Die USA verändern sich. Ein Bild aus der Geisterstadt Ardmore in Dakota. (Foto: Sophia Simoes, Unsplash.com)

USA: Das Subversive der Demografie

Trump gegen Biden, Trump gegen Biden, Biden gegen Trump, Biden gegen Trump – betrachtet man die Berichterstattung über den gegenwärtigen US-Präsidentschaftswahlkampf, so könnte man tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass sich alles um diese beiden Akteure dreht.

Welche Interessen und Machtverhältnisse sich hinter ihnen verbergen, findet keine Beachtung. Stünden die im Fokus, ließe sich relativ plausibel erklären, warum dort eine Bulldogge gegen einen ausgewiesenen Netzwerker einen Kampf aufführt, der mit den Schulbuchregeln der Demokratie so gar nicht in Einklang steht.

Die Demografie der USA

Werden die US-Verhältnisse auf diese beiden Figuren reduziert, werden Verschwörungstheorien und absurde Weltbilder in einem Treibhaus des Irrsinns hochgezüchtet. Ein kleiner Perspektivenwechsel kann neue Erkenntnisse hervorbringen.

Da ist zunächst einmal die Demografie. Die US-amerikanische Gesellschaft ist sui generis eine dynamische. Die Einwanderungsgeschichte hat dafür gesorgt, dass starke, veränderungswillige und junge Menschen das Land seit seiner Gründung bereichert haben.

Vom Melting Pot (1) bis zur Integrationsmaschine haben Begriffe eine Welt erobert, die – zumindest im atlantischen Westen – als einzigartig zu bezeichnen ist.

Die heutige US-amerikanische Gesellschaft mit einem Durchschnittsalter von 38 Jahren steht an einem Scheideweg: Die klassische weiße Mehrheit schwindet dahin, hoch qualifizierte andere Ethnien stehen bereit, Funktionen in Wirtschaft und Staat zu übernehmen.

In der Wirtschaft setzen sich zunehmend Menschen aus der asiatischen Community durch, in der Politik spielen mehr und mehr Latinos und Schwarze eine Rolle. Betrachtet man die Bürgermeisterämter in den großen Städten wie Chicago, Baltimore, Los Angeles et cetera, so fällt auf, dass dort bereits die weiße Dominanz nicht mehr existiert.

Das Ende der Geschichte

Unter diesem Aspekt sind sowohl Donald Trump als auch Joe Biden die Abziehbilder einer vergangenen Epoche. Sie symbolisieren eine alte, monetär unglaublich potente, jedoch müde gewordene Elite, die mit Zähnen und Klauen ihre Macht, ihre Privilegien und ihren Einfluss verteidigen will. Und der Schreck, der dadurch verursacht wurde, dass ein “Nigger” aus Chicago ins Weiße Haus einziehen konnte, saß so tief, dass viele der Bulldogge von der Baustelle ihre Stimme gaben (2).

Ein anderer Aspekt ist das Ende vom Ende der Geschichte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde 1991 dieses Ende ausgerufen und die USA als einzige Hegemonialmacht der Welt gesehen. Die Epoche der unangefochtenen Dominanz dauerte insgesamt ganze 17 Jahre – bis zur Weltwirtschaftskrise 2008.

Schwer getroffen sah sich das Imperium China gegenüber, das die unausgesprochene Herausforderung verkörperte. Seitdem streiten die verschiedenen politischen Fraktionen in den USA darüber, welche Rolle das Land in der Zukunft einnehmen solle. Präsident Barack Obama hat – sehr unglücklich – versucht, einen Justierungsprozess einzuleiten. Ob dabei die Erkenntnis leitend war, die Supermacht per se zu bleiben oder eine multipolare Welt anzuerkennen, bleibt bis heute nicht identifizierbar.

Auf Konfrontation mit China

Letzteres ist bei beiden jetzt antretenden Kandidaten keine Frage. Trump wie Biden wollen sich mit China anlegen. Längst ist bekannt, dass in den großen Think Tanks der Ostküste die Positionen, die als das Dilemma des Thukydides in die Geschichte eingegangen sind, mit Verve diskutiert werden.

Es heißt, wie kann der Staat in seinem Machtanspruch total werden, und wann ist der richtige Zeitpunkt, um den großen Kontrahenten anzugreifen? Vor diesem Tableau wird manches deutlicher.

Die spannende Frage, die sich auch aus europäischer und deutscher Sicht stellt, ist die, ob die neue, junge und dynamische amerikanische Gesellschaft noch die Zeit hat, die alten Bollwerke, für die Trump wie Biden stehen, zu stürmen und eine neue Zeit einzuläuten. Trump oder Biden, das ist die falsche Frage.


Quellen und Anmerkungen

(1) Melting Pot (der Schmelztiegel) ist eine monokulturelle Metapher für eine heterogene Gesellschaft, die homogener wird, wobei die verschiedenen Mitglieder in einer gemeinsamen Kultur “verschmelzen”, oder umgekehrt, für eine homogene Gesellschaft, die durch den Zustrom ausländischer Mitglieder mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund heterogener wird, was das Potenzial beinhaltet, Disharmonie innerhalb der vorherigen Kultur, die sich erkennbar verändert, zu schaffen.

(2) WELT (5.11.2008): Barack Obama wird erster schwarzer US-Präsident. Auf www.welt.de/politik/article2677162/Barack-Obama-wird-erster-schwarzer-US-Praesident.html (abgerufen am 23.10.2020).


Foto: Sophia Simoes (Unsplash.com)

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 thought on “USA: Das Subversive der Demografie

  1. “Trump oder Biden” ist die falsche Frage. Sie stehen auch aus Sicht der Friedensbewegung für das Gleiche, Falsche. Imperium USA oder America First? Beide Ansätze sprechen nicht dafür, Verantwortung für die Welt übernehmen zu wollen, im Sinne von Freiheit, Gleichwertigkeit und Miteinander.
    Der unermesslichen Macht des Militärisch-Industriellen-Komplexes, heute erweitert um Finanzindustrie, Pharmaindustrie und die Medien, Deep State, scheint nur durch eine starke länderübergreifende Demokratie-Bewegung von unten Einhalt geboten werden zu können.

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