Die Diskussionen über Corona erinnern an eine Szene aus einem Spätwestern. (Symbolfoto: NeONBRAND, Unsplash.com)

Corona-Imperialismus

Big Brother ist in Pension gegangen – jeder bewacht sich nun freudig selbst und erlebt das als Freiheit.

Eine Filmszene: Der wundersame Medizinmann wird von seinen Schutzbefohlenen, also den Indianern seines Stammes befragt:

„Kommen noch viele Bleichgesichter“ und der Schamane blickt „nachhaltig“ in den Himmel. Dann antwortet er cool wie immer: „Ja, der Vorrat an Bleichgesichtern ist unendlich.“ (aus: „Der mit dem Wolf tanzt„, mit Kevin Costner).

Warum erzähle ich das? Tja, das baue ich zu einer Analogie zu Pandemien auf. Die Zahl der Pandemien, die über uns herein rollen werden, wird nicht unbeträchtlich sein. Woher ich das weiß?

Ich möchte die idiotische Fixierung auf Corona relativieren, die bei sehr vielen Menschen mit steigender Tendenz, und auch bei so manchem linken Kritiker, zu finden ist.

Was ich nie machen würde, weil ich das für theoretisch unredlich halten würde, hier halte ich es für angemessen, eine Gegenfrage zu stellen, hier tue ich es.

Warum weißt du das nicht? Okay, also, warum wiederum sage ich das? Ich höre: Ja, aber am Ende sterbe ich vorzeitig oder meine Oma. Genau, sehe ich genauso …

Da haben welche ihr Leben lang Marx gelesen, den tendenziellen Fall der Profitrate noch besser als die Konkurrenz abgeleitet und fangen jetzt das Jammern an. Und warum: Bloß weil sie vielleicht vorzeitig sterben.

Da krieg ich jetzt aber echt die Krise?! Sterben tun wohl (marxartig abgeleitet) vorzeitig nur die Hochofenarbeiter und die Bevölkerung in der Dritten Welt.

Wieso wir auch? Wir sind doch auf dem Tennisplatz und Stammgast in ner guten Weinhandlung, unser Ferienhäuschen liegt am Meer mit guter Luft. Und außerdem müssen wir ja den armen Teufeln ihre fürchterliche Lage erklären. Und jetzt wir! Wie neu und gemein!

Das kann bei machen von diesen possierlichen Zeitgenossen soweit gehen, dass die in ihrer Wirrnis auch noch die arme Revolution vergewaltigen, etwa so:

„Die Revolution ist leider ausgeblieben. Eigentlich stünde sie an, wir jedenfalls wollten sie, haben auch was dafür gemacht. Hat nichts gebracht. Kann man halt nix machen“.

In diesen buddhahaften Weisheiten, weil sie gebetsmühlenartig runtergeleiert werden, ist ein Wort – ein ganz kleines – von herausragender Bedeutung: nix und noch mal nix. Irgendwann habe ich mich mal gefragt, wenn die schon nix machen, was machen die eigentlich außer nix? Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen … Da scheint in der politischen Sozialisation was schief gegangen zu sein?!

Der Kapitalismus ist allerdings von gründlicherem Format: nicht nur mit immer wiederkehrenden Finanzkrisen, nein, der haust sich bis in den letzten Winkel ein, sei es als Krebs, als Gefauche, wenn es eigentlich ums Atmen geht … Ja, macht es sich sogar in der Psyche von so machen Zeitgenossen gemütlich, die fühlen sich dann wie eine Katze und versichern, dass sie fortan „nur noch machen, was sie wollen“.

Was dann alles daneben geht und warum und wie, deute ich im Folgenden an: So was nenne ich „Die karmische Krümmung des eigenen Denkens“.

Das Unerkannte dreht eine mehr oder weniger elegante Kurve und kehrt zurück – auf einen selbst, den Startpunkt –, dieses Mal aber als Schicksal. Der Kapitalismus wird hier nun verdoppelt: Einmal in den wirklichen, mehr oder weniger theoretisch erkannten Teil und einmal in die noch verbleibenden unerkannten Anteile, die nun, wie behauptet, nicht mit dem Label unerkannt, sondern verrätselt wiederkehren.

Über die Notwendigkeit von Finanzkrisen ist genug gesagt. Ich empfehle dazu die einmaligen Bücher von Hermann Lueer (googeln). Zum geistigen Überbau. Adorno leitet seine „Dialektik der Aufklärung“ mit dem Sätzchen ein:

„Die vollends aufgeklärte Welt strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“

Passt das? Wäre ggf. mal ein eigenes Thema! Wenn gewünscht!?

Zum Abschluss mein Rat: Zum Kuckuck, lasst endlich das arme Virus in Ruhe. Und wenn es auch Corona heißt!


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Klaus Hecker erschien beim Untergrund-Blättle und wurde von Neue Debatte übernommen, um eine kritische Diskussion über die politischen und gesellschaftlichen Folgen der sogenannten Corona-Krise und die Hintergründe der weltweit zunehmenden sozialen Kämpfe aus einer linken Perspektive zu ermöglichen. Verlinkungen zu Quellen und Informationen zum Zeitgeschehen wurden ergänzt und einzelne Absätze zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Foto: NeONBRAND (Unsplash.com)

Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

Wie ist Deine Meinung?

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Journalismus und Wissenschaft von unten