Zukunftsfeindlich oder zukunftsfreundlich - Cape Canaveral Air Force Station, United States (Foto: SpaceX, Unsplash.com)

Es geht nur noch um zukunftsfeindlich oder zukunftsfreundlich

Zyniker behaupten, dass unsere Demokratie lediglich als Deckmäntelchen für legalisierte Schweinereien herhalten muss. Dass sie auf die dringendsten Probleme unserer Zeit angemessen reagiert, glaubt eigentlich niemand mehr. „Unsere demokratischen Muster werden nicht ausreichen, um mit der ökologischen Herausforderung fertig zu werden“, schrieb das World Watch Institute bereits 1992, das gewiss nicht in Verdacht steht, ein Haufen alternativer Spinner oder Revoluzzer zu sein.

Und UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali (1) fand in einem kaum beachteten Dossier im August 1993 zu der Erkenntnis: „Globale Umweltaspekte könnten sogar wichtiger werden, als die Souveränität eines Landes.“

Grünhelme statt Blauhelme? Durchaus möglich, weil von oberster Stelle längst angedacht. Es wäre ein politischer Notwehrreflex, weil unsere auf Wachstum programmierte Gesellschaft das Blatt ohne radikale Gegenmaßnahmen nicht wenden, sondern ausreizen wird.

Unser Planet wird in den nächsten Jahren zu einem globalen Dorf schrumpfen, in dem die Menschen jeder Mitverantwortung enthoben auf ein reines Konsumentendasein reduziert sein werden. Ein manipuliertes und total überwachtes Milliardenheer wird sein Leben im Scheinpluralismus weniger Konzerne fristen. Dies, so scheint es, wäre dann der Gipfel unseres Demokratie-Verständnisses…

Das ökologische Diktat

Also unterhalten wir uns kurz über das von mir propagierte „ökologische Diktat“. Zum Verständnis des Begriffes sind einige Klarstellungen nötig. Wer die zahllosen Bücher zum Thema Ökologie überblickt, bekommt leicht den Eindruck, es handele sich hier um eine Art Geheimwissenschaft für Erleuchtete.

Sobald der enge Rahmen der klassisch naturwissenschaftlichen Ökologie verlassen wird und Begriffe wie ganzheitlich, evolutiv oder gar spirituell ins Spiel kommen, wird die Sache den meisten suspekt. Diese Begriffe sind unserem wissenschaftlich geschulten Geist fremd. Verständlich wird Ökologie nur, wenn man sie in den konkreten Zusammenhang von Wissenschaft und Politik stellt. Die ethischen Fragen bleiben bei dieser Betrachtungsweise außen vor (2). Es geht aber im Leben nicht nur um Sachwerte.

Die Forderung, der natürlichen Mitwelt Respekt zu bezeugen und ihren Eigenwert anzuerkennen, ist das Kernstück einer Ethik, die zur Leitlinie gesellschaftlichen Handelns werden muss. Ansätze einer solchen Entwicklung sind vorhanden.

In verschiedenen Ländern und auf übernationaler Ebene gibt es inzwischen viele Initiativen, die den Paradigmenwechsel für sich vollzogen haben und in der Lage sind, den Charakter staatlicher Politik zu verändern.

Allerdings glaube ich nicht, dass uns genügend Zeit bleibt, dieser Entwicklung in ihrem jetzigen Tempo zu vertrauen. Die ökologische Wende, wie sie heute betrieben wird (falls man sie denn überhaupt betreibt), kommt mir vor, als würden wir auf unserem Traumstrand noch schnell ein Büschel Seegras pflanzen, um dem herannahenden Tsunami Einhalt zu gebieten. Aber ich erwähne sie, um nicht als Berufspessimist zu gelten, der in seinem Eifer die positiven Triebe in unserer Gesellschaft völlig negiert.

