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Umwelt-Studie (3): Reformistische und revolutionäre Lösungen zur Umweltkrise

In der Fachzeitschrift Nature wurde kürzlich eine Studie veröffentlicht, die aufzeigt, wie die Konsumgesellschaft und das kapitalistische System für die meisten negativen Umweltauswirkungen verantwortlich sind. Sie stellt Lösungen vor, die von reformistischen Ansätzen bis hin zu radikalen Ansätzen des Öko-Sozialismus und Öko-Anarchismus reichen. Die Redaktion des graswurzeljournalistischen Kollektiv-Magazins SchwarzerPfeil hat die Studie übersetzt und in drei Teilen veröffentlicht. Neue Debatte hat die Beitragsserie von SchwarzerPfeil übernommen.


Teil 3: Reformistische und revolutionäre Lösungen zur Umweltkrise

Lösungsansätze

Als Antwort auf die oben genannten Triebkräfte des Wohlstands werden verschiedene Lösungsansätze und Strategien diskutiert. Wir unterscheiden diese nach Zugehörigkeit zu einer reformistischeren und einer radikaleren Gruppe (Tabelle 1). Dies basiert auf der Kategorisierung von Alexander und Rutherford.

All diese Ansätze unterscheiden sich von dem etablierten Ansatz des grünen Wachstums (Ökomodernismus) insofern, als sie zumindest eine agnostische, wenn nicht gar negative Position zu der Frage einnehmen, ob das BIP ausreichend von den Umweltauswirkungen entkoppelt werden kann.

Daher unterscheiden sich diese Ansätze auch von den Zielen der nachhaltigen Entwicklung (SDGs), da SDG 8 auf ein anhaltendes globales BIP-Wachstum von ~3 % p.a. abzielt, was wahrscheinlich im Widerspruch zu mehreren anderen SDGs steht, z.B. SDG 12 und 13.

Darüber hinaus stellen die SDGs keinen theoretisch kohärenten Rahmen dar, da sie Teil eines deliberativen Prozesses sind und der Machtdynamik sowie den Wechselwirkungen zwischen Ungerechtigkeiten zugrunde liegen.

Nichtsdestotrotz sind Ansätze, die durch mehrdimensionale soziale Wohlfahrts- und Umweltziele untermauert werden, wie Kate Raworths Doughnut Economics, starke Alternativen zu den auf das BIP fokussierten und können transformative Veränderungen im Kontext der weiter unten skizzierten eher reformistischen Lösungsansätze anregen.

Wichtig ist, dass die folgende Diskussion nur einen groben Überblick über die jeweiligen Ansätze geben kann.

Tabelle 1

Table 1: Meta approaches for sustainable prosperity. Aus Scientists’ warning on affluence. (Quelle: Nature)

Table 1: Meta approaches for sustainable prosperity. Aus Scientists’ warning on affluence. (Quelle: Nature)


Öko-Sozialismus (inklusive Degrowth)

Hauptpremisse:
Entkopplung ist höchstwahrscheinlich nicht möglich; Notwendige Veränderungen sind höchstwahrscheinlich nicht mit dem Kapitalismus vereinbar; Es wird erwartet, dass der demokratische Staat beim Übergang und darüber hinaus eine bedeutende Rolle spielen wird, auch wenn Graswurzelbewegungen nach wie vor wichtig sind

Ziele & Ambitionen:
Entkopplung des Wohlbefindens vom BIP-Wachstum, Schrumpfungseffekte und Erwartung eines Schrumpfens des BIP, Erhöhung der sozialen Kontrolle über die Wirtschaft durch den Staat

Mechanismen:
Fokus auf Ressourcengrenzen, Systemveränderungen und Wohlbefinden

Institutionen & Akteure:
Regierungen, Zivilgesellschaft und Basisinitiativen, Wähler:innen, Wissenschaftler:innen

Aktionen:
Starke Grenzen und soziale Gerechtigkeit in die Politik einbeziehen; wirtschaftliche Strukturen verändern, Institutionen reformieren und die soziale Kontrolle über wirtschaftliche Handlungen verstärken; Lebensstile, Bewusstsein und Kulturen durch Aktionen an der Basis verändern

