Deutschland als Vorbild? Kunst mit Küchenmesser und Kohlkopf. (Foto: Toa Heftiba, Unsplash.com)

Deutschland, die neue Gouvernante

Die Phrasen, die unseren politischen Alltag begleiten, sind ein perfektes Indiz für die Geisteshaltung, die in den Köpfen dominiert.

Wir betrachten mit Sorge, so der oft einleitende Satz, wenn es um Geschehnisse in anderen Ländern oder anderen Teilen der Welt geht. Wir verurteilen natürlich auch aufs Schärfste, wenn etwas weiter geht, als nur Anlass zu Sorge gibt, oder, und das gehört sich für ein Weltbild mit doppelten Standards, im eigenen Lager erregt etwas Sorge, das in einem anderen Lager zu scharfer Verurteilung führt.

Und dann kommt noch die Steigerung, generell versteht sich, dass so etwas nicht ohne Folgen bleiben darf. In summa lässt sich feststellen, dass die Welt mit Deutschland eine neue Gouvernante bekommen hat, eine Gouvernante, die tadelt und lobt und drohend den Finger hebt.

Deutschland und der Geist der Welterziehung

In der eigenen Echokammer, in der sich dieses Land bewegt, fällt der tadelnde, mäkelnde und immer wieder anmaßende Gestus gegenüber Dritten nicht weiter auf.

Neben den Akteuren, die zu allem Unheil noch die internationale Bühne suchen, um die flachen, aber dennoch als Belehrung gedachten Statements abzusondern, orchestrieren die öffentlich-rechtlichen Medien den Vormarsch des neuen Geistes der Welterziehung mit ebenso fanatischem wie frenetischem Beifall. Zumindest die Generationen, die sich noch in dieser medialen Welt bewegen, können den Eindruck gewinnen, die Welt habe auf das Auftreten des neuen Deutschlands in der Besserungsanstalt geradezu gewartet.

Der Konsens lautet: Nirgendwo werden die Probleme so exzellent gelöst wie bei uns und wir müssen den anderen zeigen, wie es geht.

Junge Apostel zwischen Taliban und Konzernvorstand

Damit nicht der falsche Eindruck entsteht, es handele sich dabei um ein Phänomen der Alten, sei auf die Fridays-for-Future-Bewegung verwiesen, obwohl der Begriff Bewegung vielleicht zu hoch gegriffen ist. Da kristallisiert sich noch eine Steigerung des Gouvernantenhaften heraus, vor dem die Älteren des Metiers nur den Hut ziehen können.

Da wissen die juvenilen Apostel aus mittelständischer und großbürgerlicher Provenienz gleich, wie man sich in jeder Alltagssituation zu verhalten hat und darüber hinaus haben sie gleich kollektive Sündenböcke parat, die am Tag des Jüngsten Gerichts zur Rechenschaft gezogen werden.

Was bei den Älteren noch den Zug der geschichtsvergessenen Klugscheißerei trägt, hat bei den Jüngeren bereits den Zug des Sektenhaften. Psychisch sind es dort nur noch kleine Schritte Richtung IS und Taliban, es sei denn, da kommen plötzlich Offerten aus dem etablierten System und die eine oder andere Figur landet in einem Konzernvorstand oder im Bundestag zu Berlin. Own Lives matter!

Das alte Verhalten des imperialen Anspruchs

Noch einmal rückblickend auf die Tage, als vor dreißig Jahren, nach dem Desaster, das unter maßgeblicher Beteiligung Deutschlands im 20. Jahrhundert stattgefunden hatte, die Skepsis vieler Länder groß war, einer Wiedervereinigung zuzustimmen, so war sie, aus heutiger Sicht berechtigt.

Das alte Verhalten des imperialen Anspruchs ist wieder in voller Blüte. Der Satz, der als ein unsägliches Fundstück in den Annalen Deutschlands auch dort bleiben sollte, dass nämlich am deutschen Wesen die Welt genesen soll, kann als das Leitmotiv der heutigen internationalen Politik identifiziert werden (1).

Es stellt sich die Frage, wann aus der ewig mäkelnden Gouvernante der brachial agierende Zuchtmeister wird. Vieles spricht dafür, auch wenn man nicht glauben mag, dass diese zum Teil lächerlichen Figuren zu so etwas fähig sein sollten.

Wäre da nicht der Rest der Welt, der diese Farce zunehmend mit Kopfschütteln quittiert und sich die Frage stellt, was denn da so brummt im deutschen Kopfe.


Quellen und Anmerkungen

(1) Der Ausspruch „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“ geht auf das Gedicht „Deutschlands Beruf“ zurück. Es wurde 1861 von Emanuel Geibel (1815 – 1884), einem Lyriker, veröffentlicht. Geibel setzt sich in seinem Gedicht für die Einheit Deutschlands ein. Die Einzelstaaten ruft er zur Einigung unter einem deutschen Kaiser auf.

Das zitierte deutsche Wesen, an dem die Welt genesen mag, ist als das geeinte deutsche Staatswesen zu verstehen. Von ihm solle eine Friedenswirkung auf das europäische Staatengefüge ausgehen.

Die Basis der Vereinigung lieferte aber die pure Gewalt. In den sogenannten „Deutschen Einigungskriegen“, die vor allem militärische Auseinandersetzungen gewesen sind, die vom Königreich Preußen geführt und auch mit dem Gegenspieler, dem Kaisertum Österreich ausgetragen wurden, setzte Preußen letztlich die Idee des deutschen Nationalstaates im Sinn der kleindeutschen Lösung (also ohne die Einbeziehung Österreichs) durch. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg (1864), dem Deutschen Krieg (1866) und dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) entstand das preußisch dominierte deutsche Kaiserreich.


Foto: Toa Heftiba (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

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