Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Was macht ein Menschenleben aus?

In einem seiner „Briefe zur Beförderung der Humanität“ schreibt der Philosoph Johann Gottfried Herder:

„Das Göttliche in unserm Geschlecht ist also Bildung zur Humanität. Alle großen und guten Menschen, Gesetzgeber, Erfinder, Philosophen, Dichter, Künstler, jeder edle Mensch in seinem Stande, bei der Erziehung seiner Kinder, bei der Beobachtung seiner Pflichten, durch Beispiel, Werk, Institut und Lehre hat dazu mitgeholfen. Humanität ist der Schatz und die Ausbeute aller menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unseres Geschlechts. Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück.“ [1]

Was macht ein Menschenleben aus …

wie ist es beschaffen? Wie sieht er aus, der wirkliche Mensch?

Den letzten Stundenschlag des Jahrhunderts erwartete der streitbare wie umstrittene Biologe Ernst Haeckel mit guten Freunden in dem berühmten Gebirgsgarten von Cibodas, hoch oben am Abhang des Vulkans Gede inmitten des javanischen Urwalds gelegen. Nachdem am Nachmittag das alltägliche, heftige Tropengewitter herabgestürzt war, folgte ein „herrlicher Abend“.

„Der ganze Himmel war mit phantastischen Wolkenzügen von den zartesten Farbtönen bedeckt“, schwärmte Haeckel in einem Brief, „und die scheidende Sonne vergoldete die Rauchwolke, die aus dem Gedekrater aufstieg, so wunderschön, dass ich noch in der letzten Viertelstunde des Silvestertages in aller Eile eine Aquarellskizze davon entwarf“.

Die Freunde brachten eine wohlbehütete Flasche heimatlichen Rheinweins auf den Tisch. Sie lasen Haeckel vor, was er 1899 in einem Vorwort zu den „Welträtseln“ geschrieben hatte:

„Ich bin ganz und gar ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts und will mit dessen Ende einen Strich unter meine Lebensarbeit machen…“ Wie er jetzt dazu stehe, wollten sie wissen. Er lachte dazu und tat, als könnte er sich seiner Worte nicht mehr erinnern.

„Kommt, steht auf“, bat er, „es ist gleich so weit. Das scheidende Jahrhundert war dasjenige des Kampfes um die Entwicklungslehre. Das kommende wird das ihres Sieges sein.“ Darauf tranken sie, während das Erdenrund widerhallte vom Begrüßungssalut ans 20. Jahrhundert [2].

Das Leben als Strafvollzug?

Charles Darwin, Ernst Haeckel und viele andere haben es bewiesen: Der Mensch ist ein biotisches Wesen aus Fleisch und Blut, Eiweiß und Wasser, Atomen, Ionen und Elektronen, ein Entwicklungsprodukt materieller Wirklichkeiten. 1967 wurde im Taschenbuch der Biologie [3] dazu bemerkt:

„Wenn mehrere komplexe Systeme wie Lebewesen oder menschliche Sprachen einander ähnlich sind und sogar in ihren grundlegenden Strukturen übereinstimmen, muss es dafür eine Ursache geben. Während die aufgrund des Vergleichs von Vokabular, Wort- und Satzbau behauptete gemeinsame Abstammung des Spanischen, Französischen und anderen romanischen Sprachen vom Lateinischen längst allgemein anerkannt war, blieb der Biologie ein entsprechender Erfolg zunächst versagt, obwohl die Abstammungslehre (Evolutionstheorie) die Ähnlichkeit der Organismen in gleicher Weise erklärte: Die heute lebenden Pflanzen und Tiere haben sich aus anders gestalteten Urformen entwickelt; die Ähnlichkeit zwischen Lebewesen ist das Ergebnis ihrer Verwandtschaft, das Ausmaß der Übereinstimmung ein Maß für engere oder weitere Zusammengehörigkeit.“

Beharrlich wächst das Leben, Nahrung baut es auf und stirbt mit jedem Atemzug.

