Freude, Endlichkeit und Grunderneuerung in einem Bild erfasst. (Foto: Engin Akyurt, Unsplash.com)

Intro zur radikalen Grunderneuerung der Gesellschaft

Lassen Sie mich bitte vorwegschicken, dass dieser Text, der in drei Teile zerlegt ist, keine Ideologie aus dem Geschichtskarton bespricht, keine Reform zur Linderung einer stechenden Befindlichkeit fordert und keine abgeschwächte Variante des “Weiter so” anbietet. Er ist viel radikaler angelegt.

Eingeleitet wird er mit einer verkürzten Darstellung und Kritik an nationalen und globalen Unzulänglichkeiten. Auf mikroskopische Strukturbeschreibungen wird verzichtet, die holzschnittartige Abbildung betont.

Der Gesamtkomplex verschmilzt am Wendepunkt zu einer strategischen Option: der Reorganisation menschlicher Gemeinschaften abseits des urbanen Raumes als Ausgangspunkt einer radikalen Grunderneuerung der Gesellschaft – ethisch, ökonomisch, sozial, politisch und ökologisch.

Die USA als Ausgangspunkt

Ein Blick auf die Vereinigten Staaten schadet nicht, um abzuschätzen, was sich im “alten” Europa etwas zeitverzögert ereignen wird. Stellen Sie sich dafür bitte einen Holzbalken vor, der von Termiten befallen ist.

Bevor Sie den jämmerlichen Zustand der einstigen Pracht anderweitig bemerken, sehen Sie kaum etwas. Erst wenn der Balken auseinanderfällt, praktisch zu Staub wird, zeigt sich, dass er nur durch eine dünne Hülle zusammengehalten wurde. Die USA sind ein solcher Balken, herausgeschnitten aus dem einst starken Baumstamm Europa.

Das soziale Miteinander, sofern in den USA davon gesprochen werden kann, ist nachhaltig beschädigt. Gründe gibt es viele, die meisten gehen zurück auf die Phase des Kolonialismus, die Zeit der Sklaverei, den überdauernden Rassismus, die katastrophale Ungleichverteilung von Besitz in der Gegenwart, die ungelöste Bankenkrise, den Egoismus, die Profitgier. Man könnte formulieren: Es sind Merkmale einer Zivilisation im Endstadium, deren temporärer Erfolg auf einer räuberischen Lebensweise beruht. Der Niedergang kann sich noch über Jahrzehnte ziehen, eingeleitet ist er längst.

So kurz vor der Präsidentschaftswahl scheint es wichtig zu sein, hervorzuheben, dass die USA nicht erst unter Präsident Donald Trump, durch das Corona-Virus oder wegen der Ermordung des Afroamerikaners George Perry Floyd bedenklich taumeln.

Neben den oben genannten Aspekten hat die Zerstörung der Erwerbsarbeit durch eine sich optimierende und ausbeuterische Ökonomie, die immer mehr Verlierer hervorbringt und nur wenige Gewinner die Seifenblase des American Dream platzen lassen.

Die Erosion der amerikanischen Arbeitsgesellschaft

Über den “freien Fall” der US-Wirtschaft (1) im maroden Spätkapitalismus schrieb der Publizist Tomasz Konicz im April 2020:

“(…) Rund 44 Prozent der Lohnarbeiter muss mit Löhnen zurecht kommen, die keinerlei Rücklage für Krisenzeiten erlauben. Von diesen 53 Millionen arbeitenden Armen, die sich allmonatlich bis zum nächsten Gehaltscheck durchschlagen müssen, lebt rund ein Drittel in extremer Armut, knappe 50 Prozent sind in ihren Familien Alleinverdiener, mehr als die Hälfte verfügt über eine abgeschlossene Schulbildung, Frauen und Afroamerikaner sind in dieser Gruppe überrepräsentiert. Die Deindustrialisierung der USA der letzten Jahrzehnte, bei der sich die ehemaligen Industriezentren im Norden in den berüchtigten “Rust Belt” verwandelten, ging mit der sukzessiven Ausbreitung dieses Niedriglohnsektors einher, der vor Krisenausbruch kurz davor stand, die Mehrheit der US-Bürger auszubeuten.”

