Re-Framing ist keine Option, sondern Neugestaltung. (Foto: Chris Montgomery, Unsplash.com)

Re-Framing: Diese Welt retten?!

Nein, nichts wird gut. Und vor allen Dingen nicht wieder. Denn wieder gut würde bedeuten, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Und das, soviel ist sicher in einer unübersichtlichen Lage, waren wir nicht. Die Bilanz, zu der die Pandemie zwingt, ist verheerend. Der Unterschied zwischen Arm und Reich war noch nie so groß, die Verwüstung von Natur wie Mensch hatte niemals solche Ausmaße und die Lernfähigkeit, fassen wir uns an die eigene Nase, war noch nie so dürftig.

In der Krise, so heißt es, zeige sich, ob Systeme das Potenzial haben, zu überleben. Na dann, gute Nacht. Denn nichts deutet darauf hin, dass an den Ursachen der grausamen Bilanz gearbeitet würde. Weiter so, heißt die Parole, geschmückt mit der fatalen Hoffnung, dass alles wieder so wird, wie es war. Ja, wer will das denn?

Gerade las ich einen Roman, der in den Wirren der 1920er-Jahre in Deutschland spielt und das ganze Auf und Ab und die Suche nach einem Weg sehr gut illustriert. Und da tauchte das Zitat einer bayerischen Bäuerin auf, das mich nachdenklich stimmte, weil es von tiefer Weisheit zeugte: “Was sie doch immer dahermachen mit dieser beschissenen Welt!” Es handelte sich um eine Frau, die nichts kannte als Verantwortung und Arbeit, von morgens früh bis abends spät, und die nie Zeit und Gelegenheit hatte, um sich über Politik Gedanken zu machen.

Destruktionskraft übersteigt alle Waffenarsenale

Alle seien daran erinnert, dass es sich bei dieser Frau vom Prototypen her um die Mehrheit der Weltbevölkerung handelt. Ob sie, sollte sie der Unmut übermannen, sich noch einen Dreck um diese ihre beschissene Welt scheren, ist fraglich. Diese Destruktionskraft übersteigt alle Waffenarsenale. Und wenn die Zorndepots voll sind, dann kann alles geschehen. In den Zentren des mittelständischen Wohlstands hat man diese Realität aus den Augen verloren. Und denen, die das System mit immer weiter gehenden Macht- und Bereicherungsfantasien befeuern, ist es in ihrem Junkie-Dasein völlig wurscht, was mit dem Rest geschieht.

Re-Framing nennt man die Technik, wenn man aus einer schlechten Nachricht durch die Einbettung in einen anderen Rahmen eine positive Option macht (1).

Gehen wir davon aus, dass diese beschissene Welt nicht mehr zu ändern ist, dann werden die Optionen klar. Es gibt nichts mehr zu verlieren, es darf nicht so weitergehen, wie es war, und es kann nur noch gewonnen werden, wenn es anders ausgeht, als zu vermuten. Das hört sich doch schon ganz anders an und hebt sich wohltuend ab von dem Lamento über eine verlorene Welt, womit der Irrweg in die Dauerkrise gemeint ist.

Re-Framing oder die Welt ändern

Gehen Sie – ab dem kommenden Montag – durch die Straßen Ihrer Stadt und schauen Sie genau hin. Flanieren Sie an geschlossenen Museen und Theaterhäusern, Kinos und Restaurants vorbei, betrachteten Sie die dicht gedrängten Reihen vor den Brutal-Discountern, beobachten Sie, in welchen Stadtteilen die Polizei besonders patrouilliert, sehen Sie sich die Menschen an, bei denen sich die Armut aus jeder Pore meldet, und halten Sie die Ohren offen, ob Sie das Lachen hören, das es längst nicht mehr gibt.

Gehen Sie an den Schaufenstern vorbei und sehen Sie sich den ganzen Ramsch an, der überall auf der Welt gleich ist. Und denken Sie an den Satz der bayrischen Bäuerin. Wir sollten nicht so viel dahermachen mit dieser beschissenen Welt. Wenn überhaupt, dann sollten wir sie ändern.

Quellen und Anmerkungen

(1) Mit dem Begriff Framing (englisch frame: “Rahmen”) wird in den Sozialwissenschaften der Prozess einer Einbettung von Ereignissen und Themen in Deutungsraster beschrieben. Dabei werden (komplexe) Informationen gezielt selektiert und strukturiert aufbereitet, sodass eine bestimmte (neue oder gewünschte) Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, moralische Bewertung und bzw. oder Handlungsempfehlung in der jeweiligen Thematik betont wird. Neben den Möglichkeiten, eine gewisse Ordnung in die Fülle von Informationen zu bringen und somit eine Fokussierung auf zum Beispiel konkrete Problemstellungen zu ermöglichen, ist durch Framing bzw. Re-Framing eine gezielte Manipulation der Wahrnehmung beziehungsweise des Problembewusstseins möglich.


Foto: Chris Montgomery (Unsplash.com)


Von hier in die Zukunft …

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Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Seine gegenwärtigen Schwerpunkte sind Beratung, Lehre und Publizistik. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.

1 thought on “Re-Framing: Diese Welt retten?!

  1. Was lernt man aus einer Situation, selbst als grundloser Optimist, in der es den meisten schlecht geht, mit einer noch schlechteren Perspektive in der Zukunft und diese trotzdem mit ihren Steuergeldern ungefragt dafür zu sorgen haben, daß private Transportunternehmen zu Land und in der Luft mit Steuermilliarden erhalten bleiben, weil sie als systemrelevant erklärt werden? Gleichzeitig liest man, daß die üblichen verdächtigen global agierenden US-Konzerne im 3. Quartal 2020 ihre Milliardengewinne verdreifacht haben und dies nahezu ohne Steuern zu zahlen in den Ländern in denen sie agieren. Fazit: Es kann nur besser werden, weiter so! (Ironie aus!)

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