Die Autoren der Bibel bemühten sich, den Menschen zu vermitteln, das Mensch werden und Mensch sein kein paradiesisches Zuckerlecken wäre. Das irdische Dasein beschrieben sie als eine Art Strafvollzug, der zu erleiden sei, wie folgender Textauszug aus der Lutherbibel [4] zeigt. Hier führt gar Gott das Wort:

„(…) Zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes und hast gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen, verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“

Die Mächtigen sorgten für eine für sie geeignete Interpretation, nämlich dahingehend, dass der „Gemeine“ die weltliche Ordnung hinzunehmen habe, weil diese eben göttlich sei, also gewollt von ganz oben. Kurz: Die einen sollen sich plagen für die wenigen, die ein Leben in Saus und Braus führen. Sozialrevolutionäre wie Thomas Müntzer räumten mit dieser Erzählung auf, die Bauernkriege blieben als Versuch eines emanzipatorischen Ausbruchs in den Geschichtsbüchern zurück.

Zusammenarbeit macht den Unterschied!

Friedrich Engels geht nach einigen Jahrtausenden Menschheitsgeschichte in einer seiner Schriften davon aus, dass der Mensch auch Lust am sprechen, denken und arbeiten haben müsse, um sich aus animalischen Ursprüngen zur bewusst handelnden Person zu erheben.

„Hunderttausende von Jahren – in der Geschichte der Erde nicht mehr als eine Sekunde im Menschenleben“ – seien sicher vergangen, ehe aus dem „Rudel baumkletternder Affen eine Gesellschaft von Menschen“ hervorgegangen sei.

Aber schließlich seien sie da gewesen. Und „was finde man wieder als den bezeichnenden Unterschied zwischen Affenrudel und Menschengesellschaft – die Arbeit“.

Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorgan und Gehirn – nicht allein bei jedem einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft –, seien die Menschen befähigt worden, sich immer höhere Ziele zu stellen und diese zu erreichen. Die Arbeit werde von Geschlecht zu Geschlecht eine andere, vollkommenere, vielseitigere. Zur Jagd und Viehzucht sei der Ackerbau, zu diesem Spinnen und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schifffahrt gekommen. Neben Handel und Gewerbe sei endlich Kunst und Wissenschaft getreten, aus Stämmen seien Nationen und Staaten geworden [5].

Die Geschichte der Menschheit geschieht im Alltag und im Zusammenwirken unendlich verschiedener Persönlichkeiten. Nur so können wir unsere Verhältnisse mit Willen und in unserem Sinne gestalten.

„Auferstanden aus Ruinenund der Zukunft zugewandt,laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland. Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint, denn es muß uns doch gelingen, daß die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint“ [6], schrieb der Dichter Johannes R. Becher nach dem bis dahin schrecklichsten aller Kriege.

Helfen wollte er, um den Deutschen wieder den Weg zum Schönen hin zu erhellen. Ob ein Vaterland, in dessen Namen der Schrecken in die Welt getragen wurde, dafür der geeignete Hebel ist, mag an anderer Stelle diskutiert werden.

Zum Bewusstsein seiner selbst

Ebenfalls mit dem ein Fragment gebliebenen Lesebuch „Der Aufstand im Menschen“ versuchte der Dichter „(…) die Verzagten und Entmutigten, die Gleichgültigen und Verschreckten“ aufzurichten. Dazu war es natürlich notwendig, den Sinn des Menschseins aufzuzeigen: Der Mensch habe die Möglichkeit, indem er selber Gestalt werde, die „Nichts-Unendlichkeit“ mit Gestalt zu erfüllen.

Die Menschen würden „Nichts“ sagen – aber sie ahnten es und wüssten es schon teilweise, dass dieses „Nichts“ keine Leere sei, sondern erfüllt von noch „Unbegreifbarem“ und „Unsäglichem“.

Begreifbar machen des „Unbegreifbaren“ und in der „Aussagbarkeit“ des bisher „Unsagbaren“ nehme die „Nichts-Unendlichkeit“ schon Umrisse einer Gestalt an, und seine Gestalt vervollkommnete sich in dem Maße, als sie uns ihren Sinn und ihr Gesetz offenbare und wir auch die „Nichts-Unendlichkeit“ aus ihrem „Ungestalten“ heraus in unsere „Gestalthaftigkeit“ einbeziehen könnten.

Denn auch das „Nichts“ habe kein Bewusstsein, außer das unsere. Und indem das „Nichts“ in unserem Bewusstsein zum Bewusstsein seiner selbst gelange, hebe es sich als „Nichts“ auf und nehme Gestalt an [7].