Dienstleistungssektoren in der nachindustriellen Arbeitswelt, verklärt mit Vokabeln wie clean, smart und nice, bieten keinen Ausweg für das Prekariat, sondern sind der Highway in die Hölle. Konicz schreibt:

“Die Erosion der amerikanischen Arbeitsgesellschaft wird auch an dem Aufkommen der Sharing- oder Gig-Economy deutlich, bei der internetbasierende Plattformen wie der berüchtigte Fahrdienst Uber als Vermittler von Dienstleistungen dienen. Inzwischen sollen sich rund 30 Prozent der Lohnabhängigen in den Vereinigten Staaten in diesem Sektor in Teilzeitjobs als scheinselbstständige prekäre Tagelöhner durchschlagen. Und es sind gerade diese von ihren jeweiligen Plattformen abhängigen Tagelöhner des Internetzeitalters, die von der Pandemie besonders gefährdet sind. Arbeiten und eine Infizierung riskieren oder Verhungern – das sind die Alternativen, mit denen sich etwa die “vogelfreien” Fahrer des Beförderungsdienstes Uber konfrontiert sehen, wie The Guardian berichtete.”

Arbeitslosigkeit, Odachlosigkeit, Bandenkriminalität und 71.000 Drogentote allein 2019: Die Supermacht ist im Inneren zerbrochen. Nahezu 40 Millionen Amerikaner sollen auf die Zuteilung von Lebensmittelmarken angewiesen sein. Die Fähigkeit des Staates, den eigenen Laden zusammenzuhalten, sie schwindet im Angesicht nicht nachlassender Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus.

Bewaffnete Milizen bereiten sich seit Jahren auf den Rassenkrieg vor. Kein Präsident hat es vermocht, diese Leute zur Besinnung zu bringen. Die “White Supremacists” wollen die Vorherrschaft der Weißen sichern. Gruppierungen wie die NFAC (Not Fucking Around Coalition), eine bewaffnete afroamerikanische Miliz, die den Ideen des Schwarzen Nationalismus folgt, stehen bereit für den Kampf.

Ablenkung von den inneren Bruchlinien verschaffen medial aufgeblasene, aber inhaltlich weitgehend bedeutungslose Ereignisse und die künstliche Erschaffung von Feindbildern: China, Iran, Nordkorea, Latinos, Moslems oder andere Gruppen und einzelne Menschen wie Julian Assange oder Edward Snowden, die nach Bedarf mit dem Label “Bedrohung” versehen und verfolgt werden.

Der “War on Terror“, die 2001 unter US-Präsident George W. Bush gezogene Carte blanche zur Legitimation der eigenen Gewalttätigkeit, die ganze Länder in Schutt und Asche legte und Millionen Menschen den Tod brachte, fällt teilweise in diese Kategorie.

Europa als Spiegelbild

Die Europäische Union (EU) und die in ihr abgebildeten Nationalstaaten, deren Demokratien unter Beihilfe von Technokraten durch politische und wirtschaftliche Cliquen zum Eigenvorteil und im Sinne von Kapitalinteressen verbogen wurden, hängt am Rock des Hegemons und surft in seinem Brackwasser.

Wertvorstellungen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sind verschwunden, Korruption, Vetternwirtschaft und Rücksichtslosigkeit haben die Lücken besetzt. Eine Armee aus Lobbyisten belagert die Parlamente, jeder Politiker ist ein Lobbyist: Nicht das Ganze zählt, sondern das Eigene.

Das Nato-Bündnis ist zu nennen, es führt zu einer unheimlichen Allianz mit dem gewalttätigen Übervater USA. Russland fällt traditionell die Rolle des äußeren Feindes zu, außerdem müssen Flüchtlinge und der Islam herhalten.

Die Wirtschaft liefert jeden Tag Schablonen der Verrohung. Ganze Branchen, so zum Beispiel die fleischverarbeitende Industrie, der Tagebau oder die Milchviehwirtschaft, stehen exemplarisch für die Versklavung und Ausbeutung von Menschen, die Zerstörung der Natur und für übelste Tierquälerei. Dieses Treiben wird niemand durch warme Worte, Lichterketten, Protestmärsche, Verordnungen, Geld- oder Haftstrafen unterbinden – und noch nicht einmal durch pure Gewalt. Sie brauchen viel extremere Mittel: einen Systemwechsel.

