Gipfel sind kalt, Städte auch. Eine Frau mit Schirm im Winter auf einer Straße in New York. (Foto: Austin Scherbarth, Unsplash.com)

Die auf kalten Gipfel sitzen

Ich frage mich häufig, was die Zombies in den Regierungen und Vorstandsetagen umtreibt. Für den Wahnsinn derer, die sich in ihrem permanenten Krieg gegen Mensch und Natur ungestraft jede denkbare Schweinerei erlauben können, habe ich nur eine Erklärung: SIE WOLLEN BESIEGT WERDEN!

Sie dürsten nach einer Instanz, die mächtiger ist als sie. In ihrem Innersten ahnen sie, dass sie zu klein und zu unbedeutend sind für das, was ihnen da gelungen ist und was sie sich in satanischer Solidarität weiterhin anmaßen. Sie spüren vermutlich, dass auch sie nur hilflose Wesen sind, die sich in einen schützenden Schoß werfen möchten. Sie können nicht glauben, dass sie mit ihren Mitteln tatsächlich in der Lage sind, die globale Zivilgesellschaft aus den Angeln zu heben. WO IST ER DENN, EUER GOTT, DER ALLMÄCHTIGE?!

Wieso erlaubt er uns über das Schicksal der Welt zu bestimmen und damit über seine ureigene Schöpfung!?

Sie sind fassungslos. Deshalb treiben sie ihre Provokationen bis zum Äußersten. Aber ihre zerstörerische Energie ist wie alles andere in die Zeit gegossen. Ihre Macht und der daraus gewonnene perverse Lustgewinn sind vergänglich. Eigentlich wollen sie nur gebremst und bestraft werden. Erst dann sind sie in der Lage, ihre zugigen kalten Gipfel zu verlassen und wieder einzutauchen in die Wärme einer Lebensgemeinschaft, in der Menschen, Pflanzen und Tiere ein filigranes Netzwerk bilden und in dem sich ihre erkalteten Herzen wieder zu öffnen vermögen.

Manchmal weiß ich mir einfach keine andere Antwort. Ermutigend ist das nicht. Ebenso wenig wie das folgende Gedicht von Ingeborg Bachmann, das wie ein einziges trauriges Kopfschütteln anmutet (1):

Wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch dass wir sprechen und uns nicht verstehen
und keinen Augenblick des anderen Hand erreichen,
zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.

Vielleicht sollten wir uns einfach wieder mehr Geschichten erzählen, anstatt bis zur Erschöpfung gegen ein System zu kämpfen, das sich von ganz allein abschaffen wird. Es sollten spannende Geschichten sein, Liebesgeschichten, aufregende, abenteuerliche, stille Geschichten – Geschichten, über die wir des anderen Hand erreichen…


Quellen und Anmerkungen

(1) Ingeborg Bachmann (1926 bis 1973), die auch unter dem Pseudonym Ruth Keller publizierte, war eine Lyrikerin und Prosaschriftstellerin aus Österreich. Die Erzählung Die Fähre war 1946 Bachmanns erste Veröffentlichung. Ihr literarischer Nachlass befindet sich seit 1979 in der Österreichischen Nationalbibliothe.


Foto: Austin Scherbarth (Unsplash.com)


Von hier in die Zukunft …

Courage als Street Art. (Foto: Oliver Cole, Unsplash.com)

Graswurzelräte: Machen wir Politik doch selbst!

Gerhard Kugler ist Psychologe und Psychotherapeut. Vor diesem Hintergrund betrachtet er den Gang der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Er sucht nach Lösungen, um die Zukunft aktiv zu gestalten und existierende Defizite in Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie zu überwinden. Sein Ansatz: Machen wir Politik doch selbst!

