Was ist los in der Küche. (Foto: David Benes, Unsplash.com)

Was ist los in der Welt?

Was bedeutet das Projekt Nord-Stream 2 für die Wirtschaft? Warum hat die Weltmacht USA nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera? Wie sieht die Zukunft der EU aus? Was ist los in der Welt? Fragen über Fragen, und ein Versuch, Antworten zu geben.

Hinter den Schlagzeilen

Warum gibt es Streit um die deutsch-russische Gaspipeline? Deutschland, das selbst fast kein Gas aus dem Boden gewinnt, muss den Rohstoff importieren. Es gibt in der Welt aber mehr als genug davon, vorausgesetzt, dass Erdgas nicht die kommenden 100 Jahre als Energiequelle herhalten muss. Es sei angemerkt, dass die industrielle Förderung von Schiefergas, das sogenannte Fracking, wesentlich teurer ist als das Anzapfen der russischen Erdgasfelder. Zudem ist Fracking wegen den Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit sehr umstritten (1).

Nord-Stream 2 bedeutet also für die Bundesrepublik und die Europäische Union, aus Russland billiges Erdgas kaufen zu können, wodurch als Nebeneffekt das Erreichen der Klimaschutzziele unterstützt wird. Deutschland baute auf die Zusammenarbeit mit Russland. US-amerikanische Interessen, allen voran die der US-Gaswirtschaft, sind dadurch empfindlich berührt. Was passierte? Der Fall Navalny (2) wurde zum großen Politikum, das Pipeline-Projekt zum Druckmittel gegen Russland. Auf Hinter den Schlagzeilen (3) ist zu lesen:

“Die deutsche Politik hat sich endgültig vom außenpolitischen Erbe Willy Brandts verabschiedet und zerschlägt die fragile, für den Frieden in Europa unabdingbare Beziehung zu Russland. Vorverurteilung im Fall Navalny, immer härtere Sanktionen gegen Russland, Beendigung des Projekts Nord-Stream 2… Die deutsche Regierung zeigt Russland, wo der Hammer hängt. Gerade im Fall des SPD-Außenministers ist dieses Verhalten bedenklich. Hat er vergessen, in welcher entspannungspolitischen Tradition seine Partei – durchaus erfolgreich – steht? Oder verfolgt der Transatlantiker bewusst die Strategie eines radikalen Politikwechsels? Wie dem auch sei, ein solches Verhalten ist brandgefährlich, denn als mitteleuropäisches Land sind wir auf einen guten und konstruktiven Dialog mit dem großen Nachbarn im Osten besonders angewiesen. (…)”

Ist es notwendig und ratsam, dem Kurs einer Regierung zu folgen, wenn dieser auf Konfrontation setzt oder ginge es anders, würde die Gesellschaft die Richtung bestimmen und die Handlungsmuster festlegen. Gebe es dadurch vielleicht weniger Missgunst und Streit aus materiellen Gründen oder wegen dem Streben nach Macht?

Was ist los? Wo ist das Problem?

Bleiben wir einen Moment bei Nord-Stream 2 und der Bereitstellung von Energie. Davon gibt es mehr als genug, ob nun mittels Wind- oder Wasserkraft nutzbar gemacht oder als Solarenergie oder eben Erdgas. Auch andere Formen sind gegeben, unabhängig von ihrer Nützlichkeit oder Schädlichkeit. Die Vor- und Nachteile gilt es abzuwägen und die überwiegend für die Menschheit und die Natur, beides grenzenlos gedacht, schädlichen Optionen zu verwerfen.

Die Bereitstellung von Energie könnte weltweit für alle Menschen demokratisch stimuliert, sozial und ökologisch verantwortet, gewährleistet und kontrolliert werden.

Wie lässt sich das erreichen? Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sind in der Art zu ändern, das ein gerechtes, sich über die Grenzen von Nationen erhebendes und schließlich weltweit gültiges Bodennutzungsrecht Gültigkeit erlangt, damit die zur Gewinnung von Stoffen, Materialien und Wirkstoffen notwendigen natürlichen Ressourcen zu garantiertem Eigentum der Menschheit werden. Kurz: Diese sind der Profitlogik des alles beherrschenden Kapital- und Finanzsystems, seinen Börsen, seinen Aktienkursen, seinen Spekulanten und jeder Form des sozial-ökologisch verantwortungslosen Handelns zu entreißen.

