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Individualisierung, Glück und das stöhnende Kollektiv

So, wie es aussieht, bleibt die Dialektik der Geschichte treu. Auch im Falle des Gesellschaftsmodells, das lange Zeit als der größte Fortschritt im Spektrum der Zivilisation gefeiert wurde.

Individualisierung und Ignoranz

Was mit den Vereinigten Staaten von Amerika begann und sich 1789 in Frankreich fortsetzte, war der Sieg des Individuums. Ihm, dem Bürger, sollten umfassende Rechte dazu verhelfen, die eigenen Potenziale zum individuellen Glück zu entfalten. Und gleichzeitig, so das Kalkül, verhülfe es auch dem Gemeinwesen zur Blüte.

Wenn die einzelnen Glieder eifrig, erfolgreich und glücklich sind, so die von zahlreichen Philosophen formulierte und in Verfassungen eingeflossene These, dann erwachse daraus auch ein Staat, der den Wohlstand für alle durchaus organisieren könne.

Die Unterscheidung zu anderen, historisch in unzähligen Variationen durchlaufenen Konzepten, die das Glück, den Wohlstand und die Macht nach Hierarchien aufgliederten, galten mit der bürgerlichen Gesellschaft als antiquiert. Ein Umstand, der bei der gesamten Reflexion kaum eine Rolle gespielt hatte, war, ohne dass es den meisten Akteuren bewusst gewesen wäre, die kolonialistische und/oder imperialistische Ignoranz.

Als natürlich galten die europäischen oder amerikanischen Zustände. Was im Rest der Welt, vor allem dort, wo die meisten Menschen lebten und leben, nämlich in Asien, vonstatten ging, wurde kollektiv ausgeklammert.

Das Kollektiv als Zentrum staatstheoretischer Überlegung hatte nur ein kurzes Zwischenspiel in Form marxistischer Varianten. Dass auch das nur im Osten anklang fand, erklärt sich nahezu von selbst.

Das Ende kollektiven Handelns

Die verschiedenen Phasen der bürgerlichen Gesellschaft sind durchweg gekennzeichnet durch den Versuch, das hehre Ziel des individuellen Glücks zu perfektionieren. Und, aus heutiger Sicht, war das Ziel nie so nah wie heute.

Das Individuum, sein Glück und sein Befinden sind zum Dreh- und Angelpunkt jeder Überlegung geworden. Sukzessive wurden Gesetze um Gesetze geschaffen, die die Garantie auf die individuelle Entfaltung unterstützten. Und die Tendenz strebte auf den Punkt zu, dass kollektives Handeln an einen Endpunkt gekommen ist.

Nichts, was von gesellschaftlicher Relevanz wäre, hat auch nur im Ansatz noch die Chance auf Realisierung. Das Befinden eines einzelnen Individuums reicht oft aus, um einen politisch legitimierten Beschluss, der ein gesellschaftlich als notwendig erachtetes Projekt zum Ziel hat, nicht umzusetzen.

Auch das Verhalten der einzelnen Glieder ist umgeschlagen von der Idee des individuellen Glücks in das Ärgernis des Egoismus gegen das Kollektiv. Selbst in offensichtlichen Notsituationen treten zunehmend Menschen auf, die ihr profanes, selbstsüchtiges und momentanes Interesse über den Sinn einer gemeinschaftlichen Rettungsaktion stellen.

Die Anbindung des individuellen Glücks an eine Mitverantwortung für das Gemeinwesen ist verloren gegangen. Die Mörder des emanzipatorischen Gedankens der bürgerlichen Gesellschaft fühlen sich individuell als deren heißeste Befürworter. Die Radikalisierung der Idee des erfüllten Individuums zum Wirtschaftsliberalismus hat eine chronische und massive Schädigung des Gemeinwesens zur Folge.

Die Profiteure und das Leichengift

In historischen Phasen der Auflösung bestehender Ordnungen stellt sich immer die Frage, wie widerstandsfähig die einzelnen Systeme sind. Haben sie einen gesellschaftlichen Kern, oder sind sie zerfleddert und bereits atomisiert. Dass die Atomisierung der bürgerlichen Gesellschaften bis zu einem für die Gesellschaft selbst unerträglichen Punkt fortgeschritten ist, bezweifeln nur noch die Profiteure der Zerstörung.

Das, was als der Zustand des Postheroismus bezeichnet wird, ist die Unfähigkeit, als Gesellschaft in Krisensituationen zu überleben. Auch in diesem Kontext ist genau zu beobachten, wohin die weiteren Versuche führen, die Gesellschaft politisch zu gestalten. Macht die Politik weiter im Kurs auf eine das Kollektiv nachhaltig schädigende Individualisierung, oder setzt sie Akzente, um das Gemeinwohl in den Fokus zu rücken?

Und so ist es immer wieder in der Geschichte: Was einst so schön nach Befreiung klang, verströmt heute schon den Geruch des Leichengifts.


Quellen und Anmerkungen

Mit dem Begriff Postheroismus wird der Zustand westlicher Gesellschaften beschrieben, deren Subjekte nicht mehr bereit sind, übergeordnete Wertvorstellungen, sofern diese bestehen, zu verteidigen bzw. für deren Verteidigung (persönliche) Nachteile zu riskieren. Der postheroischen Gesellschaft steht die heroische Gesellschaft gegenüber, die, so die Unterstellung, wegen Wertvorstellungen sogar Kriege führt.


Korrekturhinweis: Im Satz „(…) der ein gesellschaftlich als notwendig erachtetes Projekt zum Ziel hat, nicht umzusetzen.“ wurde die Verneinung ergänzt. Mit Dank an die Leserschaft für den Hinweis (7.9.2020).


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Foto: Emily Lau (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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2 Responses

  1. almabu sagt:

    Ein – wie immer – exzellenter Beitrag, dessen folgenden Satz ich vermutlich nicht verstanden habe?

    „…Das Befinden eines einzelnen Individuums reicht oft aus, um einen politisch legitimierten Beschluss, der ein gesellschaftlich als notwendig erachtetes Projekt zum Ziel hat, auch umzusetzen…“

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