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Dirk C. Fleck (Jahrgang 1943) ist freier Journalist und Autor aus Hamburg. Er machte eine Lehre als Buchhändler, besuchte danach in München die Deutsche Journalistenschule und absolvierte Mitte der 1960er ein Volontariat beim „Spandauer Volksblatt Berlin“. 1976 siedelte er wieder nach Norddeutschland über und arbeitete bei der „Hamburger Morgenpost“, wo er Lokalchef wurde. Später war er Chefredakteur des „Hanse-Journal“, Reporter bei „Tempo“ und Redakteur bei „Merian“. Er arbeitete im Auslandsressort der Wochenzeitung „Die Woche“ und schrieb ab Mitte der 90er Jahre als freier Autor und Kolumnist für Tageszeitungen (u.a. Die Welt) und Magazine wie zum Beispiel Stern, GEO und Spiegel. Seit den 1980ern setzt er sich journalistisch mit den ökologischen Folgen der zügellosen kapitalistischen Wirtschaftsweise auseinander und verarbeitet seine Erfahrungen, Überlegungen und Recherchen in Romanen. Das Buch „Palmers Krieg“ erschien 1992 und beschäftigt sich mit der Geschichte eines Ökoterroristen. „GO! Die Ökodiktatur“ (1993) ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ökozid. Außerdem erschienen von Dirk C. Fleck die Bücher „Das Tahiti-Projekt“ (2008), „MAEVA!“ (2011), „Die vierte Macht – Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten“ (2012) und „Feuer am Fuss“ (2015).

2 thoughts on “Die auf kalten Gipfel sitzen

  1. Ja, wir alle sind Getriebene und mitnichten völlig frei in unseren Entscheidungen, wie uns immer vorgemacht wird, Der Kapitalist muss sein Kapital vermehren und dabei alle Hindernisse eliminieren, der Bürger muss konsumieren und arbeiten. Schon Büchner hat dieses MUSS thematisiert. Gibt´s da eine Wahl oder einen freien Willen oder sowas wie Gewissen? Nicht in diesem System. Auch wenn uns regelmäßig genau das Gegenteil verkauft wird.
    Ich wage aber zu bezweifeln, dass Menschen, die einmal in der Situation sind, zu tun, was sie tun, aus dem einfachen Grund, weil sie es können, auf die Idee kommen, damit nicht mit sich im Reinen zu sein. Sie wollen bestraft werden? Das glaube ich schon darum nicht, weil bisher niemand, der als Bauernopfer herhalten musste, um den Anschein von Rechtsstaat zu wahren, auch nur einen Anschein von Erleichterung oder Reue gezeigt hätte. Im Gegenteil; sie waren sich keiner Schuld bewusst, weil sie doch nur getan haben, was alle tun, die die Möglichkeit dazu haben. Wer dermaßen den Bezug zur Realität verloren hat, kann sich gar nicht vorstellen, dass das, was er tut, falsch sein könnte.
    Zu glauben, dass “unsere Mächtigen” so empathisch empfinden könnten wie Sie, Herr Fleck, ist meines Erachtens illusorisch.
    Ganz ehrlich, ich kann mich nicht mehr dazu durchringen, mit Verständnis auf das Handeln derer zu reagieren, die sich für die “kalten Gipfel”, wie hoch auch immer sie sein mögen, selbst entschieden haben, denn sie haben auch kein Verständnis für mich, die ich unter der Kälte, die sie fabrizieren, zu leiden habe.
    Wofür ich mich aber ausdrücklich bedanken möchte, sind die Verse von Ingeborg Bachmann. Sie sind nicht ermutigend. Nichts, was derzeit und seit Jahrzehnten passiert, ist das, aber sie sprechen aus, was ich fühle und so nicht auszudrücken in der Lage bin: Hoffnungslosigkeit, Ratlosigkeit, aber eine, die die Sehnsucht nach einer menschlicheren Welt erahnen lässt. Danke.

  2. Es wäre zu schön, wenn sie besiegt werden wollten. Ich glaube wie meine Vorschreiberin nicht daran, leider. Aber ich verstehe, dass Sie nach Antworten suchen. Ich warte eigentlich nur noch auf ein Wunder, damit diesem satanischen unmenschlichen Treiben ein Ende gesetzt wird, verliere jedoch mehr und mehr die Hoffnung. Nachdem ich seit Monaten unentwegt versucht habe, mir das Verhalten der Masse zu erklären (erst Angst, jetzt nur noch alte/beze Hörigkeit?) und mit Gesprächen total gescheitert bin, ist mir jetzt die Kraft dafür ausgegangen. Die Idee mit dem Erzählen von schönen Geschichten ist gut, aber ich habe keine schönen Geschichten mehr. Das einzige, was ich noch kann, ist, auf ein Wunder zu hoffen.

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