Errungenschaften/Beispiele/Implementierungen:
Individuelles Herunterschalten, Übergangsinitiativen, Ökodörfer, politische Reformen, z.B. das Wellbeing Budget 2019 in Neuseeland als allererster Schritt

Barrieren:
Mangelndes Bewusstsein in der Öffentlichkeit über die Grenzen des Wachstums und der Alternativen; mangelnde Forschung über diese Alternativen; die Veränderungen könnten zu radikal sein, um umgesetzt zu werden; die Wachstumsimperative der Staaten könnten ein zu großes Hindernis darstellen

Anpassung an dominante Interessen, Systeme und Kulturen:
Niedrig

Öko-Anarchismus

Hauptpremisse:
Entkopplung ist höchstwahrscheinlich nicht möglich; Notwendige Änderungen sind höchstwahrscheinlich nicht mit dem Kapitalismus vereinbar; Es wird nicht erwartet, dass der Staat eine bedeutende Rolle bei dem Übergang spielt. Stattdessen stehen partizipativ-demokratische Graswurzelbewegungen im Mittelpunkt des Übergangs und darüber hinaus.

Ziele & Ambitionen:
Entkopplung des Wohlbefindens vom BIP-Wachstum, Einfluss schrumpfen lassen und BIP-Schrumpfung erwarten, soziale Kontrolle über die Wirtschaft erhöhen, ohne den Staat zu benutzen

Mechanismen:
Fokus auf Ressourcengrenzen, Systemveränderungen und Wohlbefinden

Institutionen & Akteure:
Zivilgesellschaft und Basisinitiativen, Wissenschaftler:innen

Aktionen:
Ändere Lebensstile, Kulturen und Bewusstsein durch Aktionen an der Basis; baue ein alternatives lokalisiertes partizipatorisch-demokratisches Wirtschaftssystem neben dem alten auf und beseitige Barrieren durch Zusammenarbeit mit Regierungen

Errungenschaften/Beispiele/Implementierungen:
Individuelles Herunterschalten, Übergangsinitiativen, Ökodörfer, Katalanische Integrale Kooperative, Rojava, Zapatista

Barrieren:
Mangelndes Bewusstsein in der Öffentlichkeit über die Grenzen des Wachstums und der Alternativen; mangelnde Forschung über diese Alternativen; die Veränderungen könnten zu radikal sein, um umgesetzt zu werden; die Barrieren für Aktionen an der Basis könnten zu hoch sein

Anpassung an dominante Interessen, Systeme und Kulturen:
Niedrig

Reformistische Ansätze

Hauptpremisse:
Gruppe 1: unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten (Entkopplung) ist höchstwahrscheinlich nicht möglich (Daly, Victor oder Jackson)
Gruppe 2: agnostisch zu Wachstum; Entkopplung könnte noch möglich sein; Ungewissheit (van den Bergh, Petschow et al.)
Die notwendigen Veränderungen sind mit den zentralisierten Staaten und dem Kapitalismus vereinbar

Ziele & Ambitionen:
Entkopplung des Wohlbefindens vom BIP-Wachstum, Einfluss senken trotz möglicher/wahrscheinlicher BIP-Rückgänge

Mechanismen:
Fokus auf Ressourcengrenzen, Reformen und Wohlbefinden

Institutionen & Akteure:
Regierungen, Zivilgesellschaft und Basisinitiativen, Wähler:innen, Wissenschaftler:innen

Aktionen:
Starke Grenzen und soziale Gerechtigkeit in die Politik einbeziehen; wichtige soziale Institutionen reformieren; Lebensstile und Kulturen durch Aktionen an der Basis verändern

Errungenschaften/Beispiele/Implementierungen:
Individuelles Herunterschalten, Übergangsinitiativen, Ökodörfer, politische Reformen, z.B. das Wellbeing Budget 2019 in Neuseeland als erster Schritt

Barrieren:
Mangelndes Bewusstsein in der Öffentlichkeit über die Grenzen des Wachstums und der Alternativen; mangelnde Forschung über diese Alternativen; Potential, dass die Probleme innerhalb des Kapitalismus und der zentralisierten Staaten nicht gelöst werden können

Anpassung an dominante Interessen, Systeme und Kulturen:
Niedrig (Gruppe 1) bis mittel (Gruppe 2)

Ansätze für grünes Wachstum

Hauptpremisse:
Das Wirtschaftswachstum kann von den Auswirkungen auf die Umwelt abgekoppelt werden und ist notwendig, um nachhaltige technische Lösungen anzubieten.
Notwendige Veränderungen sind mit den zentralisierten Staaten und dem Kapitalismus vereinbar.