Der ist mit den “Alten” allerdings nicht zu machen. Sie fallen auf jeden Bluff und jede leere Versprechung von Besserung herein. Bei vielen jungen Menschen in Europa dürfte es anders aussehen. Sie bekommen zu spüren, dass das Märchen vom sozialen und ökonomischen Aufstieg durch Leistung auserzählt ist. Nicht einmal mehr Seilschaften, Skrupellosigkeit, Lügen und Selbstbetrug scheinen Garanten für Erfolg zu sein. Radikalisierung durch Perspektivlosigkeit ist daher kein Kuriosum.

Segmentierung bis zur Unkenntlichkeit

Die Medien, deren größte Kostbarkeit die Leser sind, denen noch kostbarere Werbeanzeigen bei jeder Gelgenheit vor das Gesicht gehalten werden, fluten ihre Seiten mit Informationsfetzen und belanglosem Blabla. Nicht Inhalt ist entscheidend, sondern das Einfangen von Aufmerksamkeit. Es ist die große Ablenkung.

Eine Reportage über die Watergate-Affäre oder das Sterben in den Reisfeldern von Indochina wäre heute keine ernst zu nehmende Konkurrenz zu den Tweets von Donald Trump oder den Statements von Virologen oder von irgendwem. Jeder Beitrag kann trenden, jeder hat aus seiner Perspektive recht, schreit es ins virtuelle Nichts hinaus und wartet auf Resonanz wie die Spinne im Netz auf ihre Opfer.

Mutmaßungen, Spekulationen, Unterstellungen, Beleidigungen, Herabwürdigungen und Tote sind willkommene “News”. Aber bitte nicht zu viele Bilder des Elends, keine zerfetzten Leiber, keine Detailaufnahmen aufgedunsener Bäuche als Symbol des Hungers in der Dritten Welt.

Willkommen sind Meinungsbekundungen von Linken, Rechten, Ökos, Feministinnen, Schwulen, Lesben, Denkern, Querdenkern, bürgerlichen Rassisten, Neonazis, die die Verfassung schützen und Demokraten, die Faschisten Kollegen nennen.

Polizisten, die dem Bürger Moral predigen und sich im Nebenjob als Dealer ein Zubrot verdienen (2), werden zur Schlagzeile, daneben das Gejammer von Schauspielern, die keine Rollen mehr bekommen, exklusiv Berichte über Geburtstagsparties von Zuhältern oder vielleicht die Fotostrecke eines engagierten Umweltschützers, der Leib und Leben riskiert, um Bäume zu retten, und zum Dank von einem “Freund und Helfer”, der hoffentlich keine Drogen dealt, aber progressiv grün wählt, im Namen des Rechts verprügelt wird: Dies alles landet im Reißwolf medialer Verwertung und der Vergesslichkeit.

Darunter gemischt werden die zahllosen Gemeinheiten des Apparats, die man vermeldet, aber nicht rigoros bekämpft: die Überwachung, die Bespitzelung, die Polizeigewalt, der latente Rassismus in den Institutionen, nächtliche Abschiebungen, Stromsperren und Zwangsräumungen. Dazwischen finden sich irgendwo die Überreste des Journalismus.

Die Hetze gegen Erwerbslose ist salonfähig: die von Bonzen zu Faulpelzen erklärten Erwerbsarbeitslosen sind “Feinde” derer die Erwerbsarbeit haben. Dass ein “Arbeitsmarkt” ohne Erwerbsarbeitslosigkeit gar nicht existieren würde, menschliche Arbeitskraft durch Rationalisierung, Optimierung, Digitalisierung und Robotik mehr und mehr aus den Produktionsprozessen und dem Dienstleistungsbereich verdrängt wird, also schlicht überflüssig ist oder zahllose “Erwerbsarbeiter” Bullshit-Jobs verrichten, das wird routiniert verschwiegen.

