Abgründe und Sternstunden finden sich in der zeitlichen Begrenztheit des Daseins. (Illustration: Neue Debatte)

Unvergesslich: Sternstunden und Abgründe

Ob Sternstunden oder Abgründe, ob als konkretes Individuum oder in Gemeinschaft, menschliches Leben ist immer ein Wechselspiel, das aus Widersprüchen heraus geschieht, in dem sich Quantitäten ansammeln, um dramatisch oder behäbig in neue Qualitäten umzuschlagen, die unwirksam gewordenes überwinden und Bewährtes in sich aufheben.

Beispielsweise stellt Reinhart Kosellek [1] in seinen Betrachtungen über das Geschehen des 20. Jahrhundert folgendes dar:

„Die Vereinigten Staaten seien, nachdem sich ihre offene Grenze im Westen geschlossen hatte 1898 hinaus in die Weltpolitik getreten. Im Pazifik wurden die Philippinen und in der Karibik Kuba, wo sie Stützpunkte errichteten, erobert. 1901 begannen sie mit dem Bau des Panamakanals. Zu einem Prestigestreit zwischen Deutschland und Theodore Roosevelt, der seinen „big stick“ speziell gegen den Kaiser erhob, kam es, um eine europäische Intervention in Südamerika zu verhindern. Hier beanspruchten die Vereinigten Staaten, unter Berufung auf die Monroedoktrin, ihr Monopol für Kontrolle oder Intervention.“

Die Abgründe

In Afrika kam es in Faschoda (Südsudan) 1899 zu einer kritischen Konfrontation der beiden imperialen Kolonialmächte England und Frankreich, die durch ein Teilungsabkommen für Afrika beigelegt wurde [2]. Unter anderem dadurch bekam Großbritannien freie Hand für einen der blutigsten Kolonialkriege überhaupt, den ersten totalen Krieg des 20. Jahrhunderts: den Zweiten Burenkrieg.

Der Burenkrieg

„Es war der erste moderne Krieg, der nicht nur um Land geführt wurde“, erkennt Kosellek, da es um Gold und Diamantenfelder ging, „sondern schon gegen das ganze Volk“, und, „die Buren wurden allesamt für den Krieg haftbar gemacht“. Insofern sei es ein Volkskrieg, ein demokratischer Krieg gewesen, „der die liberalen Prinzipien zum Schutz von Privatpersonen und deren Eigentum verabschiedet“ habe. Doch es habe nicht lange gedauert, „bis sich Briten und Buren einigten, die Bürde des weißen Mannes gegen die Mehrheit der Schwarzen, der Mischlinge und der Inder zu schultern“.

Der Boxeraufstand

Auch in Asien tauchten rassische Feindbestimmungen auf, als die „Faustkämpfer für Recht und Einigkeit Chinas, die sogenannten Boxer, in einem blutigen Aufstand gegen die Ausbreitung der Kolonialmächte deren militärische Invasion hervorrufen“ (1900).

Während der Kaiser von seinen Soldaten forderte, „sich gegen die Gelbe Gefahr wie die Hunnen zu verhalten, nämlich keine Gefangenen zu machen“, wurde das besiegte China zu entwürdigenden moralischen und finanziellen Sühneleistungen genötigt. „Die Vereinigten Staaten forderten zudem, die berühmte ‚offene Tür’, um den chinesischen Markt insgesamt erschließen zu können.“

„Hier“, so Reinhart Kosellek weiter, „wurden blutige und drohende Zeichen in ein Geschichtsbuch eingetragen, das heute noch viele leere und unbeschriebene Seiten aufweist und im kommenden Jahrhundert noch zu vergeben haben wird.“

Pearl Harbour

„Den ersten Nachtrag zum Boxer-Krieg haben 1904/05 die Japaner geleistet, als sie eine weiße Weltmacht, die Russen, besiegten.“ Und diese, jetzt japanische ‚Gelbe Gefahr‘ sei „wiederum beschworen worden, als nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour alle Japaner, auch die mit der Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten und beiderlei Geschlechts, enteignet und bis zum Kriegsende in Lager gesperrt wurden.“