Ziele & Ambitionen:
Aufrechterhaltung eines hohen Wirtschaftswachstums und Verringerung der Auswirkungen (Entkopplung)

Mechanismen:
Fokus auf Ressourceneffizienz, erneuerbare Energien und Entkopplung

Institutionen & Akteure:
Regierungen, Finanzinstitute, Wähler:innen, Wissenschaftler:innen

Aktionen:
Politiken anpassen, um Effizienzsteigerungen einzubeziehen

Errungenschaften/Beispiele/Implementierungen:
OECD und EU-Politik

Barrieren:
Wirtschaftswachstum bleibt Priorität

Anpassung an dominante Interessen, Systeme und Kulturen:
Hoch


Die reformistische Gruppe besteht aus heterogenen Ansätzen wie agnostischem Wachstum, pragmatischem Postwachstum, Wohlstand ohne Wachstum sowie stationäre Wirtschaft. Diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie darauf abzielen, die erforderliche sozial-ökologische Transformation durch und innerhalb der heute dominierenden Institutionen, wie zentralisierte demokratische Staaten und Marktwirtschaften zu erreichen.

Aus dieser Position folgt oft, dass die derzeitigen, gesellschaftlich lebenswichtigen Institutionen, wie der Wohlfahrtsstaat, die Arbeitsmärkte, das Gesundheitswesen, die Renten und andere, reformiert werden müssen, um vom BIP-Wachstum unabhängig zu werden.

Im Allgemeinen werden Bewegungen von unten nach oben als entscheidend angesehen, die zu einem Werte- und Kulturwandel in Richtung Suffizienz führen. Letztendlich werden jedoch bedeutende politische Veränderungen vorgeschlagen, um die notwendige Verlagerung von Konsum und Produktion und/oder die Verringerung der Umweltauswirkungen durch Entkopplung zu erreichen. Dazu gehören unter anderem strenge Öko-Steuern oder Cap-and-Trade-Systeme, gezielte Investitionen in grüne Industrien und öffentliche Einrichtungen, Vermögensumverteilung durch Besteuerung und ein maximales Einkommen, ein garantiertes Grundeinkommen und/oder reduzierte Arbeitszeiten.

Obwohl diese Politiken im Vergleich zur heutigen Politik bereits radikal erscheinen, sind die Befürworter:innen reformistischer Ansätze überzeugt, dass die Transformation in den derzeitigen kapitalistischen Volkswirtschaften und demokratischen Staaten erreicht werden kann.

Die zweite, radikalere Gruppe ist anderer Meinung und argumentiert, dass die notwendige sozial-ökologische Transformation notwendigerweise eine Verschiebung über den Kapitalismus und/oder die gegenwärtigen zentralisierten Staaten hinaus mit sich bringen wird.

Obwohl sie eine beträchtliche Heterogenität aufweist, lässt sie sich in öko-sozialistische Ansätze, die den demokratischen Staat als ein wichtiges Mittel zur Erreichung der sozial-ökologischen Transformation betrachten, und öko-anarchistische Ansätze unterteilen, die stattdessen auf eine partizipative Demokratie ohne Staat abzielen, wodurch Hierarchien minimiert werden.

Viele Degrowth-/Wachstumsrücknahme-Ansätze kombinieren Elemente der beiden, sehen aber oft eine stärkere Rolle für staatliches Handeln als Öko-Anarchist:innen. Degrowth wird hier definiert als „eine gerechte Herabsetzung des Durchsatzes [d.h. der Energie- und Ressourcenflüsse durch eine Wirtschaft, die stark an das BIP gekoppelt ist], mit einer gleichzeitigen Sicherung des Wohlergehens“, die auf ein nachfolgend herabgestuftes stationäres Wirtschaftssystem abzielt, das sozial gerecht und im Gleichgewicht mit ökologischen Grenzen ist.