Damit ist eine aus heutiger Sicht vielleicht revolutionäre, aber im Verständnis von Menschheit als Summe der Verbindungen kooperierender Subjekte innerhalb eines Ökosystems eher banale (erste) Forderung beschrieben:

Eine jeder Privatheit und Staatlichkeit übergeordnete und vorrangige Verpflichtung zur sozial- und ökologisch verantwortungsvollen Nutzung von für den Fortbestand der Gesellschaften und die Entwicklung der Zivilisationen relevanten Ressourcen.

Die großtechnische Verarbeitung von Rohstoffen zu Materialien, Bauelementen, Gebrauchswerkzeugen et cetera ist in diese Forderung einzuschließen, sodass die von Menschen und Maschinen für Menschen zu leistende und geleistete Arbeit, ausgedrückt in den Ergebnissen der Produktion, für das konkrete Zwischenmenschliche aktiv und nützlich sein kann. Vollautomatisch funktionierende Wirtschaftseinheiten brauchen (ein kontrolliertes) Wachstum somit lediglich zur qualitativen Verbesserung der von ihnen hergestellten Produkte, aber nicht mehr für die Steigerung der aus dem Sozialen entkoppelten Profitrate.

Pest und Cholera

Viele Europäer hoffen, so zumindest schreibt es Christian Müller in seinem Essay “Weltmacht USA: Es bleibt die Wahl zwischen Pest und Cholera” auf Infosperber (4), dass der amtierende US-Präsident Donald Trump abgewählt wird. Würde ein Joe Biden als Präsident der Vereinigten Staaten Frieden in die Welt bringen? Es nicht zu erwarten. In der Außenpolitik plädiert er für militärische Stärke, innenpolitisch, selbst wenn Biden auf den ersten flüchtigen Blick sozialer und demokratischer erscheint als Trump, steht er ebenfalls für das Establishment und die Vorteile der Reichen und Superreichen.

Die Coronakrise und der Mord an dem Afroamerikaner George Perry Floyd, Auslöser der Black Lives Matter Proteste, haben die Verwerfungen innerhalb der USA sichtbar gemacht: Massenarbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit, fehlender Gesundheitsschutz, Drogenepidemie und Rassismus, um nur einige zu nennen. Sind das Kennzeichen einer Weltmacht?

In der Krise verschärfen sich die Gegensätze. Die Vermögen der Superreichen explodieren, die Zahl der Armen nimmt vor allem unter der schwarzen Bevölkerung zu.

Die Aussichten, den American Dream zu verwirklichen, sind trübe. Die Mehrheit der US-Amerikaner hangelt sich Monat für Monat von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck. Kaum einer hat nennenswerte Rücklagen. “Etwa 40 Prozent der Amerikaner”, so berichtete die ZEIT (5) unter Berufung auf die US-Notenbank, “könnten eine unerwartete Ausgabe in Höhe von 400 Dollar (knapp 350 Euro) entweder überhaupt nicht stemmen oder müssten sich dafür Geld leihen oder Besitz verkaufen”. Wer keine Krankenversicherung hat, ist kaum fähig, eine ärztliche Behandlung zu bezahlen. Wer die Miete nicht mehr zusammen bekommt, verliert sein Heim und landet auf der Straße. Perspektive? Gering bis keine.

Die Gesellschaft ist gespalten, unversöhnlich und zunehmend aggressiver stehen sich die unterschiedlichen Gruppierungen gegenüber. Das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen schwindet, in die Polizei ohnehin. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Wut und der Hass unmittelbar nach der Präsidentschaftswahl entladen werden. Eine Antwort darauf findet weder Trump, der an der Macht klebt, noch Joe Biden, der nach der Macht strebt. Ende offen …

Kann die Gesellschaft in eine bessere Zukunft gebracht werden?

Hans Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, stellt mit Blick auf die Coronakrise auf dem A&W Blog (6) die Frage, ob “der Krisenschock zu einem Momentum für ein solidarisches Europa führen” kann? Urban schreibt:

“Die gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Einbrüche sowie die drohenden Demokratieschäden sind enorm. Dabei traf die Pandemie auf einen globalen Kapitalismus, der sich ohnehin in einer historisch außergewöhnlichen Transformationsperiode befindet. In dieser prallen strukturelle Umbrüche historischen Ausmaßes aufeinander. Jeder für sich genommen kann als Jahrhundertherausforderung bezeichnet werden. Die schubweise und in den Regionen der Weltwirtschaft sehr ungleich voranschreitende Transnationalisierung, die Arbeit und Gesellschaft immer tiefer durchdringende Digitalisierung und die zur Vermeidung des Klimakollapses unverzichtbare Dekarbonisierung (nicht nur, aber vor allem) der industriellen Wertschöpfung mögen als Stichworte genügen. Diese Epochenthemen sind angesichts der Dimension der Corona-Krise aus den medialen Schlagzeilen verschwunden. Doch sie werden sich nach der Bewältigung der akuten Gefahren mit neuer Wucht zurückmelden.”

