Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Der Trick mit dem Nationalismus

Befreiungstheorien sind immer universal. Sie gehen von Prinzipien aus, die überall gelten sollen. Täten sie das nicht, dann hätte das mit dem Ziel eines ungeteilten Rechtszustandes wenig zu tun.

Universalität als Illusion

Wer sich gegen die Universalität stellt, liefert sich schnell dem Vorwurf aus, den angestrebten Zustand nur für bestimmte auserwählte Eliten zu fordern.

Die Logik ist einfach wie bestechend. Das Unglück, das sich mit jeder Art von Befreiungsvorstellung verbindet, liegt in der Komplexität der Welt. Zu unterschiedlich sind die geographischen, klimatischen, kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, als dass der Anspruch der Universalität auch nur den Hauch einer Chance hätte. Dennoch muss er formuliert werden, sonst wäre er unredlich. Auch und dennoch vor der Erkenntnis, dass es sich dabei um eine Illusion handelt.

Die Geschichtsbücher sind voll davon. Die amerikanische Erklärung der Menschenrechte wurde zu einer Zeit formuliert, als in den Südstaaten noch die Sklavenhaltung blühte und die glorifizierte Französische Revolution fand vor der Kulisse eines kolonialen Imperiums statt. Und der so gefeierte Individualismus ist in großen Teilen Asien nicht die Vorstellung, die bei einem Großteil der dortigen Menschen per se ein Glücksgefühl erzeugte.

Teuflische Kräfte

Es ist an der Zeit und es wäre redlich, die tatsächliche Relativität von aus einer Befreiungstheorie abgeleiteten Werten zu bestätigen. Geschieht dieses nicht, so entsteht sehr schnell aus einem gut gemeinten Unterfangen eine Schimäre, die den Subjektivismus derer, die mit ihr handeln, bestätigt. In einem solchen Zustand befinden wir uns allerdings.

Das Positive, welches von dem trügerischen Universalismus ausgeht, ist der zwar brüchige, aber noch vorhandene Charme, der von dieser Vorstellung ausgeht.

Viele sind guten Glaubens, wenn sie die eigenen Werte universell reklamieren. Was sie nicht bedenken, ist die Instrumentalisierung dieser Werte durch Kräfte, die alles andere im Sinn haben, als sie universell auf die Welt zu übertragen. Diese Mächte leben von der globalen Diversität und der aus ihr abgeleiteten Möglichkeit, die Welt zu spalten und gute Ansätze zu verhindern. Sie appellieren an den Universalismus, um den ihnen günstigen Partikularismus zu befördern. Nicht dumm, aber teuflisch.

Autonome Ideen und Nationalismus

Geradezu epidemisch haben sich Vorstellungen verbreitet, alles, was für eine regionale Autonomie der Entscheidung spricht, als rückwärtsgewandt, reaktionär und gefährlich zu diffamieren. Die sich als global versiert gebenden bürokratischen Eliten verbreiten dieses Ideologem.

Die geographisch überschaubaren Räume, wie zum Beispiel Nationalstaaten, in denen bestimmte Prinzipien die Chance hätten, als allgemein gültige Grundlagen durchgesetzt und gesellschaftlich verankert zu werden, werden als reaktionäre Gebilde abgelehnt und stattdessen das hohe Schild der Universalität und Internationalität aufrecht erhalten. Wohl wissend, dass aus dem Unterfangen nichts werden wird. 

Es hat nichts, aber auch gar nichts mit Nationalismus zu tun, wenn sich in bestehenden Nationalstaaten zusammengefasste Gesellschaften dazu entscheiden, vernünftige, demokratische und autonome Ideen zu verwirklichen, die, sollten sie greifen, vielleicht die Chance hätten, andere zu inspirieren, sich daran zu orientieren.

Das gilt für alles. Für Demokratie, für das Wirtschaftssystem wie für die Ökologie. Radikal Neues in diesen Lebensbereichen durchsetzen zu wollen, ist ein anspruchsvolles Unterfangen.

Es wird nicht ohne harte gesellschaftliche Auseinandersetzungen vonstatten gehen und erfordert Courage. Für manches Hasenherz ist es da vielleicht bequemer, auf den Rest der Welt zu weisen und zu reklamieren, alles mache keinen Sinn, wenn die anderen nicht gleich mitmachten. In der Quintessenz verhindert es die Veränderung im eigenen Verantwortungsbereich.

Die Aufschneider

Und wer tatsächlich glaubt, internationale Organisationen mit ihren an Weltfremdheit nicht zu überbietenden Bürokratien wären in der Lage, die ganze Welt gesellschaftlich substanziell zu verändern, dem ist nicht mehr zu helfen. 