Wichtig ist, dass das Wachstum nicht auf eine Reduzierung des BIP an sich abzielt, sondern es als wahrscheinliches Ergebnis der notwendigen Veränderungen akzeptiert.

Darüber hinaus heben öko-feministische Ansätze die Rolle patriarchalischer sozialer Beziehungen und die Parallelen zwischen der Unterdrückung der Frauen und der Ausbeutung der Natur hervor, während Ansätze nach der Entwicklung die vielfältigen und heterogenen Visionen betonen, eine solche sozial-ökologische Transformation weltweit, insbesondere im globalen Süden, zu erreichen.

Die Befürworter:innen von Degrowth schlagen ähnliche politische Veränderungen vor wie die reformistische Gruppe. Es wird jedoch betont, dass die Umsetzung dieser Veränderungen höchstwahrscheinlich eine Verlagerung über den Kapitalismus hinaus bedeuten würde, z.B. die Verhinderung der Kapitalakkumulation durch Größenvorteile und kollektives Firmeneigentum, und somit einen radikalen sozialen Wandel erfordern würde.

Die Öko-Sozialist:innen konzentrieren sich gewöhnlich mehr auf Rationierung, Planung von Investitionen und Beschäftigung, Preiskontrollen und öffentliches Eigentum zumindest der zentralsten Produktionsmittel, um deren Abbau auf sozial nachhaltige Weise zu planen.

Beide Gruppen sind sich über die entscheidende Rolle der Bottom-up-Bewegungen einig, um die Kultur und Werte zu verändern, auf die Umsetzung dieser Veränderungen von oben nach unten zu drängen und Teile der neuen Wirtschaft innerhalb der alten zu etablieren.

Schließlich sehen die Öko-Anarchist:innen den Staat nicht als zentrales Mittel, um die sozial-ökologische Transformation zu erreichen. Stattdessen betonen sie die Rolle von Basisinitiativen von unten nach oben, wie z.B. Übergangsinitiativen und Ökodörfer, bei der Vorwegnahme der Transformation sowie von Kultur- und Werteveränderungen als notwendige Voraussetzung für einen umfassenderen radikalen Wandel. Mit diesen Initiativen könnte sich der Staat daran gewöhnen, Barrieren zu beseitigen und den Aufbau einer partizipativ-demokratischen und lokalisierten postkapitalistischen Wirtschaft zu unterstützen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es zumindest kurzfristig eine gewisse strategische Überschneidung zwischen reformistischen und den radikaleren öko-anarchistischen und öko-sozialistischen Ansätzen zu geben scheint. Es bleibt die Frage, wie diese Lösungsansätze zur Überwindung der zuvor skizzierten kapitalistischen Dynamiken beitragen, da hier das Handeln von unten nach oben und von der Regierung begrenzt zu sein scheint.

Es ist wichtig, die zentrale Rolle der sozialen Bewegungen in diesem Prozess anzuerkennen, die durch komplexe, unvorhersehbare und verstärkende Rückkopplungen soziale Kipp-Punkte vorwärts bringen und aus Krisen Fenster der Möglichkeiten schaffen können.

Neue Forschungsrichtungen

Die Beweise sind eindeutig. Langfristiges und gleichzeitiges menschliches und planetarisches Wohlergehen wird im Anthropozän (Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist) nicht erreicht werden, wenn der wohlhabende Überkonsum anhält, angespornt durch Wirtschaftssysteme, die Natur und Menschen ausbeuten.

Wir stellen fest, dass die wohlhabenden Lebensstile der Reichen der Welt zu einem großen Teil die globalen ökologischen und sozialen Auswirkungen bestimmen und vorantreiben.

Außerdem erlauben es die internationalen Handelsmechanismen den Reichen der Welt, ihre Auswirkungen auf die Armen der Welt zu verlagern. Nicht nur, dass eine ausreichende Entkopplung der ökologischen und schädlichen sozialen Auswirkungen vom Wirtschaftswachstum nicht allein durch technologische Innovation erreicht werden kann, sondern auch der gewinnorientierte Mechanismus der vorherrschenden Wirtschaftssysteme verhindert die notwendige Reduzierung der Auswirkungen und der Ressourcennutzung an sich.

