Schreiben, was Sache ist. (Header: Neue Debatte)

Das Recht zu leben

Das Recht zu leben ist die Berechtigung, uns entsprechend unserer Eigenarten bewegen zu können. Erinnern wir uns an die Gedanken des Dichters Heinrich Heine. In seinem Werk „Verschiedenartige Geschichtsauffassung“ (1) schrieb er:

„Das Leben ist weder Zweck noch Mittel; das Leben ist ein Recht. Das Leben will dieses Recht geltend machen gegen den erstarrenden Tod, gegen die Vergangenheit, und dieses Geltendmachen ist die Revoluzion. Der elegische Indifferentismus der Historiker und Poeten soll unsere Energie nicht lähmen bey diesem Geschäfte; und die Schwärmerey der Zukunftbeglücker soll uns nicht verleiten, die Interessen der Gegenwart und das zunächst zu verfechtende Menschenrecht, das Recht zu leben, auf’s Spiel zu setzen.“

Zum Lebensgenuß fähige körperliche und seelische Gesundheit, emotional und vom Verstand inspiriertes Denken und in kameradschaftlicher Harmonie wirkendes Mit- und Füreinander sind höchste Werte für den Menschen.

Bewegung und Aufbau

Spezifisch menschliche Merkmale finden sich in der Psyche, beim Denken und beim Arbeiten. Der Mensch kann nicht getrennt als jeweils nur psychisches, nur soziales oder nur natürliches, sondern eben nur als einheitlich bio-psycho-soziales Wesen existieren.

Durch seine Abstammung aus Vorfahren und seine Entwicklung als Einzelwesen erwirbt der Mensch durch Stoff- und Energiewechsel, DNA-gebundenen Informationsaustausch, Wachstum und Entwicklung und Reizbarkeit und Bewegung das Natürliche seines Wesens. Das macht ihn, also uns alle, indem wir gemeinsam kooperieren, spielen, lernen und arbeiten zu bio-psychisch-soziale Lebewesen. Dies befähigt uns zu (vernünftigem) Schöpfertum und empfindsamer Geselligkeit.

Wie alles in der objektiven Realität, so ist auch das menschliche Wesen an informierte und raumzeitlich orientierte Materiebewegung gebunden. Und wie alles Wirkliche, so ist ebenfalls menschliches Leben nur in Bewegung möglich.

Menschen müssen verbrauchen, verändern und verstehen. Kommunikation und Zusammenarbeit ermöglichen Kreativität und Lebensfreude – Neid und Not bringen Hass und Gewalt mit sich. Das menschliche Leben bewegt sich zwischen Bedarf und Befriedigung, Leistung und Lethargie, Konkurrenz und Kompromiss.

Die Fähigkeiten, sich ernähren und Nachkommen zeugen zu können, das regulär gesteuerte, nicht überschießende und proportionale Wachstum, die Anpassungsfähigkeit der körperlichen Strukturen und deren Funktionen an die Anforderungen einer sich ebenfalls entwickelnden Umwelt, aktive Beweglichkeit als Antwort auf äußere und innere Reize und der daran gebundene Informationsaustausch sowie körpereigene, energiefreisetzende und energiebindende stoffliche Auf- und Abbauprozesse sind lebensnotwendige Bewegungen des menschlichen Organismus.

Abbau und Ende

Unzählige, zum Teil recht fantastische Vorstellungen ranken sich um Begriffe wie Leben und Gesundheit. Bereits unsere frühen Vorfahren brachten willig Göttern Opfer dar, um von ihnen Gesundheit und ein langes Leben zu erflehen.

Über Jahrhunderte hinweg glaubten Gelehrte an eine unerklärbare „Vis vitae“, eine geheimnisvolle Lebenskraft, die jenseits des Begriffsvermögens existiere. Durch sie seien Lebensdauer und Gesundheit für jeden Menschen vorbestimmt.

Trotz vorliegender wissenschatlicher Erkenntnisse und der Kompliziertheit und der Vielzahl noch ungelöster Rätsel um und über das Phänomen Leben, gibt es heute keinen haltbaren Zweifel daran, dass dieses Leben etwas Natürliches darstellt. Es ist etwas Erklärbares und etwas Begreifliches, für dessen Deutung niemand zu übernatürlichen Erscheinungen und mystischen Vorstellungen Zuflucht nehmen muss.

