Neue Diplomatie beginnt mit neuer Kommunikation. (Foto: Xavi Cabrera, Unsplash.com)

Diplomatie menschlicher Schönheit

Die Menschheit steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Die Existenz zahlloser Tier- und Pflanzenarten, von denen viele noch nicht einmal entdeckt wurden, und die Existenz der Gattung Mensch stehen infrage. Die Bedrohungen sind vielfältig: Kriege, Klimaveränderung, Verödung der Böden, Mikroplastik in den Flüssen, vergiftete Meere – eine Endlosliste.

Das Dasein auf der Erde in solidarischem Zusammenwirken vor dem Verfall zu bewahren und das Leben selbst in eine bessere Zukunft zu führen, wird zur zentralen Aufgabe im 21. Jahrhundert.

Da die Bedrohungen global sind, jeden Winkel durchdringen und jedes Lebewesen erreichen, erfordert die Abwendung des Worst Case, der nicht etwa durch den individuellen Tod markiert wird, der ohnehin jeden ereilt, sondern durch das Aussterben der Spezies, dass möglichst viele, im Idealfall sogar alle Menschen gemeinschaftlich der Herausforderung begegnen. Eine notwendige Grundvoraussetzung ist der Dialog, banal ausgedrückt, das vernünftige miteinander Reden.

Diplomatie und Austausch auf dem langen Weg

Wenn die Menschen ihre Erfahrungen, Erkenntnisse, Gedanken und Meinungen mittels wertneutraler Debatten austauschen und im politischen Raum, der sich mehr und mehr segmentiert, neue Formen der Diplomatie zur Anwendung kommen, die befreit sind von moralischen Überhöhungen und Hintergedanken der Übervorteilung, sondern ein gemeinsames Handeln aus Einsicht anstreben, können auf tiefgründige Problemstellungen Antworten gefunden werden, die der Menschheit Orientierung auf dem langen Weg in eine bessere Zukunft geben.

Historisch ist das nichts Neues: Der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing bringt in seiner Schrift „Ernst und Falk“ (1) zum Ausdruck, nach welchen Zielen beispielsweise die Mitglieder des Freimaurer-Bundes mit Engagement und Kreativität streben.

„Die wahren Taten der Freimaurer sind so groß, so weit aussehend, dass ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe man sagen kann: das haben sie getan! Gleichwohl haben sie alles Gute getan, was noch in der Welt ist, merke wohl: in der Welt! – und fahren fort, an alle dem Guten zu arbeiten, was wohl in der Welt werden wird, merke wohl: in der Welt. Und geschwinde sage ich dir noch: die wahren Taten der Freimaurer zielen dahin, um größtenteils alles, was man gemeiniglich gute Taten zu nennen pflegt, entbehrlich zu machen.“

Was ist eine Schlussfolgerung aus Lessings Beschreibung: Dass besonders in Zeiten grundlegender Umwälzungen – wie in den Epochen der Renaissance oder der Aufklärung – Wege aufgezeigt werden müssen, wie für alle Menschen ein in Würde lebenswertes Dasein gestaltet werden kann. Was wird dafür benöigt: Kommunikation, Diskussion und Diplomatie im Zwischenmenschlichen.

In der von Lessing formulierten Feststellung, dass „größtenteils alles, was man gemeiniglich gute Taten zu nennen pflegt, entbehrlich“ sei, steckt außerdem die Erkenntnis, dass jeder Mensch aufgrund seiner unverwechselbaren Wesenszüge befähigt ist, für sich selbst zu sorgen und den für sich richtigen Weg durchs Leben zu finden. Allerdings muss er die Möglichkeiten dafür in seinem gesellschaftlichen Umfeld vorfinden.

Revolution, Evolution und Demokratie

Der Begriff Evolution bezeichnet den Vorgang einer allmählich quantitativ fortschreitenden Entwicklung vom Einfachen zu etwas Vollkommenerem. Als revolutionär wird ein einschneidender, sich sprunghaft – von bisherigen Zuständen zu qualitativ anderen Zuständen – vollziehender Umwälzungprozess bezeichnet.

Besonders durch kreative Tätigkeit, die die Menschen seit eh und je leisten müssen, um leben zu können, greifen sie zunächst unbewusst und richtungslos verändernd in die vorgefundene Wirklichkeit ein. Die Menschen sind aber auch in der Lage, mittels ihrer Sinne und durch Beobachtung ihrer Lebenswelt, die Wirklichkeit zu erkennen und zielorientiert verändernd zu bearbeiten.

Um menschliches Handeln moralisch werten zu können, ist es unerheblich, ob auf revolutionär beschleunigte oder evolutionär behäbige Vorgänge eingewirkt wird, sondern es ist darauf zu achten, in welche Richtung die Veränderungen beeinflusst werden sollen. Dies gilt natürlich auch für das Politische. In welche Richtung sollten sich die demokratischen Verhältnisse (weiter-)entwickeln?

Bis zur intrinsischen Motivation

Die durch profitorientiertes Wirtschaften zu Destruktivkräften pervertierten Produktivkräfte eskalieren zur erdumspannenden Kriegsmaschinerie. Sie werden als Rationalisierungstechnologien par excellence genutzt, führen zwingend zu humanitären und ökologischen Katastrophen, zu Wirtschafts- und Finanzkrisen sowie zu chronischer Massenarbeitslosigkeit, verbunden mit ökonomischen und gleichsam existenziellen Druck auf die Beschäftigten.