In diesem Zusammenhang wurde die digitale Revolution – und im weiteren Sinne die Vierte Industrielle Revolution (FIR) mit konvergierenden, schrittweisen Innovationen in den Bereichen digitale Technologie, künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, 3D-Druck, Biotechnologie und Nanotechnologie – als Ermöglicher einer absoluten Entkopplung durch schiere exponentielle Effizienzgewinne angepriesen.

Die Digitalisierung ist zwar bereits eine treibende Kraft bei der gesellschaftlichen Umgestaltung, doch hat sie bisher zu mehr Verbrauch und Ungleichheit geführt und bleibt mit der indirekten Nutzung von Energie und Materialien gekoppelt, wodurch ressourcenintensive und treibhausgasintensive Wachstumsmuster auf makroökonomischer Ebene aufrechterhalten werden.

Während die digitale Revolution zweifellos die Arbeitsproduktivität steigert – was von einzelnen führenden Unternehmen, die ein starkes Produktivitätsparadoxon aufweisen, demonstriert wird -, bleibt abzuwarten, ob dasselbe für die Ressourcenproduktivität gilt, und dies wird von der Regierungsführung und Regulierung abhängen.

Selbst wenn die FIR eine absolute Entkopplung erreichen würde, wäre dies mit einem potenziell hohen Risiko für Privatsphäre, Freiheit, Datensouveränität, Bürgerrechte, Sicherheit, Gleichheit und Demokratie verbunden.

Was wir brauchen, sind überzeugende und durchführbare Lösungen auf der Ebene der Systeme, die verfolgt werden können. Wir rufen dazu auf, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft über alle Disziplinen hinweg mit multidisziplinärer Forschung Lösungen identifiziert und unterstützt, dass die Öffentlichkeit sich an breiten Diskussionen über Lösungen beteiligt und dass die politischen Entscheidungsträger Lösungen in politischen Prozessen umsetzen und ermöglichen.

Auf der Grundlage der oben rezensierten Literatur identifizieren wir die folgenden Bereiche, in denen weiterer Forschungsbedarf besteht. Diese Liste ist nicht erschöpfend oder gar vollständig schlüssig, sondern soll vielmehr der Beginn einer kontinuierlichen Debatte sein, um zukünftige Forschungsagenden und Aktionen zu entwerfen, die diskutiert und kritisiert werden müssen.

Forschung zur Förderung des grundlegenden akademischen Verständnisses

Können inspirierende Visionen für ein nachhaltiges Leben in Wohlstand, aber innerhalb planetarischer Grenzen und mit weniger materiellem Wohlstand formuliert und demonstriert werden? Wie können grundlegende Veränderungen im Lebensstil des wohlhabenden Teils der menschlichen Bevölkerung motiviert und aufrechterhalten werden?

Die Schnittstelle zwischen den materiell heruntergekommenen Lebensstilen und dem sozialen Umfeld (Institutionen, Werte, Normen und Regierungsführung) bedarf besonderer Aufmerksamkeit. Welche Umstände ermöglichen und unterstützen die weitreichenden Veränderungen der Lebensstile? Welches sind die institutionellen, kulturellen und individuellen Barrieren, die einer Änderung des Lebensstils entgegenstehen und wie können sie überwunden werden? Welche Rolle spielen die sozialen Gruppen, Organisationen und Bottom-up-Bewegungen? Können wir von Gesellschaften lernen, z.B. von indigenen und vorindustriellen Gesellschaften, die es geschafft haben, ohne wirtschaftliches Wachstum zu leben?

Bislang wurden die Konzepte der stationären Wirtschaft, des Degrowth oder des agnostischen Wachstums in größerem Maßstab praktisch nicht umgesetzt. Forschungen über die ökologische und soziale Nachhaltigkeit dieser Vorschläge sind notwendig.

Kann ein Übergang zu einem reduzierten und veränderten Konsum bei gleichzeitiger Wahrung der wirtschaftlichen und sozialen Stabilität erreicht werden? Welche Auswirkungen hat dies auf Arbeit, Beschäftigung und Bevölkerungswachstum? Wie kann man die soziale Sicherheit aufrechterhalten und die Gleichheit erhöhen? Was sind die Folgen für den Handel und insbesondere für den globalen Süden?

