Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Wenn wir nicht neugierig wären …

Selbstbewusst und eindringlich fragt und antwortet Bertolt Brecht in seinem Gedicht „Gegenlied von der Freundlichkeit der Welt“ nach den Befindlichkeiten der gemeinen Menschen:

Soll das heißen, daß wir uns bescheiden
Und „so ist es und so bleibt es“ sagen sollen?
Und die Becher sehend, lieber Dürste leiden
Nach den leeren greifen sollen, nicht den vollen?

Soll das heißen, daß wir draußen bleiben
Ungeladen in der Kälte sitzen müssen
Weil da große Herrn geruhn, uns vorzuschreiben
Was da zukommt uns an Leiden und Genüssen?

Besser scheint’s uns doch, aufzubegehren
Und auf keine kleinste Freude zu verzichten
Und die Leidenstifter kräftig abzuwehren
Und die Welt uns endlich häuslich einzurichten!

Bertolt Brecht (1956): Gegenlied von der Freundlichkeit der Welt

Um sich häuslich einrichten zu können, müssen Menschen politisch denken und handeln. Jeder Vorgang, sowohl in der Natur als auch in der menschlichen Gesellschaft und im Denken, geschieht aus Widersprüchlichkeit. Diese gilt es herauszufinden, um deren Lösung im Sinne des Verbesserns, Erhebens und Vervollkommnens bewusst stimulieren zu können.

Eine Rede zur Jugendweihe

Was wäre wohl, wenn wir nicht neugierig wären?

Liebe Mädchen und Jungen … Ach nein, Kinder seid ihr ja nun nicht mehr … Wie soll ich euch nun ansprechen? … Liebe Frauen und Männer klingt doch ein bißchen komisch. Und als Opa von sechs wunderbaren Enkeln bekomme ich das auch nicht über die Lippen. Also: Hallo ihr Lieben alle!

Als ich in eurem Alter war, sagte meine Oma oft zu mir: Uns Menschen ist gar vieles möglich. Zum arbeiten haben wir zwei Hände. Mit unserer Herzlichkeit fühlen wir, was schön ist und auch was uns bedrückt.

In unserem Gehirn können wir über das, was wir wahrgenommen haben, nachdenken und es verstehen. Immer müssen wir etwas verbrauchen und vieles verändern. Wir Menschen können bezweifeln und begreifen. Wir begehren vieles und wollen es benutzen und wir beenden manches auch oder wir bewahren es.

Das alles ist aber nur möglich, wenn wir gemeinsam als freie Menschen im friedlichen Miteinander und freundlichem Füreinander da sind. Darum, sagte meine Oma noch zu mir, müssen wir uns auch immer wieder fragen: Was kann ich denn tun? Warum will ich’s überhaupt oder vielleicht auch nicht? Und wie kann ich es erreichen?

Dazu möchte ich euch einige Denkanstöße mitgeben. Ich beginne wieder mit einer Frage: Was wäre wohl, wenn wir nicht neugierig wären? Kurz geantwortet könntet man sagen: Dann würde es uns Menschen gar nicht geben!

Niemand weiß, wann die Neugier auf der Erde aufgetaucht ist. Vielleicht gab es sie schon bei den Vorgängern der Frösche, Kröten und Molchen, von denen alle auf dem Land lebenden Tiere abstammen. Diese Amphibien hatten ein winzig kleines Gehirn. Sie konnten darum wohl nicht genau so neugierig sein wie wir Menschen mit unserem hoch entwickelten Zentralnervensystem. Trotzdem werden sie ziemlich sicher ein prickelndes Gefühl verspürt haben, als sie anfingen das feste Land zu erkunden. Die Neugier hat sich auf jeden Fall früh eingestellt.

Wenn sie uns besiegt

Ein neugieriges Tier untersucht seine Umgebung und hat größere Chancen, dort einen sichereren Wohnort, reichere Jagdgründe und einen Partner zu finden. Genauso ist das auch bei Schimpansen, die engen Verwandte der Menschen.

Wenn ein Schimpanse etwas Neues und Unbekanntes sieht, dann hat er zuerst Angst und bleibt in sicherer Entfernung. Aber nach einer Weile besiegt ihn die Neugier. Der Affe kann sich nicht beherrschen, er muss das ihm Unbekannte berühren. Er muss daran riechen, muss es ansehen oder auch daran lecken, um es möglichst vollkommen wahrnehmen zu können.

So lernen auch Menschen. Und sie entwickeln Fähigkeiten, erlangen Fertigkeiten, erkennen ihre Bedürfnisse und finden Wege, wie sie sie erfüllen können.

Das Kind in uns

Sowohl bei uns Menschen als auch bei den Tieren sind die Kinder neugieriger als die Erwachsenen. Wenn ein Schimpansen-Junges lernen soll, allein zurechtzukommen, kann seine Mutter ihm nicht alles beibringen.

