Im Gespräch mit Ernst Wolff über den Aufstieg des Finanz- und Bankensektors

Die politische Macht liegt nicht in der Hand von Regierungen. Giganten wie Apple, Facebook, Amazon, Google und Microsoft und Vermögensverwaltungen wie BlackRock bestimmen das Geschehen.

Die Entwicklung, die zu einer nie gekannten Machtkonzentration führte, beschreibt der Journalist und Publizist Ernst Wolff bei Reiner Wein, dem politische Podcast aus Wien. Es geht um den Aufstieg des Finanzsektors zur Supermacht.

Ökonomie und Geldsystem: Vom Anfang bis zum Ende der Megamaschine!

Reiner Wein, der politische Podcast aus Wien: Ein Gespräch mit dem Publizisten Ernst Wolff über den Aufstieg des Finanzsektors.

www.reiner-wein.org


Wolff beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit den Strukturen, Hintergründen und der Geschichte des Finanz- und Bankensektors. Denn wer die Geschichte kennt, kann Entwicklungen der Gegenwart besser nachvollziehen. Das internationale Finanzsystem ist ein Teil der Geschichte und in der Weltwirtschaftskrise ein unübersehbares Problem.

Die Finanzmärkte haben sich von der Realwirtschaft entkoppelt und blähen sich künstlich auf. Bei der Banken- und Immobilienkrise 2008 deutete sich bereits der Kollaps an. Um ihn zu verhindern, wurden astronomische Summe bereitgestellt, ohne aber die Krise zu überwinden. Dann kam Corona.

Die Macht des Kapitals

Die Maßnahmen, die gegen die Corona-Pandemie ergriffen wurden und im Lockdown ihren vorläufigen Höhepunkt fanden, führten nicht nur zu einer signifikanten Einschränkung des sozialen Lebens, sondern legten in der Europäischen Union lokale, regionale, aber auch global ausgerichte Wirtschaftssektoren wie die Tourismusindustrie lahm [1].

Weltweit verloren Abermillionen Menschen ihre Jobs und Einkommensmöglichkeiten, unzählige kleine und mittlere Unternehmen stehen vor der Pleite. Katastrophal ist die Lage im globalen Süden. So soll beispielsweise die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit in Südafrika auf 50 Prozent gestiegen sein [2]. Wie soll es weitergehen?

Während die einen nicht mehr wissen, wo oben und unten ist, feiern die anderen. Die Börsenkurse steigen, die Reichen wurden reicher und die Konzerne noch viel mächtiger, als sie ohnehin schon gewesen sind. Das hat Gründe, die Ernst Wolff im Podcast erläutert.

Die Bretton-Woods-Konferenz

Die wirklich Macht liegt nicht in der Hand von Regierungen, sondern bei Giganten wie Apple, Facebook, Amazone, Google und Microsoft und Vermögensverwaltungen wie BlackRock. Die Fondsgesellschaft aus New York City verwaltet ein Vermögen von 7,4 Billionen US-Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik [3]. Die Entwicklung, die zu der nie gekannten Machtkonzentration führte, hat mit Corona nichts zu tun. Die Wurzeln sind im 19. Jahrhundert zu suchen und in den beiden Weltkriege.

Noch während der Zweite Weltkrieg in Europa und dem Pazifik tobte, wurden auf der Bretton-Woods-Konferenz im Juli 1944 durch die Finanzminister und Notenbankpräsidenten von 44 Staaten feste Wechselkurse zum US-Dollar vereinbart und der Internationale Währungsfonds (IWF) gegründet.

Nach Kriegsende folgte der weitere wirtschaftliche und militärische Aufstieg der USA, aber vor allem des Kapitals zur absoluten Supermacht. Der Zerfall der Sowjetunion begünstigte diesen Prozess. Jetzt steht die Welt vor der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten. Von „Wiederaufbau“ ist die Rede. Aber was kommt nach der Megamaschine?

Im Gespräch mit Ernst Wolff

Ernst Wolff, der u.a. mit „Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“ und „Finanz-Tsunami – wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“ Bücher zum Thema veröffentlichte, skizziert bei Reiner Wein die Geschichte des modernen Finanz- und Bankensektors, den Zusammenhang mit Revolutionen und Kriegen in der Welt und liefert einen Ausblick auf ein mögliches Zukunftsszenario.


Zur Person

Ernst Wolff, Journalist und Publizist, war Gast bei Reiner Wein, dem politischen Podcast aus Wien. (Foto: www.reiner-wein.org)

Ernst Wolff (Jahrgang 1950) ist Buchautor, Journalist und Publizist. Er wurde in China geboren. Seine Familie verließ das Land in Folge der unter Mao Zedong eingeleiteten chinesischen Kulturrevolution. Wolff verbrachte Teile seiner Kindheit in Deutschland und Südkorea. Später studierte er mit einem Stipendium kurzzeitig in den den USA. Die Vereinigten Staaten musste er verlassen, weil er mehrere Artikel veröffentlicht hatte, in denen er Stellung gegen den Vietnamkrieg bezog.