Die wissenschaftliche Gemeinschaft sollte Szenarien und mögliche Wege für einen starken nachhaltigen Konsum und eine nachhaltige Produktion mit Ober- und Untergrenzen entwickeln, wie es die Korridore für nachhaltigen Konsum vorschlagen. Diese müssen sich durch einen reduzierten physischen Durchsatz auszeichnen (was möglicherweise zu einem verringerten BIP führt) und eine Neuzusammensetzung des Verbrauchs mit einer gleichzeitigen sozialen Neuorientierung der Menschen, Institutionen und Regierungen. Geeignete Indikatoren und Szenarien, die auf interdisziplinärer Forschung basieren, müssen umgesetzt werden, um den Fortschritt zu überwachen.

Forschung über gesellschaftliche Veränderungen für Bürger:innen und Gemeinschaften

Eine erste und unmittelbare Maßnahme, die jeder ergreifen kann, ist, über den übermäßigen Konsum zu sprechen, d.h. über das derzeitige Niveau des Konsums der meisten Menschen im globalen Norden, und darüber, wie es unhaltbar und unethisch oder ungerecht ist. Eine breite Debatte in Gesellschaft, Forschung und Politik ist notwendig. Viele Menschen sehen sich weder als Teil des Problems noch als Teil der Lösung, sondern suchen nach Regierungen, Technologie und/oder Unternehmen, um das Problem zu lösen.

Die notwendigen alternativen Zukünfte müssen diskutiert, sich vorgestellt und geteilt werden. Es ist wichtig, ein Gefühl der kollektiven Verantwortung und des gemeinsamen Handelns zu schaffen. Sozialwissenschaftliche Forschung und Ansätze können helfen, indem sie Konzepte, Erfahrungen und Plattformen schaffen, bereitstellen und teilen, auf denen öffentliche Debatten und Dialoge stattfinden.

Menschen, die bereits einen Rückschritt gemacht haben, sollten in die Lage versetzt werden, ihre Motivationen und Erfahrungen zu teilen, um Stigmatisierung und Isolation zu durchbrechen, ebenso wie Aktivist:innen, die eine größere Volksbewegung zum Thema Klimaschutz aufbauen.

Die Forschung kann die Hauptthemen identifizieren, auf die man sich in erster Linie konzentrieren sollte (Fliegen, Fleisch und Milchprodukte, Autofahren, Suffizienz im Haushalt usw.) und wie Kulturen der Suffizienz, Fürsorge, Solidarität und Einfachheit geschaffen werden können. Der Einzelne kann gemeinsam als Haushalt und Gemeinschaft zurückschalten. Die Forschung kann dazu beitragen, die Städte neu zu überdenken und neu zu organisieren, um kürzere Entfernungen, engere Gemeinschaften, eine höhere Selbstversorgung, eine stärkere lokale Ortsidentität und eine dezentralere Produktion, einschließlich der Nahrungsmittelproduktion, zu ermöglichen.

Noch wichtiger ist, dass die Bürger:innen lernen können, sich als soziale Akteur:innen zu engagieren, um soziale Wendepunkte voranzubringen. Zu diesen sozialen Wendepunkten gehören zum Beispiel die Abschaffung von Subventionen und Investitionen in fossile Brennstoffe, der Aufbau einer dezentralisierten Energieerzeugung oder kohlenstoffarme Städte. Solche makroökonomischen Anstrengungen sind eindeutig wichtiger als individuelle, sie könnten dazu beitragen, mögliche Rebound-Effekte anzugehen, und verdienen daher mehr Aufmerksamkeit und Anleitung seitens der Forschung.

Hinzu kommt, wie Smith et al. in Reaktion auf Otto et al. betonen, dass es entscheidend ist, zu fragen “Wer initiiert eine bewusste, radikale Veränderung des kollektiven Interesses?” und die zentrale Rolle der sozialen Bewegungen in diesem Prozess anzuerkennen.