Der totale Krieg der Briten, der universale Anspruch der Amerikaner, die rassischen Diskriminierungen aller Nichtweißen, der Vernichtungsfeldzug der Deutschen gegen die Hereros im damaligen Deutsch-Südwestafrika, der Aufstand der Chinesen und der rasante Aufstieg der Japaner haben Probleme schlagartig beleuchtet, deren Lösung noch heute allen Kontinenten zu schaffen macht.

„So gesehen kann man das achtzehnte Jahrhundert als eines der Aufklärung, das folgende als eines des Fortschritts erklären. Das zwanzigste aber sperrt sich gegen derartige Vereinfachungen. Es ist das Jahrhundert des Scheiterns Deutschlands und Japans in der ersten Hälfte, und des Scheiterns Russlands in der zweiten. Ist es deshalb das Jahrhundert der USA und das einundzwanzigste das deren Scheiterns, historisch überholt durch China? Oder ist dieses nun das Jahrhundert der Katastrophen und des humanitären Versagens der technisch-industriellen Revolution? Und das der sich fortsetzenden Massenmorde und Exilierungen in millionenfacher Steigerung? Oder ist es das der Erschließung des planetarischen Raums und der Gentechnik?“ [1]

Friedrich Engels

Betrachtet man Geschichte chronologisch, so zeigt sich, dass das, was sich gleich zu bleiben scheint und stetig wiederholt, dennoch folgenschwere Veränderungen hervorgerufen hat.

Nicht nur die Befriedigung natürlicher und sozialer Bedürfnisse, sondern auch die des individuellen Verlangens müssen materiell untersetzt erwirtschaftet werden. Der politisch geführte und gestaltete Werdegang der Menschheit ist nur sinnvoll, wenn er den wahrhaftig und wirklich selbstbewussten Menschen zum Ziel hat. Friedrich Engels formulierte dazu in seiner Grabrede für Karl Marx:

„Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Karl Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; dass also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedes Mal ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnittes die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt. Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehrwerts war hier plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren Untersuchungen, sowohl der bürgerlichen Ökonomen wie der sozialistischen Kritiker, im Dunkel sich verirrt hatten.“ [3]

In der Gegenwart gilt es für uns alle mehr denn je mit- und füreinander da zu sein, indem wir mittels unserer Erkenntnisse, unserer kreativen Begabungen(und entsprechend aller unserer Kulturen ein besseres Morgen schon heute beginnen.

Die Epoche der Krisen

Worum kann es in der Gegenwart gehen, wenn die Welt immer mehr von der allgemeinen Krise der kapitalistischen Wirtschaftsweise geprägt wird, die sich in unterschiedlichen Variationen zeigt:

  • Wirtschafts- und Finanzkrisen,
  • Staatskrisen,
  • Strukturkrisen,
  • humanitäre Krisen,
  • Terrorkrisen,
  • Flüchtlingskrisen,
  • Corona-Krise und so weiter.

Das Gegeneinander um geostrategischen Einfluss, um Rohstoffe, Energiequellen, Absatzmärkte und billige Arbeitskräfte nimmt zu. Im Schatten der aggressiven Konkurrenz gedeihen Krieg, Zerstörung und der Tod.

Der Weg zum Optimum

Mehr Demokratie bedeutet vor allem Entscheidungsfindungen durch das Zusammenführen der Kompetenz der Betroffenen, der Entscheider und der Macher zu fundieren. Nur so können notwendige Veränderungen in der Gesellschaft richtig erkannt und zielorientiert durchgesetzt werden.

Da es in der Politik immer um die Durchsetzung von Interessen oder deren Ausgleich geht, muss in jedem Fall, um wahrhaftiger Gerechtigkeit möglichst nahe zu kommen, darauf geachtet werden, ob durch die jeweils zu beschließenden Entscheidungen ein von allen Beteiligten anerkannter Nutzen stimuliert werden kann.