Ernst Wolff ist Kritiker des globalen Finanz- und Geldsystems. 2014 veröffentlichte er „Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“ (Tectum Verlag), 2017 erschien „Finanz-Tsunami – wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“. 2020 erscheint im Promedia Verlag „Wolff of Wall Street: Ernst Wolff erklärt das globale Finanzsystem“. Beiträge von Ernst Wolff sind u.a. erschienen bei Telepolis, Rubikon, Free21 und Sputnik Deutschland.

Wolff beschäftigt sich insbesondere mit der Rolle der Weltbank, der 1913 gegründeten Federal Reserve, dem Bretton-Woods-System und dem Internationalen Währungsfonds. Die Aufgabe des IWF ist die Vergabe von Krediten an Länder ohne ausreichende Währungsreserven. Die Kredite werden in der Regel an massive Sparmaßnahmen gebunden, die vor allem auf die Sozialsysteme abzielen. Im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise erwartet Wolff in den meisten Ländern der Europäischen Union eine Austeritätspolitik, die zu Einsparungen im Gesundheitswesen sowie dem Bildungsektor und zu einer Kürzung der Mindeslöhne und Renten führt.


Quellen und Anmerkungen

[1] Vol.at (16.7.2020): EU-weit 2020 bisher 44 Prozent weniger Nächtigungen. Auf https://www.vol.at/eu-weit-2020-bisher-44-prozent-weniger-naechtigungen/6679395 (abgerufen am 28.7.2020).

[2] Merkur (25.7.2020): Die Krise und das Grundeinkommen. Auf https://www.merkur.de/politik/krise-und-grundeinkommen-zr-13843976.html (abgerufen am 28.7.2020).

[3] Statista Research Department (27.3.2020): Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland von 1991 bis 2019. Auf https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1251/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-seit-dem-jahr-1991/ (abgerufen am 28.7.2020).


Illustration und Audio: Neue Debatte und Reiner Wein

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Ein Gedanke zu “Im Gespräch mit Ernst Wolff über den Aufstieg des Finanz- und Bankensektors”

  1. Warum funktioniert die „schöne Maschine“ des Adam Smith nicht?

    In der Zeit nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, gab es in der Welt des kapitalistischen Wirtschaftens eine gewisse „Reformeuphorie“. Mit der Behauptung, mittels der wissenschaftlich-technischen Revolution sei es möglich, im Rahmen des Kapitalismus die Grundlegenden sozialen Widersprüche zu beseitigen, wurden verschiedene Theorien der „Sozialpartnerschaft“ oder der „Klassenharmonie“ aufgestellt. Heute ist es offensichtlich, dass sich der Kapitalismus nicht reformieren lässt. Die grundlegende Ursache dafür ist die Notwendigkeit, dass das Kapital zur erweiterten Reproduktion des Wirtschaftsgeschehens also des Wirtschaftswachstums und damit des Erarbeiten von immer mehr Mehrwert, akkumulieren muss. Allgemein werden im Reproduktionsprozess die Bedingungen zur Fortsetzung der Produktion erneuert. Die erweiterte Reproduktion und damit das Wirtschaftswachstum ist für die profitorientierte und durch Finanzspekulation stimulierte Produktionsweise eine zwingende Notwendigkeit. Erstens zwingt der Konkurrenzkampf zu immer kostengünstigerem, rationellerem Produzieren. Zweitens hängt die Realisierung immer höherer Profitraten von der Eroberung immer neuer Märkte und Einflusssphären ab, das Profitstreben treibt das Kapital zur Globalisierung. Und drittens schließlich ist der Trieb zur schrankenlosen Ausdehnung der Produktion untrennbar mit dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate verbunden. Dieser Fall ergibt sich infolge der Produktivkraftentwicklung, insbesondere durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, der es ermöglicht teure menschliche Arbeitskraft durch billige Produktionsmittel wie Anlagen, Maschinen und Technik zu ersetzen. Dadurch werden einerseits durch Billiglöhne und Abbau von Arbeitsplätzen erhebliche Kosten eingespart, aber andererseits wird die Kaufkraft der Konsumenten geringer und ein Großteil der billiger hergestellten Waren können nicht verkauft werden. Da demnach durch das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate tendenziell zu wenig Mehrwert generiert wird, müssen sich kapitalistische Betriebswirtschaften Geld wertes Kapital durch Kredite oder Börsenspekulation beschaffen. So wird die reine Profitmaximierung oder das reine finanzwirtschaftliche Kalkül als das alles beherrschende Handlungsziel wirksam. Schließlich werden dadurch sämtliche gesellschaftlichen Widersprüche ebenfalls Tendenziell weiter verschärft. Betriebswirtschaften müssen die Nützlichkeit ihres Unternehmens auf Grundlage fast nur vorfinanziert möglichen Tätig-seins und anschließender Verpflichtung zur Kredit- und Zinstilgung dem Streben nach Profit unterordnen und werden im gnadenlosen Konkurrenzkampf verschlissen. Volkswirtschaften lösen sich im Rahmen der auf Druck der internationalen Finanzmärkte sich durchsetzenden Globalisierung auf, wodurch zunehmend Überschussproduktion von immer weniger an der Produktion Beteiligten, nicht proportionaler Austausch, ungerechte Verteilung sowie teils verschwenderisch und weitaus größeren teils unzureichend möglicher Konsum das Leben aller Menschen bestimmen.

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