Ablenkung um jeden Preis

In der Weltwirtschaftskrise, die noch unzählige Ingenieure, Facharbeiter und Akademiker zu Bittstellern degradieren wird, werden unbedingt Prügelknaben gebraucht, die in der Hackordnung noch tiefer angesiedelt sind. Der Kampf gegen die ökonomisch Schwächsten erregt daher weder die Journale noch die “progressive” Mitte, der es an den Wohlstandskragen geht, sondern die Armen werden zur Belustigung in Re­a­li­ty-Shows vorgeführt. Wenn das nicht reicht, sind da ja noch Flüchtlinge, die es in ihrer Verzweiflung wagen, aus den Internierungslagern, in die sie wie Vieh gepfercht wurden, abzuhauen. Sie landen am medialen Pranger.


Machen Sie mit | Die Zukunft gemeinsam denken

Das Land in dem wir leben wollen. Die Zukunft einatmen, Vergangenheit ausatmen. (Foto: Toa Heftiba, Unsplash.com)

Aufruf: Das Land, in dem ich leben möchte

Wie schon Max Herrmann-Neiße Anfang der 1930er-Jahre stellen sich die Initiatoren der Plattform Futur II in diesen Zeiten der Unklarheiten und Ungewissheiten die Frage, wie die Zukunft gestaltet werden kann – und Sie alle sind eingeladen, sich einzubringen, um Antworten zu finden.


Dem steht das Abfeiern unverschämten Reichtums mittels “Ranking” gegenüber, in denen sich die Namen von Milliardären wie Larry Page, Warren Buffet, Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos finden, deren herausragende Eigenschaft Besitz ist. Zu negieren, dass Reichtum kausal auf der Abschöpfung menschlicher Arbeitskraft und nicht selten auf Verbrechen beruht, wobei die Abschöpfung streng genommen schon einen Diebstahl darstellt, gehört in Europa ebenso zum Programm wie in den Vereinigten Staaten oder jedem anderen Gebilde, das sich dem Kapitalismus verschrieben hat.

Die Gaunereien der Aktienhändler, die Betrügereien der Konzerne und Banker werden zur Cleverness verklärt oder zur Schummelei verzwergt. Landen diese lästigen Verfärbungen des schönen Scheins tatsächlich einmal vor einem Gericht, ist die Erledigung durch Zahlung von Geldstrafen keine Seltenheit. Oben hat mit seiner kriminellen Energie schließlich genug davon angehäuft, bloß unten darf das nicht auffallen. Dafür sorgt das Recht und die Erzählung von der Gleichheit.

Einfache Fragen stellen

Asozialität ist durchaus im verklärten Rechtsstaat verankert. Die Legislative und die Judikative tragen dafür Sorge, dass dies so bleibt. Ausgestopft mit tausenden Paragrafen, die kein Jurist überblickt, außer er lügt sich selbst an, wird Gerechtigkeit zwischen völlig ungleichen Subjekten wie von Zauberhand hergestellt.

Der Bettler, der aus einem Mülleimer, der ihm nicht gehört, Essbares nimmt, er kommt leicht auf Augenhöhe mit dem steinreichen Unternehmer, der Nahrungsmittel Lkw-weise entsorgt: Der eine ist ein Dieb, der andere ein erfolgreicher Geschäftsmann, vielleicht gar Millionär, der geschickt den “rechtlichen Spielraum” nutzt, um mit seinem Eigentum zu machen, was ihm beliebt. Und das im Angesicht von 24.000 Hungertoten täglich in der Welt. Könnten Sie das logisch einem Kind erklären?

Das Kabinett des Fantastischen lässt sich in den Oasen der Gleichheit beliebig erweitern. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum ein Arbeiter mit Niedriglohn und Kleinwagen an einer Tankstelle genauso viel Geld für den Liter Benzin bezahlen muss wie der Multimilliardär, dem ein Automobilkonzern gehört? Oder wie es möglich ist, ein Existenzminimum, das jedem zusteht, auf unter Existenzminimum zu kürzen? Alles, was Recht ist oder?