Zukunftsfreundliche Forderungen

Wer von der ökologischen Apokalypse redet, gilt vielen noch immer als Schwarzmagier. Die Atombombe schien einer ganz anderen Kategorie anzugehören – hier war das Reich des Bösen ja ausgemacht und so konnte man sich leichter über die eigene Aktie am Wettrüsten hinwegtäuschen. Beim drohenden Ökozid hingegen tun wir so, als handele es sich um eine Art ideologischer Epidemie. Die Indizien, welche auf die totale Katastrophe hinweisen, werden kaum eines ernsthaften Blickes gewürdigt, wenn es gilt, der angeblichen „Panikmache“ entgegenzutreten …

Kommen wir zum praktischen Teil. Was müsste nach den Versäumnissen der Vergangenheit politisch dringend umgesetzt werden, wenn wir unsere Welt einigermaßen lebenswert erhalten wollen?

  • Ein absolutes Verbot des Individualverkehrs.
  • Ein Bau- und Reiseverbot.
  • Einstellung der Massentierhaltung.
  • Rigide Geburtenkontrolle (Ein-Kind-Familie).
  • Umstrukturierung der Landwirtschaft.
  • Rationierung von Strom und Wasser.
  • Sofortiger Ausstieg aus der Kernenergie.
  • Umstellung auf Sonnen-, Wind- und andere Energieträger.
  • Verbot von Genmanipulationen.
  • Extreme Beschränkung des weltweiten Warenverkehrs.

Alles Maßnahmen, die wir auf demokratischem Wege garantiert nicht zustande bringen. Sie sind aber nötig, um uns von unserem zivilisatorischen Suchtverhalten zu heilen.

Die Grundgesetze einer Ökodiktatur müssten aber auch moralische Leitlinien setzen. Es muss Folgendes klar werden: Die Welt gehört keiner bestimmten Gattung, sie gehört sich selbst.

Die Leitvorstellungen der politischen Ökonomie müssen den Leitvorstellungen der Ökologie untergeordnet werden. Es gilt, mit den Machtstrukturen zu brechen, die der ungezügelte Kapitalismus bis zur Selbstvernichtung aufrechterhalten wird.

Natur als Attraktion im Museeum

Bisher reden wir ausschließlich von Beständen, wenn wir von der Natur sprechen. Wir machen in allem unsere Rechnung auf. Dieses Denken ist nicht dem Leben verpflichtet, sondern einer Haushaltsphilosophie.

In Kalifornien, wo man die zweitausendjährigen Sequoia-Bäume fast vollständig abgeholzt hat, fand ich an einer Straße, an der man einige dieser Riesen als Sichtblende gegen den Kahlschlag hatte stehen lassen, ein Schild mit der Aufschrift TREE-MUSEUM. Die Natur als Museumsattraktion – das gefällt uns. Wir sind aus der Art geschlagen, denn man kann nur etwas beherrschen wollen, von dem man sich grundsätzlich getrennt weiß.

Immer wieder müssen wir erkennen, dass Lebewesen, die als nutzlos oder gar schädlich angesehen wurden, entscheidende Rollen im natürlichen System spielen. Ausgerottete Raubtiere halten Nager- und Insektenpopulationen nicht mehr unter Kontrolle; durch Pestizide vernichtete Regenwürmer und Termiten belüften den Boden nicht mehr; als Brennholz gefällte Mangroven schützen die Küste nicht länger vor Erosionen.