Das Phänomen ist alt, aber es wirkt heute mehr denn je. Man denke an die Antike und die berühmte Fabel des Äsop. In ihr kam auch ein Aufschneider daher und prahlte, was er woanders, in Rhodos, alles vermocht hatte.

Die bodenständigen Gesprächspartner hatten die richtige Antwort parat. Hic Rhodus, hic salta, antworteten sie ihm. Hier ist Rhodos, hier springe!


Foto: Paul Gilmore (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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3 Responses

  1. almabu sagt:

    Die neoliberale Wirtschaft benötigt und schafft systematisch möglichst große soziale Unterschiede auf lokaler, kommunaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene. Dann spielen Einzelne, Viele gegeneinander aus und das Geschäft brummt!

    Die wachsende Niedriglohngruppe der Gesellschaft wird von sowohl temporären, rechtlosen Subunternehmer-Sklaven „alias gleichberechtigten EU-Bürgern“ als auch von künftigen potentiellen Empfängern eines garantierten Mindesteinkommens, das „natürlich“ mit Zwangsarbeit auf kommunaler Ebene verbunden werden soll, von allen Seiten bedrängt und erweitert. Dazu entzieht man sich finanziell der früher üblichen steuerlichen Belastung oder Partizipation an den Kosten der jeweiligen Gesellschaft mit frei floatendem, international völlig unbehinderten Finanzverkehr.

    Erstaunlich unter diesen Bedingungen:
    Die Kritik an diesem System des IMMER MEHR FÜR IMMER WENIGER und des IMMER WENIGER FÜR IMMER MEHR ist in unserer Gesellschaft relativ verhalten, oder täusche ich mich da jetzt?

    • @almabu Erstaunlich unter diesen Bedingungen:
      Die Kritik an diesem System des IMMER MEHR FÜR IMMER WENIGER und des IMMER WENIGER FÜR IMMER MEHR ist in unserer Gesellschaft relativ verhalten, oder täusche ich mich da jetzt?

      Es ist noch viel schlimmer !!! Selbst diejenigen, die Kritik üben und das Schlamassel erkennen, kommen nicht auf die Idee, daran etwas zu ändern geschweige denn, sich in eine Gemeinschaft einzubringen, die schon neue Strukturen im Sinne von Subsidiarität und zwar auch auf Volksebene entwickelt hat … und so das alte Überkommende durch eine neue Struktur ersetzt werden könnte …

      Es ist so, wie Rudolf Steiner schon mal andeutete: da sitzen die gescheiten Herren in ihrem exquisiten Debattierzirkel und ereifern sich über die Kinderarbeit, während das Feuer in dem Raum mit Kohlen brennt, die durch Kinderarbeit zu Tage gefördert wurden …

  2. Die Sachlage ist komplex aber nicht kompliziert: jedes Lebewesen ist auf die Abgrenzung seines Leibes gegenüber anderen angewiesen. Jeder Leib ist ein eigener „Steuerkreis“, dessen Funktionen er selbst am besten regeln kann.
    Ist dies gegeben, so tritt er praktisch gleichzeitig mit anderen Lebewesen in Verbindung, in Austausch.
    Würde er sich dabei auflösen, so wäre es gegen das Leben selbst gerichtet.

    Wir brauchen also nur die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung auch im Sozialen zu unterscheiden: was ist mein „Leib“, wer gehört dazu, wo beginnt das Fremde und wie gelingt dazu Kooperation.

    Wir gehen dabei also immer von einer „kleinen Zelle“ aus, die so weit organisch wachsen kann (NICHT WUCHERN!!!), wie es ihrem eigenen Bedürfnis und der der Kooperationspartner entspricht.

    Wird dieser kommunikative Vorgang von außen geregelt oder greifen äußere Steuerungsmechanismen dort ein, so richten sie sich IMMER GEGEN die AUTONOMIE DES EINZELNEN und führen letztenendes zur Verneinung des Einzelwesens.

    Aus dieser Tatsache heraus ist im International Law/Völkerrecht auch das Subsidiaritätsprinzip als Dreh- und Angelpunkt enthalten: alles, was die kleinste Organisationseinheit aus sich selbst heraus leisten kann, dazu hat sich auch das Recht – umgekehrt: es gibt keine Recht darauf eine solche Einheit von außen zu manipulieren oder in Abhängigkeiten zu werfen.

    Im übrigen kann ich empfehlen zur weiteren Entwirrung dieser grob angesprochenen Zusammenhänge, sich mit den sozialen Kernpunkten / soziale Dreigliederung von Rudolf Steiner zu beschäftigen …

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