Exemplarisch für die europäische Ebene steht der Fall des Journalisten Julian Assange. Der WikiLeaks Gründer, der unter anderem Kriegsverbrechen der US-Streitkräfte öffentlich machte, sitzt in England im Gefängnis. Die USA fordern seine Auslieferung. Assange war, wie UN-Sonderberichterstatter Nils Melzer im Juni 2019 in dem Artikel “Demasking the Torture of Julian Assange” publizierte, psychischer Folter ausgesetzt. Folter ist ein Verbrechen und wer foltert, ein Verbrecher, oder? Wer kann auf dieser Grundlage ein “gerechtes” Urteil erwarten? Zumindest niemand, der bei Verstand ist, weil sich Recht und Rechtsstaatlichkeit durch Folter selbst disqualifizieren.

Diese und andere Absurditäten sind es, die den Zweifel am Bestand der Gesellschaft wecken sollten, es aber nicht tun oder nur vereinzelt, weil das Verstecken dieser ganzen Runzeln mittlerweile entfällt – sie verschwinden im Schwarzen Loch der totalen Transparenz.

Dank Massenmedien, Internet, Apple iPhone, Social Media und Google weiß jeder alles und dadurch weiß jeder gar nichts. Realität, Fiktion, richtig und falsch: Alles wird zu einem großen Fragezeichen verrührt. Damit wurde der perfekte Boden bereitet für die Totalität und Demagogen, die “Orientierung” im Wirrwarr und “Erlösung” von der Bedrücktheit versprechen. Die Ideologie dahinter ist eindeutig: “Weiter so!”

Letzte Ausfahrt Angst

Im Inneren der zerbröselnden Konstrukte regiert nun scheinbar Corona. Die tägliche Verkündung “der Zahlen”, die, egal, ob steigend, fallend oder stagnierend, garniert sind mit der Option des Todes und an Kanzelpredigten von Paradies und Fegefeuer erinnern, nimmt irrationale Züge an.

Gefährlichkeit ist bestimmt gegeben, eine substanzielle Bedrohung der Zivilisation sicher nicht. Der theoretisch, vielleicht sogar praktisch mögliche Fall eines Zusammenbruchs der hochgetunten Gesundheitssysteme im globalen Norden spielt sich auf anderen Ebenen ab: Es geht um Profitmaximierung durch Personaleinsparungen und dem Auspressen der Arbeitsleistung. Und der Patient? Der ist ein Fall für die Buchhaltung, die Fallkostenpauschale ist ein Beleg dafür.

Die Grundsatzfrage, was von einem System zu erwarten sein könnte, in dem Gesundheit zur Ware verkommen ist, wird hier und dort angerissen, aber selten final beantwortet: Es ist wenig zu erwarten, ob die Erkrankung nun Krebst, Blinddarmentzündung oder Corona heißt.

Dass das Krankenhauspersonal immer häufiger zum Mittel des Streiks greift, um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne durchzusetzen, ist zu begrüßen, an den Zuständen wird sich deshalb trotzdem nichts ändern. Wer das will, der entreißt das Gesundheitswesen in seiner Gesamtheit den Klauen von Markt und Gewinnmaximierung.

Dass über die psychischen und sozialen Kollateralschäden, die durch die Maßnahmen gegen das Coronavirus entstehen, nur wenige Silben verloren werden, erstaunt wenig. Da ist kein Geld zu machen, also Ruhe. In den USA belaufen sich die Kosten einer COVID-19-Behandlung auf 34.927,43 US-Dollar, wie die TIME berichtete (3). Die Einordnung der Verhältnismäßigkeiten ist ohnehin außerordentlich verschoben und der Blick aufs Ganze vernebelt.

Begrifflichkeiten wie Halluzination oder kollektive Psychose drängen sich auf. Wahrnehmungsstörungen lenken die Geschicke, verdeutlicht beispielsweise durch die 400.000 Leben, die allein die Luftverschmutzung in der EU jährlich fordert (4). Drückte deshalb jemand den Panikknopf? Wurde der mörderischen Industrie der Stecker gezogen? Niemand tat es.

Liegt das vielleicht am Grad der Grausamkeit, mit dem der Tod einen Menschen ereilt? Oder vielleicht in der Erkenntnis, dass die beste Lebensführung und totale Überversicherung eines garantiert nicht verhindern wird: das Ableben. Eventuell ist dies eine Herausforderung für Ethiker.