Leben bedeutet nicht nur ein aneinanderreihen einzelner Prozesse. Ein Lebewesen ist mehr als nur die Summe gesetzmäßig ablaufender Reaktionen. Im Zusammenspiel vieler Faktoren und im Wechselspiel untereinander und mit der Umwelt erreichen alle Lebewesen – und somit auch die Menschen – neue und immer höhere Qualitäten.

Menschen sind nicht nur natürliche Wesen, besonders die psycho-sozialen Eigenschaften und Merkmale und seine (menschlichen) Bedürfnisse lassen ihn aus dem Tierreich heraustreten und sich zum bewusst und aus eigenem Willen handelnden Wesen entwickeln – bis zu seinem Ende.

Liebe, Arbeit, Politik

Ein Mensch zu sein, ist für das Subjekt nicht allein im Bereich seiner natürlichen, sondern auch in seinen psychosozialen Wesenseigenschaften nur in Bewegung möglich. Das hat beispielsweise für Liebe und Sexualität oder das menschliche, produktive Tätigsein grundlegende Gültigkeit. So pflanzt sich der Mensch eben auch nicht triebhaft instinktiv fort, sondern er ist in der Lage, bewusst sein beglückendes und motivierendes Sexual- und Liebesleben selbst zu gestalten. In den altägyptichen „Heiteren Liedern zum Brautkranz“ (2) heißt es dazu:

„Ich bin deine Geliebte, die Beste. Ich gehöre dir wie der Garten, den ich mit Blumen bepflanzt habe und mit allerlei süßduftenden Kräutern. Lieblich ist der Kanal darin, den deine Hand gegraben hat uns im Nordwind zu erquicken, ein schöner Platz zum Wandeln. Deine Hand liegt auf meiner Hand. Meinem Leib ist wohlgetan. Mein Herz ist in Freude, weil wir zusammengehen. Deine Stimme zu hören ist mir Süßwein. Ich lebe davon sie zu hören. Jeder Blick, mit dem ich angesehen werde, nützt mir mehr als Essen und Trinken.“

Arbeiten ist wohl die eigentümlichste aller menschlichen Bewegungen. Arbeiten und damit sein Leben bewusst gestalten, kann nur der denkende, kooperative Mensch. In seinem Buch „Vom Knüppel zur automatischen Fabrik“ beschreibt Jürgen Kuczynski (3) unter anderem, wie die Tierhaltung die Urgemeinschaft zerstörte.

„Vieh“ habe eine besondere Eigenschaft, denn „bei guter Pflege vermehrt es sich schnell“. So könne der Mensch mehr Nahrungsmittel produzieren, als er für sich selbst brauche, um satt zu werden. Das sei von ganz besonderer Bedeutung, wie auch die Tatsache, dass die Produktionsmittel in der Landwirtschaft, der Fischerei oder der Jagd sich ständig verbesserten, sich optimierten.

Die Produktivkräfte seien so gewachsen, dass die Menschen immer mehr Nahrungsmittel zur Verfügung hatten. Das Mehr über den jeweiligen Bedarf hinaus nenne man „Mehrprodukt“. Nun stellt Kuczynski weiter fest, dass jede Verbesserung der Produktionsmittel nicht nur bedeute, dass man mehr produzieren könne, sondern auch, dass „die Arbeit leichter ist und besser vonstatten geht“. Auch durch Spezialisierung sei die Produktivkraft gestiegen.

Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums, sagen die politischen Ökonomen. Sie ist dies neben der Natur, die den Stoff liefert, den Arbeit in Reichtum verwandelt.

„Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen“, bemerkt Friedrich Engels in seiner Schrift „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ (4) zur Bedeutung der Arbeit für den Menschen. Und an anderer Stelle schreibt Engels:

„Hunderttausende von Jahren – in der Geschichte der Erde, nicht mehr als eine Sekunde im Menschenleben, sind sicher vergangen ehe aus dem Rudel baumkletternder Affen eine Gesellschaft von Menschen hervorgegangen war. Aber schließlich war sie da. Und was finden wir wieder als den bezeichnenden Unterschied zwischen Affenrudel und Menschengesellschaft? Die Arbeit. […]

Engels schreibt weiter:

Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorgan und Gehirn nicht allein bei jedem einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen. Die Arbeit wurde von Geschlecht zu Geschlecht eine andre, vollkommenere, vielseitigere. Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau zu diesem Spinnen und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schifffahrt. Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und Wissenschaft, aus Stämmen wurden Nationen und Staaten.