Vielfalt ist von fundamentaler Bedeutung, denn alles Lebendige ist miteinander verwoben. Der stückweise Abbau der lebenserhaltenden Netzwerke birgt schwerwiegende Gefahren. Vor hundert Jahren mahnte der amerikanische Wildbiologe Aldo Leopold (1887 – 1948) bereits eindrucksvoll zur Besinnung:

„Wenn die Schöpfung im Laufe der Äonen etwas aufgebaut hat, wer anderes als ein Tor würde scheinbar nutzlose Teile wegwerfen? Jedes Zähnchen und Rädchen aufzubewahren ist die erste Vorsichtsmaßnahme allen intelligenten Herumbastelns.“

Inzwischen glauben die Menschen, dass die Lösung ökologischer Probleme in erster Linie ein Fall für die Wissenschaft geworden ist. Ich sehe das genau umgekehrt: Die Wissenschaft ist das stärkste Hindernis für die Lösung dieser Probleme. Bereits Novalis (1772 – 1801) wies in ‚Die Lehrlinge zu Sais‘ in aller Deutlichkeit darauf hin:

„Naturforscher haben die unermessliche Natur zu mannigfaltigen, kleinen gefälligen Naturen zersplittert und gebildet. Unter ihren Händen starb die freundliche Natur und ließ nur tote, zuckende Reste zurück.“

Solange Wissenschaft und Ethik zwei getrennte Begriffe sind, wird sich an der Talfahrt des Lebens nichts ändern. Der Hochmut der Gentechnologie macht dies auf krasse Weise deutlich. Früher gab es in Asien über 300 verschiedene Reissorten, heute teilen sich einige Großkonzerne den Markt mit wenigen genmanipulierten Pflanzen. Die Folge ist, dass die erzwungenen Monokulturen ganze Landstriche veröden lassen.

Man muss die Wissenschaft endlich von ihrer Selbsttäuschung befreien, dass sie nur von objektiven Fakten ausgehe. Anderseits muss Ethik von der Auffassung frei werden, sie handele nur von subjektiven Werten. Die ökologische Krise ist die Quittung für eine Denkweise, die sich aus einer spezifischen Form der Wissenschaft – also nicht aus der Wissenschaft schlechthin – und einer spezifischen Form der Ethik – nicht der Ethik schlechthin – gespeist hat. Wenn sich Wissenschaft und Ethik nicht in wechselseitiger Beziehung begreifen, werden wir keine Lösungen finden.

… wenn man am Leben hängt!

Es sind die ideologischen Barrieren der bis zum heutigen Tage betriebenen Formen des Umweltschutzes, die erkannt und beiseite geräumt werden müssen. Es geht darum, die Brille des alten Umweltschutzes, der eigentlich nur Menschenschutz bedeutet, abzunehmen und durch die Brille der ganzheitlichen Ökologie zu ersetzen. Sie erst lässt uns erkennen, dass die Umwelt nichts ist, was außerhalb von uns existiert, sondern dass wir Teil einer einzigen und einzigartigen Welt sind.

Es ist schon ein erbärmliches Zeugnis, wenn man das den Menschen in Erinnerung bringen muss. Weit vor unserer angeblich so aufgeklärten Zeit haben ganze Kulturen in dem Bewusstsein gelebt, dass alles Seiende beseelt ist. Und wir stritten bis vor Kurzem noch darum, ob Tiere Schmerz empfinden oder nicht. Die Pueblo-Indianer hatten nicht einmal ein Wort für Religion. Das ganze Leben war Religion für sie. Sie glaubten, wer Tiere und Pflanzen nicht achtet, verliert auch die Achtung vor den Menschen. So ist es ja auch gekommen …

„Wir werden Liebende sein, oder wir werden überhaupt nicht mehr sein.“ Leider habe ich vergessen, von wem dieser prägende Satz stammt, aber er bringt unser Dilemma exakt auf den Punkt.

Wenn ich also in meiner grenzenlosen Naivität einer Ökodiktatur das Wort rede, so deshalb, weil ich den Traum nicht aufgeben möchte, dass wir eines Tages zurückfinden werden zu einem Verständnis, das nicht nur uns selbst, sondern auch unserer Mitwelt nützt. Gelingt es uns nicht, innerhalb kürzester Zeit zur Besinnung zu kommen und radikal umzusteuern, ob freiwillig oder mit Gewalt, werden wir keine Chance mehr haben, die Folgen unseres kurzfristigen Konsumrausches zu überleben. Die eigentliche Frage lautet daher: Kollektiver Selbstmord oder geistige Erneuerung.

