Die armen Reichen kennen nur ein Ziel: rette sich wer kann! (Symbolfoto: Jacob Meissner, Unsplash.com)

Rette sich wer kann!

Die Reichen dieser Welt kennen nur noch eins: Rette sich wer kann!

In “Feuer am Fuss”, dem dritten Band meiner Maeva-Trilogie1Maeva-Triologie. Auf https://equilibrismus.org/die-maeva-trilogie/ (abgerufen am 13.8.2020)., bittet Maeva als Vorsitzende der URP (United Regions of the Planet) die Schamanen aus allen Kulturen um spirituelle Hilfe. Gleichzeitig bemüht sie sich über den Milliardär Malcolm Double U, den Besitzer eines Spieleimperiums, darum, die Superreichen dieser Welt dafür zu bewegen, einen Großteil ihres Vermögens in Landkäufe zu investieren, um diese Ländereien dann sich selbst zu überlassen, damit dem endgültigen Ausverkauf der Natur entgegen gewirkt werden kann.

Als Maevas Botschafter Malcolm Double U einen Bittbrief der URP-Vorsitzenden überreicht, scheint die Idee auf fruchtbaren Boden zu fallen. Hier der Wortlaut von Maevas Brief sowie Malcolms Reaktion:


Lieber Malcom Double U!

Wir alle wissen, dass der Zusammenbruch der zivilisierten Welt nicht mehr aufzuhalten ist. Vor diesem Hintergrund wächst aber auch die Chance, auf unseren Rettungsinseln, als die ich die URP-Regionen gerne bezeichne, ein neues Bewusstsein zur Blüte zu bringen, auf das die Erde so lange vergeblich gewartet hat. Dazu bedarf es sowohl wissenschaftlicher als auch spiritueller Hilfe. Vor wenigen Wochen erst hatten wir auf Tahiti 188 Schamanen und Weise unserer Zeit zu Gast, die sich mir gegenüber dazu verpflichtet haben, ihr Wissen unseren Regionen zur Verfügung zu stellen, wann und wo immer es benötigt wird.

Das alles lässt sich gut an. Woran es der URP mangelt, ist ein gesundes Finanzpolster, das es erlauben würde, schnell und unbürokratisch dort zu helfen, wo Hilfe dringend erforderlich ist. Deshalb wiederhole ich die Frage, die ich Ihnen bereits vor Jahren stellen wollte: Wäre es möglich, unter den Milliardären dieser Welt, von denen Ihnen ja viele persönlich bekannt sind, die Bereitschaft zu wecken, der URP finanzielle Unterstützung zu gewähren? Ich schätze ihr persönliches Engagement über alle Maßen. Und ich traue Ihnen zu, dass Sie in der Lage sind, den maßlos Wohlhabenden zu erklären, worin der wirkliche Gewinn des Lebens besteht …

Alles Liebe

Maeva

Malcolm hatte Steve bei geschlossenen Augen zugehört. Und als müsse er die Worte erst einmal verdauen, öffnete er sie auch nicht, als Steve geendet hatte. Außer dem Wind, der am Haus rüttelte, war in den folgenden Minuten nichts zu hören. Schließlich drückte sich ihr Gastgeber aus dem Stuhl, zog das Hemd straff, lächelte und sagte: „Das müsste sich machen lassen. Ich kümmere mich darum. Sag Maeva, dass sie von mir hören wird“.


So etwas kann man in einem Roman als Tatsache ausgeben. Die Wirklichkeit jedoch sieht extrem anders aus, wie uns der Erfahrungsbericht von Douglas Rushkoff zeigt. Douglas Rushkoff, ist ein US-amerikanischer Autor, Dozent, Kolumnist und Musiker. Er hat zahlreiche Fachbücher und Romane zu Themen der Netzkultur, Open Source und zur Cyberpunk-Bewegung geschieben. Rushkoff war auch als Berater für die United Nations Commission on World Culture und die Sony Corporation tätig.

Unter den Reichen dieser Welt findet sein Wort Gehör. Aber lesen wir, was er selbst selbst zu berichten hat:

“(…) Im vergangenen Jahr erhielt ich eine Einladung auf ein Super-Luxus-Anwesen, um vor, wie ich dachte, gut hundert Investmentbanker/innen einen Vortrag zu halten. Es war das mit Abstand höchste Honorar, das man mir je für eine Rede geboten hatte – etwa die Hälfte meines Jahresgehalts als Professor. Nach meinem Eintreffen führte man mich in einen sogenannten Green Room. Doch statt mich mit einem Mikrophon zu verkabeln oder auf eine Bühne zu führen, saß ich bloß an einem runden Tisch, und man brachte mein Publikum zu mir: fünf superreiche Burschen – ja, alles Männer – aus der Oberliga der Hedgefonds-Welt. Nach etwas Smalltalk merkte ich, dass sie sich nicht für die Informationen über die Zukunft der Technologie interessierten, die ich vorbereitet hatte. Sie waren mit eigenen Fragen gekommen.

Sie fingen ganz harmlos an. Ethereum oder Bitcoin? Sind Quantenprozessoren etwas Reales? Langsam aber sicher tasteten sie sich zu den Themen vor, die sie wirklich interessierten. Welche Region wird von der kommenden Klimakrise weniger betroffen sein: Neuseeland oder Alaska? Baut Google tatsächlich eine Bleibe für Ray Kurzweils Gehirn2Das Geheimnis des menschlichen Denkens. Auf https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Geheimnis_des_menschlichen_Denkens (abgerufen am 13.8.2020)., und wird sein Bewusstsein den Übergang durchleben oder wird es sterben und als ein völlig Neues wiedergeboren werden? Schließlich erzählte der CEO einer Börsenmaklerfirma, dass er sich ein unterirdisches Bunkersystem baue, das bald fertig sei, und er fragte: “Wie behalte ich nach dem Ereignis die Autorität über meine Sicherheitskräfte?”

