Ein Souvenir-Shop in Havana mit Bildern von Che Guevara und Fidel Castro. (Foto: Mr. Söbau, Unsplash.com)

Che Guevara und Corona

In seinem neuen Podcast schlägt Klaus Hecker eine gedankliche Brücke zwischen Corona und dem im Oktober 1967 in Bolivien ermordeten Revolutionär Che Guevara. Der gilt heute noch vielen Linken als Idol, dabei ist er zumindest im globalen Norden längst unter die Räder des Kapitalismus gekommen: Guevaras Kon­ter­fei auf einem T-Shirt für 9,95 Euro – der Geist der Revolution findet sich bestimmt bei einem Discounter auf dem Grabbeltisch.

Und doch lebt der Revolutionär durch Geschichtsschreibung und Totenkult weiter; und vielleicht fragt sich Che Guevara in seinem Mausoleum in Santa Clara, was in Europa und Deutschland gerade so los ist.

Der Podcast (mit einem Nachwort zu den Ereignissen in Bolivien) wird zu einer post mortem Lagebesprechung mit Comandante Ernesto „Che“ Guevara über den neuen Imperialismus und den universellen Kampf von Reich gegen Arm im Schatten von Corona.


Podcast: Che Guevara und Corona

Klaus Hecker: Eine Lagebesprechung

Ernesto „Che“ Guevara 1960. (Foto: Alberto Korda; gemeinfrei)

Quellen und Anmerkungen

Eine Skizze des Lebens von Che Guevara

Ernesto Guevara, auch Che Guevara oder kurz Che (1928-1967), war Arzt, Schriftsteller, marxistischer Revolutionär und Guerillaführer. Neben Fidel Castro (1926-2016), dem späteren Regierungschef und Staatspräsidenten Kubas, zählt Che Guevara bis in die Gegenwart zu den wichtigsten Symbolfiguren der Kubanischen Revolution und linksgerichteter revolutionärer Bewegungen weltweit.

Guevara wurde in Argentinien geboren, die Familie war bürgerlich und relativ frei von ökonomischen Sorgen. Wegen Asthma besuchte Che Guevara anfänglich keine Schule, sondern wurde von seiner Mutter unterrichtet. Während des Spanischen Bürgerkriegs war das Haus der Familie ein Treffpunkt republikanischer Exilanten.

Als das Asthma ihn gesundheitlich nicht mehr zu sehr einschränkte, besuchte er eine reguläre Schule, machte Abitur und studierte Medizin. Das Studium unterbracht er mehrmals für Reisen durch Südamerika. Auf diesen erkannte er die sozialen Gegensätze, die Ungleichheit als Folgen der Ausbeutung und das Elends der Landbevölkerung. Guevara stellte später fest, dass ihn seine Reisen verändert hätten.

Guatemala

Er beendete sein Medizinstudium im April 1953 (Doktor in Medizin und Chirurgie) und ging Ende des Jahres nach Guatemala. Dort wurde er Zeuge des von den USA unterstützen Putsch (Operation PBSUCCESS) gegen Präsident Jacobo Árbenz Guzmán. Der hatte unter anderem Agrarreformen eingeleitet und einen Mindestlohn eingeführt, um die Not der besitzlosen Bevölkerung zu lindern.

Guevara, der eine Verhaftung befürchtete, floh in die Botschaft von Argentinien. Mit eine Visum konnte er später nach Mexiko einreisen. In Mexiko-Stadt arbeitete er in einem Krankenhaus. Im August 1955 heiratete er die peruanische Wirtschaftswissenschaftlerin Hilda Gadea, die er in Guatemala kennengelernt hatte. Sie war verhaftet worden und folgte Che nach ihrer Freilassung.

Im Sommer 1955 traf Che den Revolutionär Fidel Castro, der im mexikanischen Exil lebte und mit Exilkubanern die Rückkehr nach Kuba vorbereitete, um das dortige Batista-Regime zu stürzen. Ein erster Versuch war 1953 gescheitert. Als Arzt schloss sich Che Guevara den Rebellen an.

Kubanische Revolution

Fidel Castro kaufte die Motoryacht „Granma“. Am 25. November 1956 begann die Expedition. Die 86 Mann starke Guerilla erreichte am 2. Dezember 1956 Kuba. Bereits beim ersten Gefecht wurde ein Großteil der Rebellen getötet oder gefangen. Durch Unterstützung einer in den Städten aktiven Guerilla, organisiert von Celia Sánchez Manduley (Deckname Norma) und Frank País, konnte der Kampf fortgesetzt werden.

Die Position von Guevara änderte sich: Er wurde mehr und mehr zum Kämpfer der Kubanischen Revolution und war schließlich Comandante (1956-1959) der Rebellenarmee. Diese gewann die militärische Oberhand und zwang Fulgencio Batista zur Flucht aus Kuba (1. Januar 1959). Das Regime wurde beseitigt und es begann die Errichtung einer Volksrepublik.