Es wird wohl auf den kollektiven Selbstmord hinauslaufen. Also vergessen Sie meine Fiktion einer Ökodiktatur. Sie müssen schon von selbst darauf kommen, dass man die notwendige Operation auch wollen muss, wenn man am Leben hängt.

PS: Dies sind Ausschnitte eines Vortrages, den ich 1994 an den Universitäten von Hamburg, Bonn und Innsbruck gehalten haben. Hat sich seitdem Gravierendes getan? Oder sind wir dem Desaster nicht vielmehr ein gutes Stück nähergekommen? Was meinen Sie?

Die meisten von uns lehnen jede Form von Diktatur ab. Verständlich. Dabei vergessen wir jedoch, dass wir bereits in einer Diktatur leben: in der Diktatur des Kapitals, welches sich in den Händen weniger Global Player befindet. Deshalb sollten wir uns fragen, was besser ist: eine Diktatur zur Ausbeutung der Erde oder eine zu ihrem Schutz.

Es geht in der gesellschaftspolitischen Debatte nämlich nicht mehr um rechts und links, auch nicht um oben und unten, es geht allein um zukunftsfeindlich oder zukunftsfreundlich. Sein oder Nichtsein, Sie verstehen …


Quellen und Anmerkungen

(1) Boutros Boutros-Ghali (1922 – 2016) war ein ägyptischer Diplomat, Politiker, Autor (u.a. ‚Hinter den Kulissen der Weltpolitik‘ und ‚Wider die Tyrannei der Dringlichkeit‘) und Hochschullehrer. Er war von Januar 1992 bis Dezember 1996 sechster Generalsekretär der Vereinten Nationen. Er war außerdem Präsident des Kuratoriums der Haager Akademie für Völkerrecht und von 1997 bis 2002 Generalsekretär der Internationalen Organisation der Frankophonie, einer Organisation französischsprachiger Länder. Mehr Infos auf United Nations Secretary-General unter https://www.un.org/sg/en/content/boutros-boutros-ghali (abgerufen am 12.10.2020).

(2) Ethik und Moral werden meist verwendet, als meinten sie dasselbe, weil beide Begrifflichkeiten zum gleichen Ergebnis führen können. Aber es gibt wichtige Unterschiede. Im üblichen Sinne bezeichnet Moral die konkreten Verhaltensregeln, die im Leben zwischen den Menschen Gültigkeit besitzen. Dazu gehören Gesetze, Normen und Handlungsvorschriften, auf die sich die Gesellschaft verständigt hat. Erlaubnisse und Verbote stehen sich dabei gegenüber. Auf https://neue-debatte.com/2016/11/28/der-feine-unterschied-zwischen-moral-und-ethik/ erklärt Christian Weilmeier den feinen Unterschied zwischen Moral und Ethik.


Redaktioneller Hinweis: Das Essay von Dirk C. Fleck erschien unter dem Titel „Es geht nur noch um zukunftsfeindlich oder zukunftsfreundlich“ bei Kenfm.de. Es wurde von Neue Debatte übernommen und redaktionell überarbeitet. Links und Fußnoten wurden ergänzt und Zwischenüberschriften eingefügt sowie einzelne Absätze zur besseren Lesbarkeit im Netz hervorgehoben.


Foto: SpaceX (Unsplash.com)

Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

1 thought on “Es geht nur noch um zukunftsfeindlich oder zukunftsfreundlich

  1. Die gebotenen Alternativen lassen sich aber erweitern, möglicherweise gibt es ja Regierungsformen, welche noch gar nicht erdacht wurden.
    Nur zwischen Diktaturen zu wählen zu können, wäre keine wirkliche Wahl.

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