Das Ereignis. Das war ihre beschönigende Bezeichnung für den Umweltkollaps, soziale Unruhen, eine Atombombendetonation, unaufhaltsame Viren oder das Hacken von Mr. Roboter, das alles niedermacht.

Diese eine Frage beschäftigte uns in der nächsten Stunde. Ihnen war klar, dass sie bewaffnete Wachleute brauchen würden, die ihre Anwesen vor dem wütenden Mob schützten. Aber wie sollten sie diese Wachen bezahlen, wenn Geld wertlos war? Was würde die Wachleute davon abhalten, ihre eigene Anführerin zu wählen? Die Milliardäre überlegten, die Nahrungsvorräte mit speziellen Schlössern zu sichern, deren Zahlenkombination nur sie kannten. Oder die Wachen als Gegenleistung für ihr Überleben mit irgendeiner Art von disziplinierendem Halsband auszustatten. Oder vielleicht Roboter zu bauen, die als Wächterinnen und Arbeiterinnen dienen – falls sich diese Technologie rechtzeitig entwickeln ließe.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Zumindest soweit es diese Herren betraf, war es ein Gespräch über die Zukunft der Technologie. Nach dem Vorbild von Elon Musk, der den Mars besiedeln will, Peter Thiel, der den Alterungsprozess umkehren will, oder Sam Altman und Ray Kurzweil, die Supercomputer mit ihrem Verstand ausstatten wollen, bereiteten sie sich auf eine digitale Zukunft vor, die weitaus weniger damit zu tun hatte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, als vielmehr damit, das menschliche Dasein hinter sich zu lassen und sich gegen die sehr reale und gegenwärtige Gefahr durch Klimawandel, steigenden Meeresspiegel, Massenmigration, globale Pandemien, nativistische Panik und erschöpfte Ressourcen abzuschirmen. Für sie geht es bei der Zukunft der Technologie im Grunde nur um eins: zu entkommen.

Als die Hedgefondsmanager mich nach der besten Möglichkeit fragten, nach dem ‘Ereignis’ die Autorität über ihre Sicherheitskräfte zu behalten, antwortete ich ihnen, am besten wäre es, sie würden diese Leute schon jetzt wirklich gut behandeln. Sie sollten mit ihren Sicherheitskräften umgehen, als gehörten sie zu ihrer eigenen Familie. Und je stärker sie dieses Ethos der Inklusivität auf ihre übrigen Geschäftspraktiken, auf ihr Versorgungskettenmanagement, ihre Nachhaltigkeitsbestrebungen und die Verteilung des Wohlstands ausweiten könnten, umso geringer werde die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches ‘Ereignis’ überhaupt eintrete. All diese technologische Hexerei ließe sich schon jetzt für weniger romantische, aber durchweg kollektivere Interessen einsetzen.

Mein Optimismus amüsierte sie, aber sie kauften ihn mir nicht wirklich ab. Sie waren nicht daran interessiert, eine Katastrophe zu verhindern, denn sie waren überzeugt, dass wir dafür schon zu weit fortgeschritten sind. Trotz all ihres Reichtums und ihrer Macht glauben sie nicht, dass sie Einfluss auf die Zukunft nehmen können. Sie akzeptieren einfach die finstersten Szenarien und setzen dann alles, was sie an Geld und Technologie zum Einsatz bringen können, dafür ein, sich dagegen abzuschirmen – besonders wenn sie keinen Platz in einer Rakete zum Mars ergattern können”.


Sie waren nicht daran interessiert, eine Katastrophe zu verhindern, denn sie waren überzeugt, dass wir dafür schon zu weit fortgeschritten sind. Dies scheint in der Tat das Bewusstsein jener zu sein, die an den Zuständen, die die Menschheit konfrontiert oder noch zu konfrontieren hat, maßgeblich schuld tragen.

Ihre krampfhaften Bemühungen, dem angerichteten Desaster zu entkommen, sind an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Zum ersten Mal stoßen diese Kreaturen an die Grenze ihrer Macht, an die Grenzen des Geldes, um genauer zu sein. Und da sie in ihrem kranken Gewinnstreben zu seelenlosen Krüppeln verkommen sind, die keinerlei Verbindung und keinerlei Urvertrauen mehr herzustellen vermögen, macht ihnen der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit eine Höllenangst

Aber auch für die Wachgebliebenen in unserer narkotisierten Zivilgesellschaft sind die Kraftspeicher fast leer. Jetzt gilt es, angesichts der amoklaufenden Finanz- und Politelite, die nicht nur den Ökozid nach Kräften befördert, im geostrategischen Ränkespiel wieder offen auf die atomare Karte setzt und im Schatten einer wohl inszenierten “Pandemie” die Kontrolle über jeden Einzelnen von uns zu gewinnen versucht, nicht den Verstand zu verlieren.

Vergessen wir ihr krankes Spiel, bleiben wir bei uns selbst, das lohnt sich. Es ist das einzige, was sich noch lohnt. Vor allem dann, wenn wir füreinander in Liebe da sind. Davon haben die seelenlosen Killer und Psychopathen aus Wirtschaft und Politik nämlich nicht die geringste Ahnung. Ihr Geist entweicht gerade von der Erde und übrig bleiben kümmerliche Restgestalten, die es vielleicht noch bis zum Mars schaffen …


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien unter dem Titel “Die armen Reichen” bei Kenfm.de und wurde von Neue Debatte übernommen und redaktionell überarbeitet. Links wurden ergänzt und einzelne Absätze zur besseren Lesbarkeit im Netz eingefügt und hervorgehoben.


Foto: Jacob Meissner (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

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