Gerhard Mersmann kommentiert die Berichterstattung über Hongkong. (Illustration: Neue Debatte)

Hongkong: Ohne Maß und ohne Sitte

Wenn man lange genug an etwas arbeitet, dann führt es auch irgendwann zum Erfolg. Dieser Satz stimmt nicht immer, aber oft. Die politische Berichterstattung im ZDF ist ein Beispiel für seine Gültigkeit.

Conditio sine qua non

Dort hatte man irgendwann begonnen, die Köpfe des Genres in amerikanische Think-Tanks aufzunehmen. Die wurden dort lange genug betreut, bis sie sich das Weltbild, das dort produziert wurde, aneigneten. Sie taten es während ihres Dienstes kund und so verbreitete sich nicht die US-amerikanische Weltsicht, denn die gibt es genauso wenig wie die russische oder die chinesische, aber eine Anschauung, die bestimmte Kreise in den USA vertreten. Dort herrscht die Vorstellung von Welt-Hegemonie und das Modell von Zbigniew Brzeziński vor [1].

Die USA beherrschen die Welt aufgrund ihrer Präsenz in vielen Ländern des Planeten, aufgrund ökonomischer und technologischer Stärke und basierend auf Annahmen, die vor allem die Abtrennung Russlands von Europa als conditio sine qua non zum Erfolg voraussetzen [2].

Die Think-Tank-Mitglieder gingen zudem dazu über, als Quellen ihrer journalistischen Recherche wiederum andere Think-Tank-Mitglieder auszuwählen. Nicht immer, aber immer öfter. Vor allem bei Fragen weltpolitischer Bedeutung.

Manchmal wundert man sich, wenn mediokre, noch nie gesehene Quellen als wissenschaftlich ausgewiesen werden, weil sie von irgend einem Institut kommen, das sich bei näherem Hinsehen selbstverständlich als ein aus den USA finanzierter Think-Tank entpuppt, und diese analysieren dann die rücksichtslosen Expansionspläne Russlands oder Chinas.

Das hat Ausmaße angenommen, die das Urteil erlauben, die politische Berichterstattung über das Weltgeschehen im ZDF werde direkt, aber versteckt in Washington konzipiert. Billiger kann man die Souveränität eines Landes nicht unterminieren.

Hongkong als Beispiel

Die neuesten wie die älteren Berichte über die Ereignisse in Hongkong sind so ein Beispiel. Sowohl die alte Kolonialmacht, die sich den chinesischen Bissen nach einem der dreckigsten Kriege der Menschheitsgeschichte einverleibt hat, als auch das ihm folgende Imperium haben ein massives Interesse daran, den Brocken, der seit 1997 mit einer fünfzigjährigen Übergangsfrist zurück zu seinen völkerrechtlich legitimen Eigentümer zurückgehen soll, doch noch vom auf dem Silbertablett liegend zu stibitzen.

Seit der geplanten Annullierung des Auslieferungsverbots von Hongkong-Bürgern an China und den dagegen gerichteten Protesten, donnert der deutsche Kanal gegen alles, was von Seiten der Hongkonger Regierung oder aus der chinesischen Volksrepublik unternommen wird, um das Treiben zu unterbinden.

Das, was so gerne als eine freiheitliche Bürgerbewegung dargestellt wird, hat einen militanten, eigenartigerweise auch aus Washington finanzierten Arm. Er glänzt durch gewaltsame Attacken und Sabotage-Akte, die nichts anderes zum Ziel haben, als China zu provozieren und, sollte es unbedacht reagieren, international an den Pranger stellen zu können. Dass bei diesem Unterfangen die tatsächlich vorhandenen bürgerrechtlichen Kräfte aufgerieben und nicht mehr gehört werden, ist kein Geheimnis. Die Killer einer Hongkonger Demokratiebewegung sind die Propagandamasken, die im ZDF gefeiert werden.

Die Märchenstunde

Der große Entertainer im Heute-journal sprach denn jetzt auch davon, dass die britische Regierung, die vielen Hongkonger Bürgern einen Pass für GB geben will, um sie vor chinesischer Verfolgung zu schützen, die Schutzmacht Hongkongs sei.

