Eine Welt ohne Krieg. (Foto: Egor Myznik, Unsplash.com)

Unsere eine Welt

Etwa seit der Epoche der Entdeckungen und der Aufklärung im 18. Jahrhundert trägt die Weltgeschichte den Stempel Europas, eingeschlossen den der USA, deren Geisteswelt fest mit England und Europa verbunden ist. Und diese Weltgeschichte ist eine Geldgeschichte, schreibt Günter Ogger, Autor des Sachbuches über die Geschichte der Fugger “Kauf Dir einen Kaiser”.

Die Europäer und Nordamerikaner sollten sich an die Gedanken gewöhnen, dass der Nabel der Welt oder Ursprung des menschlichen Fortschritts in vielen Köpfen des Homo sapiens zu finden ist und keinen geografischen Ort hat. Die Griechen sehen diese Angelegenheit mit ihren Omphalos in Delphi sicher etwas anders (1).

Das wissenschaftliche Herangehen gebietet, dass die Zukunft der Welt nur gemeinsam mit Asien, Lateinamerika und auch Afrika gedacht werden sollte.

Es ist historische Realität, dass die Völker außerhalb Europas bisher einen beachtlichen Beitrag zur Menschheitsgeschichte beigetragen haben. Die Mathematik haben sie bedeutend entwickelt (Einführung der Null, Kalendersysteme durch China, Mexiko, Israel, arabische Zahlen). Die Sicherung der künftigen Welternährung ist ohne die züchterischen Leistungen in anderen Weltgegenden nicht vorstellbar (Reis, Mais, Kartoffeln, Tomate, Gewürze).

Schriften haben in China, im Orient, in Mexiko unter anderem ihren Ursprung. Kulturbauten und Bewässerungssysteme sind weltweit anzutreffen (Chinas Mauer, Kambodschas Angkor, Ägyptens Pyramiden, Malis Timbuktu, Mexikos Maya- und Aztekenbauten, Perus Machu Picchu und viele mehr). Die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO ist eindrucksvoll.

Industrielle Revolution, Maschinenzeitalter und unwürdige Lebensverhältnisse

Alle Erdteile und Länder haben gemeinsam zum Fortschritt der ganzen Menschheit beigetragen und die Lebensumstände verbessert, wenn auch nicht überall in gleicher Weise. Die Rückstände in den Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sind noch bedenklich.

Mit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert hat Europa Glanzleistungen vollbracht. Das Maschinenzeitalter der Welt wurde eingeleitet und hat viele Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten geschaffen, aber auch ein Proletariat mit unwürdigen Lebensverhältnissen.

Die Elektroindustrie, die Autoproduktion, die Leistungen der Chemie und Mechanik Europas wurden zu Bausteinen des Fortschritts der Welt. Der internationale Handel profitierte vom europäischen Schiffsbau. Die Weltorganisation der UNO trägt die Handschrift der USA und Europas.

Seit den Anfängen der Staatenbildung in der Welt sind Menschengemeinschaften in herrschenden und abhängigen Schichten gespalten. Mit Kriegen wurde und wird versucht, fehlendes Land für Nahrung, Zugriff auf Rohstoffe oder Erhöhungen der Einnahmen mit Gewalt zu erzwingen. Unheilvolle Zwischenstationen waren die von Europa ausgehende Epoche des kapitalistischen Kolonialismus und zwei Weltkriege. Ein langer Kalter Krieg zwischen dem Lager des Kapitals und des Sozialismus schloss sich an – und er hat noch kein Ende gefunden.

Die “America-First-Politik” reiht sich in die gegenwärtigen Auseinandersetzungen ein. Nationalistische Politiken sind angesichts der Welt zerstörenden Waffenarsenale ein Delikt der Vergangenheit. Sie gehören in keinen zukunftsgewandten Wertekatalog der Menschheit.

Globales Zukunftsdenken

Das europäische Griechenland hat mit seiner Polis Demokratie ein gesellschaftliches Ordnungsprinzip geschaffen, die die Spaltung der Gesellschaft aufheben sollte. Die Demokratie des Volkes ist für das künftige Zusammenleben ein notwendiger Baustein. Ebenso wie die persönliche Freiheit im Rahmen demokratisch verfasster Gesetzesgrenzen.

Demokratie, Freiheit und Solidarität sind weitere Elemente eines Zukunftsstaates, der den Menschen ein würdiges Leben verschaffen könnte.

Zur Freiheit gehören Bestrebungen der Journalisten wie Julian Assange oder Edward Snowden, die auf Kriegsvorbereitungen und möglichen Kriegskatastrophen aufmerksam machen. Beide kommen ihrem Menschenrecht und einer Pflicht nach, wie es Verfassungen fordern.

Globales Zukunftsdenken entspricht den Empfehlungen der UNO Gemeinschaft mit Ihren 17 Entwicklungszielen (Anm.: Sustainable Development Goals) bis 2030 und der Klimaschutzprognose bis 2050.