Moralische Fragen zu klären, wäre zweifellos wichtig für die europäische Gesellschaft, deren Repräsentanten sich wie Ertrinkende an jede Planke zu klammern scheinen, um den Blick nicht auf die eigene Medusa richten zu müssen.

Populismus und die Opferrolle sind als Rettungsringe besonders begehrt. Niemand ist verantwortlich für die Unzulänglichkeiten, sondern es sind die anderen, und alle sind nun betroffen von einem Zufall: dem Virus. Und dieses “Ding” soll so wirkmächtig sein, das seine Erscheinung den parzellierten und sich mehr und mehr verflüssigenden Nationalstaaten ein nagelneues “Wir”, Solidarität und damit Festigkeit einhaucht?

Dimensionen echter Probleme

Damit der Ausdruck der Ohnmacht beendet werden kann, also die Kreativität und Lösungskompetenz des Subjekts zum tragenden Thema wird, ist das Storyboard um ein paar bedeutsame Fakten zu erweitern. Vorab aber noch eine triviale Bemerkung: Die modernen Gesellschaften sind mit fundamentalen Veränderungen konfrontiert.

Wir alle, und dieses “Wir” ist echt, erleben einen Epochenumbruch in der Menschheitsgeschichte, dessen Auswirkungen niemand erahnen kann, die aber ausnahmslos alle Staaten und Völker betreffen werden. Sie wissen ganz bestimmt oder haben davon gehört, dass …

  • die globale Finanzkrise, die 2007 als Immobilien- und Bankenkrise in den USA begann, zu einem weltweit deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstum, zu Rezession und zu einer anhaltenden Verwertungskrise geführt hat.
  • etwa 200 Millionen Hektar Land (ungefähr die Größe Westeuropas) seit 2007 vor allem in Asien und Afrika an Finanzakteure, Konzerne und reiche Privatpersonen verkauft oder verpachtet wurden oder durch andere Formen des illegalen und legalen “Land Grabbing” in deren Besitz gelangten.
  • 23 % der Landfläche der Erde abgewirtschaftet ist und diese Flächen als ökologisch nicht mehr nutzbar gelten.
  • 132 Millionen Hektar tropischer Regenwald alleine zwischen 1980 und 2015 abgeholzt wurde.
  • 85 % der Feuchtgebiete bis 2019 zerstört worden sind.
  • der Rückgang der globalen Biomasse etwa 82 % beträgt und der Bestand an Wirbeltieren dramatisch abnimmt.
  • grob geschätzt eine Million Arten unmittelbar vom Aussterben bedroht sind. Ob die Spezies Homo sapiens dazu gehört, wird sich noch zeigen.
  • geschätzt 47 % aller Jobs durch Automatisierung binnen 20 Jahren verschwinden werden. Der Mangel an Erwerbsarbeit und fehlendes Einkommen wird zu sozialen Verwerfungen und in der Folge zu Unruhen, Aufständen und Revolutionen führen.
  • 2,1 Milliarden Menschen weltweit keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.
  • die weltweiten Militärausgaben allein im Jahr 2018 rund 1820 Milliarden US-Dollar betrugen; Geld genug also vorhanden ist für Mord und Todschlag, aber nicht für die Sicherung von Grundbedürfnissen.
  • in diesem Moment über 200 Kriege und bewaffnete Konflikte in der Welt toben.
  • rund 80 Millionen Menschen Ende 2019 auf der Flucht gewesen sind – also mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt.
  • 40 % der Flüchtlinge weltweit jünger als 18 Jahre sind. 85 % der Flüchtlinge leben in Entwicklungsländern. 80 % aller Vertriebenen leben in Regionen, in denen akute Ernährungsunsicherheit und Unterernährung herrscht.
  • 13 % der weltweit am häufigsten auftretenden Erkrankungen psychischer natur sind und mindestens 300 Millionen Menschen weltweit unter Depressionen leiden. Die Zahl der physischen Erkrankungen infolge psychischer Belastungen dürfte signifikant höher liegen.
  • jährlich rund 800.000 Menschen ihrem Leben frühzeitig ein Ende setzen: ein Selbstmord alle 40 Sekunden.

