Coronoia: Die neue, anti-republikanische Krankheit

Während die einen um ihre Existenz fürchten, malen die anderen Szenarien an die Wand, die weit dramatischer sind als der Tod einiger Branchen. Auch bei nüchterner Betrachtung drängt sich das Urteil auf: Die Coronoia herrscht. Jene neue, anti-republikanische Krankheit, die gefährlicher ist als das neu entdeckte Virus selbst.

Keinen Widerspruch duldend

Nicht, dass nicht schon andere Herausforderungen gewesen wären, vor denen die Gesellschaft gestanden hätte. Mal waren es Kriege, mal gab es kein Öl, mal waren es Epidemien und dann crashten die Finanzen. Was neu ist bei Coronoia, das ist das hohe Maß an Hysterisierung und das damit einhergehende Krisenmanagement, das sich vor allem durch eines auszeichnet, nämlich durch die Weigerung, um einen Konsens zu werben.

Das, wovor viele berechtigt große Angst haben, nämlich die Liquidierung ganzer Branchen durch einen zweiten Lockdown, wird das Ergebnis eines technokratisch durchdrungenen Managements sein.

Nicht, dass es nicht richtig wäre, die Wissenschaft zur Beratung an den Tisch zu holen. Nur, Wissenschaft ist in ihrem Streben nach Erkenntnis immer streitbar, sonst versinkt sie im Sumpf der ideologischen Verhärtung. Indem alle, die eine andere Meinung vertreten, als Scharlatane dem medialen Mob zur Verspeisung aufgetischt werden, ist die Tendenz beschlossen. Es wird apodiktisch im Land. Widerspruch ausgeschlossen. Ansonsten Ächtung.

Im Museum der modernen Geschichte

Dass sich in diesem Milieu die Scharlatanerie, der Obskurantismus, die Hybris und das Sektierertum ausbreiten wie das Flächenfeuer im trockenen Kalifornien, hat sehr viel mit den politischen Verhältnissen zu tun, die eine Entfremdung von den tatsächlichen Lebensbedingungen derer liegen, die man eigentlich für ein stimmiges Konzept gewinnen will.

Technokraten denken in Instrumenten, in Verordnungen und in Betriebsanleitungen. Das kann nur funktionieren, wenn flächendeckend die perfekten Untertanen bereits die Mehrheit bilden. Ist das nicht der Fall, dann bedarf es anderer Tugenden als der der Fähigkeit zu instruieren.

Es mutet grotesk an, wenn nun darüber gestritten wird, ob die Gastronomie, die Kinos oder die Muckibuden wieder geschlossen werden sollen. Denn erstens ist – eben auch wissenschaftlich durch einen breiten Konsens getragen – das größte Infektionsrisiko im zwischenmenschlichen Bereich zu suchen, egal in welchem Gebäude, und zweitens ist bekannt, dass die Empfehlungen an jede Person der effektivste Weg zur Prävention sind. Die Frage, warum diesen Empfehlungen viele nicht folgen, stellt lieber niemand, denn ihre Antwort offenbarte genau die neuralgischen Punkte, unter denen das ganze System leidet.

Mental herrscht seit Langem das Recht des Stärkeren, es existieren unterschiedliche Grade der Bedrohung aufgrund von Besitz und Verfügung und bei vielen gilt die Parole „Nach mir die Sintflut!“ Der Begriff des Gemeinwohls, einst das Paradestück der bürgerlichen Idee, verstaubt im kaum noch frequentierten Museum der modernen Geschichte.

Während die technokratische Nomenklatura wieder einmal darüber nachdenkt, mit welchen Instrumenten sie der Lage Herr werden kann, auch im Sinne immer dirigistischerer Machtaneignung, und während außer Rand und Band geratene Esoteriker wie die Pilze aus dem herbstlichen Waldboden schießen, stehen viele, die noch im Vollbesitz von Blick und Verstand sind, vor dem existenziellen Ruin, weil die Macht der Technokraten zuschlägt, um das Häuflein der Irrationalen zu regulieren, und dabei alle außen vor lässt, die zu gewinnen wären, nähme man sie nur ernst. Wie es darum bestellt ist, haben die Tarifabschlüsse der letzten Woche gezeigt.

Ausdruck der Krankheit

Es wird zunehmend deutlich, dass die Macht der Technokraten auf einen Punkt zusteuert, an dem das Fass des Überdrusses explodieren wird. Es wird nicht versucht zu überzeugen, es wird angeordnet. Wer Einwände hat, kommt an den Pranger. Und wer das Spiel der Machtergreifung einmal durchspielen will, der lebt in goldenen Zeiten.


Foto: NeONBRAND (Unsplash.com)


Von hier in die Zukunft …

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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