Der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisstand ermöglicht es, künftige Situationen des Ernährungs-, Energie- und Rohstoffbedarfs der “EINEN WELT” und andere Bereiche zu simulieren und mit möglichen Produktionszahlen zu vergleichen. Doch eine Annäherung an die künftige Realität ist nur dann zu erwarten, wenn der Frieden sicher wird. Das Handlungsdefizit der Politik ist um ein vieles größer als das Wissensdefizit über die Zukunft.

Zum Prinzip der friedlichen Koexistenz

Es lohnt sich für die Politiker über die Grenzen Europas hinaus zu schauen, um den von den Mehrheiten gewünschten alternativen Pfad in Richtung Zukunft zu verfolgen:

33 lateinamerikanische Länder haben es 1967 geschafft, die erste atomwaffenfreie Zone der Welt zu bilden. 1974 hat Mexiko der UNO die Schaffung einer “Neuen Weltwirtschaftsordnung” (Anm.: New International Economic Order) vorgeschlagen. Das daraufhin von den UNO empfohlene Aktionsprogramm mit 14 Einzelpunkten und die vorgeschlagene “Charta der wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten” (2) enthalten zukunftsgewandte Inhalte, die es wert sind, erneut auf die Tagesordnung gesetzt zu werden.

Das erste Dekret Lenins schlug den Frieden vor. Das erste Dekret von Präsident Donald Trump betraf eine dichte “Mauer” zu Mexiko. Von Russland kommt das Prinzip der “friedlichen Koexistenz” zwischen den Ländern. Die UNESCO hat es in seine Weltkulturerbeliste aufgenommen. Nach 1990 hat das Land Soldaten und Gerät aus Deutschland abgezogen. 2020 ist die Militärmacht der NATO bis an die Grenzen zu Russland gerückt. Die Staatshaushalte der NATO-Länder entziehen den zivilen Bereichen wie Bildung, Gesundheit und anderen immer mehr finanzielle Mittel zugunsten des militärischen Budgets.

China vollbringt mit der staatlichen Planung der großen Proportionen des Landes erstaunliche Leistungen in der Volkswirtschaft und für die Lebenslage der Mittelschicht. Die Wissenschaft des Landes und das Bildungswesen erfahren Sprünge in höhere Niveaustufen. Andere Sichten auf die Menschenrechte und ihrer sozialen Komponenten könnten sinnvoll sein.

Keine zu hohen Erwartungen

Evolutionsprozesse der Natur benötigen Jahrtausende, gesellschaftliche Veränderungen viele Generationen, bevor Lernprozesse und reale Handlungen zu Reformen führen oder reale Alternativen auslösen. Triebkräfte sind – an der Seite der Wissenschaft – Erfahrungen aus der gelebten Geschichte. Erfahrungen aus Büchern allein reichen nicht. Sie enthalten zu oft die Sichtweisen der Sieger.

Nicht erwartet werden sollte, dass künftige Regierungen und Verwaltungen allein ein würdiges Leben organisieren könnten.

Nur ein Gemeinschaftswerk von Politik, Parlament und Regierung unter tatkräftiger Mithilfe der abhängigen Schichten könnte die Zukunftsvisionen in die Nähe der Wirklichkeit bringen. Aber nicht alles, was der Einzelne wünscht, wird im praktischen Leben verfügbar sein.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag von Günter Buhlke erschien erstmals bei unserem Partner Pressenza und wurde von Neue Debatte übernommen. Zur besseren Lesbarkeit im Netz wurden Absätze hervorgehoben und Zwischenüberschriften sowie Links und Fußnoten ergänzt


Quellen und Anmerkungen

(1) Der Omphalos war ein Kultstein im Adyton des Apollon-Tempels in Delphi. Er markierte den “Nabel der Welt”. Eine Marmorkopie des Steins befindet sich im Archäologischen Museum von Delphi.

(2) Zeitschrift für die Vereinten Nationen und ihre Sonderorganisationen: Charta der wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten. Auf https://zeitschrift-vereinte-nationen.de/fileadmin/publications/PDFs/Zeitschrift_VN/VN_1975/Heft_4_1975/06_a_Doks_VN_VN_4-75.pdf (abgerufen am 22.10.2020).


Foto: Egor Myznik (Unsplash.com)

Volkswirtschaftler und Publizist bei | Webseite

Günter Buhlke ist Jahrgang 1934 und Dipl. Volkswirtschaftler. Er studierte an der Humboldt Universität und der Hochschule für Ökonomie Berlin. In den 1960er und 70er-Jahren war Buhlke international als Handelsrat in Mexiko und Venezuela tätig und Koordinator für die Wirtschaftsbeziehungen der DDR zu Lateinamerika. Später Vorstand einer Wohnungsgenossenschaft, Referent im Haushaltsausschuss der Volkskammer und des Bundestages und von 1990 bis 1999 Leiter der Berliner Niederlassung des Schweizerischen Instituts für Betriebsökonomie. Günter Buhlke ist verheiratet, lebt in Berlin und engagiert sich ehrenamtlich.

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