Laptop, Notizbuch und Rucksack ist die Ausrüstung einer modernen Schule. (Foto: Matt Ragland, Unsplash.com)

Wer braucht noch Schule?

Dirk C. Fleck und Jens Lehrich sind wieder zurück! Nach einer Pause von acht Wochen haben sie die 17. Folge der Salongespräche im Kasten. Diesmal dreht sich alles um das System Schule.

Stephanie Richter ist Gast im Salon. Sie ist Lehrerin und engagiert sich für eine Schule im Wandel. Lehrich und Fleck sprechen mit ihr über das alte Schulsystem, das für die neue Epoche nicht mehr taugt – vielleicht war es sogar schon immer schlecht.

Hambürger – Folge 17: “Wer braucht noch Schule?” – Lehrerin Stephanie Richter im Gespräch mit Dirk C. Fleck & Jens Lehrich! (Quelle: YouTube/ahundredmonkeys)

Schule für Preußen

Schule ist in die Jahre gekommen. Ausgehend von Preußen wurden ab 1807 mit den sogenannten Preußischen Reformen die Rahmenbedingungen für eine Liberalisierung des wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Lebens geschaffen (1).

Die Bildung und “Erziehung” rückte mehr und mehr in den Fokus des Staates. Dorf- und Stadtschulen sollten neu organisiert werden. Der Philosoph Wilhelm von Humboldt wurde mit der Aufgabe betraut.

Die Trennung zwischen niederen und höheren Schulen galt es zu überwinden, um alles in einem einheitlich organisierten Schulsystem zu vereinen. Auch das bürgerliche Leistungsprinzip hielt Einzug – und natürlich Disziplin, Zucht, Ordnung und Gehorsam.

Die Note machts …

Trotz zahlloser “Reformen” hat sich daran bis heute nicht viel geändert. Schule klammert sich an Lehrpläne und Wettbewerb: Noten und Zeugnisse, darum geht es, obgleich in der globalisierten Welt Kreativität und die Fähigkeit zur Kooperation eine viel höhere Bedeutung haben müssten.

Schule arbeitet in der Gegenwart extrem an den Erfordernissen der Zeit vorbei und ist (wenn man das System nicht gleich abreißen will) sehr schwer reformierbar.

StephanieRichter weiß das aus eigener Erfahrung. Sie ist Lehrerin. Lange war sie an ganz normalen Grundschulen beschäftigt. Dann kündigte sie und reiste mit einem Zirkus durch Frankreich, um die Kinder der Schausteller zu unterrichten. Aber auch hier musste der vorgegebene Lehrplan exakt eingehalten werden.

Bildung geht anders

Heute arbeitet Stephanie Richter an einer demokratischen Schule in Nordhessen, an der ein alternatives Konzept umgesetzt wird, das keine “Lernstandserhebungen” mehr betreibt. “Mich interessiert vielmehr der Lernstand der Erwachsenen”, sagt sie im Gespräch. Darüber sollten alle einmal nachdenken. Doch das alleine reicht nicht. Es geht auch um Befreiung von den Zwangsjacken, die das verkrustete System jedem neuen Ansatz aufzwingt.

In einem Offenen Brief (2) beschrieb Stephanie Richter ihre Erfahrungen mit freien Schulen und ein grundsätzliches Missverständnis, was Schule sein sollte, aber unter den von Bürokratie und Kontrolle geprägten Rahmenbedingungen nicht sein kann:

“(…) Welche Fähigkeiten brauchen unsere Kinder denn, wenn sie erwachsen sind? Und: Was lernt man heute wirklich noch in der Schule? Früher war die Schule der Ort, an dem man Heranwachsenden Bücher / Informationen / Wissen zur Verfügung stellte – was zuhause nicht möglich war. Heute gibt es einen unerschöpflichen Informations- und Wissens-Pool an jedem Ort zu jeder Zeit. Die Weltbevölkerung wächst, und mit ihr potenziert sich die Entstehung und Verbreitung von immer mehr zeitgemäßen Inhalten (und großen Herausforderungen!). Das Lernen findet im Menschen statt, nicht in der Schule. Ich möchte mit Kindern und Erwachsenen die Lust am Begreifen erleben und aktiv an der Gestaltung unseres Lebens und unserer Zukunft mitwirken! (…)”


Anmerkungen zum Format

Das Unvollkommene ist auch das Besondere an dem Format: noch bis kurz vor dem Dreh wissen beide Protagonisten nicht, worauf das Gespräch hinauslaufen wird. Es geht ausschließlich darum, sich gegenseitig berührende und wahrhaftige Geschichten zu erzählen, weitab von geplanten politischen Konzepten oder Ideologien. Mensch sein und Mensch sein dürfen: So gedeiht die Salon-Freundschaft vor laufenden Kameras.

Wie immer freuen sich die beiden Moderatoren über konstruktive Kommentare der Community, gerne auch mit eigenen ergänzenden Geschichten aus Eurem Leben.


Quellen und Anmerkungen

(1) Bundeszentrale für politische Bildung (1.1.2017): Schulgeschichte bis 1945: Von Preußen bis zum Dritten Reich. Auf https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/229629/schulgeschichte-bis-1945 (abgerufen am 21.10.2020).

(2) Kenfm (12. Juni 2020): Kampf um ein besseres Schulsystem: am Ende ist immer Resignation. Auf https://kenfm.de/kampf-um-ein-besseres-schulsystem-am-ende-ist-immer-resignation/ (abgerufen am 21.10.2020).


Foto: Matt Ragland (Unsplash.com)

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1 thought on “Wer braucht noch Schule?

  1. Einfach nur danke, danke und nochmal danke! <3 Und ja – man beschützt nur, was man kennt. Das gilt nicht nur für die Natur, sondern auch für ein kooperativen Miteinander. Die Vereinzelung, die Isolierung vor heimischen PCs ist einfach nur zerstörerisch.

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