Che Guevara als Politiker

Als Industrieminister blieb Guevara, der Sympathien hegte für Josef Stalin, das Gesellschaftsmodell von Nordkorea und das chinesische unter Mao Zedong, hinter seinen militärischen Leistungen deutlich zurück. Er setzte auf eine zentralistische Organisationsform, Planwirtschaft und eine vollständige Verstaatlichung der Wirtschaft. Dies führte zu einem massiven Rückgängen zum Beispiel bei der Zuckerproduktion, die Industrialisierung erlahmte. Individuelle Anreize und Lohndifferenzierungen, die sich an der Leistung orientierten, lehnte Che Guevara als unethisch ab.

Seine Überzeugungen lebte er zwar vor und verzichtete daher auf Vergünstigungen, machte aber den Fehler, die Erfüllung dieser Ansprüche auch von anderen zu erwarten bzw. diese vorauszusetzen. Dies wohl vor allem, weil er davon ausging, das der schnelle Übergang zum Sozialismus verbunden sei mit einer moralischen Mobilisierung, dem die von der Diktatur befreiten Menschen folgen würden. Damit ignorierte er die immer vorhandenen Individualinteressen und -bedürfnisse, zu deren Erfüllung neben Zuspruch und persönlicher Belobigung ebenfalls die materielle Anerkennung von besonderen Leistungen gehört.

Verantwortlich war er innenpolitisch für die Verfolgung und Aburteilung vermeintlicher oder tatsächlicher Anhänger des Batista-Regimes, für Todesurteile, den Aufbaubau von Arbeits- und Straflagern sowie die Internierung von Gegnern der Revolution. Außenpolitische engagierte er sich für die Annährung an die UdSSR und China sowie andere sozialistische Staaten mittels Handels- und Kreditvereinbarungen und unterstütze lateinamerikanische Guerillagruppierungen wie zum Beispiel in Honduras.

Schweinebucht, Kubakrise und der Kongo

Auf den gescheiterten Versuch der USA mit der Invasion in der Schweinebucht im April 1961 eine Konterrevolution der innerkubanischen Opposition auszulösen, um militärisch „legal“ eingreifen und den Sturz der kubanischen Revolutionsregierung herbeiführen zu können, und der sich anschließenden Kubakrise 1962, folgte im Dezember 1964 eine viel beachtete Ansprache von Che Guevara vor der Vollversammlung der UNO.

Im Januar 1965 traf sich Guevara mit der Führung der marxistisch-kommunistischen Guerillabewegung MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola). Der Versuch, die MPLA-Führung von einer pan-afrikanischen Revolution zu überzeugen und sie dazu zu bewegen, ihre Kämpfer auch in den Kongo zu schicken, scheiterte.

1965 trat Che Guevara von seinen Ämtern zurück, verließ Kuba und ging mit weiteren Kämpfern in den Kongo, um die dortigen Rebellen zu unterstützen. Guevara misslang es aber, eine Revolution nach kubanischem Vorbild herbeizuführen. Er kehrte nach Kuba zurück und wandte sich Lateinamerika zu.

Letzte Station Bolivien

1966 zog es Guevara mit einer kleinen Gruppe an Revolutionären nach Bolivien, an die Seite der marxistisch geprägten Nationalen Befreiungsarmee (Ejército de Liberación Nacional). Der Aufbau einer Guerillaarmee für die kontinentale Revolution gelang nicht. Die erhoffte Unterstützung durch die Bergarbeiter und die Kommunistische Partei Boliviens blieb aus. Die indigene Landbevölkerung war den Revolutionären zwar gewogen, schloss sich dem bewaffneten Kampf aber nicht an. Che Guevara hatte wie schon in Afrika die Verhältnisse und die Mentalitäten falsch eingeschätzt. Damit war das Unternehmen praktisch gescheitert.

Der Kampf gegen die Regierungstruppe wurde dennoch fortgesetzt. Die Truppe von Che Guevara schmolz zusammen, er selbst wurde verwundet. Am 8. Oktober 1967 wurde er gefangen genommen, verhört und am 9. Oktober ohne Gerichtsverhandlung erschossen. Seine Leiche wurde an einem geheimen Ort vergraben. Erst 1997 wurden die sterblichen Überreste gefunden, nach Kuba gebracht und in einem Mausoleum beigesetzt.


Fotos: Mr. Söbau (Unsplash.com) und Alberto Korda

Lehrer

Klaus Hecker (Jahrgang 1954) ging nach dem Abitur in Wetzlar 1973 nach Marburg und studierte Deutsch, Politik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 bis 2017 war er in der Universitätsstadt Lehrer an der Carl-Strehl-Schule, einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Seit jeher engagiert er sich in sozialen und politischen Initiativen und tut dies noch heute. Als DSV-Lehrer "Skitour und Alpinist" ist er häufig im Alpenraum unterwegs.

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