Freiheit ist ständigen Gefahren ausgesetzt. (Symbolfoto: Jared Rice, Unsplash.com)

Die Freiheit der einen und der anderen

Zu Recht wird man immer wütender, wenn im Namen der Freiheit Territorien besetzt oder annektiert werden, wenn Kriege vorangetrieben, Länder angegriffen und Kulturen unterworfen werden.

Es ließe sich argumentieren, dass diese Vorgehensweise ein entscheidendes Merkmal ist, welches in den Ideologien vergangener Reiche stets präsent war. Die Eroberer linderten ihr belastetes Gewissen, indem sie behaupteten, sie brächten den rückständigen oder unterworfenen Völkern Befreiung und Zivilisation.

Selbst wenn man die Vorgeschichte kennt und feststellt, dass viele Völker diese Lüge glaubten und sich der imperialistischen Herrschaft freiwillig unterwarfen – mit dem Gedanken, sich wenigstens von den Ketten etablierter Statthalter zu befreien –, schwindet die Wut nicht. Zu Recht.

Weder hat ein Mensch das Recht, sich gegen die Selbstbestimmung eines Volkes zu stellen, Völker einzusperren oder zu bestrafen, noch zeigt es Tapferkeit, Kriege und Zwangsvertreibungen auszulösen – Leid oder Ungleichheit liegt keine Gerechtigkeit zu Grunde.

Im Namen welcher Freiheit, welcher Zivilisation mordet und raubt man – oder befiehlt, zu morden und zu rauben? Im Namen welcher Freiheit wird übertriebener Reichtum angesammelt, der den Großteil der Menschheit zu Armut und Hunger verdammt?

Die Freiheit der einen

Ein Teil der sehr konservativen Rechten in den USA, heute in Machtpositionen, gründete im Jahr 2009 die Bewegung “Tea Party”. Ein Rettungspaket für riesige Kredithaie, welches dem globalen System entgegenwirkte, schuf eine angespannte Atmosphäre und sorgte für einen großen Aufschrei unter den selbsternannten “Libertarians”, die gegen die “invasive” Finanzpolitik protestierten.

Teil dieser Gruppierung waren (sind?) unter anderem der ehemalige Chef der CIA Mike Pompeo, derzeit amtierender Außenminister, Sarah Palin, die Ex-Gouverneurin von Alaska und ehemalige Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, Marco Rubio und Rand Paul, derzeit im Senat von Florida und Kentucky, sowie Michele Bachman, die Minnesota im “House of Respresentatives” vertritt. Deren Bezeichnung “Tea Party” verweist auf ein anti-koloniales Gedenken.

Der ausgewählte Name spielt auf die Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten an: Am 16. Dezember 1773 warfen Siedler eine Teeladung in den Hafen von Boston, um gegen eine Steuervorschrift der englischen Krone zu protestieren, die die East India Company begünstigte, zum Schaden des lokalen Schmuggels und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit.

Selbstverständlich war jene Tea Party Bewegung mehr als nur eine Zusammenkunft fieberhafter, nostalgischer Aktivisten. Im Jahr 1984 gründeten die Milliardäre David und Charles Koch, Besitzer des Konzerns Koch Industries , “Citizens for a Sound Economy”, eine Vereinigung, die für die Ausweitung unternehmerischer Privilegien über Steuervergünstigungen eintrat. Bereits 2002 hatten die “CSE” eine Website entwickelt, deren Domain “usteaparty.com” lautete. Die Gruppe spaltete sich nach kurzer Zeit in “FreedomWork” und “Americans for Prosperity”. Letztere wurde von David Koch persönlich geführt, der einer der größten Geldgeber für Trumps Kampagne war und 2019 verstarb.



Ebenso spielte der Fernsehsender Fox dabei eine Rolle, der die Bürger 2009 am “Tax Day” zu Demonstrationen gegen die Steuerpolitik Obamas in mehr als 750 Städten, einschließlich der Hauptstadt, ermutigte. Der Tax Day (gewöhnlich am 15. April) ist der Tag, an dem die US-amerikanischen Bürger ihre jährliche Steuererklärung an die nationale und bundesstaatliche Regierung übergeben.

Somit wird die steuerliche “Beleidigung” im Zusammenhang mit dem historischen Vermächtnis der ehemaligen religiösen Verfolgung der “Pilgerväter” (Pilgrim Fathers) gesehen. Diese erreichten 1620 die “Neue Welt”, um vor der anglikanischen Kirche zu fliehen. 200 Jahre nach der Boston Tea Party ließ sich dieser Umstand perfekt mit einer Abneigung gegen die zentrale Macht in Verbindung bringen und verknüpfte die Freiheit erneut mit einer Stimmung, die sich gegen jegliche Art von verzerrenden staatlichen Eingriffen in die hochheilige individuelle Aneignung richtet.

Diese stumpfe Rebellion gegen die zentrale Macht brachte viele Aktivisten der Tea-Party-Bewegung über die republikanische Partei in die Gesetzgebungskammern und machte schließlich Donald Trump, einen exzentrischen Abgeordneten aus Kreisen großer Konzerne, zum Präsidenten des Landes.