Ein Satz zu Corona: Über 1,2 Milliarden Menschen, die sich als Tagelöhner und im informellen Sektor durchschlagen, also von der Hand in den Mund leben, haben im Zusammenhang mit den Maßnahmen gegen das Corona-Virus, voran Lockdown und Quarantäne, praktisch ihre Einkommensmöglichkeit verloren (5). Was ist zu erwarten? Die Zahl der Vertriebenen, der psychisch Kranken und der ökonomisch Benachteiligten wird signifikant steigen, die sozialen Gebilde werden erschüttert – auch die Staaten in Europa.

Veränderung bis zum Wendepunkt

Es ist zu bedenken, dass Veränderung einer Gesellschaft ein wachsartiger Prozess ist. Er wird beeinflusst durch die verfügbare Zeit, die einsetzbaren Ressourcen, die Erfahrungen aus ähnlichen Situationen, Verfeinerungen, die auf rein theoretischen Überlegungen basieren, weiteren Abwägungen und der Modellierung nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum.

Die in der Massengesellschaft vereinten Subjekte, selbst wenn diese passiv erscheinen, bleiben allerdings immer fähig zur spontanen Veränderung. Protest, Aufstand, Revolte, Revolution: alles ist denkbar. So oder so geht jeder Umwälzung ein Vorspiel voraus. Selbst revolutionäre Ereignisse treten nur scheinbar unvermittelt auf, weil mit dieser Veränderung mangels Beobachtung, wegen fehlender Informationen oder aufgrund von Fehleinschätzungen schlicht nicht gerecht wird.

Wenn es den privilegierten Gruppen, die die Masse zu beherrschen suchen, nicht mehr oder nur noch unzureichend gelingt, das dem Individuum versprochene (und von diesem erhoffte) Anspruchsniveau von Wohlstand und so weiter zu erfüllen oder zumindest so zu tun, als würde dies geschehen, treten beim Subjekt (Gegen-)reaktionen auf, die über den Fall in Lethargie, Passivität durch den Rückzug ins Private (6) bis zum offenen Widerstand gegen die Ordnung reichen.

Die Ordnung antwortet mit Anpassungen an den Stellschrauben, unterbreitet Offerten, die nichts Substanzielles ändern, umgarnt die Beherrschten mit Versprechungen oder greift zur Repression gegen sie, bemüht das Verursacherprinzip umzukehren: Verantwortlich ist nie der Ordnungsrahmen, niemals das System, für das es angeblich keinen besseren Ersatz gibt, sondern die anderen sind schuldig, weil sie mit und im System nicht klar kommen oder so.

Vielleicht stimmt das tatsächlich, dennoch wird das beste System irgendwann untauglich. Die Strukturen veralten, Nacharbeiten werden immer häufiger nötig, selbst der routinierteste Ablauf wird zur Flickschusterei. Am Ende ist kaum noch verständlich, warum etwas funktioniert, ob es überhaupt noch funktioniert oder ob der Verlust der Funktionsfähigkeit droht.

Nehmen Sie eine Waschmaschine. Sie läuft, dreht, macht und tut und eines Tages ist sie kaputt. Sie wird repariert, läuft wieder, geht erneut kaputt. Das Spiel wiederholt sich. Zum Schluss folgt der gute Rat des Monteurs: Der Aufwand lohnt sich nicht mehr, legen Sie sich eine Neue zu. Das ist der Wendepunkt im Verhältnis zwischen Konstruktion und Nutzer.

Fühlen Sie sich an dieser Stelle ermutigt, bei künftigen Überlegungen die vergilbten Lumpen alter Denk- und Handlungsmuster abzulegen. Ziehen Sie sich neue Kleider an, sie warten im Schrank der radikalen Grunderneuerung der Gesellschaft, deren strategische Ansätze im zweiten Teil zum Thema werden.


Quellen und Anmerkungen

(1) Neue Debatte (9. April 2020): USA: Wirtschaft im freien Fall, Ende offen.

(2) Süddeutsche Zeitung (23.9.2020): Drogenskandal weitet sich aus – Ermittlungen gegen 21 Polizisten. Auf https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-polizisten-kokain-suspendierung-1.5041753 (abgerufen am 25.10.2020).