Europa ist zu klein gedacht, denn, wie Urban bemerkt, hat die neuerliche Krise, die sich einreiht in eine Vielzahl ungelöster Krisen, Auswirkungen in allen Erdteilen. Veränderung ist entsprechend groß zu denken. Was muss für eine bessere Zukunft entwickelt und was muss grundlegend auf der Welt verändert werden?

Auch diese Antwort scheint banal: Sich von der Geißel der Konkurrenz befreien und echte Solidarität leben. Die Begründung liegt auf der Hand: Keine der real die Zivilisationen bedrohenden Krisen, weder die der Umweltzerstörung und Klimaveränderung noch jene der Weltwirtschaft, die das soziale Gefüge mit unkalkulierbaren Folgen sprengen kann, lässt sich aus der Enge Europas lösen oder gar aus der Marginalität eines Nationalstaats. Die Natur retten alle zusammen oder keiner wird sie retten. Die Weltwirtschaftskrise meistern alle zusammen oder alle werden scheitern.

In Ökosystemen geschieht Gleichwertiges durch Interaktionen zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Rückgewinnern, wobei jedes in die ökologischen Kreisläufe integrierte Lebewesen sowohl den Produzenten als auch den Konsumenten und den Reduzenten zugeordnet werden kann. In diesen Systemen – und selbstverständlich im gesamten Ökosystem Erde –, in die der Menschen eingeordent ist, werden Stoffe, Energie und Informationen produziert, verteilt, ausgetauscht und verbraucht. Dadurch wird die momentane Existenz und die künftige Entwicklung sowohl der einzelnen Lebenwesen als auch aller Beteiligten in ihrer Gesamtheit ermöglicht.

Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens aufheben und sich mit harmonisch verlaufenden Wirtschaftskreisläufen in das Ökosystem Erde bewusst und zielorientiert eingliedern.

Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen, der Mensch kann die Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien aufheben und sich harmonisch in das Ökosystem eingliedern oder es so nachhaltig negativ beeinflussen, dass seine Erscheinung im Sinne einer Störgröße der ökologischen Abläufe nicht etwa zum Ende des planetaren Lebens führt, sondern zum Verschwinden seiner Art. Dann stellt sich nicht mehr die Frage, was los ist in der Welt, sondern was mal los war.


Quellen und Anmerkungen

(1) Berliner Zeitung (16.10.2020): Fracking-Bohrlöcher: Erhöhte radioaktive Strahlung festgestellt. Auf www.berliner-zeitung.de/zukunft-technologie/fracking-bohrloecher-erhoehte-radioaktive-strahlung-festgestellt-li.111868 (abgerufen am 27.10.2020).

(2) Anti-Spiegel (1.10.2020): Fall Navalny: Zerstört die deutsche Regierung endgültig die Beziehungen zu Russland? Auf https://www.anti-spiegel.ru/2020/fall-navalny-zerstoert-die-deutsche-regierung-endgueltig-die-beziehungen-zu-russland/ (abgerufen am 27.10.2020).

(3) Hinter den Schlagzeilen (22.10.2020): Zweierlei Maas. Auf www.hinter-den-schlagzeilen.de/zweierlei-maas (abgerufen am 27.10.2020).

(4) Infosperber (22.10.2020): Weltmacht USA: Es bleibt die Wahl zwischen Pest und Cholera. Auf www.infosperber.ch/Artikel/Politik/USA-Prasidentschaftswahl-Biden-Aussenpolitik (abgerufen am 27.10.2020).

(5) ZEIT Online (10.4.2020): Trump sieht Höhepunkt erreicht: Hohe Corona-Todeszahlen in den USA. Auf https://www.zeit.de/news/2020-04/10/hinter-der-fassade-der-grossartigsten-nation-der-welt (abgerufen am 02.11.2020).

(6) A&W Blog (21.10.2020): Warum die EU jetzt vor einer ungewissen Zukunft steht. Auf https://awblog.at/warum-die-eu-jetzt-vor-einer-ungewissen-zukunft-steht (abgerufen am 27.10.2020).


Foto: David Beneš (Unsplash.com)

Von hier in die Zukunft …

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Frank Nöthlich wurde 1951 in Neustadt/Orla (Thüringen) geboren. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und sechs Enkelkinder. Er studierte Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der URANIA-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Später arbeitete er als Pharmaberater und ist heute Rentner und Buchautor (www.briefe-zum-mensch-sein.de). Er sagt von sich selbst, dass er als Suchender 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie gefunden hat.

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