Politik ist die Art und Weise, wie ein Gemeinwesen geführt und gestaltet wird. Wenn Arbeit nur Last und Drangsal und nicht auch freudiges Vergnügen am Schöpfertum bereitete, gäbe es wohl auch heute noch keine Menschen, die sich dank ihrer bio-psycho-sozialen Wesenszüge ihres einmaligen Seins, einschließlich ihrer Gefühle und ihres Intellekts, gewahr werden können. Und dabei so zu bewusstem Sein gekommen sind, in der Lage zu sein, in ihrem Leben für sich selbst zu sorgen.

Evolution und Revolution für das Recht zu leben

Doch je nach Charakter der Gesellschaftsverhältnisse unter denen Politik stattfindet, geschieht dies überwiegend kontrovers oder konstruktiv, herrscht mehr oder weniger Toleranz, wird Macht und Gewalt tendenziell im mehrheitlichen Konsens oder in diktatorischer Einseitigkeit ausgeübt.

Die Grundlage für die Art und Weise, wie das jeweilige menschliche Miteinander geführt und gestaltet wird, ist das Verhältnis von den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen.

Die Produktivkräfte produzieren einerseits alles was Menschen zum Leben brauchen: zum Beispiel Lebensmittel, Bekleidung und Häuser. Andererseits können sie Ökosysteme zerstören und Kriegsmaterial herstellen, wenn die Produktionsverhältnisse auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen basieren und die zwischenmenschlichen Verhältnisse auf Ware-Geld-Beziehungen reduziert sind. Dies ist eine Form gesellschaftlicher Evolution, die Revolutionen hervorrufen kann, wie historische Beispiele belegen.

Der Begriff Evolution bezeichnet den Vorgang einer allmählich quantitativ fortschreitenden Entwicklung vom Einfachen zu Vollkommenerem. Als revolutionär wird ein einschneidender, sich sprunghaft von bisherigen zu qualitativ anderen Zuständen vollziehender Umwälzungprozess bezeichnet.

Besonders durch das kreative Tätigsein, das wir Menschen seit eh und je, um leben zu können, leisten müssen, greifen wir zunächst unbewusst und richtungslos verändernd in die vorgefundene Wirklichkeit ein. Wir Menschen sind aber mittels unserer Fähigkeiten in der Lage, die Wirklichkeit erkennen und zielorientiert verändernd bearbeiten zu können.

Um menschliches Handeln moralisch werten zu können, ist es dennoch unerheblich, ob auf revolutionär beschleunigte oder evolutionär behäbige Vorgänge eingewirkt wird, sondern ist darauf zu achten, in welche Richtung die Veränderungen beeinflusst werden sollen: Das Recht zu leben und die Pflicht, dies allen Menschen zu ermöglichen, bringt uns allen wahrhaftiges Wohlbehagen …


Frank Nöthlich (Foto: Privat)
Frank Nöthlich

mit Hoffnungsblick
begreift sich still
als nützlich Stück
wer sieht
und sehen will

so wird an guten Tagen
wenn uns das Licht
der Erkenntnis
im Übermaß erfüllt
die Pflicht
zu Wohlbehagen



Quellen und Anmerkungen

(1) Bernhard Pollmann: Weisheiten Deutscher Klassiker (Orbis Verlag München, 1999).

(2) Karl August Fritz: Weisheiten der Völker (Stürtz Verlag Würzburg, 1998).

(3) Jürgen Kuczynski: Vom Knüppel zur automatischen Fabrik. Eine Geschichte der menschlichen Gesellschaft (Kinderbuchverlag Berlin, 1960).

(4) Karl Marx und Friedrich Engels: Ausgewählte Schriften II (Dietz-Verlag Berlin, 1970).


La Diada 2020 live from Vienna and Barcelona. Online-Event 10.9.2020 on YouTube. (Illustration: Neue Debatte)
La Diada 2020 | Live aus Wien und Barcelona | Donnerstag, 10.9.2020, um 18.30 Uhr | Mit Kunst, Kultur, Musik, Diskussion und Neue Debatte

Foto: Jon Tyson (Unsplash.com)

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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