Das Land in dem wir leben wollen. Die Zukunft einatmen, Vergangenheit ausatmen. (Foto: Toa Heftiba, Unsplash.com)

Aufruf: Das Land, in dem ich leben möchte

1932 schrieb Max Herrmann-Neiße die Glosse “Das Land, in dem ich leben möchte”. Darin skizzierte der Lyriker “ein friedliches Land”, das jedem seiner Bewohner ein “auskömmliches Dasein verbürgt” und das mit jeder anderen Nation “gut Freund ist”.

Plattform Futur II

Das kurze Schriftgut, im Umfang kaum eine halbe DIN-A4-Seite, ist die Beschreibung eines idealtypischen Landes. In diesem gibt es keine Ausgrenzung, keinen Rassismus und keine “bewaffnete Macht”.

Im Jahr 2020 und unter dem Eindruck unzähliger, meist ungelöster Krisen stellen sich die Initiatoren der Plattform Futur II ebenfalls die Frage, wie die Zukunft gestaltet werden kann – und Sie alle sind eingeladen, sich ebenfalls einzubringen, um Antworten zu finden.

Wie wird eine andere (bessere) Welt 2030, 2040 oder 2050 aussehen? Was wird passiert gewesen sein, damit sie so werden konnte, sodass jeder in ihr gerne lebt?

Es ist eine schwierige Aufgabe, die vor Ihnen liegt. Doch jeder Gedanke und jede Idee ist wichtig. Die Zukunft zu beschreiben und den Weg dorthin darzustellen, ist eine Herausforderung. Versuchen Sie es! Machen Sie mit, bringen Sie sich in Futur II ein und folgen Sie dem Aufruf!


Das Land, in dem ich gerne leben möchte. Ein Aufruf. (Quelle: Gerhard Mersmann/YouTube)

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Eine mutige Schrift

Die von Max Herrmann-Neiße vorgestellte Vision wird getragen durch ein humanistisches Weltbild: es verachtet die Gewalt und betont die Rolle von Kunst und Kultur.

“Das Land, in dem ich gern leben möchte” war – wird der historische Zusammenhang beachtet – eine sehr mutige Schrift, entstanden kurz vor der Machtergreifung der Unmenschen. Sie ist allen zu empfehlen, die sich ein besseres Land nicht nur vorstellen können, sondern sich aktiv dafür einsetzen, damit diese Vorstellung zur Realität wird.


Das Land, in dem ich leben möchte

Erschien am 20. Mai 1932 in der “Literarischen Welt” (8. Jahrgang, Nr. 21).

Das Land, in dem ich leben möchte. Ein Essay von Max Hermann-Neiße (Foto: Max Glauer; gemeinfrei)
Max Hermann-Neiße (Foto: Max Glauer; gemeinfrei)

“Das Land, in dem ich gern leben möchte, müßte ein friedliches sein, das jedem seiner Bewohner ein auskömmliches Dasein verbürgt und mit jeder anderen Nation gut Freund ist.

Es hat kein Militär, keine bewaffnete Macht, keine Zuchthäuser, übt keinen Arbeits- und keinen Gebärzwang aus, kennt keine Todesstrafe, gewährt unbedingte Rede- und Schreibfreiheit, stellt das Sexuelle nicht unter moralische Gesetze. Da darf jeder nach Belieben tun und lassen, soweit er nicht seinen Mitmenschen dadurch schädigt, da herrscht niemand und wird niemand beherrscht, gibt es keine Hast, keine Rekordjagd, keine Raffgier, keinen Puritanismus, keinen Rassen- oder Grenzpfahlwahn, keine Nivellierung zur nach rechts oder links ausgerichteten Kasernenhofherde, keine Mechanisierung, keinen Kulturabbau, da gilt die Kunst noch etwas, die Humanität, der Geist, die Persönlichkeit, das Herz, die Seele, der Mensch an sich.

Es schwebt mir etwas vor wie ein Paris, das in Schlesien gelegen wäre, mit Wesenszügen von München, von Hamburg, von Prag, von holländischer Gepflegtheit, mit Meeres- und Gebirgsnähe, mit dem hohen Niveau der Bühnenleistung, wie es heut wohl nur in Deutschland aufweist, mit reizvollen Frauen jeder Art und Kulör, mit Pilsner und Porter Bier, französischem Cognak, Schwarzwälder Kirschwasser, Prager Schinken, österreichischem Schnitzel, bayrischen Würsten und schlesischem Wildpret.

Ein Land, das in allem der äußerste Gegensatz der Barbarei ist, ich muß wohl besser sagen: wäre – dürfte es, wie die Dinge gegenwärtig liegen, sich doch offenkundig um ein hundertprozentig utopisches Märchenland, das überspannte Nirgendheim eines unzeitgemäßen, in jedem Lager unbeliebten und unbrauchbaren Schwärmers, halt eines Dichters handeln.”


Quellen und Anmerkungen

(1) Max Herrmann-Neiße, auch Herrmann-Neisse, (1886-1941) war ein Lyriker und Schriftsteller. Er studierte in Breslau und München von 1905 bis 1909 Literatur- und Kunstgeschichte. Herrmann-Neisse kam mit der Münchner Bohème in Kontakt und brach in der Folge das Studium ab, um Schriftsteller zu werden. Erste Erfolge stellten sich 1911 ein und machten ihn als Autor bekannt.

Während des Ersten Weltkriegs ging er nach Berlin und unterhielt Kontakte zu sozialistischen und anarchistischen Kreisen. In den 1920er Jahren gehörte er zu den bekanntesten Literaten in Stadt. Nach dem Reichstagsbrand 1933 verließ Herrmann-Neiße mit seiner Frau Deutschland. Über die Schweiz, die Niederlande und Frankreich erreichten sie Großbritannien. In London ließen sie sich im September 1933 nieder.

Zusammen mit Lion Feuchtwanger, Ernst Toller und Rudolf Olden gründete Max Herrmann-Neiße 1934 den “Deutscher PEN-Club im Exil”. Der Versuch, die englische Staatsbürgerschaft zu erlangen, blieb erfolglos. Der Band Letzte Gedichte wurde posthum von seiner Frau Leni veröffentlicht.


Foto: Toa Heftiba (Unsplash.com) und Max Glauer (Gemeinfrei)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 thought on “Aufruf: Das Land, in dem ich leben möchte

  1. 1. Gesetzliche Sozialversicherungen ohne Beitragsbemessungs- und Versicherungspflichtgrenze für ALLE.

    2. EU-weit: Finanztransaktionssteuer, Maschinensteuer, einheitliche Besteuerung von Konzerngewinnen, Vermögens- und Erbschaftssteuer

    3. Rückverstaatlichung zentraler Branchen wie Medizin/Pflege und ÖPNV

    4. Keine Ausnahmen beim Mindestlohn.

    5. Keine Duldung von sachgrundlos befristeten Arbeitsverhältnissen.

    6. Transparenz über Produktionsbedingungen auf jedem Produkt.

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