Umgestaltungen gebraucht und zu dieser motiviert werden sollen, muss bewusst werden, wie die Ziele zu erreichen sind. Anders ausgedrückt: zu einem Kampfprogramm mit Erfolgspotenzial gehört eine zielgerichtete Strategie und ein kluges taktisches Vorgehen.

Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft – und dies möge als Fazit gelten, welches sich als Gedanke festsetzt –, ob sie sich nun evolutionär oder revolutionär vollzieht, ist immer dann fortschrittlich, wenn sich der einzelne Mensch im Rahmen der gegebenen Lebensverhältnisse emanzipieren kann, sich also diese Verhältnisse verändernd in Richtung einer Gesellschaft bewegen, in der das freiwillige Wirken des Einzelnen die Bedingung für die wirkliche Freiwilligkeit aller ist.


Quellen und Anmerkungen

[1] Otto Graf Lambsdorff (1926 – 2009) war Politiker der FDP. Von 1977 bis 1982 und von 1982 bis 1984 amtierte er als Bundesminister für Wirtschaft. Außerdem war Lambsdorff, der 1987 im Zusammenhang mit der Flick-Affäre um verdeckte Parteispenden des Flick-Konzerns wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, Bundesvorsitzender der FDP von 1988 bis 1993. Auf (abgerufen am 2020).

[2] François-Marie Arouet, genannt Voltaire (1694 – 1778), war ein französischer Philosoph und Schriftsteller und einer der einflussreichsten Autoren der Aufklärung. Sein philosophisches Wörterbuch (Dictionnaire philosophique) erschien 1764.

[3] Adam Smith (1723 – 1790) war ein Philosoph und Aufklärer aus Schottland. Smith wird als Begründer der klassischen Nationalökonomie angesehen.

[4] In der Philosophie von Immanuel Kant ist der kategorische Imperativ das grundlegende Prinzip ethischen Handelns. Als Kriterium, ob eine Handlung moralisch gut sei, wird hinterfragt, ob sie einer Maxime folgt, deren Gültigkeit für alle (jederzeit und ohne Ausnahme) akzeptabel wäre und ob alle betroffenen Personen nicht als bloßes Mittel zu einem anderen Zweck behandelt werden, sondern auch als Zweck an sich.


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Illustration: Neue Debatte

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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