Die Freiheit der anderen

Andererseits verschlingt der Ruf nach Freiheit der einen beinahe gänzlich die Freiheit der anderen. Und die anderen sind diejenigen, die nicht wie die einen denken und neue Spielregeln schaffen wollen, die eher auf gleichmäßige Verteilung und das Voranbringen der Gemeinschaft und Einheit abzielen.

Die anderen werden auf den Servern der einen medial hingerichtet, ohne Möglichkeit, sich unter gerechten Bedingungen gegen den Spott zu verteidigen. In der Politik sind sie die Lieblingsopfer der einen – Führungspersönlichkeiten wie Lula da Silva, Evo Morales, Rafael Correa, Cristina Fernández oder Nicolás Maduro und viele andere Akteure in der fundamentalen Aufgabe, ein Land gerechter und unabhängiger zu machen. In diesem Sinne sind die “anderen” auch politische Gefangene, deren Inhaftierung die Regierungen oder Gerichte auf Seiten der “einen” mit oder ohne Urteil aufrechterhalten. Dies ist das Gesetz der Gesetzlosen, der juristische Krieg oder “Lawfare” in englischer Bezeichnung.

Die anderen sind diejenigen, die von den einen Tag für Tag zu Spionen und Verrätern degradiert wurden, es sind die Journalisten, die dafür angegriffen, entlassen oder ermordet wurden, dass sie unangenehme Wahrheiten suchten (und fanden).

Es sind die bäuerlichen Anführerinnen und Anführer, die zum Tode verurteilt wurden, weil sie sich dem unbegrenzten Landraub entgegenstellten, der von Firmen großer Konzerne oder lokalen Großgrundbesitzern mit der – von den einen erteilten – offiziellen Lizenz zum Töten vorangetrieben wurde.

Die Freiheit, die die anderen nicht haben, ist die Freiheit, von wo man will, wohin man will zu ziehen und das Unglück hinter sich zu lassen, das der Kolonialismus angerichtet hat und immer noch anrichtet; der heutige Neokolonialismus setzt sich aus Abhängigkeiten und Knechtschaft unter der abendländischen Macht zusammen.

Die anderen sind die Frauen, die vom Anfang bis zum Ende ihres Lebens die Furcht begleitet, vergewaltigt, geschlagen, ermordet und dazu verdammt zu werden, keine Entscheidungsfreiheit zu besitzen, sowie Herabwürdigung für die Brüche von Regeln zu erfahren, die das Patriarchat etabliert hat, welches die moralische, politische und religiöse Macht des Planeten dominiert.

Es sind die Schwarzen, deren Leben seit Jahrhunderten einen geringeren Stellenwert haben, seitdem sie in den Lagerräumen der Sklavenschiffe in Ketten verschleppt wurden – für den Ruhm und Reichtum der kolonialen Grundbesitzer in Amerika und der Staatsoberhäupter in Europa. Die formelle Freiheit von jener grausamen Unterdrückung hat nicht verhindert, dass die afrikanisch-stämmigen Nachkommen heute immer noch von den Privilegien des Wohlstands ausgeschlossen werden, den das Abendland nur durch Leben und Sterben von Millionen von Schwarzen aufbauen konnte.

Die anderen sind die Ureinwohner, die vergewaltigt, dezimiert und unter dem imperialen Joch dazu benutzt wurden, das dunkle, kranke, mittelalterliche Europa aus dem Elend zu retten und dessen kirchliche Kriege um die politisch-religiöse Macht zu finanzieren. Die Spuren jener Verbrechen gegen die Menschlichkeit lassen sich bis heute in den Gesichtern und der sozialen Situation derjenigen erkennen, die die Katastrophe überlebt haben, sowie in der verbreiteten Ausgrenzung von Menschen gemischter Herkunft und dem intensiven Rassismus, der eine tatsächliche soziale Angleichung verhindert.


Die Freiheit der einen resultiert letztendlich also in der Freiheit von niemandem.



Die anderen sind diejenigen, die von der Heteronorm abweichen, welche den partnerschaftlichen und sexuellen Bereichen des Lebens auferlegt wurde und sich auf Grundlage von Unterdrückung und Ablehnung in die Köpfe der Menschen als naturalistische Denkweise eingebrannt hat. Ein Naturalismus, der – ungeachtet der enormen Wandel, die sich im menschlichen Leben vollziehen – immer noch eines der hauptsächlichen Hindernisse für die Freiheit ist.

Freiheit ist im aktuellen System etwas, um Ungerechtigkeiten zu rechtfertigen. “Freie Marktwirtschaft” wird ein System genannt, das transnationalen Konzernen erlaubt, ohne Beschränkung die Reichtümer von Völkern zu verschlingen, sie wie ehemals durch Schulden zu versklaven, sie auszupressen und deren industrielle Gefüge zu zerstören – was durch wissenschaftliche Überlegenheit, prekäre Lebensumstände der Bevölkerung und digitale Ausnutzung möglich ist. “Pressefreiheit” wird der Umstand genannt, dass einige wenige mediale Gruppen die weltweite Nachrichtenagenda leiten. “Freiheit des Ausdrucks” existiert unter der Einschränkung, dass diejenigen, die kritische Gedanken äußern und die Gussformen der vorherrschenden Meinung verlassen, verteufelt und verfolgt werden. Die Freiheit der einen resultiert letztendlich also in der Freiheit von niemandem.