Nicht das Maximum, das die einen durchsetzen wollen, und auch nicht das Minimum, das den anderen zugestanden werden soll, sollte das angestrebte Ergebnis von Debatten, Verhandlungen oder anderen demokratischen Auseinandersetzungen vor Entscheidungsfindungen sein, sondern ein alles erfassendes Optimum.

Allerdings muss bedacht werden, dass es vom Entwicklungsstand der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse abhängt, wer sich entsprechend seiner Befindlichkeiten und seiner Ansprüche letztendlich durchsetzen kann und wer nicht.

In vielen Fällen müssen zuerst die Bedingungen errungen werden, die es ermöglichen, ein gerechtes Optimum auf demokratischem Wege zu erreichen. Konstruktive Demokratie kann herrschen, wenn die von Entscheidungen Betroffenen die Entscheider direkt wählen und jederzeit abwählen können, sie zudem unmittelbar über ihre Befindlichkeiten mitbestimmen und wenn sie an der Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens direkt mitwirken können.

Die Neugier und der Spieltrieb

Der sich seiner Unvollkommenheit bewusst werdende, aber auch zum Schöpferischen befähigte Mensch ist es, der aus existenzieller Notwendigkeit und ererbter Abenteuerlust heraus neugierig und verspielt verstehen, verbrauchen und verändern will.

  • Warum wurde das Rad erfunden, warum die Dampfmaschine?
  • Warum kam es zu dem berühmten Lokomotiv-Rennen von Rainhill, das Robert Stephenson gewann?
  • Was motivierte Thomas Alva Edison zur Konstruktion einer Glühlampe, und was trieb Otto Lilienthal und andere Flugpioniere dazu, ihr Leben für die Erprobung von Flugmaschinen zu riskieren?

Albert Einstein sagte im August 1930 zur Eröffnung 7. Deutschen Funkausstellung und Phonoschau in Berlin:

„Der Urquell aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Neugier und der Spieltrieb des bastelnden und grübelnden Forschers und nicht minder die konstruktive Phantasie des technischen Erfinders. (…) Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.“ [4]

Und in einem alten Sprichwort heißt es:

„Lebe, als solltest du morgen sterben, und arbeite, als solltest du ewig leben.“

Sowohl Albert Einstein in seiner Rede, als auch diese alte Weisheit ermahnen die Menschen, sich stets an die zeitliche Begrenztheit ihres Daseins zu erinnern und für die Erhaltung des Lebens zu wirken.


Quellen und Anmerkungen

[1] Reinhart Koselleck (1923-2006) war ein Historiker. Seine Forschungsschwerpunkte lagen in den Bereichen Begriffs- und Sprachgeschichte, anthropologische Grundlagen der Geschichte, Sozial-, Rechts- und Verwaltungsgeschichte sowie Historik (Theorie der Geschichte). Seine Zitate wurden entnommen aus Das Jahrtausend (Verlag C.H.Beck, 1999).

[2] Die Faschoda-Krise 1898/1899 stellte den Höhepunkt der Rivalität der imperialistischen Mächte Großbritannien und Frankreich während des Wettlaufs um Afrika dar. Im Sudanvertrag vom 21. März 1899 steckten Großbritannien und Frankreich ihre jeweiligen Interessengebiete ab. Der Sudanvertrag wird als Auslöser für die Erste Marokkokrise (März 1905 bis April 1906) angesehen.

[3] Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte Schriften (Dietz Verlag, Berlin, 1970).

[4] Rede von Albert Einstein am 22. August 1930 bei der Eröffnung der 7. Deutschen Funkausstellung und Phonoschau in Berlin. Auf https://www.einstein-website.de/z_biography/redefunkausstellung.html (abgerufen am 13.7.2020).


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Illustration: Neue Debatte

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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