Die Oberfläche des Mondes ist mit Kratern überzogen. Der Planet ist unbewohnbar. (Foto: Nasa, Unsplash.com)

Wege aus der Krise: Unbewohnbar wie der Mond?

Wie reagieren Menschen und ihre Organisationen auf eine tiefe, alle Bereiche umfassende Krise? Denn, das dürfte auch den ewigen Schönfärbern deutlich geworden sein, wir sind – weltweit – nicht nur mit einer Pandemie konfrontiert, sondern es kracht gewaltig im Gebälk der Weltordnung des 20. Jahrhunderts. Und der Strukturwandel, der durch die Digitalisierung beschleunigt wurde, drückt jeder Form von Ökonomie einen neuen Stempel auf.

Nicht, dass das alles Anlass zu pessimistisch inspirierter Paralyse wäre! Ganz im Gegenteil. Wenn die Gewissheiten schwinden, tun sich auch immer neue Optionen auf.

Das Debakel, das die kurze, aber heftige Epoche des Wirtschaftsliberalismus (1) hinterlassen hat, macht deutlich, dass sich vieles ändern muss. Und zwar auf allen Sektoren. Sollte die Wirtschaft nach den gleichen Prinzipien fortbestehen, wird es ökologisch zu einer Beschleunigung des Zustands der Unbewohnbarkeit des Planeten kommen – gesäumt von Kriegen. Das Spiel ist bekannt, weiter führt es nicht, aber es wird gespielt von denen, die momentan das Mandat haben.

Das Chaos ist sichtbar

Nichtsdestotrotz sind es Zeiten, in denen die Lage günstig ist. In den meisten Menschen dieses Planeten steckt ein unaufhaltsamer Wunsch nach einem Leben in Würde und in einer Umgebung, die dieses im Dialog mit der Natur unterstreicht.

Wenn dem so ist, dann steht die Frage nach den Ursachen auf der Tagesordnung. Sie zu benennen, fällt nicht schwer. Die Analysen liegen vor, das Chaos ist sichtbar. Woran es fehlt, das sind die Konzepte der Umgestaltung, aus denen deutlich wird, was zu passieren hat, um die Situation, die eine makabre Finalität aufweist, ein für alle Mal zu beenden.

Da hilft kein Reformieren mehr. Und Revisionismus schon gar nicht! Da sind radikale und vor allem radikal neue Formen von Gemeinwesen wie Besitztum gefordert.

Und für alle, die in absehbarer Zeit die Aufforderung zu Wahlen erhalten: In einer solchen Situation gibt es kein kleineres Übel. Entweder existieren glaubhafte und überprüfbare Lösungsansätze, oder der ganze Verein geht nicht über Los!

Es entspricht dem Endstadium des Wirtschaftsliberalismus, dass die völlig demoralisierten und demolierten Bürokratien der Staaten nun das machen, was sie schon immer gut konnten: Sie verharren im Zustand des Abwartens. Zu ihrer Verteidigung sei gesagt, dass genau das zu der Zweckbestimmung ihres Daseins gehört. Sie haben den Status quo zu konservieren und keine politischen Weichen zu stellen. Daher sind sie nie Bündnispartner in einem Prozess der Neugestaltung, es sei denn, die sie leitenden Politiker wären ein aktiver Teil der Veränderung.

Radikal anders oder unbewohnbar

Das Problem, das sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die Assimilation der politischen Klasse an die Denk- und Verhaltensformen der Bürokratie. Viele sehen sich als Teil der staatlichen Verwaltungsmaschinerie, ihre Tätigkeit beschränkt sich auf Sachbearbeitung und politische Entwürfe mit strategischer Potenz finden nicht statt.

Selbstverständlich existieren Ausnahmen, teils rühmliche, aber sie beeinflussen nicht das Urteil über die gesamte Kohorte. Insofern ist es wahrscheinlich, dass der Sturm der Veränderung über die etablierte und klassische Form der Politik des 20. Jahrhunderts hinwegfegen wird und ganz neue Akteure auf den Plan treten werden. Sie werden aus den Bereichen kommen, wo die Wertschöpfung stattfindet: aus der Wirtschaft, aus der Kultur und aus den Segmenten des globalen Dialogs. Das wird das neue Gesicht der Politik sein.

Der Zustand ist beschrieben, die Paralyse ist das Verhalten derer, die bald keine Rolle mehr spielen werden. Wer jetzt plant und gestaltet, wird in der Lage sein, in schwerem Wetter zu bestehen.


Quellen und Anmerkungen

(1) Wirtschaftsliberalismus (auch wirtschaftlicher Liberalismus) ist die ökonomische Ausprägung des Liberalismus. Es wird unterstellt, dass eine Wirtschaft möglich sei, die sich ohne staatliche Eingriffe über den Markt selbst steuert. Der (Wirtschafts-)Liberalismus lehnt staatliche Eingriffe in die Wirtschaft als störend ab und befürwortet dagegen als Wirtschaftsordnung eine freie Marktwirtschaft mit allen wirtschaftlichen Freiheiten (zum Beispiel Gewerbefreiheit, freie Preisbildung, Wettbewerbsfreiheit).

Die theoretischen Grundlagen für den Wirtschaftsliberalismus entwickelte der Philosoph Adam Smith (1723 – 1790), der auch als Begründer der klassischen Nationalökonomie gilt.

Ausgegangen wird von der freien wirtschaftlichen Betätigungsmöglichkeit jedes einzelnen Menschen, wobei die „unsichtbare Hand des Marktes“ dafür sorgt, dass bei der Verfolgung der eigennützigen Ziele der Einzelnen nach Gewinn und Wohlstand gleichzeitig (und unbeabsichtigt) auch dem Wohl der Gesellschaft gedient würde.


Foto: NASA (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 thought on “Wege aus der Krise: Unbewohnbar wie der Mond?

  1. Solange die Prämisse der meisten Politiker des Westens ein kräftiges „weiter so“ ist und man sich anscheinend nur darum bemüht so schnell wie möglich wirtschaftlich zum Zustand der Vor-Covid-Pandemie zurück zu kehren, haben sie genau das getan, was sie nach Auffassung der neoliberalen Wirtschaft auch tun sollten, sich aus der Wirtschaft herauszuhalten, nämlich!
    Aber es kristallisieren sich ja passenderweise auch gerade überall politische, militärische, kriminelle Krisen heraus, die es zu lösen gilt und die Wirtschaft tritt solange von der politischen Bühne ab und geht im OFF ihren Geschäften nach, während die Karten neu gemischt werden. Altes Spiel, neues Glück?

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