Eines zu sein mit Allem, was lebt …

Die Menschen werden anatomisch, physiologisch, morphologisch und biochemisch ermöglicht, wir erheben unser psychosoziales Menschsein aus Wasser, Salz und anderen Substanzen und wir werden mittels der Sonnenenergie ein höchst kompliziertes Eiweißgebilde und ein Funktionsträger unserer eigentümlichen Strebsamkeit. Wir sind eins mit unserer gesamten Wirklichkeit, nicht nur mit allem Leben.

Drastisch überhöht sieht Friedrich Nietzsche das menschliche Zusammenleben.

„Staat nenne ich’s, wo alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord aller – das Leben heißt. Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl – und alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach.“

Schon zu Lebzeiten Nitzsches strebten die damaligen Nationalstaaten dem ersten globalen Weltbrand, den man später den Ersten Weltkrieg nannte, entgegen. Wohlwollendes Füreinander jedenfalls war das nicht.

„Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht mal verdauen. Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit.“

Gibt es auch heute noch kein freudiges Miteinander aller Völker?

„Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld diese Unvermögenden! Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern übereinander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe. – Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es – als ob das Glück auf dem Throne säße!“

Ein solches Gegeneinander kann kein ertragreicher Wettbewerb sein! Nitzsche stellt darum fest:

„Frei steht noch großen Seelen ein großes Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird umso weniger besessen fest: Gelobt sei die kleine Armut! Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Notwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise. Dort, wo der Staat aufhört – so seht mir doch hin, meine Brüder! seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen?“ [8]

Wirklichkeit und Vision

Egon Bahr beschrieb am Ende des 20. Jahrhunderts die Situation Europas analysierend: Der nüchterne Blick auf die Realität zeige, dass die Welt für den wünschbaren und nötigen Qualitätssprung nicht reif sei, auch nicht Europa. Man müsse von der Wirklichkeit ausgehen, ohne die Vision zu verlieren.

Eine solche Vision füge sich nahtlos in das Plädoyer jener Gruppe von Wissenschaftlern ein, die einen globalen Gesellschaftsvertrag entworfen haben.

Er solle vier Abkommen umfassen:

  • Einen Grundbedürfnis-Vertrag für die Versorgung aller Menschen mit Nahrung, Wasser und Wohnung;
  • einen Kultur-Vertrag der Toleranz mit Regeln des Dialogs zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen;
  • einen Demokratie-Vertrag mit Elementen globaler Steuerung gegen den Druck des Wettbewerbs, des bloßen technologischen und Kostendenkens;
  • einen Erd-Vertrag mit den Prinzipien für verantwortungsvollen Umgang mit der Natur [9].

Quellen und Anmerkungen

[1] Johann Gottfried Herder (1744-1803) war Dichter, Theologe und Philosoph (Geschichte und Kultur) in der Zeit der Aufklärung. Sein Werk „Briefe zur Beförderung der Humanität“ entstand zwischen 1793 und 1797.

[2] Paul Kanut Schäfer (1922-2016) war Schriftsteller und Drehbuchautor. Sein Werk „Entdeckungsfahrt mit der Beagle“ erschien 1963 im Kinderbuchverlag.

[3] Günter Vogel/Hartmut Angermann (1967): Taschenbuch der Biologie. (VEB Gustav Fischer Verlag, Jena).

[4] Lutherbibel 1912: 1. Mose 3:17. Auf https://bibeltext.com/genesis/3-17.htm (abgerufen am 03.08.2020).

[5] Friedrich Engels: Dialektik der Natur (Anm.: Unvollendete Werk von Friedrich Engels zur Philosophie der Naturwissenschaften). In: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke. (Dietz Verlag, 1962, Berlin). Auf http://www.mlwerke.de/me/me20/me20_305.htm (abgerufen am 10.8.2020).

[6] Johannes R. Becher (Text) und Hanns Eisler (Melodie): Nationalhymne der Deutschen Demokratischen Republik 1949. Auf https://de.wikipedia.org/wiki/Auferstanden_aus_Ruinen (abgerufen am 10.8.2020).

[7] Johannis R. Becher: Der Aufstand im Menschen. Aufbauverlag Berlin und Weimar 1983.

[8] http://www.philosophenlexikon.de/friedrich-nietzsche-1844-1900/: Vom neuen Götzen. In: Weisheiten deutscher Klassiker (Orbis Edition 1999).

[9] Egon Bahr: Deutsche Interessen – Streitschrift zu Macht, Sicherheit und Außenpolitik. (Karl Blessing Verlag 1998 ).


Foto: Alex Iby (Unsplash.com)

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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