Sie führen außerdem zur Ausgrenzung ganzer Teile der Bevölkerung aus der Arbeitssphäre auf Lebenszeit, zum Verlust der Möglichkeiten der Selbstverwirklichung in der Arbeit, zu perfektionierten Kontrollapparaten, zur gegenseitigen Indoktrinierung mittels neuer elektronischer Medien und in der Zuspitzung zu Krieg und totaler Zerstörung. Muss das alles sein?

Die Lösung der Probleme unserer Weltgesellschaft, in der alles Zwischenmenschliche radikal auf Ware-Geld-Beziehungen reduziert wird, kann nur durch bewusstes Umgestalten erfolgen.

In vielen Bereichen wird sich um die Vermittlung von Werten bemüht: In den Familien und im Freundeskreis, in Schulen, Kirchen, Vereinen, bei Seminaren, in Klubs und, auch wenn vielfach Widerspruch zu hören sein dürfte, in Parteien.

Überaus viele Inhalte und Themen gilt es im Sinne gesellschafts- und naturwirklicher Notwendigkeiten zu durchdenken, zu diskutieren und zu bearbeiten, um das produktive und kreative Potenzial der Gesellschaft zu erschließen. Dies kann gelingen, wenn Wertvorstellungen dominieren, deren Säulen Verantwortungsbewusstsein, Vertrauen und Achtsamkeit sind, die ihrerseits die Bedürfnisse von Natur und Mensch in Einklang bringen.

Dazu ein Zitat von Adam Grant (2):

„Die guten Typen schaffen es überdurchschnittlich oft bis ganz nach oben – Menschen, die ohne Gegenleistung geben, die Freunden helfen und Fremden Ratschläge anbieten. Sie schauen darauf, was andere brauchen und wie sie ihnen helfen können. Sie teilen ihr Wissen, ihre Energie, ihre Verbindungen mit anderen. Und sie sind gerade deswegen erfolgreich.“

Im gesellschaftlichen Für-, Mit- und Voneinander streben wir nach Anerkennung, spielen um unser Glück und sind neugierig auf das Erleben des nächsten Tages. Wenn aber Missstände in der Gesellschaft durch notwendige Umgestaltungen beseitigt werden sollen, reicht es nicht aus, lediglich aufzuzeigen, was sich warum verändern soll.

Auf die Kritik muss die Tat folgen: Die Menschen müssen ihre Gedanken in konkrete Handlung überführen. Die dafür benötigte Motivation muss sich aus dem Bewusstsein über die Ziele, ihren Nutzen und die Wege, wie diese zu erreicht sind, entwickeln.

Anders gesagt: Zu einem Kampfprogramm gehört eine zielgerichtete Strategie, ein kluges taktisches Vorgehen und die Überzeugung, das Richtige zu tun und es zu schaffen. Darin spiegelt sich das, was die Psychologie intrinsische Motivation nennt. Sie ist stärkste Form der Motivation, weil sie praktisch keinerlei äußere Anreize benötigt, da die Herausforderung selbst der Lohn aller Mühen ist.

Ein Blick auf die menschliche Gesellschaft

Die Geschichte der Menschheit ist festgeschrieben in den Spuren des Seins, in den Höhlenmalereien, den Artefakten und all dem, was erschaffen wurde und langsam vergeht. Es sind die Fragen des Alltags, die seit Ewigkeiten alle Menschen auf der Suche nach Antworten und Lösungswegen zum Handeln motivieren, die uns also zu konkreten Taten schreiten lassen. Im täglichen Bemühen wollen wir unseren Hoffnungen entsprechen und Ängste überwinden.

Damit der lebensnotwendige Stoff-, Energie- und Informationsaustausch im Menschen und zwischen den Menschen und der sie umgebenden und ermöglichenden Natur sinnvoll und befriedigend erbracht werden kann, ist es notwendig, dass das lebendige menschliche Wesen sich seiner Selbst bewusste ist, um gemeinsam mit anderen menschlichen Wesen das Dasein zu gestalten.

Denn existieren und leben kann ein Mensch nur, wenn er die Vielzahl der von ihm lebensnotwendigerweise zu erbringenden Leistungen unter Verwendung seines Bewusstseins in menschlicher Gemeinschaft erarbeitet, austauscht, verteilt und nutzt.

Diese Dynamik berücksichtig die Natur, sofern Mensch sich seiner Natur bewusst ist. Er ist eben nicht die Krone der Schöpfung, sondern Teil des Ganzen, der wirklichen Krone der Schöpfung. Diese Einsicht ermöglich es dem zu Bewusstsein befähigten und zu Kreativität begabten Wesen Mensch, sich harmonisch in das Ökosystem Erde bewusst und zielorientiert einzugliedern.

Es ist Weisheit, die den Bau eines Hauses der Menschlichkeit leitet; der Mensch wirkt durch seine Handlungen, und – wenn Mensch versteht, das Menschsein in allen Eigenarten zu bewahren – vollendet er dieses Haus der menschlichen Schönheit als Zeichen einer Diplomatie der Verantwortung gegenüber allem Existierenden.


Quellen und Anmerkungen

(1) Gotthold Ephraim Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. Ernst und Falk (Verlag Freies Geistesleben, 1958)

(2) Adam Grant: Geben und Nehmen – Erfolgreich sein zum Vorteil aller (Verlag Droemer).


Foto: Xavi Cabrera (Unsplash.com)

Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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