Die Unterdrückung im Verborgenen

Die Zusammenhänge sind keines offensichtlichen Charakters, aber trotzdem genauso vorhanden. Von welcher Freiheit können wir den geistig Beeinträchtigten erzählen – oder denen, die eine ungewisse Zukunft fürchten, die an der gewöhnlichen Treppe des Erfolgs, die unser dekadentes und verlogenes System aufzeigt, gescheitert sind?

Wie kann man frei handeln, wenn das mentale Klima von der Angst bestimmt wird, das, was man hat, zu verlieren und das, was man sich inständig wünscht oder dringend benötigt, nie zu erreichen? Lässt sich von Freiheit sprechen, wenn die Zukunft wie ein immer wiederkehrender Kreislauf erscheint und stets Schmerz und Leiden für sich selbst und seine Angehörigen bedeutet? Existiert Freiheit für denjenigen, der in einem gewalttätigen Umfeld aufwächst, das von Hass und Vergeltung erfüllt ist? Ist derjenige etwa frei, der Krankheit, Einsamkeit und Tod fürchtet?

Einige glauben, dass diese innere Unterdrückung verschwindet, sobald wir uns von den äußeren Ketten lösen, die die Möglichkeiten der Menschlichkeit einschränken und es bleibt kein Zweifel, dass dies eine unverzichtbare Bedingung für die Freiheit ist. Nichtsdestotrotz wird die Unterdrückung möglicherweise auch dann nicht beendet sein; Selbstwahrnehmung und Zusammenhalt sind ebenso essentiell für den gemeinsamen Sieg.

Die Freiheit aller

Werden wir wahrhaft frei geboren? Welche Freiheit bringt ein Kind in eine Welt voller Unmöglichkeiten? Für das es keine Möglichkeit gibt, gut ernährt in einem sicheren Umfeld, einer freundlichen und liebevollen Atmosphäre mit Zugang zu Wissen und Ausbildung aufzuwachsen, und nicht permanent von unnützer Konsumpropaganda aufgehetzt zu werden, die besitzergreifende Albträume zur Folge hat?

Ohne Zweifel werden wir unter bestimmten Bedingungen geboren und erzogen. Bedingungen sozialer, kultureller und generationsübergreifender Natur, die ihre Spuren in unserem Leben hinterlassen, aber uns nicht daran hindern, gegen bereits vorhandene Verhältnisse zu rebellieren, die Schmerz und Leid verursachen. Verhältnisse, die bestehen, aber nicht in Stein gemeißelt sind. In diesem Schlupfloch liegt die mögliche Freiheit – in der Option, das Vorbestimmte zu ändern.

Die Freiheit ist strukturell – ihrer Ausweitung weichen die aufrechterhaltenen Grenzen im sozialen, im intersubjektiven und im privaten Bereich. Daher ist es erforderlich, in allen drei Ebenen auf sie hinzuarbeiten.

Die Freiheit ist historisch – sie transformiert das Bestehende in zukünftige Voraussetzungen, die wiederum einen Schritt nach vorne in ihrem Namen bedeuten.

Die Freiheit ist gemeinschaftlich – oder sie ist gar nicht. Es gibt keine mögliche Freiheit für die einen zum Nachteil der anderen. Es ist der Traum des Lebens, der mit dem Fortbestehen der Menschheit verwirklicht werden wird, mit Treffern und Fehlern, mit Fortschritten und Rückschlägen, aber als einzig mögliche Perspektive.


Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde von Chiara Pohl vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Pressenza sucht Freiwillige!


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag “Die Freiheit der einen und der anderen” von Javier Tolcachier erschien bei unserem Kooperationspartner Pressenza. Er wurde von Neue Debatte übernommen, dem Layout angepasst und mit Links zu weiterführenden Informationen und Begriffserklärungen versehen.


Foto: Jared Rice (Unsplash.com)

Javier Tolcachier ist ein Schriftsteller und Humanist aus Argentinien. Er arbeitet als Forscher im World Center for Humanist Studies, einer Organisation der Humanistischen Bewegung und schreibt für Pressenza.

1 thought on “Die Freiheit der einen und der anderen

  1. Das Journalisten zu Spionen erklart werden, sieht man schon an dem Wikileaks Begründer Julian Assange, was diese Kriegsverbrecher Regime Britain/ USA mit ihm anstellen, schreit zum Himmel! Die gehören alle Blair, Bush und ihre Nachfolger vor den Gerichtshof für Menschenrechte und verurteilt als das was sie wirklich sind: Menschenrechtsverbrecher und Kriegsverbrecher und dann in die Isohaft mit ihnen für den Rest ihrer Tage!!!

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