Das Kleine muss neugierig sein, damit es sich traut auf Bäume zu klettern, um alle möglichen Nahrungsmittel zu probieren und in Erfahrung zu bringen, um welche Tiere es lieber einen Bogen machen sollte. Menschenkinder experimentieren wie Affen, gleichzeitig stellen sie aber auch immer wieder bohrende Fragen.

Mit vier oder fünf Jahren beginnt das „Fragealter“, eine der wichtigsten Phasen im Leben. Durch Fragen und Antworten, im Kindesalter und noch als Erwachsene, legen sich Menschen Wissen zu, das sie brauchen, um das Leben meistern zu können. Wer nicht fragt, der hat seine Neugierigkeit meist nicht verloren, sondern unterdrückt sie. Er passt sich an, er gibt das Kind in sich auf.

Was uns möglich macht

Leben kann ein Mensch nur, wenn er die Vielzahl der von ihm zu erbringenden Leistungen unter Verwendung seines Bewusstseins in menschlicher Gemeinschaft erarbeitet, austauscht, verteilt und nutzt.

In Ökosystemen geschieht Gleichwertiges durch Interaktionen zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Rückgewinnern, wobei jedes in die ökologischen Kreisläufe integrierte Lebewesen sowohl den Produzenten, als auch den Konsumenten und den Reduzenten zugeordnet werden kann.

In diesen Systemen, und selbstverständlich auch im gesamten Ökosystem Erde, werden Stoffe, Energie und Informationen produziert, verteilt, ausgetauscht und verbraucht, wodurch die momentane Existenz und die künftige Entwicklung sowohl der einzelnen als auch aller Beteiligten in ihrer Gesamtheit ermöglicht wird. Es ist das Ganze, das uns umgibt und das uns möglich macht.

Das Ganze neugierig begreifen

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen der Neugier von Affen und der von Menschen. Anders als die Schimpansen fügen wir gern Wissensbrocken zu einem Ganzen zusammen. Wir möchten Zusammenhänge finden und begreifen, warum etwas passiert.

Manches lässt sich leicht erklären. Das es ohne Wolken keinen Regen geben kann und das im Sommer die Tage lang sind, konnten bereits die Menschen der Urzeit ohne Probleme verstehen. Aber in der Natur gibt es viele schwer erklärbare Phänomene.

Alltägliche Dinge wie Sonne und Sterne, Blitz und Donner oder neugeborene Kinder waren große Rätsel. Das Schicksal beherschte die Gedanken. So wurde zunächst an höhere Mächte geglaubt, die für das Unerklärbare zuständig und verantwortlich seien. Der Glaube, der nicht Wissen ist,  lässt aber viele Fragen offen, neugieriger Erkenntnisdrang jedoch lässt den Menschen bewusst immer weiter nach der Antwort suchen.

Neugierig sein als Grundsatz

Warum also müssen wir unbedingt neugierig sein? Ganz einfach: Um unser Leben selbst gestalten zu können. Und darum sollten drei Grundsätze beachtet werden:

  • Erstens: Jede und jeder von uns sollten für sich danach suchen, was zum Leben gebraucht wird, wie man es bekommen kann und warum man es eigentlich will.
  • Zweitens: Niemand kann ganz alleine leben. Jeder und jede wird im Laufe des Lebens erfahren, dass man alles, was man braucht, nur gemeinsam erschaffen kann.
  • Drittens: Alle, die ihr Leben lieben, werden auch ihre Mitmenschen achten und mit ihnen in respektvollem Miteinander und nützlichem Füreinander zusammenleben.

Dies wiederum bedeutet für uns alle, dass wir das, was uns Menschen ausmacht, das was das Wesentliche des Menschseins ist, immer bedenken müssen. Dazu brauchen wir die Neugier, die wichtig ist, um erkennen zu können, was wir auf dem Weg unseres Daseins beachten müssen. Und das heißt für uns alle, dass wir uns hin und wieder die Frage stellen sollten: Welchen Sinn hat eigentlich unser eimaliges Dasein?

Die Antwort darauf scheint zwar ganz einfach, dennoch ist es das schwer zu Machende. Denn dazu muss man zunächst in sich schauen, um sein Innerstes zu erkennen: Wer bin ich?

Das sollten wir immer wieder tun und dabei Fragen stellen, um herauszufinden, was wir erlernt haben, was wir machen können und was wir tun wollen. Danach muss man um sich schauen, um zu erkennen, was einen zufrieden stellt. Das ist sehr wichtig, immerhin muss klar sein, wo ein Mensch gebraucht wird, wo jeder das, was er will, erreichen kann und wo er sich wohlfühlt.

Dieser Moment, neugierig über den eigenen Horizont hinauszublicken in die Weite des Lebens, ist der Erkenntnisgewinn für die eigene Orientierung. Das „Wohin“ wird beantwortet. Menschen können nur in einer friedlichen Menschengemeinschaft gut leben – und das einmalige Leben zu unserer Zufriedenheit auf unserem wunderschönen Heimatplanet Erde angenehm gestalten.


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Illustration: Neue Debatte

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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