(3) TIME (19.3.2020): Total Cost of Her COVID-19 Treatment: $34,927.43. Auf https://time.com/5806312/coronavirus-treatment-cost/ (abgerufen am 28.10.2020).

(4) Tagesschau (8.9.2020): EU-Bericht: 400.000 Tote jährlich durch dreckige Luft. Auf https://www.tagesschau.de/ausland/eureport-umweltverschmutzung-101.html (abgerufen am 25.10.2020).

(5) The International Labour Organization (7.4.2020): COVID-19 causes devastating losses in working hours and employment. Auf https://www.ilo.org/global/about-the-ilo/newsroom/news/WCMS_740893/lang–en/index.htm (abgerufen am 26.10.2020).

(6) Zygmunt Bauman: Gemeinschaften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp (2009).


Foto: Engin Akyurt (Unsplash.com)

Gunther Sosna studierte Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaften in Kiel und Hamburg, und arbeitete im Bereich Kommunikation, Werbung und als Journalist für Tageszeitungen und Magazine. Er lebte über zehn Jahre im europäischen Ausland und war international in der Pressearbeit und Werbung tätig. Er ist Initiator von Neue Debatte. Regelmäßig schreibt er über soziologische Themen, Militarisierung und gesellschaftlichen Wandel. Außerdem führt er Interviews mit Aktivisten, Politikern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus allen Milieus und sozialen Schichten zu aktuellen Fragestellungen.

1 thought on “Intro zur radikalen Grunderneuerung der Gesellschaft

  1. Wir sind der Meinung, es ist an der Zeit unser Grundgesetz – Art 14 umzusetzen:
    Darin wird verlangt:
    Absatz 1)Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen
    Dass unsere sogenannten “Eliten” diesen  Grundsatz erfüllen, ist nicht zu erkennen ! Deshalb ist notwendig den
    Absatz 3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig… .
     umzusetzen!
     Die reichsten Deutschen:
    Mit einem geschätzten Vermögen von 34 Milliarden Euro dürften es die BMW-Großaktionäre Stefan Quandt und Susanne Klatten sein, berichtete das Managermagazin 2015
    Zum Besitz von Mitgliedern der Quandt-Familie gehören aktuell unter anderem
    46,7 Prozent der Anteile an BMW,
    der Spezialchemiekonzern Altana,
    direkt und indirekt mehr als 40 Prozent an SGL Carbon, einem Spezialisten für Kohlefasern, vor allem für die Autoindustrie,
    rund 20 Prozent der Anteile am Windanlagenbauer Nordex,
    eine Beteiligung an der BHF-Bank
    sowie eine Reihe weiterer Beteiligungen.
    Vermögen der 100 reichsten Deutschen stieg auf 400 Milliarden Euro
    Für das Jahr 2019 war zu vermerken:
    Die Geschwister Stefan Quandt und Susanne Klatten erhalten von BMW in Kürze 1,12 Milliarden Euro aufs Konto. Der Autokonzern hat im vergangenen Jahr 8,7 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Nach dem Vorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat sollen 30 Prozent davon als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet werden.
    Familie Quandt verdient drei Millionen Euro – pro Tag
    Woher stammt das erebte Vermögen:in der Studie des Historiker Joachim Scholtyseck 2001heisst es:
    Die Quandts waren vielleicht keine eifernden Ideologen, aber dennoch Teil des Naziregimes,
    Von der Aufrüstung profitierten sie ohnehin – aber sie bereicherten sich auch schamlos bei Arisierungen, initiierten diese zum Teil sogar. Sie sperrten sich nicht gegen den Einsatz von Zwangsarbeitern in ihren Fabriken, nur kurz gegen den von KZ-Häftlingen.
    Während der Corona-Krise war von ihnen keine Hilfe zu erkennen! Im Gegenteil erwarten sie erneut hohe Millionenbeträge als Dividende
    Auch für die Zeit nach der Kriseist von  Ihnen nichts positives zu erwarten!
     
    (Infos aus:Handelsblatt 21.03.19 München, Managermagazin, Spiegel online, Die Welt)

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