Dabei handelt es sich um die Umkehrung aller Werte, zumindest derer, die dem Völkerrecht zugrunde liegen: In der Märchenstunde eines öffentlich-rechtlichen Senders, der sich als politisches Journal verkauft, werden die Nachfolger einer Kolonialbande, die sich mit Kanonen und Rauschgift etwas unter den Nagel gerissen haben, als Schutzmacht bezeichnet.

Befände man sich in gesitteter Gesellschaft, müsste man empört ausrufen: Das geht aber zu weit! Aber an diese Sitten kann nicht mehr appelliert werden. Sie existieren nicht.


Quellen und Anmerkungen

[1] Zbigniew Kazimierz Brzeziński (1928-2017) war ein polnisch-US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Politikberater. Er verbrachte Teil seiner Kindheit in Frankreich, Deutschland und der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. 1938 zog seine nach Kanada. Brzeziński war von 1966 bis 1968 Wahlkampf-Berater von Lyndon B. Johnson und von 1977 bis 1981 Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. Als Professor für US-amerikanische Außenpolitik lehrte er an der „School of Advanced International Studies“ der Johns Hopkins University, war Berater am „Zentrum für Strategische und Internationale Studien“ und war als Unternehmensberater für US-amerikanische und internationale Firmen tätig.

1997 erschien die Monografie The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives (Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft). Darin wird versucht, eine Geostrategie zu entwerfen, mit der die Vereinigten Staaten als „letzte Weltmacht“ ihre Vorherrschaft auf dem „großen Schachbrett“ Eurasien sichern können, um langfristig eine neue Weltordnung zu ermöglichen. Unter der Headline The Afghan war and the ‚Grand Chessboard‘ veröffentlichte The Real News Network 2010 eine dreitielige Artkelserie zum Thema.

[2] Die Conditio-sine-qua-non-Formel ist eine Formel aus der Rechtswissenschaft und Rechtspraxis sowie der Philosophie. Ein Vorgang oder eine Handlung, der/die eine conditio sine qua non ist, ist notwendige Bedingung für eine bestimmte Tatsache und als ursächlich im rechtlichen Sinne anzusehen. Mehr Infos auf https://de.wikipedia.org/wiki/Conditio-sine-qua-non-Formel (abgerufen am 07.07.2020).


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Illustration: Neue Debatte

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

2 thoughts on “Hongkong: Ohne Maß und ohne Sitte

  1. Die Ambitionen westlicher Geheimdienste gibt es. Das bedeutet nicht, dass diese Proteste eine Aktion dieser Geheimdienste waren. Ich kenne China – Festland und Hong Kong – aus persönlicher Anschauung seit zwei Jahrzehnten. Natürlich wäre es dem Westen lieb, auf Hong Kong zeigen und China beschuldigen zu können. Doch die Millionen Menschen, die seit einem Jahr auf die Straße gegangen sind, mussten dazu nicht aus dem Westen motiviert werden. Die Einschnitte, die das neue Gesetz für das Leben der Mesnschen bringt, sind vergleichbar dem Machtwechsel von 33 oder der Gründung der DDR. Ich übertreibe nicht. Aus ihrem sicheren Arbeitszimmer lässt es sich vortrefflich spekulieren, aber begreifen sie, was es bedeutet, wenn sie ihren Job plötzlich nicht mehr ausüben dürfen, wenn sie sich plötzlich vor jedem Wort hüten müssen, dass sie öffentlich äußern, denn alles kann als das System untergrabend gewertet werden, und das wird mit Strafen bis zu lebenslänglichem Gefängnis bestraft!

  2. Hallo China Hand,
    wenn Sie den Text aufmerksam lesen, werden Sie herausfinden, dass ich die Bürgerrechtsbewegung keineswegs diskreditiere. Es steht dort klar, und ich dachte auch deutlich. Wenn sich jemand hinter einem Pseudonym versteckt und einem anderen, der sich mit vollem Namen nennt und zu dem steht, was er schreibt, darüber spekulativ auslässt, worin die Beschränktheit von dessen Sicht bestehen könne, so ist das für mich nicht akzeptabel. Sie wissen es nicht, also spekulieren Sie nicht!
    Mit freundlichen Grüßen
    Gerd Mersmann

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