Forschung zur Governance

Aus der Literatur lassen sich eine Reihe konkreter Politikvorschläge für das Regieren entnehmen (siehe auch Cosme et al.). All diese müssen noch genauer untersucht und auf ihre Durchführbarkeit und Umsetzung hin untersucht werden:

Erstens, das BIP als Maß für den Wohlstand durch eine Vielzahl von alternativen Indikatoren zu ersetzen und dem Wachstum gegenüber agnostisch zu sein. Rechnet mit einem wahrscheinlichen Schrumpfen des BIP, wenn ausreichende umweltpolitische Maßnahmen ergriffen werden. Die Forschung muss beraten, wie die Fortschritte auf dem Weg zum menschlichen und planetarischen Wohlergehen am besten überwacht und gemeldet werden können.

Zweitens: Befähigung der Menschen und Stärkung der Teilnahme an demokratischen Prozessen und Ermöglichung einer stärkeren lokalen Selbstverwaltung. Gestaltung der Regierungsführung und der Institutionen, um soziale Experimente, Engagement und Innovation zu ermöglichen. Dies könnte erprobt und organisiert werden, z.B. durch Bürger:innenversammlungen oder Jurys, wie es von Extinction Rebellion verlangt und bereits praktiziert wird, z.b. durch Übergangsinitiativen oder den Catalan Integral Cooperative.

Drittens: Stärkung der Gleichheit und Umverteilung durch eine geeignete Steuerpolitik, Grundeinkommens- und Arbeitsplatzgarantien und durch die Festlegung von Einkommenshöchstgrenzen, den Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen und die Rücknahme neoliberaler Reformen (z.B. im Rahmen eines Green New Deal). Eine stärkere Regulierung könnte nötig sein, um bestimmte Produkte oder ökologisch zerstörerische Industrien zu verbieten, die auf einem Erbe von Eigeninteressen, Lobbyarbeit und staatlich geförderten Subventionen gedeihen.

Viertens kann die Umgestaltung der Wirtschaftssysteme mit innovativen Geschäftsmodellen unterstützt werden, die das Teilen und Geben von Wirtschaften fördern, die auf Zusammenarbeit, Gemeinschaften und lokalisierten Wirtschaften statt auf Wettbewerb basieren. Forschung ist notwendig, um geeignete politische Instrumente zu schaffen, zu bewerten und zu überarbeiten.

Und schließlich müssen der Aufbau von Kapazitäten, der Wissenstransfer und die Bildung – einschließlich der Medien und der Werbung – angepasst werden, um lokale Suffizienzprojekte und Bürgerinitiativen zu unterstützen.


Alle Beiträge der Serie

Teil 1: Wie die Konsumgesellschaft den Planeten zerstört

Teil 2: Kapitalismus als treibende Kraft der Umweltzerstörung

Teil 3: Reformistische und revolutionäre Lösungen zur Umweltkrise


Redaktioneller Hinweis

Der Beitrag erschien im englischen Original erstmals im wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature unter dem Titel „Scientists’ warning on affluence“. Er wurde von Thomas Wiedmann, Manfred Lenzen, Lorenz T. Keyßer und Julia K. Steinberger verfasst und unter einer internationalen Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz lizenziert (siehe unten). Die umfassenden Literaturhinweise sind dem Original zu entnehmen. Einzelne Absätze wurden zur besseren Lesbarkeit im Netz eingefügt und hervorgehoben.


Rechte und Genehmigungen

Open Access Dieser Artikel ist unter einer internationalen Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz lizenziert, die die Nutzung, gemeinsame Nutzung, Anpassung, Verbreitung und Vervielfältigung in jedem Medium oder Format erlaubt, solange Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle angemessen erwähnen, einen Link zur Creative-Commons-Lizenz angeben und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die Bilder oder anderes Material von Dritten in diesem Artikel sind in der Creative-Commons-Lizenz des Artikels enthalten, es sei denn, es wird in einem Verweis auf das Material anders angegeben. Wenn das Material nicht in der Creative-Commons-Lizenz des Artikels enthalten ist und Ihre beabsichtigte Nutzung nicht durch gesetzliche Bestimmungen erlaubt ist oder über die erlaubte Nutzung hinausgeht, müssen Sie die Erlaubnis direkt vom Urheberrechtsinhaber einholen. Um eine Kopie dieser Lizenz anzusehen, besuchen Sie http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.


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